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USA/Europa: SAFERCITY.DE: Digitale Videoüberwachung breitet sich aus

Wie eine Seuche: Digitale Videoüberwachung breitet sich aus

von Andrea Naica-Loebell

Der neue Trend im Bereich der Videoüberwachung sind komplett digitale
Systeme, die eine Vielzahl von verschiedenen Anwendungen ermöglichen.
Der Markt boomt sowohl in den USA wie in Europa.

Die Überwachung des öffentlichen Raumes mit Videokameras ist ein
umstrittenes Thema. Nichtsdestoweniger boomt das Geschäft, die Angst
ist immer wieder ein Garant für gute Umsätze. Weltweit wird diese
Technologie immer öfter eingesetzt, das liegt auch an den fallenden
Preisen und den zusätzlichen Möglichkeiten der digitalen
Videoüberwachung. In den USA hat zudem der 11. September und die Furcht
vor Terroristen der Branche enormen Auftrieb gegeben.

In Parkgaragen, vor potenziell gefährdeten Gebäuden wie Ministerien,
Konsulaten, Polizeistationen oder Synagogen, aber auch in Shopping
Malls, Einkaufspassagen und Kaufhäusern wird jeder unserer Schritte von
den kleinen technischen Spionen beobachtet. Der Verkehr wird an der
Bildschirmwand von Polizeibeamten überwacht und so mancher Angestellte
von Sicherheitsfirmen verbringt seine Einsatzstunden vor allem damit,
auf Monitore zu starren.

Der Verkauf von entsprechenden Videosystemen und dem dazu gehörenden
Service erlebt in diesen Zeiten der Wirtschaftsflaute zweistellige
Zuwachsraten. Einem Bericht des US-Marktforschungsinstitutes J. P.
Freeman zufolge werden die Ausgaben für digitale Überwachungsprodukte
bis Ende 2005 in den USA auf 8,5 Milliarden Dollar angestiegen sein.
2002 betrugen sie 5,7 Milliarden (vgl. The U.S. & Worldwide CCTV &
Digital Video Surveillance Market Report [1] - Die Studie kann gedruckt
für $4 500 bestellt werden).

Dieses Big Business wollen sich die großen Konzerne natürlich nicht
entgehen lassen. Panasonic [2], Sony [3] und Sanyo [4] sind ebenso
dabei wie andere Kamera-Hersteller. Spezielle Anbieter für das
Marktsegment sind seit mehr seit zehn Jahren CCS International [5] und
Pelco [6]. Und die Computerindustrie fehlt auch nicht, allen voran
IBM [7], das seit neuestem ein Packet aus Service und System-Design für
digitale und Netzwerk basierte Videoüberwachung anbietet. Gegenüber der
New York Times [8] erklärte der Marketing-Vizepräsident von der
Kommunikationssparte bei IBM, Michael Maas:

Konzerne müssen ihre Kosten reduzieren und effektiver werden. Die
Digitalisierung von Sicherheit leistet genau das.

IBM bietet 3000 Berater an, die den Kunden helfen sollen, die neuen
digitalen Überwachungssysteme in ihre existierende
Informationsverarbeitung zu integrieren. Das ist nicht einfach, denn
für die reale Sicherheit sind meist Wachdienste zuständig, die nicht
darauf eingestellt sind, mit der neuen Technologie umzugehen. Und es
ist auch fragwürdig, inwiefern sie in der schönen neuen Welt voller
integrierter digitaler Überwachung noch gebraucht werden. Mosro-1 [9],
der erste Sicherheitsroboter und seine digitalen Sprösslinge werden
wahrscheinlich ihre Funktionen weitgehend übernehmen.

Digitale Videoaufnahmen sind wesentlich einfacher in der Handhabung als
die herkömmlichen analogen. Sie können platzsparend auf der Festplatte
oder auf CDs gespeichert und sofort übermittelt werden, wenn ein Bild
als Beweis gebraucht wird. Überwachung und Zugangskontrolle sind dann
aus einem Guss, auch weitere Scans - wie etwa nach Waffen - sind als
Teil des Systems denkbar. Noch steckt die Biometrie in den
Kinderschuhen, aber auch sie könnte künftig ihren Beitrag leisten.

Verglichen damit sind analoge Videokameras mit ihren klassischen
Recordern technische Dinosaurier. Der Preisverfall der digitalen
Ausrüstung und ihr viel breiteres Anwendungsspektrum wird wohl dafür
sorgen, dass sie bald ausgemustert werden.

In Großbritannien ist Big Brother längst an der Macht, nirgends gibt es
mehr Kameras im öffentlichen Raum. National Car Parks [10], Betreiber
von 580 Parkgaragen in Innenstädten und an Flughäfen hat seine
digitalen Kameras vernetzt und überwacht sie zentral von London aus.
Die Londoner haben in ihrer Innenstadt inzwischen zudem ein digitales
Videoüberwachungssystem, welches das Mautsystem ergänzt und zusätzlich
eine Gesichtserkennungs-Software verwendet (vgl. Terrorabwehr und
Staureduktion [11]).

Nicht nur in England ist die Sicherung von öffentlichen Plätzen und
Gebäuden mit den digitalen Augen ein großes Geschäft. Die
Unternehmensberatung Frost&Sullivan [12] prognostiziert für den Markt
von CCTV-Systeme (closed circuit television systems) eine
internationale Wachstumsrate von 12,7 Prozent und einen Umsatz von
10,61 Milliarden Dollar im Jahr 2008. Für Europa sehen sie eine
Wachstumsrate von 10,4 Prozent und für 2008 einen Umsatz von 3,82
Milliarden Dollar voraus.

Auch Frost&Sullivan setzen dabei auf eine voll digitale Zukunft:

Seitdem die Nachfrage größer und die Konkurrenz zahlreicher geworden
ist, hat die Industrie immense technologische Fortschritte erzielen
können. Mithilfe von Gesichtserkennung, digitaler Speicherung und
intelligenter Software hat CCTV gegenüber anderen Sicherheitssystemen
deutliche Vorteile aufzuweisen. Insbesondere der Umstieg von analogen
auf digitale Systeme hat die Produkteigenschaften verbessert; so
ermöglicht beispielsweise die Integration des Internets auf einfache
Art die Überwachung aus der Distanz. Hersteller von Sicherheitslösungen
bieten neuerdings Systeme mit mehreren Funktionen an: je nach Bedarf
kann zwischen Zutritts-, Anwesenheitskontrolle und anderen
Überwachungsmöglichkeiten gewählt werden.

In Österreich sind zurzeit 165 000 Kameras im Einsatz, 100 000 davon in
öffentlichen Bereichen wie Sportstätten, Kaufhäusern, Gaststätten und
Garagen, berichtete der Standard [13]. In der Schweiz sollen mindestens
40'000 optische Spione in Sportstadien, auf Bahnhöfen und
Ausfallstrassen, in Vorortszügen, vor Schulhäusern und an
Abfallsammelstellen installiert sein. Die Neue Zürcher Zeitung [14]
zitierte den Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno
Baeriswyl, der meint, die Videoüberwachung verbreite sich in der
Schweiz "wie eine Seuche".

Wie viele Kameras hierzulande im Einsatz sind, kann man nur ahnen. Auf
jeden Fall boomt das Marktsegment auch hier. Nach den Daten der
Unternehmensberatung Mario Fischer gab es im vergangene Jahr mehr als
10 Prozent Zuwachs für CCTV-Systeme in Deutschland (vgl.
Videoüberwachung, CCTV. Jahr 2002/2003 [15], Studie kann für 1450 Euro
zzgl. MwSt. gedruckt bezogen werden). Der Zentralverband
Elektrotechnik- und Elektronikindustrie ( ZVEI [16]) ist sehr
engagiert, um diesen Bereich zum Nutzen seiner Mitglieder weiter
auszubauen. Für das "massive Promoten von Videoüberwachung aus rein
kommerziellen Gründen" kassierte er 2002 eine tadelnde Erwähnung beim
Big Brother Award [17].

Im Sommer letzten Jahres soll es von der öffentlichen Hand nur 20
Überwachungsanlagen im öffentlichen Raum mit zusammen vielleicht 50
Kameras gegeben haben. Das scheint weit zu niedrig angesetzt zu sein,
wenn man sich die Sammlung ansieht, die von DerGrosseBruder [18], einer
Gruppe von kritischen Privatleuten im Internet, zusammen getragen
wurde. Über ihr "Kartographierungsprojekte für Überwachungskameras im
Öffentlichen Raum in Deutschland" sind sie auch mit Sammlern in anderen
Teilen der Bundesrepublik verlinkt. In Deutschland muss man private
Geräte nicht anmelden, aber Läden müssen im Eingangsbereich davon
aufmerksam machen, dass sie ihre Verkaufsräume mittels Video
beobachten. Das Bundesdatenschutzgesetz [19] regelt den gesetzlichen
Rahmen:

Die Beobachtung öffentlich zugänglicher Räume mit
optisch-elektronischen Einrichtungen (Videoüberwachung) ist nur
zulässig, so weit sie zur Aufgabenerfüllung öffentlicher Stellen, zur
Wahrnehmung des Hausrechts oder zur Wahrnehmung berechtigter Interessen
für konkret festgelegte Zwecke erforderlich ist und keine Anhaltspunkte
bestehen, dass schutzwürdige Interessen der Betroffenen überwiegen.

Noch gibt es in Deutschland bisher keine so breite kritische
Öffentlichkeit zu dem Thema wie z.B. in den USA. Aber das könnte auch
daran liegen, dass viele unterschätzen, wie viele Video-Augen uns
überall aufzeichnen. Allerdings hat sich im vergangenen Jahr der
Arbeitskreis Videoüberwachung und Bürgerrechte [20] als Zusammenschluss
von etwa 80 Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, Künstlern,
Berufstätigen aus Polizei, Justiz und Presse sowie Bürgerrechtler
Berufstätige aus Polizei, Justiz und Presse, Bürgerrechtlern u.a.
gebildet.

Sie wollen sich "hochgradig interdisziplinäre und vernetzt" mit dem
Thema "Überwachung und Gesellschaft" auseinander setzen. Sie gehen
davon aus, dass der Haupteffekt der Überwachung die Erzeugung von
Misstrauen ist:

Videoüberwachung gilt als Wachstumsmarkt. ... So sehr die
Videoüberwachung auf die Erzeugung sicherer oder auch Wiedergewinnung
unsicherer Räume zielt und sich damit ihre Legitimation verschafft, sie
erzeugt letztendlich eine Atmosphäre des Misstrauens, die sich räumlich
durch die Asymmetrie von Sehen und Gesehenwerden ausdrückt und zeitlich
durch die vollkommene Relativierung von Gegenwart durch die andauernde
und lauernde Erwartung eines künftigen Ernstfalls beschreiben lässt.

Links

[1]  http://www.jpfreeman.com/mktreport.htm#report3
[2]  http://www.panasonic.com/cctv/news/AS_01.asp
[3]  http://sonysub.sonyprome.com/surveillance.htm
[4]  http://www.sanyosecurity.com
[5]  http://www.spyzone.com/sitemap.html
[6]  http://www.pelco.com
[7]  http://www-3.ibm.com/security/index.shtml
[8]  http://www.nytimes.com
[9]  http://www.fortnox.at/News/MOSRO.htm
[10]  http://www.ncp.co.uk
[11]  http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/14217/1.html
[12]  http://www.frost.com
[13]  http://derstandard.at
[14]  http://www.nzz.ch/2002/07/09/il/page-article89RGF.html
[15]  http://home.t-online.de/home/sicherheitsforschung.consult/cctv.html
[16]  http://www.zvei.org
[17]  http://www.bigbrotherawards.de/2002/.blamed
[18]  http://www.dergrossebruder.net
[19]  http://www.brandenburg.de/land/lfdbbg/gesetze/bdsg.htm#6b
[20]  http://www.ak-videoueberwachung.de

Telepolis Artikel-URL:
 http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/te/14797/1.html

 

19.05.2003
anonym zugesandt   [Aktuelles zum Thema: Repression]  Zurück zur Übersicht

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