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Italien/EU: Inszenierung einer Anschlagserie

Gipfelinfo - Meldungen über globalisierte Solidarität
und die Proteste gegen unsolidarische Globalisierung

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Italien/EU: Inszenierung einer Anschlagserie

Seit Oktober sollen italienischen Behörden zufolge rund 70 Brief- oder
Paketbomben von "Anarchisten" versendet worden sein. Seit einigen Tagen wird
diese "Attentatsserie" auch in deutschen Medien thematisiert. Der Stil der
Anschläge erinnert stark an die "Strategie der Spannung" in den 70er Jahren.
Damals wurden zahlreiche Anschläge von Rechten verübt, die linken und
anarchistischen Gruppen in die Schuhe geschoben werden sollten.
Italienische Behörden nennen immer wieder den Namen einer frei erfundenen
"anarchistischen Gruppe": FAI - "Federazione Anarchica Informale". Dieser Name
ist eine Abwandlung der tatsächlich existierenden Federazione Anarchica Italiana
(Erklärung der echten F.A.I. dazu). Die Behauptungen über die angebliche
Terror-Gruppe klingen absurd: "Sie vereinige die extremsten Verfechter der
Anarchie und des Marxismus-Leninismus" erklärte Innenminister Pisanu. Nachdem
nun auch in anderen EU-Staaten mindestens 4 Briefbomben auftauchten, sprach er
gar von einem "Kartell europäischer Anarchistengruppen" oder kurz
"Euro-Anarchisten". Jetzt "sei eine Liste mit den Namen von 250 Personen
erstellt worden, die mit der anarchistischen Szene in Verbindung gebracht
werden" (sic!). Erste Razzien in besetzten Häusern haben bereits stattgefunden.
Massenverhaftungen werden folgen. Die europäischen Massenmedien unterstützen
ausnahmslos diese Kampagne - trotz aller Offensichtlichkeit.
Diese neue Kampagne korrespondiert mit der "11-9-Terror-Strategie". Beispiel
Hamburg: Wahlkampf-Inszenierung der PRO der letzten Tage.

Feature bei Indymedia.global | Indymedia.Bologna

Symbol der Gladio: Kurzschwert, Fallschirm, Anker, Handgranate
"Am Beispiel Italien wird diese Vorgehensweise deutlich. Die CIA zeigte sich
besorgt über den stetig wachsen Einfluss der kommunistischen Partei Italiens
PCI, welche 1972 bei den Wahlen 27% der Stimmen erreichte. Der Plan war einfach:
Durch linksterroristische Attentate sollte die öffentliche Meinung und damit die
Regierungsrichtung nach rechts "gedreht" werden. Tatsächlich starben durch
Bombemattentate 1972 drei Polizisten. Im November 1973 explodierte eine Bombe an
Bord eines Argo16 - Flugzeugs. Beide Attentate wurden kommunistischen
Gruppierungen zugeschrieben. Die "Rote Brigarden" Italiens galten von Beginn an
von Geheimdiensten unterwandert und gesteuert." (Quelle)

In den letzten Monaten wurden in Italien -und mittlerweile auch verstärkt
ausserhalb- zahlreiche Briefbomben verschickt. Alle Briefbomben sollen aus der
Region um Bologna stammen. Wie auch bei vergangenen Anschlagsserien, trifft es
merkwürdigerweise innerhalb Italiens oft Peronen, die für Berlusconi und die
Rechte unbequem sind (Beispiel: Präsident Prodi).
Ausserhalb Italiens gingen Briefbomben zum Beispiel an Europol und die
Europäische Zentralbank. Wie bei den anderen Anschlagsserien auch wurden schnell
Linke und Anarchisten als Täter ausgemacht. Die gleichgeschaltete italienische
Presse, welche sich fast vollständig im Besitz des Medienmoguls und
Regierungschefs Berlusconi befindet, beginnt augenblicklich mit einer
Hetz-Kampagne. Beweise existieren nicht oder sind offensichtlich gefälscht.
Erklärungen wie "Sie vereinige die extremsten Verfechter der Anarchie und des
Marxismus-Leninismus" oder die Nennung von frei erfundenen Gruppennamen (die
inhaltlich keinen Sinn ergeben) verstärken die Annahme einer konstruierten
Kampagne. Presserklärungen und Stellungnahmen europäischer Innenminister
scheinen auch auf den Versuch einer Verschmelzung der Konstrukte "islamistischer
Terror" und "linker/anarchistischer Terror" hinzuwirken.
Seit einer Woche beteiligen sind auch deutsche Medien an dieser Kampagne.
Erklärungen der italienischen Regierungen werden ungefragt übernommen oder gar
mit eigenen Erfindungen noch ausgeschmückt (z.B.:Springer Presse, Berliner
Zeitung, ...). Von daher kommt eine Ausweitung der Anschlagsserie auf ganz
Europa den deutschen Medien nicht ungelegen.
Beispiel 1 : Artikel in der Springer-Zeitung "Welt"
Beispiel 2: "Terroralarm in Europa"

Bereits anlässlich der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua liess die neuen
Regierung um Mussolini-Verehrer Berlusconi die "Strategie der Spannung"
umsetzen. Mehrere Briefbomben explodierten und sollten die sozialen Bewegungen
und globalisierungskritischen Netzwerke unter Druck setzen.
Artikel: Celler Loch" in Genua und Eine Neuauflage der Spannungsstrategie.
Nach Genua wurde in Venedig ein Anschlag verübt, der ebenfalls Stimmung gegen
die Opposition machen sollte: Bombenanschlag in Venedig inszeniert?. Schon vor
dem G8-Gipfel in Genua behauptete Berlusconi, es gäbe "Verbindungen zwischen
NoGlobals und Bin Laden". Es war gar die Rede davon, daß der G8-Gipfel mit
ferngesteuerten Flugzeugen(!) angegriffen werden solle. Auf diese Weise konnte
die Auseinandersetzung in Genua auf eine militärische Ebene gehoben werden.
Die in Genua benutzte Strategie gegen die Protestbewegung wurde schon vor der
Machtübernahme Berlusconis eu-weit vorbereitet.

Am 19. März 2002 wurde dann der Wirtschaftsexperte und Berater des
Arbeitsministers Marco Biagi ermordet. Verantwortlich sollen laut italienischen
Behörden angeblich die seit 1981 aufgelösten "Roten Brigaden" sein. In den
Jahren vor ihrer Auflösung war die Gruppe nachweislich von gleich mehreren
Geheimdiensten unterwandert worden (siehe: 92 Patronenhülsen, ein Balletttänzer
und die CIA). Die Handschrift der Aktion war die der Leute rund um den
Faschisten Fini und den Medienzar Berlusconi, welche in der Organisation P2
(Propaganda Due) waren, die in den 70ern ähnliche Anschläge organisierte.
Der Anschlag wurde 4 Tage vor einem geplanten Generalstreik und
Großdemonstration der sozialen Bewegungen verübt. Ganz offensichtlich galt das
Attentat der Einschüchterung der Bewegungen (siehe: Willkommener Tod in
Bologna). Dennnoch nahmen 2 Millionen teil (Artikel bei Indymedia.de) - das war
die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der italienischen Republik.
Einige Monate später wurde "Michele Landi, ein Informatiker, der mit der Polizei
bei den Ermittlungen gegen die Mörder von Sergio D'Antona und Marco Biagi
zusammengearbeitet hatte, in seinem Haus erhängt aufgefunden. Den polizeilichen
Ermittlungen zufolge sind einige Einzelheiten und Hinweise unvereinbar mit der
von der Regierung behaupteten Selbstmord-Hypothese ... Auch deswegen, weil
Michele Landi einige Wochen vor seinem Tod einigen Freunden gesagt hatte, er
habe Angst, weil er erschütternde Hintergründe aufgedeckt habe." (Quelle)
Artikel dazu: Übersetzung eines Kommentars von Umberto Eco in der römischen
Tageszeitung La Repubblic und Terror in Europa von ceiberweiber.at.
Auch hier springen Medien und Regierungen anderer Staaten mit auf: In
Deutschland versuchte die Bundesanwaltschaft mit hilfe der deutschen Medien im
Mai eine RAF-Neugründung zu erfinden "Bundesanwaltschaft konstruiert neue RAF".
Allerdings misslang dieser Versuch, da das gesellscghaftliche Klima noch nicht
"weit genug" war.

Rückblick: Strategie der Spannung, P2, Gladio und Berlusconi

In der ursprünglich vom CIA konzipierten Strategie wurden nicht nur linke und
anarchistische Gruppen von Polizei- und Geheimdienstagenten zu Mord und Terror
angestachelt. Polizeiagenten, meist Faschisten, führten auch selbst unzählige
Terroranschläge durch, für die dann Anarchisten und Autonome verfolgt und oft
jahrelang unschuldig eingesperrt wurden. Netzwerke wie P2 und Gladio waren in
Italien federführend.
Das Netzwerk P2 (Propaganda Due) wurde 1969 vom Faschisten Licio Gelli
gegründet. Gelli war als bereits bei den "Schwarzhemden" Mussolinis aktiv.
Später wurde er Verbindungsoffizier der Nazis und SS-Obersturmführer. In der P2
waren rund 2500 führenden Personen der italienischen Gesellschaft. Dabei waren
Politiker, führende Geheimdienstler, Faschisten, Mafiosis, Wirtschftsvertreter,
Kirchenobrigkeiten, Medienvertreter, Führungskräfte der Polizi, der komplette(!)
Generalstab des Heeres usw. Der Mafiosi Berlusconi hatte damals die
Mitgliedsnummer 1816. Ziel der Organisation, so das Ergebnis der Untersuchungen
sei der Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung durch einen "colpo bianco", einen
weißen Staatsstreich. Der Code für diese Pläne hieß "Plan zur demokratischen
Wiedererneuerung".[Literatur: Feldbauer: "Von Mussolini bis Fini"] "Gelli
bezeichnete die P2 als Freimaurer-Loge, obwohl die Ziele dieser kriminellen
Vereinigung nichts mit dem Freimaurertum zu tun hatten, ja ihr diametral
entgegengesetzt waren." (siehe hier)
"Bereits beim ersten Anschlag der Spannungsstrategen am 12. Dezember 1969 in der
Mailänder Landwirtschaftsbank auf der Piazza Fontana (16 Tote, über 80
Verletzte), den neofaschistische Terroristen durchführten, war ein Agent
provocateur am Werk, der die Spuren nach links lenken sollte. Der als
Geheimdienstagent angeworbene Neofaschist Mario Merlino gründete einen
anarchistischen Zirkel, für den er den Ballett-Tänzer Pietro Valpreda anwarb,
der danach mit falschen Zeugenaussagen als einer der Organisatoren des Attentats
präsentiert wurde.
Aus der langen Kette der bekannt gewordenen Fälle ein weiterer: Der Neofaschist
und Angehörige der NATO-Gruppe "Gladio", Gianfranco Bertoli, führte im Mai 1973
einen Bombenanschlag auf das Mailänder Polizeipräsidium durch (vier Tote, 52
Verletzte). Dabei sollte auch Ministerpräsident Rumor getötet werden, der jedoch
zu spät eintraf und so dem Attentat entging." (Quelle)
P2 ist anfangs der 80er Jahre ausserdem als für etliche Morde verantwortlich
bekannt geworden (politische Gefangene fielen bei Polizeiverhören aus dem
Fenster (nachzulesen auch bei Dario Fos "Zufälliger Tod eines Anarchisten").
Morde gabs auch in den eigenen Reihen; zum Beispiel an ihrem Finanzjoungleur,
dem Bankier Roberto Calvi. Das blutigste Attentat der Nachkriegsgeschichte war
der Anschlag auf den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980. 85 Menschen wurden
getötet und mehr als 200 verletzt. Auch hier konnte die Führungsspitze der P2
als verantwortlich ausgemacht werden. Auch beim Anschlag auf das Münchener
Oktoberfest im Jahr 1980 führten einige Spuren nach Italien.
Aufgedeckt wurde P2 im Jahre 1981 - im selben Jahr erklärten die Roten Brigaden
"rein zufällig" ihre Auflösung. 1982 wurde P2 für aufgelöst erklärt. Obwohl in
vielen Fällen (besonders beim Anschlag auf den Bahnhof von Bologna) die
Verantwortlichen überführt werden konnten, gab es nie Verurteilungen. Gekaufte
Zeugen und eine korrupte Justiz verhinderten dies. Statt dessen gelang es den
Rechten und der Regierung zehntausende Oppositionelle ins Gefängnis zu bringen
und so die sozialen Bewegungen Italiens zu zerschlagen.
Kenner der Szene gehen davon aus, dass einzelne Strukturen erhalten blieben und
heute als "P3" weiter im Untergrund operieren. (Artikel von Feldbauer "Aldo
Moros Tod und die Geheimdienste", Jungle World 12.5.98)
1990 wurde eine weitere -mit der P2 vernetzte- Organisation aufgedeckt, die
europaweit agiert: die Operation Gladio.
"Operation Gladio" ist ein Terror-Netzwerk, das unter dem Namen "Gladio"
(Kurzschwert) bekannt wurde. Gladio ist der Nato unterstellt und verfügt seit
den fünziger Jahren über ganz Westeuropa umspannende
paramilitärische-nachrichtendienstähnliche Organisationsstrukturen mit dem Ziel,
im Kriegsfall Sabotage- und Terrorakte zu planen und durchzuführen. Allerdings
sah dieser "Auftrag" in der Praxis etwas anders aus. Besonders in Italien
beteiligte sich Operation Gladio an Anschlägen im Rahmen der "Strategie der
Spannung". Am 17. Oktober 1990 gab der italienische Ministerpräsident Andreotti
zu, daß "Gladio" noch immer arbeitet. Drei Tage später bestätigte er in einem
Regierungsbericht die Existenz einer Untergrundorganisation namens "Gladio" und
stellte fest, daß ähnlich Strukturen sowohl in den NATO-Partnerländern als auch
in neutralen Staaten wie etwa Österreich mit Kenntnis der Regierungen existieren
würden. Bis heute ist Gladio -neben weiteren Netzwerken- in Europa aktiv.
Übrigens hat die bundesdeutsche "Organisation Gehlen" (von Nazis 1945 gegründet
und 1956 zum BND verschmolzen) Gladio mit aufgebaut und geheime Kampfgruppen
ausgebildet. (weitere Informationen)
Die Ereignisse in Genua und bei weiteren Gipfeln, sowie Anschläge in Spanien,
Türkei und UK erscheinen mit diesem Wissen in einem anderen Licht. So konnte
eine WDR-Reportage 2002 nachweisen, daß Finis Leute Faschisten aus ganz Europa
nach Genua einluden, um sich unter die Demonstrationen zu mischen und bei der
Konstruktion des "Black Block" behilflich zu sein.

Im Rahmen eines Artikels bei Indymedia ist es nicht möglich, einen Überblick
über die Aufstandsbekämpfungstrategien und geheimen Netzwerke der Rechten zu
geben. Nach dem 11.September hat sich das Ganz ja noch einmal wesentlich
ausgeweitet. Die genannten Strukturen dürften von der politischen Entwicklung
seit dem Sommer 2001 wesentlich profitiert haben. So sind Protagonsten der
ursprünglichen "Strategie der Spannung" heute in Italien im Besitz der
Regierungsgewalt und fast aller Massenmedien. In anderen Ländern (Spanien,
Türkei, Griechenland, Russland usw.) sieht es nicht wesentlich anders aus.
Daher hier einige ungeordnete Links, für die, die sich etwas mehr mit dem Thema
beschäftigen wollen:
Die geheime Terrororganisation der NATO - Gladio
Dossier zur "Strategie der Spannung"
Infos über den Mafiosi Berlusconi
In dürren Blättern säuselt der Wind - über das Konstrukt des "Black Block"
History Repeats von Gipfelsturm
Gladio oder die Rache Moros
Die Gladio-Nazi-Connection
Drogen, Kontraguerilla und Nazis - Gladio wütet weiter in der Türkei
Gladio- Die Geheime Terrororganisation der Nato

Ausserdem: "Genua" - Buch von Dario Azzelini, in dem er ausgehend von den
blutigen Ereignissen in Genua beim G8-Gipfel 2001 die Entwicklung der sozialen
Bewegungen Italiens und der rechten Terror-Netzwerke beschreibt. Das Buch ist
letztes Jahr im Verlag Assoziation A erschienen. Eine Webseite dazu konnte ich
leider nicht finden.

[indymedia.de, von Uwe Barschel - 02.01.2004 18:11 ]

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