11 August
2006

Medien

Ich liefere mal noch ein besseres Oryxherdenbild nach:




Ausserdem noch ein paar Stadtfotis:








Jetzt aber zum Thema:



Der Mann hält in seiner Hand alle Tageszeitungen, die es hier gibt. Der Zeitungsmarkt ist nicht sehr gross, die Auflagen der Tagesblätter liegen zwischen 5500 und 35 000.

Die "Allgemeine Zeitung", die die deutsche community hier versorgt und daher auch die kleinste (aber, wie gesagt, die mit der kaufkräftigsten Kundschaft) ist, hat im letzten Jahrzehnt einen enormen Liberalisierungsschub durchgemacht. Früher stramm auf "Heim-ins-Reich"-Linie, danach auf Apartheid getrimmt, bezeichnet der Chefredakteur sie jetzt als liberal. Mein Eindruck ist allerdings, dass sie immer noch von ihrer Kundschaft geprägt ist (was mittlerweile einen Widerspruch zwischen urbanen, liberalen Deutschen und konservativeren Farmern mit sich bringt, deswegen auch die Artikel über "fehlende Verantwortung" bei den Farmarbeitern. Ich habe ja schon erzählt, wie da über "meine Neger" geredet wird). Die AZ ist eher regierungskritisch und vertritt sozusagen die Interessen ihrer Leserschaft. z.B. beglückwünschte sie (was sonst eher selten, also nie, vorkommt) den Ex-Präsidenten Sam Nujoma, als der die Veteranenorganisation abwatschte, die so hohe Forderungen gestellt hatte (s.u.). Denn, so die AZ, ansonsten bestünde die Gefahr, dass in Namibia das gleiche passiert wie in Zimbabwe, wo die Krise damit anfing, dass Mugabe die Veteranen grosszügig auszahlte. Höhepunkt der Krise, wie Ihr wahrscheinlich wisst, war, als Ende der 90er die weissen Farmer brutal von ihrem Land geschmissen wurden. Dass die Landreform in Namibia ein solches Ende finden könnte, ist die größte Angst der hiesigen Farmer. (allerdings will das hier nun wirklich niemand, da das in Zimbabwe ja ziemlich unschön endete. Ich hab das Landproblem ja schon erklärt). Ansonsten erinnert die AZ stark an ein beliebiges deutsches Lokalschmierblatt, Feiern des Kaninchenzüchtervereins inbegriffen...
(Im Übrigen entschuldige ich mich bei herrn e. für die Falschinformation, die AZ habe eine liberale Tradition)

Den "Republikein" kann ich schwer einschätzen, weil ich leider des Afrikaans nicht mächtig bin. Er ist aber neben dem "Namibian" die beliebteste Tageszeitung. Man sollte nicht denken, Afrikaans sei nur die Sprache der Buren, also der südafrikanischstämmigen Weißen (wobei es in SA – und dementsprechend auch hier – ja auch englischsprechende Weiße gibt, aber das ist ein anderes Thema). Durch die Besatzung seit 1915 ist Afrikaans allgemeine Umgangssprache geworden, und es sprechen mehr Leute Afrikaans als Englisch. Englisch ist inzwischen offizielle Landessprache, weil die Regierung Afrikaans als die Sprache der Kolonialmacht sieht; man versucht das mit Englischkursen in den Schulen & im Radio auszumerzen. Afrikaans also wird durchaus von einer Mehrheit hier gesprochen. Soweit ich das mitgekriegt habe, ist der "Republikein" liberal, stark regierungskritisch (was ihm auch schon Probleme einbrachte).

Die "New Era" gehört der Regierung und ist dementsprechend vor allem Verlautbarungsorgan. Allerdings hat mir sogar der Chefredakteur der AZ erzählt, dass auch in der "New Era" kritische Artikel stehen können. Erst vor drei Tagen wurde ein Redakteur gefeuert, weil er einen Leserbrief abgedruckt hatte, in dem ein Chief gegen Kwanyama hetzte, die jetzt in Gebieten lebten, die ihnen nicht gehörten, sondern Donga und Gwambi (Kwanyama leben südlich – und auch nördlich – der Grenze zu Angola). Sowas ist "hate speech" und darf in den Medien nicht vorkommen (das nennt sich Politik der "national reconciliation". ist eine schwierige Diskussion, ich komme später nochmal darauf zurück). Allerdings sagen die meisten, da sich die Zeitung kurz danach auf der Titelseite entschuldigt hatte, sei das Thema damit erledigt. Den Redakteur zu feuern, ist natürlich krasse nachträgliche Zensur.

Schließlich "The Namibian". Der ist so ziemlich die beliebteste Zeitung hier, und, nach meinem ersten Eindruck, recht kritisch, druckt Freitags knackige Meinungsseiten (wo auch mal so Sätze vorkommen wie der, dass das Landproblem eines von Klasse und Besitzverhältnissen ist, oder die schon beschriebenen Sachen über Stadtentwicklung). Der Namibian kriegt regelmaessig Probleme mit der Regierung, immer mal wieder wird ein Advertisement ban ausgesprochen (also dass Regierungsstellen keine Anzeigen mehr drucken) oder die Redaktionsraeume durchsucht. Allerdings gibt es an allen Zeitungen (vom Rundfunk, NBC, gar nicht zu sprechen) eine fundamentale Kritik.


Diese Kritik wurde am Dienstag auf einer sehr spannenden Podiumsdiskussion einer Institution formuliert, die sich "Media Institute for Southern Africa" (MISA) nennt. Das ist eine NGO, die jedes Jahr einen Bericht über den Zustand der Meinungs- und Informationsfreiheit in den jeweiligen Äändern herausgibt. Ich will das hier mal kurz wiedergeben; ist mir jetzt egal, wenn das Posting zu textlastig wird; Medien sind nun mal mein Leib- und Magenthema und nach dem Wochenende kann ich Euch hoffentlich wieder mit tollen Fotos beglücken.

Also:

1. Zuwenig eigene Berichterstattung, zu viele Übernahmen (z.B. werden Regierungsquellen ungeprüft zitiert)


2. Zuviel hinter Ministern herrennen, um auch noch das letzte Fitzelchen von dem, was sie von sich geben, aufzuschnappen, und zuwenig andere Meinungen. Das kann zu Phänomenen führen wie dem, dass nach der Rede eines Ministers die Journalisten aufstehen und gehen, ohne sich die anderen Redebeiträge anzuhören. Ausserdem fangen die Nachrichten bei der NBC praktisch immer damit an, was der Präsident heute so alles gemacht hat, selbst wenn der nur im Kaninchenzüchterverein war.


3. Zu viele Nachrichten aus "dem Westen" (also Europa & Amerika), zuwenig regionale und nationale. Diese Kritik kommt manchmal aus der falschen Richtung (nämlich genau von den Ministern & Parlamentarien, die wollen, dass man mehr über sie berichtet), hat aber durchaus eine gewisse Berechtigung, vor allem, da die internationalen Nachrichten praktisch ausschließlich Übernahmen von westlichen Nachrichtenagenturen – Reuters, AP, AFP usw. – sind.

4. Zu viel reine Berichterstattung, zu wenig Analyse. Das ist mir inzwischen auch aufgefallen; dar Namibian hat gerade mal eine Meinungsseite in der Woche, keine Leitartikel, keine Analysen, Glossen oder sonstwas. Die anderen Zeitungen genauso, teilweise noch nicht mal das. Den Grund dafür hat mir ein Interviewpartner damit angegeben, dass die Journalisten (und auch die Leser) Objektivität für die wichtigste Tugend halten, also meinen, wenn sie nur Fakten berichten, sei das objektiver, guter Journalismus. Vielleicht eine Folge des Propagandakriegs, der in den Achtzigern tobte – und in dem sich beide Seiten nicht gerade mit Ruhm beckleckert haben.

5. Ungenügende Berichterstattung über Frauen. Nach den Angaben von Natasha Tibinyane, einer der Teilnehmerinnen (die eine ziemlich taffe Feministin ist, die im richtigen Moment den Macker raushängen lassen kann (she can be your nightmare), und mir im Verlauf des Abends immer sympathischer wurde; ich muss die unbedingt noch interviewen), only 8% in 2005 in Southern African media were representations of women. Obwohl es einige Journalistinnen gibt (der Namibian hat auch eine recht bekannte Herausgeberin), wird kaum über Frauen berichtet, und wenn, dann in Stereotypen (als Opfer von Gewaltverbrechen, als Hinterbliebene, als Miss Universe: "You will always find some half-naked girl in the Namibian", so Natasha: "Gwen Lister (besagte Herausgeberin) is no feminist")

6. Das erwähnte Problem von "hate speech" und Zensur. Alle achten peinlich darauf, keine "hate speech" zu verwenden (ausser der ex-Präsident, der gerne mal über Schwule, Frauen oder verschiedene Bevölkerungsgruppen herzieht, dafür aber bei allen anderen immer "hate speech" entdeckt), es gibt aber keine genaue Definition, und da wird schnell mal im Sinne der sogenannten "national reconciliation" (die genauso wenig definiert ist) zensiert, Leuten in phone-in-shows das Wort abgeschnitten usw. "Hate speech" oder der Vorwurf, dass jemand etwas gegen die "national reconciliation" gesagt habe, ist ein beliebtes Argument, um Kritik von vorneherein auszuschließen. Das führt wahrscheinlich auch zu einem hohen Maß an Selbstzensur. Auf der anderen Seite hat man wirklich das Problem, dass vor allem in den sogenannten phone-in-shows, wo Leute im Radio anrufen können, um über ein beliebiges Thema zu reden, Leute übereinander herziehen und gegen andere Bevölkerungsgruppen hetzen. Zensur ist halt nur nicht unbedingt die richtige Antwort darauf.

7. Das Problem, dass die meisten Quellen nur anonym zitiert werden. Das ist ein bisschen verzwickter, weil das einerseits öfters mal dazu benutzt wird, dreckige Wäsche zu waschen, andererseits die meisten Leute immer noch Angst haben öffentlich ihre Meinung zu sagen.

Allgemein sagt MISA, das Problem in Namibia sei, dass zwar die Gesetze da sind, die Meinungs- und Pressefreiheit garantieren (beide sind in der Verfassung festgeschrieben; allerdings nicht die Informationsfreiheit, also dass jeder, der eine Information haben will – das bezieht sich vor allem auf die Regierung – diese auch bekommen soll), aber in der Praxis nicht durchgesetzt werden, bzw. nicht durchgesetzt werden können.


Posted by rh at 11:51 | Comments (2) | Trackbacks (0) | edit
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Zeitungsverkäufer

Der Zeitungsverkäufer war erst nicht sichtbar, weil die Referenz auf ihn mit Umlaut geschrieben war, der Dateinamen selber aber nicht. Ich habs korrigiert, wie ihr seht.

Ich finde deine Berichte sehr interessant und fände es wirklich schade, wenn du aus Sorge, dass wir mehr Bilder statt Text wollen, weniger schreibst. Bilder brauchen Kon-Text und das um so mehr, je unbekannter uns die fremde Gesellschaft ist. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Die Texte sind der wichtigere Teil deiner Postings.

Und noch was: Ich liebe es, wenn in Afrika-Fotografien die heutige Gesellschaft abgebildet ist und nicht nur afrikanische Natur- (Tiere und Landschaften) oder rassistische Naturmensch-Bilder zu sehen sind. Gebrauchsgegenstände, Wohnhäuser, Leute die arbeiten etc. gibt es kaum zwischen den Bergen von Elefanten, Leoparden und Pelikanbildern. Das ist die totale Ausnahme, wenn man sich im Netz Blogs mit Fotos aus Afrikareisen anschaut.

Posted by: stw at August 11,2006 22:02 | edit
Re:

Das versuche ich auch, weil mich das viel mehr interessiert als das zu sehen, von dem mir andere erzaehlen dass es "afrika" sei. ist mir am wochenende wieder aufgefallen, als ich nun wirklich die krasse tourischiene gefahren bin. ich liefere da auch noch bilder, die allerdings praktisch nur landschaft abbilden.
ich bin mir nicht sicher, ob es mir wirklich gelingt, die gesellschaft hier abzubilden, ich arbeite weiter dran...

Posted by: rh at August 14,2006 14:59 | edit
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