Katutura

Katutura ist das "Soweto Windhoeks". Ein ehemaliges township, in das 1959 unter südafrikanischer Besatzung die schwarze Bevölkerung verfrachtet wurde. Das löste zunächst einen Aufstand aus, der niedergeschossen wurde: 13 Tote. In der nachfolgenden Repressionswelle bildete sich aus den verschiedenen schwarzen Widerstandsorganisationen schließlich die SWAPO heraus. Inzwischen hat sich die Regierung um bessere Häuser gekümmert. Die Häuser werden für 10-12 000 € verkauft; da die Leute einen Kredit aufnehmen können, kann man sich das als einfacher Arbeiter gerade so leisten. Das meiste hier ist Working Class, kleine, einstöckige Häuser, mit Wasser und Stromanschluss.

An den Rändern franst Katutura aus in squatter camps, Wellblechhütten im Dreck.


Khomasdal, Goreangab, Otjomuise, Wanaheda, Katutura Central sind die richtigen townships, "where social conditions are poor, and some of the communities are depraved of economic opportunities (...) Economic apartheid has replaced racial apartheid." schreibt André Du Pisani, Philosophie- und Politikprof an der Uni hier, in "The Namibian". "In response to escalating levels of violent crime, the Central Business District of Windhoek will be under CCTV camera surveillance soon, and the middle-class suburbs are increasingly characterised by gated communities. On the other side of the urban divide is the township ghetto characterised by poverty and everyday violence." Die Trennung könnte krasser nicht sein: ich wohne in einem kleinen Apartment, nett gelegen, mit elektrischem Zaun auf der Mauer und einer Alarmanlage. Noch keine richtige gated community, aber auf jeden Fall der Anfang dazu.

Jenseits des offiziellen, schoenen friedhof, auf dem, wie mir stolz erzaehlt wurde, "alle: Protestanten, Katholiken, Juden, Weisse, Schwarze" begraben werden, liegt in Katutura der Friedhof, auf dem die anderen begraben sind. Hier liegen vor allem AIDS-Tote. Namibia hat eine HIV-Rate von 33 Prozent, eine der hoechsten der Welt (prozentual gesehen; in absoluten Zahlen sieht das anders aus)

Es gibt viele shebeens, illegale Bars, aus denen laut Kwaito dröhnt. Die shebeens selbst können feste Häuser sein oder Wellblechverschläge. Als die Regierung vor ein paar Wochen beschloss, ein 14 Jahre altes Gesetz durchzusetzen, das eine Lizenz fuer den Alkoholausschank vorschreibt, und die shebeens zu räumen, protestierten die BesitzerInnen zwei Wochen lang vor dem Tintenpalast (dem Parlamentsgebaeude). Die Regierung gab nach, die shebeens werden geduldet. Das Problem Alkohol ist vielfaeltig: einerseits sind die shebeens fuer die arme township-Bevoelkerung die einzige Moeglichkeit, am Wochenende rauszugehen, Musik zu hoeren und sich zu amuesieren, andererseits gibt es ein echtes Alkoholproblem. Viele Maenner versaufen ihren kargen Lohn, die shebeens sind unhygienisch und tragen zur Verbreitung von Krankheiten bei, und einige Politiker besitzen selbst shebeens (der Deal ist: die Wirte koennen umsonst wohnen, wenn sie den Gewinn aus dem Alkoholverkauf an den Besitzer weitergeben) und kassieren kraeftig mit.
Adolf bestätigt mir, was ich schon in den Gesprächen mit meinen Vermietern und meiner ersten Zeitungslektüre vermutet habe: In Namibia werden die Konflikte möglichst klein gehalten, aus Angst, ein Hochkochen könnte zu ähnlichen Katastrophen führen wie in Zimbabwe oder anderen afrikanischen Ländern. Dabei gibt es genug: die weisse Presse und der ehemalige Präsident, Sam Nujoma (der einen sehr autokratischen Führungsstil pflegte und sich als den Befreier Namibias darstellt) gerieten mehrfach aneinander. Nujoma wiederum kanzelte erst letzte Woche eine Veteranenorganisation ab, die auf die erbärmliche Lage der meisten alten SWAPO-Kämpfer hinwies und Entschädigungen forderte. Diamantenarbeiter haben letzte Woche die Arbeit niedergelegt. Sie streiken für bessere Verträge (sie mussten Akkordverträge unterzeichnen) und für die Anerkennung ihrer Gewerkschaft durch die Minengesellschaft. Die Verträge werden jetzt nochmal überarbeitet.

Alle scheinen froh zu sein, dass Nujoma inzwischen von einem neuen Präsidenten (Hifikepunye Pohamba) abgelöst wurde. Der Kontrast zwischen dem neu gebauten (und noch nicht bezogenen) Sitz des Präsidenten (das State House, über das hier der Witz geht, wenn George W. das sehen würde, würde er das White House aufgeben) und den Wellblechhütten in Katutura könnte allerdings größer nicht sein.
Land ist das Hauptproblem. In einem Staat, der dreimal so groß ist wie Deutschland und halb so viele Einwohner hat wie Berlin (ca. 1,5 Mio.), kann niemand von 1000 Hektar Land leben, da der Boden (bis auf die Gebiete im Norden) so trocken ist, dass höchstens Tiere – Rinder, Kudus, Oryx – gehalten werden können. Die Landreform, die 1994 begonnen wurde und die Verteilung von Land gerecht regeln sollte, hat bisher nur wenig gebracht. Weiße Farmer, die ihr Land verkaufen wollen, müssen es zuerst der Regierung anbieten; diese verteilt das Land dann unter schwarzen Farmern. Das Problem ist, dass die Farmen unter mehreren Leuten aufgeteilt werden, so dass für den Einzelnen nur 1000 – 2000 Hektar bleiben; davon kann eine Familie nicht einmal richtig leben, geschweige denn wirtschaften. Die SWAPO-Parteibonzen haben sich natürlich schon die Pfründe gesichert und besitzen riesige Farmen. Auf den kleinen Farmen wird das Land überbewirtschaftet und geht schnell zugrunde.
Stadttour

Ich bin unterwegs mit einem resoluten Österreicher namens Adolf, der mich und vier andere Touris durch Windhoek fährt.
Die Christuskirche ist das Wahrzeichen Windhoeks, man kann sie von fast überall sehen; die Kirche wurde 1907 gebaut, in einer ziemlich speziellen Mischung aus Art Nouveau und neugotischem Stil. Innen eine lange Eisenplakette, auf der die Namen der Deutschen verzeichnet sind, die während des Hereroaufstandes starben: Siedlerfamilien, Schutztruppenangehörige usw.

Draussen, direkt vor der Christuskirche, sieht ein Reiter der Schutztruppe arrogant auf die Stadt runter. Daneben, vor dem jetzigen Parlamentsgebäude, stehen drei Statuen der wichtigsten Unabhängigkeitskämpfer, jeweils einer von den größten Volksgruppen. Überall gibt es Symbole, Denkmäler, Strassennamen, Gebäude, die an Kolonialzeit oder Befreiungskampf erinnern. Die Christuskirche und das Reiterdenkmal stehen am oberen Ende der Fidel-Castro-Street. Deutlicher als in diesem urban space könnte man die Widersprüche kaum zeigen, die das ganze Land prägen.