Ins 24. Jahrhundert fühlt man sich als Leser einer
Pressemeldung des »AREA 1999 - Projektbüros« versetzt.
»Planet Buchenwald - Deep Space Weimar« heißt ein
Vorhaben, das Jugendliche an die Geschichte dieser Orte
heranführen soll. Die Wortwahl löst - sicherlich gewollt -
Assoziationen zur amerikanischen Science-Fiction-Serie
»Star Trek« aus. Konsequent verfolgt das Projekt diese
sprachliche Assoziation weiter. Die jugendlichen Besucher
des Ortes sollen mit »space-scouts« auf die Suche nach
»schwarzen Löchern« geschickt werden, in denen Geschichte
verschwunden sei. Vielleicht findet man ja einen »Doorway«
- hier fälschlich »Schneisen« genannt -, durch den man in
vergangene Zeiten eintauchen kann. Was dann an
Geschichtsbild herauskommt, könnte etwa folgendermaßen
aussehen:
Hoch auf dem Berge, auf dem »Planet«, haben Klingonen
(Synonym für die SS?) eine Kolonie errichtet, in der
Humanoide (die Häftlingsgesellschaft?) gefangen gehalten
werden. Unten im Tal, »Deep Space«, existiert ein
Außenposten der Zivilisation. Den Austausch zwischen dem
Planet und Deep Space stellen Ferengi her, die bekanntlich
aus allem Profit schlagen wollen. Durch unbekannte Signale
alarmiert (meint man damit etwa die Funkgeräte, die die
Internationale Militärorganisation der Häftlinge gebaut hat?)
schafft es die Besatzung des Föderations-Raumschiffes USS
Enterprise (sind das die alliierten Truppen?), die schreckliche
Herrschaft der Klingonen zu beenden und die hilflosen
Humanoiden zu befreien. Die Welt ist wieder durch die
Guten vor dem Untergang gerettet worden. Die Klingonen
verschwinden daraufhin in den Weiten des Raumes und
wurden nicht mehr gesehen. Und egal. wie kritisch die
Situation auch war, jeder Fernsehzuschauer weiß, daß es -
nach vielen Werbeunterbrechungen - am Ende einer Episode
ein Happy-End geben wird. So etwa könnte man sich als
erfahrener Trekky die Geschichte vorstellen, doch mit den
realen historischen Verhältnissen in Buchenwald und
Weimar hat das nichts zu tun.
Was also soll diese Adaption von Jugendkultur? Glaubt
man etwa, auf solche Art junge Menschen besser ansprechen
zu können? Jeder Gedenkstättenpädagoge weiß, daß für
heutige Jugendliche die Geschehnisse von vor über 50 Jahren
oft so weit weg sind wie historische Ereignisse des
Mittelalters oder Altertums. Es käme also darauf an,
aufzuzeigen, daß das Geschehen in Buchenwald tatsächlich
etwas mit dem heutigen Leben der jungen Menschen zu tun
hat. Sei es, indem man versucht, nachzuzeichnen, welche
Konsequenzen die hier begangenen Verbrechen gegen die
Menschlichkeit hatten, sei es, daß man einen Bezug über
Identifikationen z. B. mit Kindern und Jugendlichen, die
ebenfalls in Buchenwald inhaftiert waren, herstellt.
Sicherlich erreicht man das nicht, wenn die Distanz von
Jugendlichen zum historischen Ort durch Star-Trek-
Assoziationen noch vergrößert und der reale Ort mit der
Phantasiewelt vermischt wird. Wie weit junge Menschen
damit »die Zukunft der Geschichte gestalten« können - so
der anspruchsvolle Untertitel des Projekts -, ist mehr als
zweifelhaft.
Aber vielleicht ist das auch eine zu weitgehende
Interpretation. Der weitere Text der Pressemeldung vermittelt
eher den Eindruck, als habe man einen »jugendgemäßen«
Titel für ein Projekt gesucht, um Fördermittel des
Bundesfamilienministeriums zu bekommen, um so den
sichtbaren Mangel an pädagogischen Mitarbeitern in der
Gedenkstätte Buchenwald zu kompensieren. Tatsache ist, daß
die Gedenkstätte in den vergangenen Jahren eine deutliche
Zunahme an Besuchern verzeichnete, jedoch durch die
Personalsituation nicht in der Lage ist, den zahlreichen
Nachfragen nach Führungen zu entsprechen. Damit dies im
Zusammenhang mit dem Jahr 1999, wenn Weimar
»Kulturstadt Europas« sein wird, kein zu offensichtliches
Defizit wird, sollen 15 Freiwillige aus verschiedenen
europäischen Ländern die pädagogische Abteilung
unterstützen. Ihre Aufgabe soll es dabei sein, Schulklassen
und andere Jugendgruppen in Buchenwald und Weimar als
»Scouts« zu begleiten.
Zu begrüßen ist, daß hiermit bewußt eine Verbindung
zwischen beiden Orten hergestellt wird. Denn es kann nicht
angehen, daß sich Weimar als Hort deutscher Kultur
präsentiert, jedoch die andere Seite deutscher historischer
Realität, die faschistische Barbarei, außerhalb des
Blickfeldes bleibt. Das KZ Buchenwald im Schiller-Museum
zu präsentieren und Exponate des Goethe-Hauses auf dem
Ettersberg zu zeigen, ist eine sinnvolle Verknüpfung, die den
Widerspruch zwischen Kultur und faschistischer Unkultur,
den »Zivilisationsbruch«, wie es im Projekt genannt wird,
verdeutlichen kann.
Die ebenfalls geplante Freilegung einer Schneise zwischen
dem Musenhof und dem KZ-Gelände dagegen scheint eher
eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu sein.
Es sei auf das 3. Jahrtausend hin unabdingbar, diesen
Zivilisationsbruch zu verstehen, betonen die Initiatoren. Doch
welches historisches Verständnis kann entstehen, wenn
totalitarismustheoretische Vorgaben jeder Erkenntnis
vorgeschaltet werden? So wird die Gedenkstätte
gleichgewichtig als Ort des KZ und des Internierungslagers
charakterisiert. War es in den abschließenden Empfehlungen
der Historiker-Kommission noch unstrittig, daß das KZ das
Hauptgewicht haben müsse, findet hier ein schleichender
Nivellierungsprozeß statt, der mit dem ursprünglichen
Ansatz, das Internierungslager als Folge der faschistischen
Herrschaft zu erklären, immer mehr auseinandergeht.
Gleichzeitig sollen die Freiwilligen auf eine Interpretation
eingeschworen werden, die die Arbeit der Gedenkstätte in
früheren Jahrzehnten denunziert. Heute sei Buchenwald ein
»offener Ort«, vor 1989 sei er dagegen »eingeschnürt in eine
Deutung, die die DDR legitimieren sollte, aber den
Menschen wenig zu sagen hatte«, heißt es in der
Projektausschreibung.
Richtig ist, daß die Nationale Mahn- und Gedenkstätte
Buchenwald dem antifaschistischen Selbsterweis der DDR
diente. Doch erhob die DDR den antifaschistischen Anspruch
- trotz aller heute diskutierbaren Einschränkungen - nicht
durchaus zu Recht? Und in diesem Zusammenhang hatte die
Gedenkstätte den Menschen - nicht nur in der DDR - viel zu
sagen. Jährlich kamen mehrere hunderttausend Besucher auf
den Ettersberg - mit innerer Anteilnahme und nicht nur
»verordnet«, viele von ihnen auch aus dem Ausland.
Heute wolle man jungen Menschen keine »vorgefertigte
Erzählung übermitteln«, sondern sich dem Besucher »für
seine ihm eigenen Perspektiven« präsentieren. Offenheit mag
richtig sein, aber welche Perspektiven haben junge Menschen
auf Geschichte? Ist es aufgrund der historischen Distanz nicht
vielmehr notwendig, ihnen Hilfestellungen zu geben, damit
sie zu historischen Erkenntnissen gelangen? Ansatzpunkte
gäbe es genug. Da wäre die dauerhafte personelle
Absicherung der Jugendbegegnungsstätte über das Jahr 1999
hinaus oder die Unterstützung der ungeliebten Workcamps
von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N., an denen in den vergangenen
Jahren viele engagierte Jugendliche teilnahmen. Es bedarf
keiner krampfhaften »Star Trek«-Adaption, um junge
Menschen anzusprechen. Es ist vielmehr eine Aufgabe zu
zeigen, daß - um im Bild zu bleiben - es nicht reicht, mal
eben mit der USS Enterprise durch Zeit und Raum zu jetten
und dabei einen Abstecher auf den Ettersberg zu machen, um
Geschichte zu begreifen.
Dr. Ulrich Schneider, Kassel