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Kolumbien - Terror und Gegenwehr

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Kolumbien - Terror und Gegenwehr
von Danjel - 03.06.2002 06:17
Waehrend die soziale Opposition Kolumbiens in der Nachwahlzeit und vor dem
Wahlantritt Uribes in knapp 2 Monaten unter verstaerktem Druck steht, da
die weiter zunehmende Bedrohung der paramilitaerischen Verbaende
verspricht, ein gutes Stueckchen Kolumbien noch schnell zu "saeubern",
damit diese Morde nicht in die Amtszeit Uribes fallen, hat sich in der
Region Sur de Bolivar, unweit der Erdoelstadt Barrancabermeja, ein Dorf
zur Widerstandsgemeinschaft erklaert.


Die Menschenrechtslage in Kolumbien ist dabei, sich weiter zuzuspitzen.
Vor zwei Tagen, am 30. Mai, hat der Praesident der Erdoelgewerkschaft USO,
Hernando Hernández Pardo, gleich drei Morddrohungen erhalten. Mordrohungen
der ofiziell ilegalen paramilitaerischen Verbaende AUC (Vereinigte
Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens) sind erfahrungsgemaess nicht
annaehrend als leer zu verstehen. Wer solche Drohnungen erhaelt, wird mit
seinem baldigen Tod rechnen, wenn er seine Politik nicht aendert bzw.
aufgibt. Die USO kritisiert u. a. die staatliche Erdoelpolitik (und
richtet sich konkret gegen die Privatisierung des staatlichen
Erdoelkonzerns Ecopetrol), bei der die Gewinne, die - wie die USO laengst
beweisen konnte - dazu ausreichen wuerden, eine effektive Sozialpolitik zu
fianzieren, hauptsaechlich in den Taschen nichtkolumbianischer Oelmultis
landet. In diesem Sinne wehrt sie sich auch gegen die aktuelle
Steuerpolitik, die die Korruption des Staatsaparates auf Kosten der
einfachen Arbeiter auszugleichen versucht. 

Auch nach zahlreichen Morden alleine in der USO-Hochburg Barrancabermeja
(im letzten Jahrzehnt 90 fuehrende USO-Aktivisten), kaempfen die Arbeiter
nach wie vor fuer sozialpolitische Veraenderungen nicht zuletzt fuer die
ganze kolumbianische Bevoelkerung. Unter dem Vorwand, dass sie sehr
aehnliche Forderungen spruchreif machen, wie die Guerilla, werden sie oft
von anonymen Gerichten ohne Beweise wegen Terrorismus eingeknastet. 

Nicht nur Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen fallen dem
Terror der staatlichen Politik - die als solche medienwirksam geleugnet
und auf angeblich unabhaengig agierende Paramilitaers abgeschoben wird -
zum Opfer. 

Gerade in laendlichen Gebieten gibt es immer wieder Massaker und selektive
Morde an oftmals organisierten Bauern und Menschen, die sich ihrer
Vertreibung nicht einfach so ergeben. 

In den urbanen Zentren am Magdalena Medio wie auch dem Sur de Bolivar
haben sich die Paramilitaers als Ordnungsmacht etabliert. Polzei und
Militaer, ebenfalls zumeist massiv vertreten, behaupten machtlos gegen sie
zu sein. 

Die Paramilitaers setzten sich auch bewusst in vielen Staedten und
groesseren Doerfern fest, aus denen das Militaer zuvor die Guerilla
vertrieben hatte, um deren soziale Basis zu terrorisieren und den Menschen
auch die letzten Reste von Sympathie fuer die Guerillas auszutreiben -
denn Guerilla und AUC bedeuten den offenen Krieg, unter dem v.a. die
Zivilbevoelkerung leidet. 

Die Schreckensherrschaft der AUC wird von der Bevoelkerung fast immer
hingenommen. Kein Wunder, schliesslich bedeuten Ansaetze zur
Selbstorganisation und Kritik den Tod. 


COMUNIDAD EN RESISTENCIA 

Vor diesem Hintergrund ist es fast unfassbar, dass die 300-Seelen-Gemeinde
"Las Brisas" im von der Guerilla dominierten Sur de Bolivar, sehr nahe den
paramilitaerischen urbanen Hochburgen Canatgallo und Puerto Wilches, sich
vorgestern, am 31. Mai, geschlossen mit ihrem Mitbewohner Mario Sampayo
Rojas solidarisierte, nachdem dieser auf seine Weigerung, "Steuern" an die
AUC zu zahlen, schwer angeschossen und spaeter bei dem Transport in die
naechste groessere Stadt, die seine Behandlung zuliess, ermordet wurde
(nachdem die Polizeieskorte den Krankenwagen kurz vor seinem Ziel
verliess) . 

Die Gemeinde ging gegen die beiden paramilitaerischen Taeter mit Steinen
und Macheten vor und toetete einen, waehrend dem anderen die Flucht
gelang. 

Anschließend fluechteten alle 300 Bewohner in das nahegelegene und
militaerisch "geschuetzte" Cantagallo, und erhielten dort die offene
Unterstuetzung der Stadtvertretung und der Kirche. 

Seitdem schlafen die Fluechtlinge abwechselnd, denn Matrazen wie auch u.
a. Essen sind rar. 

Aus Barrancabermeja setzten sich noch am selben Tag Vertreterinnen der OFP
(Organisacion Feminista Popular), einer einflussreichen weitgehend
frauenspezifischen Menschenrechtsorganisation, in Gang, um sich mit den
Geflohenen zu solidarisieren und sie zu unterstuetzen. 

Am folgenden Tag, Samstag, fuhr eine 8 koepfige Kommission (bei der auch
wir dabei waren) aus Menschenrechtlern, einem Gewerkschaftsaktivist und
"Internationalen" ins gut eine Bootstunde von Baranca entfernte
Cantagallo, um Praesenz zu zeigen und ueber Loesungen zu beratschlagen. An
diesem Tag fand die Beisetzung des von den Paras Ermordeten statt, die von
der Brisas-Gemeinschaft und weiteren Menschen in Form einer schweigenden
Trauer- und Friedensdemonstration begleitet wurde. Das Militaer bemuehte
sich durch seine Praesenz seinem oeffentlich vermittelten
Unschulds-Gesicht Ausdruck zu verleihen - doch zu oft wurde bekannt, dass
Armee und AUC Schulter an Schulter Massaker verueben. Auch nach Las Brisas
wurde eine 60 Soldaten starke Truppe kommandiert, um die leeren Haeuser zu
bewachen. Fuer den dauerhaften Schutz der Bevoelkerung - der sowieso kaum
vertrauenserweckend waere - fehlen der Armee jedoch angeblich die
Kapazitaeten. 

Wie sich die Zukunft der Gemeinschaft, die sich als 
Widerstandsgemeinschaft deklarierte, darstellen wird, ist fraglich. Die
Menschen habe große Angst und der psychologische Druck, den ihre
schutzlose Rueckkehr nach Las Brisas mit sich bringen wuerde, ist kaum
abzumessen. 

Eine einzige sichere Loesung scheint die dauerhafte Praesenz von
Auslaendern zu sein, denn einzig deren Leben werden vom Staat und seinen
Organen zu Gunsten der auslaendischen ofiziellen und mordunterstuetzenden
Gelder nicht zuletzt aus Deutschland respektiert. Auslaender in Kolumbien
sind aber nach wie vor eine Raritaet. Friedensdienst-Stellen, nach denen
sich die Menschen sonst die Finger lecken, bleiben unfassbarerweise gerade
in Kolumbien unterbesetzt. 

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