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Zur Sache!
Als die Sachlichkeit auf der Strecke blieb

(Antwort auf den AAB-"Beitrag zur Diskussion um Sexismus; Interim 493)
 

Wir schätzten uns überglücklich, nach einem Jahr (!) des erwartungsvollen Ausharrens von euch, der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB), endlich das schriftliche Ergebnis der von euch angekündigten intensiven Auseinandersetzung zum Thema "Vergewaltigung" in den Händen halten zu können. Der von euch gewählte Titel "Neue Sachlichkeit" versprach, daß ihr in eurer Entwicklung weitergekommen seid, da sich eure bisherigen Reaktionen auf den Themenkomplex durch Unsachlichkeit auszeichneten. Leider wurden wir mal wieder desillusioniert. Anstelle einer fundierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Bedeutung und Funktion von Vergewaltigung zur Stabilisierung des HERRschenden hierarchischen Geschlechterverhältnisses sahen wir uns mit der vierseitigen (!) Ausformulierung eures ersten, einseitigen Papiers konfrontiert. Die einzige Frage, die uns jetzt noch beschäftigt, ist: weshalb habt ihr für diese polemische Aneinanderreihung von Assoziationsketten ein Jahr gebraucht? Das Einzige, was uns in ehrliches Erstaunen versetzte und auf den ersten Blick positiv auf uns wirkte, war die von euch vorgestellte Definition von Vergewaltigung: "Vergewaltigung ist eine mit physischer oder psychischer Gewalt oder unter Androhung dieser herbeigeführte sexuelle Handlung. Sie ist Ausdruck des sexistischen Verfügungsanspruchs einer Person über eine andere. Dem Opfer bleibt die Möglichkeit, sich dem Zugriff zu entziehen, in Folge von physischer Unterlegenheit und/oder unter Ausnutzung starker Abhängigkeitsverhältnisse verwehrt."

Nach dem vollständigen Lesen eures Textes mußten wir jedoch bedauerlicherweise feststellen, daß der Inhalt dieser Definition komplett relativiert wird. Die Definition scheint offen für verschiedene Formen eines von einer Person als Vergewaltigung benannten sexuellen Übergriffs und orientiert sich nicht an starren gängigen Definitionen (vaginale, orale, anale Vergewaltigung). Da ihr jedoch bei eurem Umgang mit an eure Gruppe gerichteten Vergewaltigungsvorwürfen daran festhaltet, daß euer "Wahrheitsfindungs-Plenum" entscheidet, ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat oder nicht, nehmt ihr den positiven Gehalt eurer Vergewaltigungsdefinition wieder zurück. Ob eine Vergewaltigung als solche bezeichnet werden kann, ist bei eurer Definition an die Frage gekoppelt, ob das Vergewaltigungsopfer sich hätte wehren können oder nicht. Euer Plenum entscheidet damit, inwiefern eine "physische Unterlegenheit" vorliegt (stellt ihr einer vergewaltigten Frau dann bspw. Die Frage, ob sie Kampfsport ausübt/trainiert, und wenn ja, ist sie dann nicht mehr "physisch unterlegen"?). Oder, wer/welche definiert, ob das Vergewaltigungsopfer in "starken Abhängigkeitsverhältnissen" zum Vergewaltiger stand/steht? Kennzeichnend für eure nicht stattgefundene Auseinandersetzung mit dem Thema Vergewaltigung ist auch die von euch gewählte geschlechtsneutrale Verwendung des Begriffes "Person" anstelle von "Frau" und "Mann", Wenn innerhalb der feministischen Diskussion um Vergewaltigung die Begriffe "Opfer" und "Täter" in der Regel an ein Geschlecht gekoppelt sind, dann hat das einen Grund: Vergewaltigung ist eins der wirksamsten Herrschaftsinstrumente der heterosexistisch strukturierten Gesellschaft. Die Mehrzahl der von Vergewaltigung betroffenen Menschen sind FRAUEN, die von MANNERN vergewaltigt werden. Das heißt nicht, daß die Opfer nur Frauen und die Täter nur Männer sind. Wir bestreiten nicht, das es auch Vergewaltigungen von Frauen durch Frauen gibt, da für diesen "sexistischen Verfügungsanspruch einer Person über eine andere" kein biologischer Schwanz notwendig ist. Auch Männer können Opfer von Vergewaltigung sein. Es ist jedoch notwendig, genau zu analysieren, wo und in welchem Ausmaß Männer von Männern vergewaltigt werden: So z.B. im Knast. Wenn Männer als Inhaftierte von Mithäftlingen /Schließern vergewaltigt werden, werden sie damit zu "Frauen" und verlieren ihre "Männlichkeit". Der Vergewaltiger definiert sich dabei nicht als schwul, sondern als heterosexuell: der Mann, der vergewaltigt ist der Mann, der der vergewaltigt wird ist "die Frau". Vergewaltigungen von Männern durch Männer finden auch in Polizeigewahrsam statt, wo sie als Foltermethode dienen. Auch schwule Männer vergewaltigen Männer. Aber auch dort finden Übertragungen der heterosexuellen Gesellschaftsstruktur statt, nach dem zweigeschlechtlichen Muster Frau = schwach, Mann = aktiv = stark. Theoretisch könnten Männer auch von Frauen vergewaltigt werden, faktisch findet dies jedoch nicht statt, da Frauen nicht in der herrschenden gesellschaftlichen Position wie Männer sind. Zudem können Männer das Bedrohungspotential, das eine Vergewaltigung für Frauen beinhaltet, nicht nachvollziehen, da sie keine Sozialisation als Sexualobjekt haben. Indem ihr den Begriff Person verwendet, ohne eine differenzierte Auseinandersetzung zu führen, negiert ihr ein bestehendes und unterdrückendes Machtverhältnis. Das Ziel emanzipatorischer Politik ist es aber, Unterdrückungsverhältnisse abzuschaffen. Wir sind uns nicht sicher, ob wir euch beglückwünschen oder bedauern sollen, daß ihr jetzt in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen seid und euch dort gut aufgehoben fühlt, weil in der "Szene" eurer Ansicht nach autoritäres und vorbürgerliches Gedankengut herrscht. FrauenLesben, die sich wehren und/oder sexistische Strukturen innerhalb der Szene angreifen, werden von euch auf eine Stufe mit Rechtsextremen gestellt. Sie sollen Verständnis und Geduld aufbringen für die "Veränderbarkeit" von Vergewaltigen!. Seid ihr jetzt eigentlich in eurer politischen Arbeit von eurem Motto "Antifa heißt Angriff und dem Slogan "Schlagt die Faschisten wo ihr sie trefft" übergegangen zu Runden Tischen, wo ihr mit Faschos Diskussionen zum Zweck ihrer Veränderbarkeit führt ä la Habermas?

Den an euch gerichtete Vorwurf des Täterschutzes konntet ihr nicht entkräften, da ihr das, was von euch als Täterschutz definiert wird, nämlich "das bewußte Nicht-zur Kenntnis-nehmen, das Negieren von Vorwürfen", welches einhergeht mit der "Abwendung von Kritik an sanktions- oder kritikwürdigen Verhalten", praktiziert. Oder wie war eure "kritische Auseinandersetzung mit der beschuldigten Person" Florian J. über den Kommentar, daß er nicht zu euch gehört, hinaus? Ist gemeinsames Biertrinken in Szene-Kneipen "soziale Kontrolle"? Wenn ihr eure "Grenzen, an denen" ihr es "nicht mehr leisten" könnt oder für falsch haltet, "weiterhin auf eine Person einzuwirken" nicht benennt (oder keine habt), können wir nur feststellen: Für uns ist die Grenze des Zumutbaren erreicht!

Einige FrauenLesben aus Berlin

P.S. Gemeinsam mit Adorno finden wir es entsetzlich, wie ihr schöne Zitate verhunzt!

Quelle: Interim 494

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