18 September 2006
Markt
Lusaka
In der Innenstadt gibt es einen großen Markt, der mitten auf den (immer noch befahrenen) Eisenbahnschienen stattfindet. Hier gibt’s Klamotten, Lebensmittel, Möbel, Geschirr, und Radios, die in bester Imitation der Originalschrift "SQNNY" oder "Pan-Sonic" heißen; alles, was man halt so braucht. Das ist natürlich der Markt für die armen Leute, und ich werde mißtrauisch angeschaut, als ich fotografiere.



Man sollte hier immer fragen, bevor man Leute fotografiert; viele wollen nicht abgebildet werden und werden sauer. Eine Frau schnauzt mich an: "You whites, you come here and make pictures of people and then you go home and write funny stories about us that are not true!" Ich weiß nicht, was ich ihr entgegnen soll; sie hat ja recht. Daniel erzählt mir eine Geschichte, die hier umgeht: Leute von einer Organisation namens "Universal Church" sind überall rumgelaufen, habe Leute fotografiert und dann die schlimmsten Bilder von Elendsgestalten dazu benutzt, ordentlich Gelder einzusammeln, die hier wohl nie ankamen. Ich glaube, das ist ein Gerücht (muss mal noch nachrecherchieren), denn gleichzeitig sagt Daniel, diese Universal Church sei auch in "Blood Money"-Geschichten involviert. Das heisst, dass sie im Gottesdienst Geld verschenken; wenn man das allerdings annimmt, wird man dafür bezahlen müssen, indem in Zukunft irgendwas Schlimmes passieren wird; üble Krankheit und/oder Tod eines nahen Verwandten oder so. Das sind übliche Gerüchte, die in Zambia (und nicht nur in Zambia) umgehen, aber wie bei den meisten Gerüchten steckt was dahinter. Die Leute sind verständlicherweise sauer, dass erstmal nur ihre Armut abgebildet wird – und damit ein verzerrtes Bild von Zambia verbreitet – und dann damit auch noch Kohle gemacht wird. Sie sehen ja, in was für protzigen Wagen die Entwicklungshelfer rumfahren, und sie sehen die großen Grundstücke, in denen die NGOs untergebracht sind. Wenn ich das gegen die Reaktion der Frau halte, denke ich, dieses Gerücht ist einfach der Ausdruck eines Gefühls des Ausgenutztwerdens. Peter hat mich auf unserer Fahrt durch das Nayalanda-Projekt auch angehauen, ob ich nicht ein paar Kinderfotos machen könnte, weil die Gossner Mission ein entsprechendes Projekt zur Kinderarmut plant. Offensichtlich brauchen sie Propagandamaterial...
Wenn man die Leute höflich fragt, stimmen die meisten jedoch zu; manche rufen mir auch zu: "Snap me!" und wollen die Fotos dann sehen. Ich glaube, solange ich den Abgebildeten nicht das Gefühl gebe, sie in einem unbeobachteten Moment zu überraschen, und ihnen nachher das Bild zeige, ist das Fotografieren kein Problem.

StrassenverkaeuferInnen
Lusaka
Die urbanen Zambier (sowohl die unteren als auch die Mittelklasse) beschweren sich bitter darüber, wie ihr Land in Europa dargestellt wird. Praktisch alle Weißen, die ich hier treffe, sind Entwicklungshelfer; wenn man durch die Stadt fährt, sieht man unzählige Autos und große, schicke Grundstücke mit Büros von allen möglichen Organisationen – World Vision, ded, Peace Corps. In der Entwicklungshilfe steckt viel Kohle drin, und die Standards der Zambia-Berichterstattung sind HIV/AIDS und die Armut der Leute. Das urbane und in alle Widersprüche der Moderne verstrickte Zambia gibt es in dieser Berichterstattung nicht. Ich lerne Leute kennen – Schauspielerinnen, eine Regisseurin, JournalistInnen – die gebildet, modern und urban sind und die (meistens in der Aids-Aufklärung) sich sehr engagieren. Die Regisseurin (sie hat einen Kurzfilm produziert) ist im Hauptberuf Herausgeberin einer Popkultur-Zeitschrift, die den Schwerpunkt HIV/Aids-Aufklärung hat, also über Prävention informieren will, aber auch die Akzeptanz der HIV-Positiven oder Aidskranken in der Gesellschaft verbessern will. Man koennte sagen: eine Art "Bravo" mit Anspruch, zwar mit Stars und Pop und so, aber auch die Befindlichkeit und das politische Interesse der Jugendlichen wird behandelt. Der groesste Teil des Magazins dreht sich allerdings um Sex, mit starkem aufklaererischem Anspruch.
Domingo, der vom Land kommt, hat schon als Moderator, Journalist und "Counsellor" für HIV/Aids in seiner Region gearbeitet und versucht sich gerade an einer Musikerkarriere, mit zambischem Reggae und HipHop. Jenseits dieser (kleinen) Mittelschicht fällt mir auf, wie viele Leute in Lusaka sich kreative Arten einfallen lassen, um Geld zu verdienen. 400 000 von 11 Millionen haben einen offiziellen Job, die meisten schlagen sich mit Kleinstgewerbe durch.

Überall in Lusaka findet man StrassenverkäuferInnen, die Lebensmittel, Süssigkeiten, Zeitungen, gecrackte DVDs, CDs, Schuhe, Gürtel, Anzüge, Büromaterial und Schulbücher verkaufen.

Gottesanbeterin

Gecko

Baustellen
Lusaka
Der Verfall ist in der Innenstadt genauso zu sehen; angefangene und wohl nie zu Ende gebrachte Baustellen säumen die zentrale Strasse, die Cairo Road.

Ironischerweise ist dieses Gebäude der Sitz der "Zambian National Bbuilding Society" (znbs); die (hier natürlich genauso als eher sarkastischer Kommentar zu verstehende) Werbung stammt von einem der größten Handyanbieter Afrikas, celtel. Die kleine rotgelbe Hütte ist übrigens eine der üblichen Verkaufsstellen von celtel, mit Payphone und Verkauf von SIM-Karten.

Die Cairo Road wird von zwei Roundabouts (Kreisverkehren) abgegrenzt, im Norden der Kabwe Roundabout

im Süden der Kafue Roundabout. Der Adler auf der Säule ist ein Fischadler, das Wappentier Zambias. Die Plakate sind für die Präsidentschaftswahlen, die am 28. September stattfinden.

Die zwei Jungs putzen das Monument und gießen den Rasen auch am Samstag und verdienen 150 000 Kwacha im Monat, das sind ca. 30 Euro.
Die Stadt ist unterteilt in reichere Viertel und sogenannte "compounds", mit teilweise festen Häusern ("Mittelklasse", was aber dem Niveau einer Plattenbausiedlung entspricht) und Wellblechhütten, also praktisch Slums, in denen das Abwasser über die Strassen läuft. Dazwischen scheint es nicht viel zu geben. Die Reicheren gehen in den shopping malls einkaufen, wo man alles kriegt, was das Herz begehrt, inklusive Latte Macchiato im Internetcafé. Der größte Witz ist, dass sich die Weißen hier auch noch beschweren, dass "Zambia schweineteuer" sei. Zum Beispiel suchen alle nach einem billigen Internetcafé; in der Mall kostet die Minute 200 Kwacha, das sind 4 Cent (immerhin billiger als in Konstanz, wo es meistens 7 Cent/min kostet). Ok, als EHler verdient man 800 € im Monat (Unterkunft und Spesen ausgenommen! Alle können sich hier ein Haus mit Bediensteten und ein fettes Auto leisten); aber als ich ihnen erzähle, dass ich ein Internetcafé gefunden habe, wo man 100 Kwacha zahlt (und 200 statt 500 Kw fürs Ausdrucken) und, als alle wissen wollen, wo, anhänge, dass das in der Innenstadt, am Parkplatz für die Minibusse liegt (und halt auch ein bisschen schrottiger ausschaut), lässt das Interesse stark nach. In die Cairo Road (die zentrale Strasse) geht man wohl nicht; im Gegensatz zu mir, der ich mich in dem Chaos wesentlich wohler fühle als in den protzigen shopping malls. Außerdem bin ich der Einzige, der mit dem Minibus fährt; wer gerade kein eigenes Auto hat (kommt selten vor, man kriegt ja auch vom ded Autos gestellt), fährt mit dem Taxi für 40 000 Kw (= ca. 8 €) in die Stadt. Ich quetsche mich in den Minibus und zahle 2000 Kw (= ca. 40 Cent) für die gleiche Strecke. Ich bin auch im Internetcafé in der Innenstadt und in den Minibussen fast immer der einzige "Mzungu" (sprich: Musungu, Weisser). Gefährlich ist das nicht, zumindest wenn es hell ist. Die Leute sind supernett und hilfsbereit, wissen, dass man sich als Mzungu nicht auskennt und bescheissen einen nicht (wenn man nicht gerade Geld auf der Strasse tauscht). Ich kriege immer mein Wechselgeld im Bus, und wenn es durch noch so viele Hände nach hinten gereicht wird; wenn man fragt, sagen einem die Leute, welcher Bus wohin fährt (keine Ahnung, woran die das erkennen...), und grinsen sich einen über den orientierungslosen Mzungu.
Die Bezeichnung "Mzungu", ist ein bisschen spöttisch gemeint, aber nicht wirklich despektierlich. Ich habe gelernt, dass, wenn mir einer "Mzungu" hinterherruft, er mich keineswegs beleidigen will; meistens will man mir entweder was verkaufen (wobei man dann eher das Gespräch mit "Eh, my friend" beginnt) oder mich auf irgendwas aufmerksam machen. In Kisuaheli bedeutet der Stamm "zungu" "umherlaufen, -rennen" (wie in "Kizunguzungu", einer Hühnerkrankheit, die dazu führt, dass die Viecher die Orientierung verlieren), "M" ist das übliche Präfix für "Mensch, Lebewesen". Die Bezeichnung kommt wohl daher, dass die Afrikaner an der Ostküste sich darüber wunderten, dass die Weissen sich nirgendwo niederließen, sondern immer weiter durch die Gegend marschierten. Ich weiss nicht genau, ob das hier einfach übernommen wurde (Kisuaheli ist eine Mischsprache aus lokalen afrikanischen Sprachen, Arabisch und Englisch, die eigentlich nur in Tanzania und Kenya gesprochen wird; die Hauptsprachen in Zambia sind Bemba und Nyanja), mir gefällt die Erklärung aber, vor allem, weil ich ja selbst noch öfters in Lusaka umherirre...

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