R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. Freitag, den 28. 7. 2000



Bericht der AG Häftlingsbordell in Buchenwald



Die Arbeitsgruppe bestand die ganzen vier Tage aus fünf Frauen/Lesben. Wir haben zunächst den Standort des ehemaligen Häftlingsbordellsbesichtigt und haben festegestellt, daß das Gelände total zugewuchert ist und die Existenz des Bordells nirgends erwähnt wird. Neben der Arbeit mit unserem mitgebrachten Material haben wir mit Unterstützung der Archivarin der Gedenkstätte, Frau Stein, in Originaldokumente einsehen können. Des weiteren konnten wir ein ausführliches Gespräch mit der Historikerin Frau Seidel führen, die gerade eine Ausstellung zu Frauen in Buchenwald erarbeitet. Die meisten der uns neuen Informationen erhielten wir durch die Gespräche mit diesen beiden. Da wir den Eindruck hatten, daß auch viele im Camp nichts oder wenig über das Häftlingsbordell wissen, haben wir uns entschlossen, etwas ausführlicherer darüber zu berichten und nicht nur unsere konkreten neuen Erkenntnisse darzustellen.

Im März 1943 befiehlt Himmler die Errichtung von Häftlingsbordellen in den Konzentrationslagern. Neben Bordellen in Mauthausen, Gusen, Sachsenhausen, Ausschwitz, Dachau, Mittelbau-Dora, Flossenbürg und Neuengamme wurde auch in Buchenwald am 15.7. 1943 ein Bordell errichtet. Diese Anweisung Himmlers ist im Zusammenhang mit der Niederlage der 6. Armee bei Stalingrad zu sehen. Eine Chance, den Krieg doch noch zu gewinnen, wurde darin gesehen, mehr und bessere Waffen zu entwickeln und zu produzieren. Die in den Kz´s für die Rüstungsindustrie zwangsarbeitenden Häftlinge sollten durch die Einführung eines Prämiensystems zu vermehrten und verbesserten Arbeitsleistungen motiviert werden. Dieses Prämiensystem zur Steigerung der Verwertbarkeit der männlichen Häftlinge wurde in Absprache mit den IG Farben und/oder Siemens entwickelt (hier unterscheiden sich die Quellen, im Grunde ist es aber auch egal, die Konzerne waren jedenfalls massgeblich daran beteiligt!). Vergünstigungen waren
"1. Hafterleichterung; 2. Verpflegungszulagen; 3. Geldprämien; 4. Tabakwarenbezug; 5. Bordellbesuch" Die offizielle Begründung von Seiten der SS lautete: Hebung der Arbeitsmoral und Unterbindung homosexueller Exzesse.



Die Frauen

Viele der Frauen, die für die Arbeit in Häftlingsbordellen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück für die Arbeit in den verschiedenen Häftlings- und SS Bordellen selektiert wurden, waren der Häftlingsgruppe der "Asozialen" zugeordnet. Frauen konnten schon relativ schnell als "Asoziale" kategorisiert und verhaftet werden: wenn sie z.B. bei Razzien mehrmals alleine in Kneipen angetroffen wurden, ihnen bei Zwangstests Geschlechtskrankheiten nachgeweisen wurden, sie in "falschen Gegenden", wie verarmten Stadtvierteln, angetroffen wurden, oder sie in Fürsorgeheimen verwahrt wurden. Es wurden aber auch Frauen willkürlich aus allen anderen Häftlingsgruppen. selektiert. Vielfach wurde den Frauen versprochen, daß sie nach einem halben Jahr Arbeit entlassen werden würden. Dies ist aber in keinem Fall erfolgt. Weiter wurde ihnen bessere Verpflegung, Kleider, ein eigenes Bett, "weniger schwere Arbeit" - und damit die Möglichkeit zu überleben - in Ausssicht gestellt. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die häufig behauptete These, die Frauen hätten sich freiwillig zur Arbeit im Bordell gemeldet, zu sehen. In den Bordellen standen den Frauen keine Mittel zur Empfängnisverhütung oder als Schutz vor Geschlechtskrabnkheiten zur Verfügung. Viele wurden schwanger oder geschlechtskrank, was meistens eine Rückführung nach Ravensbrück und/ oder den Tod bedeutete.



Buchenwald

Am 2.7.1943 wurden 16 Frauen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück nach Buchenwald zur Arbeit in dem Häftlingsbordell gebracht. Akribisch genaue Abrechnungen geben Auskunft darüber, wieviele Häftlinge pro Tag bei der jeweiligen Frau waren, zwischen einem und sechzehn Männer pro Abend. Die Einnahmen, zunächst 2,- Mark pro Häftling, wurden halbiert und als getrennte Summen an die Lagerveraltung weitergegeben. Das deutet daraufhin, daß es tatsächlich das Versprechen gab, einen Teil der Einnahmen an die Frauen ausszuzahlen, womöglich als Anreiz für die Arbeit. Bisher konnte eine tatsächliche Auszahlung an die Frauen aber nicht festgestellt werden. Ab dem 23.2.44 bezahlte jeder Häftling nur noch 1,- Mark aufgrund des nachlassenden Besuchs des Bordells.

Durch die Namen auf den Abrechnungszetteln lassen sich Entlassungen und Neuaufnahmen in dem Bordell genau nachvollziehen. 6 Frauen mußten von Anfang (Juli 43) bis zur Befreiung des KZ Buchenwald im Häftlingsbordell arbeiten. 10 Frauen sind im Laufe der Zeit "entlassen" worden, d.h. an die StaPo Stellen zurücküberstellt worden, die sie auch verhaftet haben. Das ergab sich daraus, daß 18 der insgesamt 19 Frauen mit dem schwarzen Winkel (also als sog. Asoziale) nach Buchenwald deportiert wurden. Die meisten kamen direkt aus Fürsorgeheimen und wurden nach ihrer Entlassung wahrscheinlich dorthin zurückgeschickt oder von den zuständigen StaPo Stellen wieder in KZ´s eingewiesen.



Die männlichen Häftlinge

Den Besuch des Häftlingsbordells in Buchenwald konnten alle "arischen" Häftlinge beantragen, die über das nötige Lagergeld oder Tauschmittel verfügten. Nach Meinung vieler männlicher Häftlinge handelte es sich bei den Häftlingen, die im Lagerbordell arbeiten mußten, um Frauen, die schon vor ihrer Inhaftierung als Prostituierte gearbeitet hätten oder zumindestens "sexuell verwahrlost" gewesen wären. Damit wurde die von den Nazis vorgenommene Stigmatisierung der Frauen als sog Asoziale von den Häftlingen übernommen.

Die Häftlinge in Buchenwald hegten verschiedene Vermutungen darüber, was die SS mit der Einrichtung eines Bordells bezwecken könnte. Die illegale Parteileitung der KP vermutete, daß die SS damit versuchen wollte, erstens die politischen Häftlinge auszuspionieren (also dass die Frauen Spitzeldienste für die SS verrichten würden) und sie sich durch den Besuch des Bordells korrumpierbar machen würden. Dies führte dazu, daß die illegale Parteistruktur im Lager Buchenwald zum Boykott des Bordells für alle politischen Häftlinge aufrief. Auch soziale Erwägungen hielten die Politischen vom Besuch des Bordells ab, denn das Geld, über das sie verfügten, wurde ihnen oft von ihren Familien geschickt. Aus diesen Gründen, und nicht zum Schutz der sexuell mißbrauchten Frauen, wurde zu einem Boykott des Bordells aufgerufen. Sowohl männliche als auch weibliche ehemalige Häftlinge berichten aber, daß der Boykott nur zum Teil eingehalten wurde. Bei einem Überprüfungsverfahren der Parteikontrollkommission der KPD Buchenwald nach dem Krieg wurden z.B. neun Rügen wegen des "Besuchs des Sonderbaus" ausgesprochen.



Heute

Bis heute wird die Existenz eines Häftlingsbordells von vielen Stellen ignoriert.1 Es wird nach wie vor in offiziellen Führungen über die Gedenkstätte totgeschwiegen und es ist nicht auf dem aktuellen Plan des KZ Geländes eingezeichnet. In anderen KZ Gedenkstätten, wie in Mittelbau-Dora, wird die Existenz eines Bordells sowohl auf einer Tafel als auch in den Führungen benannt. Auch die Befürchtung der ehemaligen politischen Gefangenen, das Bild vom Lageralltag könnte dadurch relativiert werden, trägt zu dem bis heute praktizierten Nicht - Umgang mit dem Thema Lagerbordelle bei. Dies führt dazu, daß die Frauen nach wie vor weiter abgewertet werden und erschwert ihnen damit, eine Stimme für das ihnen angetane Verbrechen zu finden.

Um diesem Schweigen und der dadurch verursachten Sprachlosigkeit entgegenzuwirken, fordern wir einen offenen Umgang mit der Existenz des Häftlingsbordells. Für wichtig erachten wir, daß das Fundament, auf dem das Bordell stand, ausgegraben wird und den dort arbeitenden Frauen zum Gedenken eine Tafel aufgestellt wird. Dies würde auch bedeuten, daß der Standort des Gebäudes in den Lageplänen des KZ - Geländes eingezeichnet und in den offiziellen Führungen erwähnt wird.
Das Grauen, die Unmenschlichkeit und die Menschenverachtung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Verbindung mit den Vernichtungs- und Verwertungsinteressen des Kapitalismus wird unserer Meinung nach durch die Existenz von Bordellen in Konzentrationslagern nicht relativiert. Im Gegenteil: es ist ein weiterer perverser Ausdruck der Ausbeutung von Menschen.

Paul, Christa: Zwangsprostitution. Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus. 1994



1 Neben den Häftlingsbordellen gab es in den meisten Konzentrationslagern auch Bordelle für die SS. Der Standort des SS Bordells kann in Buchenwald nicht genau bestiummt werden, die Existenz ist nachweisbar. Wieviele Frauen dort mißbraucht wurden, was aus ihnen geworden ist ist bisher nicht nachzuvollziehen.