abtauchen: briefe und interviews
aus kassiber Nr. 31: "... dazu beitragen, den 'Mythos radikal' aus den Köpfen zu kriegen" Interview zum radikal-Verfahren Neun Hauptbeschuldigten im 'radikal-Verfahren' soll in diesem Jahr der Prozeß gemacht, die 'radikal' zur "kriminellen Vereinigung" erklärt werden. Aber obwohl dieses Verfahren bundesweite Bedeutung hat und Auswirkungen auf große Teile der Linken haben könnte, scheinen sich Beschuldigte wie 'Soliszene' schwer zu tun. Das dürfte nicht nur daran liegen, daß die Prozesse und ihre Vorbereitung viel Kraft und Zeit kosten (werden), sondern hängt wohl auch mit - nicht nur - 'internen Problemen' zusammen. Dazu gehört der Vorwurf, daß einige ihre Wohnung nicht sauber genug gehalten hätte, wodurch andere (zusätzlich) beschuldigt werden konnten - sagt nicht nur die Bundesanwalt- schaft. Oder daß öffentlich über Dinge geredet werde, über die besser zu schweigen wäre, wozu Interviews mit der internationalen Presse genauso gehörten wie Plauderein über Fluchtländer - sagen zumindest Teile der 'Soliszene'. Um diese und andere Fragen dreht sich das Interview mit Matthes, der Ende November als letzter derjenigen, die sich während der bundesweiten Razzia am 13.6.95 der Verhaftung entziehen konnten, wieder auftauchte: kassiber: Matthes, seit Ende November bist Du wieder in Bremen, wie ist es Dir denn inzwischen ergangen? Matthes: So weit, so gut! Die Anfangszeit war für mich dadurch geprägt, erstmal alles mitzukriegen, was so abgeht. Da war die Solibewegung und die verschiedenen Leute, zum größten Teil waren sie mir ja nicht bekannt und auch nicht, wofür sie standen. Das alles dann selber mitzubekommen war schon eine andere Qualität. Was mir noch gut in Erinnerung ist, ist mein Ankommen in Bremen. Bei dem inoffiziellen Teil war ich auf einmal mit zig Leuten zusammen, die ich seit dem Abtauchen nicht mehr gesehen habe. Das war eine überwältigende Situation. Der offizielle Teil lief eher wie ein Programm ab, so wie es diskutiert war. Das hat mich sehr überrascht und erfreut. Dennoch war es für mich eigentlich nur Streß - permanente Spannung. Auf diesem Weg will ich nochmal allen danken, die ihren Teil dazu beigetragen haben, daß alles gelungen ist. Dann wurde schnell klar, daß ich erstmal nicht in den Knast muß. Auf dieser Wolke bin ich dann so langsam angekommen. Das hat auch in gewissem Maße Spaß gemacht. Alles mußte ich neu kennenlernen, denn 1 1/2 Jahre sind auch hier in Bremen nicht ohne Veränderungen vorbeigegangen, Beziehungen und auch Treffpunkte haben sich verschoben. Als ich dann so langsam in Bremen wieder Boden unter den Füssen verspürte, kam aber auch ein wenig Heimweh auf. Ich habe ja wieder einen Bruch machen müssen. Es ist eine traurige Situation, zu wissen, es beginnt ein neuer Abschnitt und ich kann wieder nicht das machen, was ich will, sondern muß gucken, was die Bullen und die Justiz von mir wollen. Nach einiger Zeit werden hoffentlich die Auflagen aufgehoben und der Haftbefehl außer Kraft gesetzt, wie bei den anderen vier Beschuldigten. kassiber: Du hast den größten Teil der Zeit, in der Du weg warst, in den Niederlanden verbracht - und das auch öffentlich verkündet. An diesem Verhalten hat es Kritik aus der hiesigen Solibewegung gegeben, denn eigentlich sei es immer Praxis der radikalen Linken gewesen, über 'so etwas' nicht zu reden. Oder, um es mit der RAF zu dem allerdings einigermaßen anders gelagerten 'Fall' Christoph Seidler zu sagen: 'Aussagen über illegale Strukturen und geheime Orte des Exil sind und bleiben absolut abzulehnen' ... Matthes: Ja, diese These ist mir auch zu Ohren gekommen. Ich will mich bei meiner Antwort nur auf meinen Fall beschränken. Es gab schon längere Zeit vor dem Bekanntwerden meines Aufenthaltslandes Diskussionen darüber, wie mensch diesen Fall der Kriminalisierung einer Zeitung im Ausland publik machen kann. Einige rieten mir, ich solle doch Presse- konferenzen in dem Land machen, in dem ich mich aufhalte. Das habe ich zu diesem Zeitpunkt noch abgelehnt, vor allem weil mir nicht klar war, um welchen Schwerpunkt es gehen soll. Dann gab es das Angebot, einen Artikel in einer überregionalen, nieder- ländischen Zeitung veröffentlichen zu können, das auch einigen Leuten weitervermittelt wurde. Die einzige Reaktion, die ich darauhin bekam, war, daß es schön und doch toll wäre, Öffentlichkeit zu schaffen. Ich sah es schon als schwierig an, was mensch da erzählen soll. Denn was in Deutschland beschissen ist, ist in abgewandelter Form in den Nieder- landen auch beschissen. Außer einer braunen Vergangenheit sind die Niederlande auch ein durch und durch kapitalistisches Land. Sexismus sieht mensch auch überall und die Abschiebepolitik ist z.T. noch schärfer als in Deutschland. Was dann bleibt, ist einige Nuancen zu vermitteln, die es natürlich gibt. So kommt es dann auch zustande, daß mensch bei öffentlichen Statements über das redet, womit mensch sich gerade beschäftigt. Für mich war es auch kein Bruch mit linken Prinzipien. Dieses ungeschriebene Gesetz ist in der Hinsicht völliger Quatsch, weil es von einer bestimmten Analyse ausgeht. Diese wird bei der Kritik nicht öffentlich gemacht und ich will darauf auch jetzt hier nicht näher eingehen. Wenn aber noch Klärungsbedarf besteht, werde ich auf diese Analyse näher eingehen. Wenn mensch sich die linke politische Geschichte anschaut, dann ist es schon öfter vorgekommen, daß Leute ihre Aufenthaltsländer kundtaten. So war z.B. bekannt, daß Leute nach Nicaragua abgehauen sind, als es dort noch anders abging. 1984 ist auch schonmal jemand in die Niederlande geflohen, der wegen Mitarbeit an der radi angeklagt werden sollte. Er wurde dann bei der taz Auslandskorrespondent für die Benelux-Staaten. Davon abgesehen sind die Niederlande seit jeher ein bekanntes und beliebtes Fluchtland, wenn mann nicht zur Bundeswehr gehen will. Ich will mit diesen Beispielen sagen, daß es immer darauf ankommt, abzuwägen, ob es an dem Punkt, an dem mensch steht, mehr Sinn macht, sich still zu verhalten oder es gerade sinnvoll ist, sich zu äußern und mit dieser Geschichte internationale Öffentlichkeit zu schaffen. Für mich hielt sich das Risiko in Grenzen - ich konnte von einem halben Jahr U-Haft ausgehen, alles andere hätten weitere Anklagepunkte beinhalten müssen. Als weiteres gab es die Diskussion, ob es sinnvoll ist, sich in den Niederlanden zu stellen, was so oder so ein Öffentlichmachen des Fluchtlandes bedeutet hätte. Durch den Artikel wurde im voraus eine Öffentlichkeit hergestellt, denn ohne diese hätte ich mir ein Stellen überhaupt nicht vorstellen können. Desweiteren wurde eine wichtige Grundlage für die Soliarbeit geschaffen, falls ich überraschend durch die Bullen abgegriffen worden wäre. Als letztes will ich noch hinzufügen, daß sie laut der Akten, die ich inzwischen einsehen konnte, schon seit den Durchsuchungen vom 19.12.95 aufgrund von gefundenen Unterlagen davon ausgegangen sind, daß ich mich in den Niederlanden aufgehalten habe. Aufgrund dieser Tatsache kann nicht mehr ernsthaft behauptet werden, ich hätte ein Fluchtland preisgegeben! Es kann niemand mehr auf den Gedanken kommen, daß dadurch den Bullen Tür und Tor geöffnet wurde, um Ermittlungen fortführen zu können. Mir war es in dieser Situation natürlich auch wichtig, in die Offensive zu gehen. Ihnen einfach zu sagen: 'Na und, was wollt ihr?! Ich bin in den Niederlanden und da bleibe ich, solange wie ich Lust habe, und ich kehre dann zurück, wenn ich es will.' Das ist in meinen Augen auch ganz gut gelaufen. Dem gegenüber stand das Risiko, dadurch die Aufmerksamkeit der deutschen Bullen auf sich zu ziehen und sich und sein Umfeld stärker zu gefährden, was wir aber in Abwägung in Kauf genommen haben. Vielleicht muß ich noch ergänzen, daß sich die Leute, die mich unterstützt haben, auch durchaus des Risikos bewußt waren. Die Entscheidung ist gemeinsam gelaufen und deshalb muß ich eigentlich von 'unserer' und nicht 'meiner' Entscheidung sprechen. kassiber: In der Soliszene wird immer noch gern der Begriff 'Exil' für die Situation in der Du Dich - wie auch die im Juni 1996 Wiederauf- getauchten - befunden hast, benutzt. Was stört Dich daran? Matthes: Am Anfang habe ich den Begriff selbst verwendet. (Dazu ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß 'Exil' sich schon in der Zeit vor meinem Abtauchen in den Köpfen eingeprägt hatte - durch verschiedene andere Begebenheiten, wie das Abtauchen der drei, die wegen K.O.M.I.T.E.E gesucht werden, und das Wiederauftauchen von Leuten aus dem Kaindl-Verfahren.) Mit dieser subjektivistischen Sicht fühlte ich mich aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr wohl. Mir kam es überzogen vor, meine Situation zu vergleichen mit der von Leuten, die das Exil benutzen als einen Ort, um auf die Situation ihres Landes aufmerksam zu machen. Jemanden, der sich seit Jahren in der autonomen Szene bewegt, sollte es eigentlich klar sein, warum sie ihn verfolgen, da die sich ja bekanntlich gegen das Projekt Deutschland und alles, was damit zusammenhängt, richtet. Die Repression ist in anderen Regimen viel härter als in der BRD. Dort sind ganze Schichten betroffen, Künstler können nicht mehr ihren Ideen nachgehen, politische GegnerInnen werden auf offener Straße umgebracht. Es herrscht eine für große Bevölkerungsteile erfahrbare Unterdrückung. Aus diesem Grund versuchen Menschen dann, in anderen Ländern eine Chance wahrzunehmen, um diese Zustände zu vermitteln. Ich hätte natürlich auch was zu dem Projekt Deutschland sagen können, aber dann hätte ich auch nicht zu den Niederlanden schweigen können, weil es eben doch das gleiche gesellschaftliche Modell und ähnlich strukturiert ist. Dies fiel mir erst später auf, um so länger ich darüber nachdachte. Dann ist mit dem Begriff 'Exil' auch ein Status verbunden. Dieser Status beinhaltet ein begrenztes oder längeres Aufenthaltsrecht. Wenn dieser erlangt ist, kann eigentlich erst die politische Arbeit beginnen, weil es sonst sehr schwer ist, sich öffentlich zu artikulieren. Um es kurz zu sagen: Ich verbinde mit dem Begriff Exil einen legalen Status. Den hatte ich nicht und er wäre mir und auch den anderen, die wegen Kaindl oder dem K.O.M.I.T.E.E gesucht werden und wurden, niemals in der westlichen Hemisphäre gewährt worden. Somit ist die Griffigkeit des Begriffs 'Exil' sehr schön, geht aber an der Situation vorbei. zum anfang dieser seite kassiber: Wie sah denn Dein Leben in den Niederlanden aus? Gab es es nach einer gewissen Eingewöhnungszeit wieder so etwas wie einen 'normalen Alltag'? Matthes: Für die erste Zeit kann ich von einem 'normalen Alltag' nicht sprechen. Meine Situation war sehr heftig wegen der Unsicherheit darüber, was eigentlich passiert ist und wie es weitergehen wird. Zum Glück hatte ich sehr schnell eine sichere Unterkunft und konnte mich ein wenig sammeln. Das einzige, was einem in dieser Situation immer wieder einfällt, ist die Frage 'Was mach' ich denn nun?'. Darauf konzentriert sich alles, mein ganzes Verhalten war davon bestimmt. Mensch kann sich nicht mehr 'zurückziehen'. Du lebst in einer Ausnahmesituation und diese konnte ich eigentlich bis zum Auftauchen nicht ablegen. Und auch heute taucht das Gefühl an verschiedenen Punkten immermal wieder auf. Es ist einfach kein 'normaler' Zustand. Schon bevor ich abtauchte, lebte ich in einer recht sensiblen Situation. Aus den Akten geht hervor, daß ich seit geraumer Zeit überwacht wurde. Die Überwachung ging vom Abhören des WG-Telefons über eine Kamera, die auf die Haustür gerichtet war, Observationen von Urlaubsfahrten bis hin zu Wanzen im Auto. Dies blieb natürlich nicht alles völlig unbemerkt. Aber das war dann mit einemmal vorbei. Einerseits konnte ich mich zurücklehnen und versuchen zu entspannen. Das habe ich dann auch ausgiebig gemacht. Die Phase der Anpassung dauerte nur eine kurze Zeit und dann merkste: Dir sieht ja sowieso niemand an, wer oder was du bist und auch nicht, daß du aus Deutschland kommst. Danach ging es ein wenig besser. Das Leben normalisierte sich auf einem beständigen Spannungsniveau. Es begann auch Spaß zu machen. Das hing stark mit meinem Umfeld zusammen. Es war spannend, Leute gleich 'von Null auf Hundert' kennenzulernen. Nicht die lange Phase des Kennenlernens zu durchstreifen, sondern meine Story lag auf der Hand und das interessierte die Leute - und mich interessierten natürlich ihre Stories. Ich wollte ja von dem Land und den Leuten was mitbekommen und das lief dann auch recht gut. Das hört sich jetzt alles ein wenig romantisiert an. Es gab auch sehr beschissene und einsame Tage. Meine Ansprüche reduzierten sich auch auf einige wenige Sachen und ich mußte mir Neues suchen. Das dauerte aber einige Monate, bis sich das dann realisiert hat. Manchmal war ich auch einfach zu träge und habe meinen Arsch nicht hochgekriegt. kassiber: Wie schätzt Du als interessierter Leser linksradikaler Zeitungen die Bedeutung der radikal heute ein - auch im Vergleich zu anderen (halb-)legalen, auf jeden Fall nicht allzu klandestin produzierten und vertriebenen Publikationen? Kann es sein, daß die ehemalige 'Bewegungszeitung' heute im wesentlichen nur noch von ihrem Mythos des 'Radikalen', des 'Gefährlichen' oder von - auch werbewirksamen - Kriminalisierungsaktionen wie am 13.6.95 und danach lebt? Quo vadis hat in einem Diskussionspapier (1) quasi die Existenzfrage gestellt: 'Die Zeiten haben sich geändert und die 'radikal' auch. Die 'radikal' war in den letzten Jahren kein Sprachrohr der Szene, kein Feld kontroverser und fruchtbarer Auseinandersetzung, kein Blatt, das sich sonderlich für die Diskussion feministischer Positionen interessiert hat, keine Provokation, nur beschränkt ein Medium unterdrückter Nachrichten, keine Orientierung in der theoretischen Diskussion. Matthes: Der Schlag am 13.6.95 ist ein Einschnitt gewesen, durch dessen propagandistische Wirkung die radikal aber an Bedeutung gewonnen hat. Vorher war sie sicher eine Zeitung des linksradikalen Spektrum, die eine große, überregionale Reichweite hatte und dadurch auch in einigen Diskussionen richtungsweisend war. Sie erscheint kontinuierlich seit 20 Jahren und spiegelt im Grunde die Bewegung wider, was mensch auch so bewerten kann, daß sie in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat. Sicher war es auch ein Verlust, daß 1992 einige Gruppen aus der radi ausgestiegen sind (2), wodurch explizit Artikel von Frauen abgenommen haben. Das war, im Nachhinein gesehen, bestimmt eine ungünstige Entwicklung. Die andere Seite dieses Konflikts war bestimmt, daß sich die Arbeit auf weniger Gruppen verteilte, was sich immer auch auf Inhalte und Arbeitsweisen auswirkt. Dennoch gab es inhaltliche Anstrengungen wie 'Gegen das Vergessen' (GDV) oder die ausführliche Auseinandersetzung über die Organisierungsdebatte in bezug auf die AABO oder auch die OLGA. Die radi hat aber auch noch eine andere Bedeutung, die über bloße Zeitungsmachen hinausgeht. Sie ist eine bundesweite Struktur und versucht dies auch auszudrücken, mit allen Fehlern und Schwächen. Sicher kann mensch die Kritik aus dem Quo-vadis-Papier nachvollziehen. Aber diese Kritik beruht auf einem Verständnis, daß der radi eine Art Avantgardefunktion zuschreibt. Die hatte und hat sie nicht, auch wenn sich vielleicht einige gerne darin sähen und der sog. Mythos radikal weit verbreitet ist. Für mich war die radi immer nur eine Zeitung, die Diskussionen dokumentiert, nach neuen Ansätzen sucht und an die LeserInnen vermittelt. Das ist ihr ab und zu gelungen. Sie ist nunmal ein Medium für eine diffuse linksradikale Szene - ein ingroup-Medium. Im Unterschied zu anderen Zeitungen, wie Arranca, 17 C oder auch dem Kassiber, bei denen es eine Redaktionsgruppe gibt, wurde bei der radi versucht, durch verschiedene Gruppen mit verschiedenen Schwerpunkten eine Offenheit, was die Themen angeht, zu erreichen. Durch die verschiedenen Gruppen, die die Inhalte zusammenstellen, sie produzieren und verteilen, kommt auch nicht die 'inhaltliche Strömung' zum Ausdruck und kann sich durchsetzen. Von außen betrachtet ist es eben ein heterogener Haufen. Die einen versuchen eher durch Theorie Zusammen- hänge zu vermitteln, wie im GDV. In der OLGA hat sich scheinbar eine praxisorientiertere Gruppe zusammengesetzt, wo dann neben längeren Artikeln auch Berichte von besetzten Häusern oder Demos ihren Raum finden. Aber auch kleinere militante Aktionen haben ihren Platz, wie z.B. die allseitsbeliebte Wagensportliga. Dazwischen erscheinen dann wieder Texte zu Rassismus und Flüchtlingen von anderen Gruppen. Das alles drückt sich in der radi aus und macht sie auch spannend. Ich hatte beim Lesen der radi zumindest das Gefühl, daß sie versucht, verschiedene Herangehensweisen und Positionen zum Ausdruck zu bringen. Dies kann Gruppen, die zu einem bestimmten Thema arbeiten, wie z.B. zu Feminismus, zu wenig sein. Oder auch den Leuten von Quo vadis, die versuchen, ihren Frust an den Schwächen der radi abzulassen. Wenn sie mit der gleichen Schärfe ihren Artikel mal hinterfragen würden, dann würden sie sicher einige Kriterien, die sie benennen, bei ihrer eigenen Organisierung wiederfinden. Ich würde mit ihnen mal gern darüber zu diskutieren. Den Versuch, eine repräsentative Entwicklung in der radikalen Linken zu vermitteln, hat die radi in meinen Augen erfüllt. Das außer acht zu lassen, ist eine Oberflächlichkeit, die ich dem Quo-vadis-Artikel und auch dem Text der Lesben im ID-Archiv (3) unterstellen würde. So werden einige Sachen rausgepickt und dann daran eine Analyse entwickelt. Aufgefallen ist mir z.B., daß die radi sich bisher in keiner Äußerung, die ich gelesen habe, selbst als feministische Zeitung definiert hat. Es war eine Patriarchatskritik enthalten und manchmal gab es auch ausdrücklich feministische Texte. Außerdem wird eine Analyse, ohne den geschichtlichen Hintergrund zu beachten, verzerrt oder fällt ganz einfach falsch aus. Um auf die Frage zurückzukommen: Der Bekanntheitsgrad ist natürlich durch die letzte Aktion immens gestiegen. Dadurch hat sie jetzt die Möglichkeit, auf einer neuen Basis weiterzumachen: Die beiden letzten Nummern hatten ja auch schon einen anderen Lesewert als die Ausgaben vor dem 13.6.95. Sie hat in meinen Augen auch inhaltlich gewonnen. Andererseits ist der Versuch, jetzt mal zu gucken, was eine bundesweite linksradikale Zeitung für eine Bedeutung hat, sicher noch spannend. kassiber: Die radikal hat als Sprachrohr einer sich möglichst radikal gerierenden Szene immer ein für militante Politik zweifelsohne unabdingbares klandestines Verhalten propagiert. Nun legen die Auswertungen der der Staatsanwaltschaft vorliegenden Akten nahe, daß das tatsächliche Verhalten einer ganzen Reihe von Leuten ein anderes war. Wir können hier natürlich nur über den Wahrheitsgehalt dieser Akten spekulieren, aber könntest Du Dir Gründe für mögliche politische (und auch persönliche) Katastrophen vorstellen? Matthes: Zu dem, was die radikal darstellt, habe ich gerade schon was gesagt. Sie bezieht sich auf linksradikale Politik, sucht Verbindungen zu den verschiedenen Anästzen linksradikaler Politik, nicht nur der Militant im herkömmlichen Sinne, sondern auch zu anderen - vielfältigen - Widerstandsformen sowie Auseinandersetzungen auf der theoretischen Ebene. Ein Teil davon ist auch die Propagierung klandestinen Verhaltens, das zweifelsfrei wichtig ist. Auf der anderen Seite erscheint die radikal seit 20 Jahren kontinuierlich, trotz andauernder Repression. Das und daß sie immer als Teil bzw. Spiegel der Bewegung anzusehen war, hat auch zu dem Mythos beigetragen. Wenn das jetzt konsequent weitergedacht und damit vom Sockel geholt wird, kann jede und jeder sich die Frage selber beantworten. Erstens gibt es keine Organisierung, die perfekt ist, was jede/r für sich nachvollziehen kann, und dabei kommt es nicht auf die Art der Organisierung an. Es bestehen zwar eindeutige Regeln, aber in der Praxis gibt es immer Gründe, warum diese nicht eingehalten werden. Das passiert selbst bei der kleinsten Aktion. Gleichzeitig ist es aber auch so, daß durch diese Fehler die Organisation lebt. Ihre Mitglieder lernen durch persönliche Betroffenheit und es gibt gleichzeitig eine Weiterentwicklung der Organisationsform. So gesehen sind radikal und die durch die Durchsuchungen und Observationen aufgedeckten Fehler und Funde (vorausgesetzt, daß sie sich das nicht alles aus den Fingern gesogen haben) nix besonderes. Es gab in der Geschichte immer wieder solche Begebenheiten: RAF, ETA, Widerstand im Nationalsozialismus sind einige Beispiele dafür. Durch diese Argumentation sollen aber nicht die gemachten Fehler entschuldigt werden. Es soll nur dazu beitragen, den Mythos, den mensch der Zeitung gegenüber aufgebaut hat, aus dem eigenen Kopf zu kriegen. Die Zeitung an sich hebt sich nicht von der übrigen Bewegung ab, sondern ist ein Teil von ihr und sollte deshalb auch so verstanden und unterstützt werden. Zum anderen ist da noch die subjektive bzw. persönliche Ebene: Wie mensch damit umgeht, wenn aufgrund von persönlichem Verhalten z.B. andere beschuldigt werden. Auch diese Situation kann jede/r nachvollziehen, denn wer war noch nicht in einer Situation, in der er/sie einen Fehler gemacht hat. Es ist zwar so, daß das Umfeld oder die Bewegung bis zu einem bestimmten Maße solidarisch damit umgehen muß, aber trotzdem müssen die Personen im Endeffekt allein damit klarkommen. Wie sie sich darin verhalten, liegt dann in den persönlichen Entscheidungen und Beziehungen: Ob eine Aufarbeitung innerhalb des jeweiligen Umfelds geschieht, ob sie sich der Verantwortung stellen und mit den Beteiligten darüber reden oder aber sie sich dem Ganzen entziehen oder sich in Arbeiten stürzen, um das zu kompensieren und z.T. auch unheimlich auf die Wurst hauen. Das ganze ist dann natürlich mit Konsequenzen verbunden. Für eine Solibewegung ist dies eine schwierige Phase. Eine Gratwanderung: Einerseits die Solidarität weiterhin aufrecht zu erhalten und andererseits eine Ebene zu finden, mit den Leuten umzugehen, die das offensichtliche Fehlverhalten gezeigt haben. Das ist nicht immer leicht. kassiber: Danke für das Interview. Die Fragen stellte Willi Leow. Anmerkungen: (1) Quo vadis, Entenvieh macht auch Mist, in: kassiber 29, September 1996, S. 26ff. (2) Vgl. 20 Jahre radikal. Geschichte und Perspektiven autonomer Medien; Hamburg: Libertäre Assoziation, Münster: Unrast, Berlin: Buchläden Schwarze Risse/Rote Straße, Berlin: Edition ID-Archiv, 1996. (3) Einige Lesben aus dem ID [Bremen], Zensur in der Linken? Feministische Inhalte in der radikal, sowie: dies., Worte als Waffen? Lesben/Frauen, linke Presse und politische Zensur; beide in: kassiber 28, Februar 1996, S. 12ff. (Quelle: kassiber Nr. 31, April '97)
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