| Niemand
wird das kurdische Volk vom Widerstand abhalten können
Interview
mit Duran Kalkan
Der Journalist Baki
Gül sprach für die Nachrichtenagentur Firat (ANF) mit KCK-Exekutivratsmitglied
Duran Kalkan. Kalkan erklärte in dem am 3. August 2010 veröffentlichten
Interview, dass die Angriffe auf das kurdische Volk vom türkischen Innenminister
Beşir Atalay organisiert worden seien. „Nach dem Befehl das Nur-Gebirge
zu räumen, hat man angefangen die Region in Brand zu setzen. Momentan
brennen überall die Wälder. Aufgrund dieses Befehls kam es zu den Ereignissen
in Hatay/ Dörtyol. Die Ereignisse Bursa/Inegöl und Hatay/Dörtyol 1
tragen die Unterschrift der AKP und des Innenministers Atalay“, so Kalkan.
Kalkan warnte die Bevölkerung und rief dazu auf, sich vor Angriffen zu
schützen.
Die aktuellen Auseinandersetzungen um die kurdische Frage haben zu kritischen
Ereignissen in Kurdistan und der Türkei geführt. Die Lage nach dem 1.
Juni 2010 führte dazu, dass der Krieg sich von Kurdistan
in die Türkei ausweitete. Guerillaangriffe fanden sogar bis an die Schwarzmeerküste
und das Mittelmeer statt. An der Grenze zum Irak musste das türkische
Militär wegen der heftigen Angriffe der Guerilla einige Stützpunkte räumen.
Jeder Aktion der Guerilla führte sehr schnell zu politischen Reaktionen.
Die kurdische Bevölkerung beerdigte zahlreiche gefallene GuerillakämpferInnen
und rief dabei immer wieder dasselbe Wort: Rache!
Auf Seiten des Staates hat die Regierungspartei AKP eine Front mit den
Oppositionsparteien MHP und CHP, dem Generalstab und der türkischen Presse,
die für ihre Spezialkriegsmethoden bekannt sind, gebildet.
In der vergangenen Woche wurden die Guerillaangriffe an verschiedenen
Orten, so etwa in Inegöl, Dörtyol und in der Umgebung von Erzîrom als
Vorwand genommen, um KurdInnen zu attackieren. Die erfolgten Angriffe
lassen Erinnerungen an die Angriffe auf die ArmenierInnen, die GriechInnen
und AssyererInnen in der Vergangenheit hochkommen. Die Genozide an diesen
Völkern wurden ins Gedächtnis gerufen.
ANF sprach mit dem KCK-Exekutivratsmitglied Duran Kalkan über die kurdische
Frage in der Türkei, die Lynchversuche an der kurdischen Bevölkerung,
die Berichterstattung über die PKK in den türkischen Medien, die Verfassungsänderungen
der AKP und was diese mit den Änderungen bezweckt sowie über die Haltung
der KCK gegenüber diesen Fragen.
Hier das komplette Interview:
ANF:
Sie haben die Phase nach dem 1. Juni als „vierte Phase“ bezeichnet. Nun
sind zwei Monate vergangen. Die militärischen Gefechte haben sich sehr
ausgeweitet und auch in der Gesellschaft kam es zu krassen Ereignissen,
beispielsweise in Inegöl und Dörtyol.
Wie haben der Staat, die türkische Öffentlichkeit und das kurdische Volk
dies alles kommentiert? Wie bewerten Sie die Vorkommnisse der letzten
zwei Monate?
Duran Kalkan:
Zunächst möchte ich all unseren FreundInnen, die in den letzten zwei Monaten
gefallen sind, mit Respekt gedenken. Ich teile das Leid der Familien unserer
Gefallenen. Diese Phase ist sehr wichtig. Krieg ist immer schmerzvoll.
Er ist niemals der Wunsch aller und wird nicht uneingeschränkt befürwortet.
Unsere Meinung über den Krieg ist, dass wir ihn nicht befürworten, wenn
es einen anderen Ausweg gibt.
Das Volk stimmt uns auf dieser Basis zu. Die Probleme sollten auf demokratischer
Grundlage gemeinsam mit dem Volk gelöst werden. Das ist unser Wunsch.
Was diese Frage betrifft, wird man bei der Erforschung der Vergangenheit
der PKK zu denselben Ergebnissen kommen. Es gab immer wieder Phasen, in
denen wir den Krieg erklären mussten.
Wenn man die Gründe betrachtet, sieht man jedoch, dass es eine 17 Jahre
dauernde Zeitspanne gab, die schwerste Bedingungen und zahlreiche Verluste
mit sich gebracht hat.
Diese wurde unsererseits „Phase der demokratischen Lösung und des Friedens“
genannt. Das Volk und die Bewegung hatten sich um den Vorsitzenden herum
versammelt und ihn unterstützt. Wir wollten, begonnen bei der kurdischen
Frage und der Demokratisierung, auch den kleinsten Funken Hoffnung nutzen
um die Probleme auf friedliche bzw. demokratische Weise zu lösen. Doch
haben die jeweiligen Beteiligten der anderen Seite nicht mitgemacht. Im
Gegenteil, das alles wurde als Schwäche unserer Bewegung und unseres Volkes
gewertet.
Man wollte uns zum Spielball machen, die Gewalt wurde ununterbrochen auf
die Spitze getrieben. Der Prozess wurde in die Länge gezogen, wir wurden
hingehalten und man versuchte uns zu liquidieren. Eine Lösung wurde so
verhindert. Reaktion, Despotismus und Faschismus wurden am Leben gehalten.
Diese Fakten zwangen uns dazu, einen neuen Beschluss zu fassen.
Das ist aber keinesfalls unser präferierter Weg. Wir waren gezwungen solch
einen Schritt zu tun. Unser Exekutivrat hat dies in der Erklärung vom
1. Juni auch offen dargelegt. Der Vorsitzende bewertet die Lage ebenso.
Auch das Volk ist da der gleichen Meinung. Wenn dies nicht der Fall wäre,
hätten wir diesen Beschluss gar nicht gefasst. Dieser Beschluss wäre andernfalls
vom Volk gar nicht unterstützt worden.2
Die vergangenen zwei Monate waren sehr schwer. Auf beiden Seiten gab es
militärische Verluste. Erneut wurde deutlich, dass Ankündigungen wie „Wir
vernichten die PKK“ leere Worthülsen sind. Solche Ankündigungen werden
seit den 1925ern gemacht aber das kurdische Volk steht immer noch auf
den Beinen.
Das, was den KurdInnen aufgezwungen wurde und wird, ist unbeschreiblich.
Dies zu akzeptieren würde bedeuten, seine Würde als Gesellschaft und als
Mensch zu verlieren. Das kurdische Volk, das eines der ältesten der Geschichte
ist, hat dies nicht akzeptiert und wird es auch niemals tun. Seit mehr
als neun Jahren werden in allen Teilen Kurdistans jegliche Art von Massakern,
Assimilation und Intrigen angewandt, aber gegen all dies gibt es einen
beharrlichen Widerstand. Die Gesellschaft akzeptiert ihre Vernichtung
nicht! Sie hat Widerstand geleistet und hat auf diesem Wege zehntausende
von Gefallenen gegeben. Das kurdische Volk wurde in alle Teile der Welt
zerstreut. Viele leben im Ausland. Aber sie haben den Widerstand der Heimat
an jeden Ort, an dem sie leben, getragen und wollen ihre Früchte ernten.
Sie fühlen sich durch diesen Widerstand vertreten und haben all ihre Hoffnung
an ihn gebunden.
Kurz gesagt, sollte man so langsam aufhören, nach Verrätern im kurdischen
Volk zu suchen. Einige Presseorgane, die von sich behaupten, dass sie
demokratisch seien, klappern alle Länder der Welt ab, um den Verräter
in ihren Blättern eine Plattform zu bieten. Angenommen man hat eine Person
auf dieser Weise gewonnen. Kann sie in Kurdistan Fuß fassen?
ANF:
Im Besonderen wird derzeit versucht solche Menschen zu beschwören ...
Kalkan:
Genau das meine ich. Ihr Plan ist, die KurdInnen in Hoffnungslosigkeit
zu treiben. Ihre Schlussfolgerung ist, die PKK soll sich davon provoziert
fühlen bzw. negativ beeinflusst werden, Fehler machen und somit den Widerstand
aufgeben. Mittels Druck, Gewalt und Krieg haben sie es nicht geschafft.
Dagegen leistet die Gesellschaft Widerstand. Die ganze Welt greift an,
aber die PKK steht immer noch auf den Beinen. Die Reaktionäre der NATO,
der USA, Europas und des Mittleren Ostens stehen hinter ihnen, dennoch
können sie die PKK nicht vernichten. Ein solch altes Volk mit einer solchen
Geschichte kann nicht einfach so vernichtet werden. Wenn das kurdische
Volk vernichtet wird, dann wird gleichzeitig ein Stück Menschheit vernichtet.
Der Widerstand des kurdischen Volkes ist ein Menschheitswiderstand. Zusammengefasst
kann man nochmals sagen: Alle Methoden die bis heute angewandt wurden,
haben kein Ergebnis erbracht und das ist allen bekannt. Seit 85 Jahren
wird das kurdische Volk angegriffen und nach dem Militärputsch vom 12.
September ist diese Eskalation entstanden. Doch all dies führte zu nichts.
Die Widerstandskraft der PKK ist sehr stark. Man hätte glauben können,
dass die alte Kraft nicht mehr vorhanden ist, die verschiedensten Methoden
wurden gegen uns angewandt. Aber sie mussten erkennen, dass sie ohne Erfolg
bleiben.
ANF:
Es ist erkennbar, dass die Guerilla sich im Gegensatz zur Vergangenheit
in weiteren Teilen des Landes stationiert hat. Ist das eine neue Art des
Guerillawiderstandes?
Kalkan:
Ja, das ist Fakt. Sie hat sich in weite Teile des Landes ausgebreitet.
In der Guerilla sind Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt; aus der
Türkei, allen Teilen Kurdistans, aus Europa, dem Mittleren Osten etc.
Die NATO und der Generalstab der Türkei können das nicht verhindern3.
Solange diese Gesellschaft lebt, ist diese Tatsache Realität. Erneut wurde
gezeigt, dass unsere Guerilla bis zum Ende Widerstand leistet, dass sie
die Kraft dazu hat, immer weiter in Richtung Sieg zu laufen und das Volk
auf der Seite der Guerilla steht. Das ist das, was wichtig ist.
Presseorgane können diese Fakten verfälschen und verdrehen und ändern
doch nichts daran. Diesen Widerstand leistet das Volk. Das ist Fakt. Das
kurdische Volk weiß ganz genau, dass der Vorsitzende und unsere Bewegung
sich ganz fest an die demokratische Lösung der kurdischen Frage und die
Demokratisierung klammern werden, wenn auch nur der kleinste Hoffnungsschimmer
vorhanden ist. Das zeigt die 17-jährige Erfahrung. Das alles geschah vor
den Augen des Volkes. Es hat selbst gesehen, dass die KCK keine andere
Wahl hatten, als den letzten Beschluss zu fassen. Dem Volk ist klar, dass
es Widerstand leisten muss, um die eigene Würde und Freiheit nicht zu
verlieren. Der Widerstand wiederum ist zur Kultur des kurdischen Volkes
geworden.
Während des ersten Weltkrieges wurde ein Massaker an dem kurdischen Volk
durchgeführt. Die Menschen wurden aus ihrer gewachsenen Historie gerissen
und ihrer Basis beraubt. Ähnlich einem Vogel, dem der Kopf abgerissen
wurde, taumelte das kurdische Volk ohne festen Boden. Mit der PKK und
dem Vorsitzenden Apo hat es sein Gedächtnis zurückerlangt. Nun muss die
Gegenwart und die Kraft dieser Gesellschaft endlich akzeptiert werden.
ANF:
Sie haben eben erwähnt, dass die Guerilla sich vom Schwarzen Meer bis
zu den Nur-Gebirgen verbreitet und stationiert hat. Dazu haben AKP-Funktionäre
und Innenminister Atalay Kommentare abgegeben. Im Besonderen sei hier
die Aussage Atalays erwähnt, der sagte, man müsse diese Region „reinigen“.
Daraufhin kam es zu den Ereignissen in Bursa/Inegöl, Hatay/Dörtyol und
Erzîrom. Wie bewerten sie das?
Kalkan:
Ja, er sagte, „Egal wie. Dieses Gebiet muss gereinigt werden!“ Diese Worte
sind zu verurteilen. Ich möchte sie aber eher verstehen als verurteilen.
Wieso wurde diese Person nicht ihres Amtes enthoben? Seine Aussagen bedeuten
„Verbrennt, stürzt nieder, ermordet und vernichtet“. Solche Worte sollten
eigentlich undenkbar sein. Bisher hat kein Faschist solches ausgesprochen.
Nicht einmal in den 90ern, als der Spezialkrieg in Gang war, wurde so
etwas ausgesprochen. Anweisungen und Befehle dazu wurden zwar erteilt,
aber niemand brachte den Mut auf, öffentliche Aufrufe zu tätigen. Dieser
Vorfall im Zusammenhang mit Atalay bringt Fragen wie „Welche Macht besitzt
er?“, „Wie ist er zum Innenminister geworden?“ und „Welche Rolle spielt
die AKP-Regierung?“ auf.
Das Nur-Gebirge umfasst Mersin, Dîlok, Mereş und Meletî. Dies bedeutet
also, dass all diese Orte verbrannt und niedergerissen werden sollen.
Mittlerweile hört man, dass überall die Wälder brennen. Nach dem Aufruf
Ataleys kam es zu den Ereignissen in Dörtyol.
Die Vollstrecker dieses Geschehens sind zweifelsohne von der Organisation
Atalays. Offiziell ist der Innenminister dafür verantwortlich. Wenn so
etwas nicht verhindert werden kann, dann ist eben der Innenminister verantwortlich.
Aber es geht nicht darum, dass etwas nicht verhindert wurde, er hat die
Anweisung dazu gegeben! Auch wenn nun die MHP sich verantwortlich erklären
sollte. Das entspricht nicht der Realität. Die Vollstrecker dieser Taten
sind der Staat und die Konter-Guerilla höchstpersönlich. Nur deswegen
konnte Atalay den Mut haben und diesen Aufruf machen. Deswegen also wurde
Atalay zum Innenminister, MGK-Mitglied 4
und zum so genannten Koordinator der Initiative ernannt. Er ist effektiver
als Premierminister Tayyip Erdoğan. Aus diesem Grunde sind mir die Fragen,
ob die AKP-Regierung eine Organisation Erdoğans und [Vize-Premierminister]
Bülent Arınçs ist, oder eher eine Organisation von Beşir Atalay, [Vize-Premierminister]
Cemil Çiçek und [Verteidigungsminister] Vecdi Gönüls. Unter dem Begriff
„Sicherheitskomitee“ ist eine Versammlung dieser Personen zu verstehen.
Somit ist deutlich geworden, dass Erdoğan einen Teil seiner Regierung
an die Konter-Guerilla verkauft hat. Es ist aller Welt bekannt, dass Cemil
Çiçek zur „Spezialkriegsabteilung“ gehört und vom Militär deswegen zur
Zivilperson ernannt und beauftragt wurde. Egal wo eine Regierung gebildet
wird, immer ist er da. Als ob er ein unwandelbarer Funktionär des Staates
sei. Parteien ändern sich, aber Cemil Çiçek, Abdulkadir Aksu – seit neuesten
jetzt Beşir Atalay – bleiben.
Wir haben es also nicht mit einer Regierung, sondern mit einer Konter-Guerilla,
der Ergenekon, einer Spezialkriegsregierung zu tun. Leute wie Erdoğan
haben diesen Personen Zugeständnisse gemacht und ihnen Ämter überlassen.
Das haben sie getan, um regieren zu können bzw. um finanzielle Vorteile
zu erlangen.
Die jüngsten Vorkommnisse brachten diese Zusammenhänge zum Teil ans Tageslicht.
Dies wird immer deutlicher. Die sogenannte Initiative war vollkommen hohl.
Atalay war verantwortlich für die sogenannte Initiative. Aber sie hatte
weder Inhalt, noch einen Plan. Die Initiative war das, was Atalay gedacht
und gesagt hat. Man muss sich fragen, woher er so viel Befugnis und Macht
hat? Die hat nicht einmal Erdoğan.
Die Lage zwischen TürkInnen und KurdInnen ist weiter angespannt. Solange
die kurdische Frage nicht gelöst ist und die Demokratisierung sich nicht
entwickelt, wird das auch so bleiben. Die aktuellen Angriffe sind geplant
und organisiert. Vollstrecker ist wie schon erwähnt die Organisation Atalays.
Erdoğan sagte schon in Colemêrg: „Wem es nicht passt kann gehen”. Cemil
Çiçek sagte: „Sie sind an der armenischen Grenze angekommen”. Atalays
Worte sind Drohungen. Mit ihnen will er das Volk ängstigen, damit es vom
Widerstand abweicht und die Guerilla nicht mehr unterstützt. Im Anbetracht
dessen ist auch erkennbar, dass es weitere Pläne gibt.
ANF:
Von welchen sprechen Sie genau?
Kalkan:
Ilker Başbuğ sprach mit Erdoğan bevor er zum Generalstabschef wurde. Nachdem
er zum Generalstabschef ernannt wurde, ist er nach Amed und Colemêrg gefahren.
Er spazierte durch Kurdistan und verkündete seine Meinung über den Krieg.
Anschließend ging er zurück nach Ankara und nahm an unzähligen Versammlungen
teil. Die Regierung und das „Komitee zur Bekämpfung des Terrors“ versammelten
sich. Während dieser Versammlungen fasste man einige Beschlüsse. Vorher
aber haben auch andere Kreise ihre Meinung kundgetan. Beispielsweise hat
der MHP-Vorsitzende Devlet Bahçeli die Pufferzone an der Grenze vorgeschlagen.
Başbuğ benannte seine Spezialkriegstaktiken ja schon vorher. Er sagte
z.B. in einer Rede, dass der Kampf gegen die PKK nicht einseitig verlaufen
könne. Auf ihren Versammlungen also besprachen sie, welche Maßnahmen ergriffen
werden sollen. Diese Versammlungen fanden unter der Leitung des Präsidenten
Abdullah Gül statt. Anschließend traf er sich mit JournalistInnen. Sie
bekamen bei diesen Zusammenkünften die Anweisung sich an der psychologischen
Kriegsführung zu beteiligen. Verteidigungsminister Gönül erklärte: „Hätten
wir in der Vergangenheit die Armenier und Griechen verschont, hätte das
türkische Volk nicht zu seiner Größe gelangen können.” Das zeigte ihren
Plan indirekt auf.
Ein Massaker wurde geplant. Wir wissen nicht in welchen Rahmen dies geschehen
soll. Wir haben diesbezüglich unsere Haltung der Öffentlichkeit mitgeteilt.
Anschließend wurde die Pufferzone an der türkisch-iranisch bzw. türkisch
irakischen Grenze errichtet. Sie leben in der Hoffnung die PKK zu vernichten.
Ich empfehle der Presse dies zu erforschen.
Wenn eine Demokratisierung gewollt ist, dann sollte dies auch bekannt
werden. Verschiedene Putschpläne wurden erforscht. Was dies betrifft ist
die Presse einflussreich. Das gleiche sollen sie in der aktuellen Situation
machen. Sie werden sehen, dass die Regierung in diesen Plan verwickelt
ist und dass diese Pläne viel gefährlicher sind. Die letzten Ereignisse
sind ein Teil dieses Plans.
ANF:
Was werden die KurdInnen gegen all diese Gefahren tun?
Kalkan:
Sie werden natürlich Widerstand leisten. Einen anderen Ausweg gibt es
nicht. Niemand wird das kurdische Volk vom Widerstand abhalten können.
Es ist sehr wichtig zu erkennen wer Freund und wer Feind ist. Man sollte
die Angelegenheit auch nicht durch die nationalistische Brille betrachten.
Täglich können Angriffe geschehen, man muss vorbereitet sein.
ANF: Sind
z.B. Operationen in den Süden [Nordirak] denkbar?
Kalkan:
Wenn ihre Kraft ausreicht, dann ja. Niemand hat die Grenzen gesperrt.
Sie schaffen es nicht, ihre Kraft reicht nicht aus, sie erzielen kein
Ergebnis und können deswegen nichts machen. Jetzt werden sie wieder Überlegungen
anstellen. Wir warten ab. Aber welches Ergebnis sie mit solchen Operationen
erreichen, hat man ja schon in der Vergangenheit gesehen. Unsere Kraft
ist im Vergleich zur Vergangenheit gewachsen. Die Guerilla ist gut vorbereitet.
In solch einem Fall ist die Guerilla eine nationale Kraft; die Kraft der
Verteidigung der nationalen Demokratie und der Selbstverteidigung. Sie
wird auch das kurdische Volk gegen Angriffe jeglicher Art schützen.
ANF:
In der Türkei ist momentan das Referendum [um die Verfassungsänderung]
aktuell. Der Militärputsch vom 12. September wird diskutiert. Die AKP-Regierung
betrachtet sich als Opfer dieses Putsches. Erdoğan hat geweint und verschiedene
Funktionäre haben Kommentare abgegeben. Was soll mit diesen Diskussionen
erreicht werden?
Kalkan:
Letztens habe ich von der Presse erfahren, dass Erdoğan und sein Umfeld
im Jahre 1982 der Verfassung [die vom damaligen Generalstabschef und anschließenden
Bundespräsidenten Kenan Evren angefertigt wurde] zugestimmt haben. Das
sollte ebenfalls erforscht werden. Wenn das wirklich so ist, muss die
Wahrheit aufgedeckt werden. Seine Maske muss fallen. Wenn er ein Befürworter
dieser Verfassung ist, kann er nicht für Demokratie sorgen. Erdoğan spricht
von denen, die ihre Kraft aus diesem Putsch ziehen. Aber wenn ich in die
Vergangenheit zurückschaue sehe ich, dass Erdoğan derjenige ist, der am
meisten davon profitiert hat. Seine Macht ist eine Folge des 12. September
Putsches, des 12. März Putsches und am meisten des 28. Februar; Er stürzte
Erbakan und nahm seinen Platz ein5. Wen
will er denn hinters Licht führen? Wir erkennen das sehr gut.
Das Referendum ist natürlich die Abstimmung der Verfassung des 12. September.
Wir können kaum glauben, dass der Tag des Referendums ausgerechnet auf
den 12. September gelegt wurde. Als ob das auch eine Art von Rache wäre.
Wenn der Verfassung zugestimmt wird, dann wird auch der Rest der Verfassung
legitimiert. Die AKP sagt nur „Nein” zu den Artikeln, gegen die sie auch
schon im Parlament Stellung bezogen hat. Stattdessen hat sie ihr eigenes
Paket eingebracht. Somit will sie „Nein” zur Verfassung des 12. Septembers
sagen. Die MHP sagt auch „Nein”. Zu was? Zu den Änderungen der AKP. Sie
befürwortet die momentane Verfassung. „Ja” und „Nein” bedeuten nichts
weiter als die Befürwortung der Verfassung des 12. September. Sie soll
nur noch einmal vom Volke „bestätigt” werden. Das ist ein sehr hinterhältiges
Spiel. Der 12. September soll legitimiert werden.
Dafür soll die Unterstützung des Volkes gewonnen werden. Es werden Briefe
der Opfer dieses Putsches gelesen. Ich möchte keinen harten Ton anschlagen,
aber dieser Versuch ist nicht nur sehr billig und oberflächlich, sondern
auch gleichzeitig sehr gefährlich. Man kann prinzipienlos und beleidigend
sein, aber nicht in diesem Ausmaß! Als die Opfer des Putsches der Todesstrafe
ausgesetzt wurden, befürwortete Erdoğan diese Verfassung! Wieso erforscht
die Presse das nicht? Wieso wird das nicht hinterfragt? Woher nimmt er
den Mut jetzt einfach zu weinen? Meiner Meinung nach ist das nur Theater.
Das kurdische Volk wird weder Ja noch Nein sagen. Die Verfassung ist nicht
akzeptabel.
Der Militärputsch vom 12. September hat Kurdistan noch einmal besetzt,
tausende Menschen verhaftet und gefoltert. Tausende wurden massakriert
und werden es heute immer noch. Alles wurde verboten, eingeschlossen der
Muttersprache. Bei dieser aktuellen Änderung der Verfassung ist das kurdische
Volk erneut nicht vertreten. Diese Verfassung ist eine, die die Massaker
befürwortet. Wieso soll das kurdische Volk dazu Ja sagen? Keiner, der
von sich behauptet Mensch zu sein wird das tun. Mit einer umfassenden
Boykottkampagne sollten diese Änderungen zurückgewiesen werden. Somit
sollte der Demokratisierung der Weg geebnet und die Basis einer neuen,
zivilen Verfassung geschaffen werden. Die AKP will ihre Regierung mit
dieser Änderung konsolidieren. Außerdem will sie den Fortbestand der Verfassung
vom 12. September, die sich nicht mehr legitimieren kann, am 30. Jahrestag
verlängern. Das muss boykottiert werden.
Diese Boykottkampagne könnte in eine Kampagne für eine neue Verfassung
gewandelt werden.
ANF:
Je intensiver die Guerillaaktionen werden, desto stärker versuchen die
türkischen Medien die Guerilla mit dem Tiefen Staaten, der Ergenekon,
in Verbindung zu bringen. Wie bewerten Sie dies?
Kalkan:
Diese Strategie ist deutlich und ist im Rahmen der Spezialkriegskampagne
zu betrachten. Diejenigen, die daran beteiligt sind, kennen die Wahrheit.
Trotzdem arbeiten sie daran, da der psychologische Kampf dies verlangt.
Sie wollen das Volk täuschen. Einen anderen Sinn hat diese Kampagne nicht.
Jeder weiß ganz genau, dass die PKK diejenige Organisation ist, die immer
gegen Ergenekon gekämpft hat. Wenn die Ergenekon heute vor Gericht kommt,
dann nur wegen ihrer Niederlage gegen die PKK. Wer mit der Ergenekon befreundet
war, ist heute verfeindet. Die AKP-nahe Presse hat ebenso wie die AKP
keine Prinzipien. Ihre einzige Maxime ist der eigene Profit. Ich kann
ihnen Folgendes dazu sagen: Der Hund bellt, die Masse läuft! 6
Sie bellen, die Freiheitsbewegung läuft! Man sagt, dass sie auch über
uns einiges berichten. Unsere Bewegung ist bekannt. Das kurdische Volk,
die ArbeiterInnenkräfte und die patriotischen DemokratInnen stehen der
Bewegung positiver gegenüber je mehr die Presse dieses verbreitet.
Fußnoten:
1) Lynchversuche an der kurdischen Bevölkerung
2) U.a die Erklärung der KCK bezüglich des Endes der Waffenruhe: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2010/22/02.htm
3) In der Vergangenheit hat der türkische Generalstab das „Verhindern
der Beitritte zur Guerilla“ als Ziel erklärt.
4) „Nationaler Sicherheitsrat“ der Türkei
5) Am 12. September und am 12. März fanden Militärputsche in der Türkei
statt. Am 28. Februar 1997 trennte sich Erdoğan von der damaligen ‘Refah
Partisi’ (Wohlfahrtspartei) und gründete die AKP. In der Türkei wird in
diesem Zusammenhang vom ‘postmodernen Putsch’ gesprochen.
6) türkisches Sprichwort: it ürür, kervan yürür
Quelle: ANF, 03.08.2010,
ISKU
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