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Bericht der AG Häftlingsbordell in Buchenwald
Die Arbeitsgruppe bestand die ganzen vier Tage aus fünf Frauen/Lesben. Wir haben zunächst
den Standort des ehemaligen Häftlingsbordellsbesichtigt und haben festegestellt, daß das
Gelände total zugewuchert ist und die Existenz des Bordells nirgends erwähnt wird. Neben
der Arbeit mit unserem mitgebrachten Material haben wir mit Unterstützung der Archivarin
der Gedenkstätte, Frau Stein, in Originaldokumente einsehen können. Des weiteren konnten
wir ein ausführliches Gespräch mit der Historikerin Frau Seidel führen, die gerade eine
Ausstellung zu Frauen in Buchenwald erarbeitet. Die meisten der uns neuen Informationen
erhielten wir durch die Gespräche mit diesen beiden. Da wir den Eindruck hatten, daß auch
viele im Camp nichts oder wenig über das Häftlingsbordell wissen, haben wir uns entschlossen,
etwas ausführlicherer darüber zu berichten und nicht nur unsere konkreten neuen Erkenntnisse
darzustellen.
Im März 1943 befiehlt Himmler die Errichtung von Häftlingsbordellen in den
Konzentrationslagern. Neben Bordellen in Mauthausen, Gusen, Sachsenhausen, Ausschwitz,
Dachau, Mittelbau-Dora, Flossenbürg und Neuengamme wurde auch in Buchenwald am 15.7. 1943
ein Bordell errichtet. Diese Anweisung Himmlers ist im Zusammenhang mit der Niederlage der
6. Armee bei Stalingrad zu sehen. Eine Chance, den Krieg doch noch zu gewinnen, wurde darin
gesehen, mehr und bessere Waffen zu entwickeln und zu produzieren. Die in den Kz´s für die
Rüstungsindustrie zwangsarbeitenden Häftlinge sollten durch die Einführung eines
Prämiensystems zu vermehrten und verbesserten Arbeitsleistungen motiviert werden. Dieses
Prämiensystem zur Steigerung der Verwertbarkeit der männlichen Häftlinge wurde in Absprache
mit den IG Farben und/oder Siemens entwickelt (hier unterscheiden sich die Quellen, im
Grunde ist es aber auch egal, die Konzerne waren jedenfalls massgeblich daran beteiligt!).
Vergünstigungen waren
"1. Hafterleichterung; 2. Verpflegungszulagen; 3. Geldprämien;
4. Tabakwarenbezug; 5. Bordellbesuch"
Die offizielle Begründung von Seiten der SS lautete: Hebung der Arbeitsmoral und
Unterbindung homosexueller Exzesse.
Die Frauen
Viele der Frauen, die für die Arbeit in Häftlingsbordellen aus dem Frauenkonzentrationslager
Ravensbrück für die Arbeit in den verschiedenen Häftlings- und SS Bordellen selektiert
wurden, waren der Häftlingsgruppe der "Asozialen" zugeordnet. Frauen konnten schon
relativ schnell als "Asoziale" kategorisiert und verhaftet werden: wenn sie z.B.
bei Razzien mehrmals alleine in Kneipen angetroffen wurden, ihnen bei Zwangstests
Geschlechtskrankheiten nachgeweisen wurden, sie in "falschen Gegenden", wie
verarmten Stadtvierteln, angetroffen wurden, oder sie in Fürsorgeheimen verwahrt wurden. Es
wurden aber auch Frauen willkürlich aus allen anderen Häftlingsgruppen. selektiert.
Vielfach wurde den Frauen versprochen, daß sie nach einem halben Jahr Arbeit entlassen
werden würden. Dies ist aber in keinem Fall erfolgt. Weiter wurde ihnen bessere Verpflegung,
Kleider, ein eigenes Bett, "weniger schwere Arbeit" - und damit die Möglichkeit zu
überleben - in Ausssicht gestellt. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die häufig
behauptete These, die Frauen hätten sich freiwillig zur Arbeit im Bordell gemeldet, zu sehen.
In den Bordellen standen den Frauen keine Mittel zur Empfängnisverhütung oder als Schutz vor
Geschlechtskrabnkheiten zur Verfügung. Viele wurden schwanger oder geschlechtskrank, was
meistens eine Rückführung nach Ravensbrück und/ oder den Tod bedeutete.
Buchenwald
Am 2.7.1943 wurden 16 Frauen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück nach Buchenwald
zur Arbeit in dem Häftlingsbordell gebracht. Akribisch genaue Abrechnungen geben Auskunft
darüber, wieviele Häftlinge pro Tag bei der jeweiligen Frau waren, zwischen einem und
sechzehn Männer pro Abend. Die Einnahmen, zunächst 2,- Mark pro Häftling, wurden halbiert
und als getrennte Summen an die Lagerveraltung weitergegeben. Das deutet daraufhin, daß es
tatsächlich das Versprechen gab, einen Teil der Einnahmen an die Frauen ausszuzahlen,
womöglich als Anreiz für die Arbeit. Bisher konnte eine tatsächliche Auszahlung an die
Frauen aber nicht festgestellt werden. Ab dem 23.2.44 bezahlte jeder Häftling nur noch
1,- Mark aufgrund des nachlassenden Besuchs des Bordells.
Durch die Namen auf den Abrechnungszetteln lassen sich Entlassungen und Neuaufnahmen in dem
Bordell genau nachvollziehen. 6 Frauen mußten von Anfang (Juli 43) bis zur Befreiung des KZ
Buchenwald im Häftlingsbordell arbeiten. 10 Frauen sind im Laufe der Zeit
"entlassen" worden, d.h. an die StaPo Stellen zurücküberstellt worden, die sie
auch verhaftet haben. Das ergab sich daraus, daß 18 der insgesamt 19 Frauen mit dem
schwarzen Winkel (also als sog. Asoziale) nach Buchenwald deportiert wurden. Die meisten
kamen direkt aus Fürsorgeheimen und wurden nach ihrer Entlassung wahrscheinlich dorthin
zurückgeschickt oder von den zuständigen StaPo Stellen wieder in KZ´s eingewiesen.
Die männlichen Häftlinge
Den Besuch des Häftlingsbordells in Buchenwald konnten alle "arischen" Häftlinge
beantragen, die über das nötige Lagergeld oder Tauschmittel verfügten. Nach Meinung vieler
männlicher Häftlinge handelte es sich bei den Häftlingen, die im Lagerbordell arbeiten
mußten, um Frauen, die schon vor ihrer Inhaftierung als Prostituierte gearbeitet hätten oder
zumindestens "sexuell verwahrlost" gewesen wären. Damit wurde die von den Nazis
vorgenommene Stigmatisierung der Frauen als sog Asoziale von den Häftlingen übernommen.
Die Häftlinge in Buchenwald hegten verschiedene Vermutungen darüber, was die SS mit der
Einrichtung eines Bordells bezwecken könnte. Die illegale Parteileitung der KP vermutete,
daß die SS damit versuchen wollte, erstens die politischen Häftlinge auszuspionieren (also
dass die Frauen Spitzeldienste für die SS verrichten würden) und sie sich durch den Besuch
des Bordells korrumpierbar machen würden. Dies führte dazu, daß die illegale Parteistruktur
im Lager Buchenwald zum Boykott des Bordells für alle politischen Häftlinge aufrief. Auch
soziale Erwägungen hielten die Politischen vom Besuch des Bordells ab, denn das Geld, über
das sie verfügten, wurde ihnen oft von ihren Familien geschickt. Aus diesen Gründen, und
nicht zum Schutz der sexuell mißbrauchten Frauen, wurde zu einem Boykott des Bordells
aufgerufen. Sowohl männliche als auch weibliche ehemalige Häftlinge berichten aber, daß der
Boykott nur zum Teil eingehalten wurde. Bei einem Überprüfungsverfahren der
Parteikontrollkommission der KPD Buchenwald nach dem Krieg wurden z.B. neun Rügen wegen des
"Besuchs des Sonderbaus" ausgesprochen.
Heute
Bis heute wird die Existenz eines Häftlingsbordells von vielen Stellen ignoriert.1 Es wird
nach wie vor in offiziellen Führungen über die Gedenkstätte totgeschwiegen und es ist nicht
auf dem aktuellen Plan des KZ Geländes eingezeichnet. In anderen KZ Gedenkstätten, wie in
Mittelbau-Dora, wird die Existenz eines Bordells sowohl auf einer Tafel als auch in den
Führungen benannt. Auch die Befürchtung der ehemaligen politischen Gefangenen, das Bild vom
Lageralltag könnte dadurch relativiert werden, trägt zu dem bis heute praktizierten
Nicht - Umgang mit dem Thema Lagerbordelle bei. Dies führt dazu, daß die Frauen nach wie
vor weiter abgewertet werden und erschwert ihnen damit, eine Stimme für das ihnen angetane
Verbrechen zu finden.
Um diesem Schweigen und der dadurch verursachten Sprachlosigkeit entgegenzuwirken, fordern
wir einen offenen Umgang mit der Existenz des Häftlingsbordells. Für wichtig erachten wir,
daß das Fundament, auf dem das Bordell stand, ausgegraben wird und den dort arbeitenden
Frauen zum Gedenken eine Tafel aufgestellt wird. Dies würde auch bedeuten, daß der Standort
des Gebäudes in den Lageplänen des KZ - Geländes eingezeichnet und in den offiziellen
Führungen erwähnt wird.
Das Grauen, die Unmenschlichkeit und die Menschenverachtung der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik in Verbindung mit den Vernichtungs- und Verwertungsinteressen des
Kapitalismus wird unserer Meinung nach durch die Existenz von Bordellen in
Konzentrationslagern nicht relativiert. Im Gegenteil: es ist ein weiterer perverser Ausdruck
der Ausbeutung von Menschen.
Paul, Christa: Zwangsprostitution. Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus.
1994
1 Neben den Häftlingsbordellen gab es in den meisten Konzentrationslagern auch Bordelle
für die SS. Der Standort des SS Bordells kann in Buchenwald nicht genau bestiummt werden,
die Existenz ist nachweisbar. Wieviele Frauen dort mißbraucht wurden, was aus ihnen geworden
ist ist bisher nicht nachzuvollziehen.
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