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Quelle: Pressegruppe des 12. Antifa-Workcamps Mittwoch, den 26. 7. 2000
Nun lebet wohl und werdet Kämpfer
Wir trafen abgekämpft von der Gedenkstättenführung in Mittelbau-Dora und von der Störung des
öffentlichen Bundeswehrgelöbnisses im Mon Ami ein. Eine kleine, sehr schmale Frau in
schwarzer Kleidung stand geduldig auf uns wartend im Vorraum und begrüßte alle Eintreffenden
mit einem freundlichen Nicken.
Hanne Hiob-Brecht und Gabriele Schwarz gestalteten uns einen
Abend, der nach diesem langen und ereignisreichen Tag noch einmal sehr deutlich bewußt
machte, warum wir uns hier jedes Jahr wieder im Antifa-Workcamp Buchenwald treffen und
gemeinsam auf dem KZ-Gelände arbeiten. Letzte Briefe aus Konzentrationslagern und
Gefängnissen. Sehr ruhig und alle Konzentration des Publikums mobilisierend las die Tochter
Brechts die Zeugnisse des faschistischen Terrors aus vergangenen und heutigen Tagen.
Die Stimme von Gabriele Schwarz war alles andere als eine bloße musikalische Untermalung. In
Ergänzung wechselten Gesang und Lesung. Bei der anschließenden Diskussion erhielten wir
Antwort auf konkrete Fragen der Musikauswahl, Textauswahl und der früheren Reaktionen auf
das mehrere Jahre alte Programm. Vor ein paar Jahren gab es eine Bombendrohung. Gefunden
wurde nichts Explosives, aber Hanne begann ihre Lesung mit der Information hierüber und der
Frage, ob die Leute unter diesen Umständen nicht lieber nach Hause gehen wollen. Das wollten
sie nicht "...und so mußte ich auch bleiben." In Jena erlebten die beiden, was wir
auch aus eigener Erfahrung wissen, daß es nämlich keine Bomben braucht, um eine
antifaschistische Veranstaltung platzen zu lassen. Der Veranstaltungsraum wurde hier so
kurzfristig verlegt und die Mobilisierung war so minimal, daß viele das Programm verpaßten.
Lesungen an Schulen machen einen Großteil der Auftritte aus. Die Verbindung läuft über
engagierte LehrerInnen. Einige SchülerInnen aus dem Workcamp nahmen den verbleibenden Packen
Programmzettel mit zur Versendung und Verteilung an Schulen nach dem Motto: Was die Pauker
können, können wir besser! Als eines der letzten Lieder sang Gabriele Schwarz die
"Kinderhymne" von Brecht, an der sich dann auch eine kurze, aber lebhafte
Diskussion entzündete. Hanne stieg ein mit dem Kommentar "Ein furchtbares Lied!"
Auf unsere Frage, warum sie es nicht mag, sagte sie: "Naja, das hat der Brecht
geschrieben. Der hat eben Deutschland trotzdem geliebt." Einer aus dem Publikum meinte,
daß es schade sei, daß es nicht die Hymne der DDR geworden wäre.
Die Briefe, die zum Teil
auch von Hanne selbst in Gesprächen mit überlebenden Homosexuellen, Sinti und Roma und Juden
aufgezeichnet wurden, sind dem sehr empfehlenswerten Dokumentenbuch "Erkämpft das
Menschenrecht" entnommen. Brisant an diesem Abend waren die brennende Aktualität der
Texte und Lieder und die Vermittlung, daß uns dieses Scheiß-Land und alles, was hier
passiert, unmittelbar angeht.
Das große Carthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig
nach dem ersten. Noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem
dritten.
K. aus M.
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