| Öcalan:
Überlegungen zur Demokratischen Autonomie
KCK-Vorsitzender Abdullah
Öcalan kam am Mittwoch den 20. August 2010 mit seinen Anwälten zusammen.
Während der Konsultationen erklärte Öcalan seine Gedanken bezüglich dem
Projekt der Demokratischen Autonomie. Öcalan erwähnte, dass der laufende
Prozess sehr sensibel behandelt werden muss und fügte hinzu: Die Demokratische
Autonomie ist das Lösungsprojekt der Kurden, die eine politische, wirtschaftliche,
kulturelle, diplomatische, rechtliche und eine Seite der Selbstverteidigung
innehat.
Öcalan sprach den
Demokratischen Gesellschaftskongress (DTK) an und erwähnte: „Am letzten
Kongress des DTK nahmen einige Gruppen nicht teil. Die Erklärungen zur
Beteiligung am DTK haben ihre Haltung aufgedeckt. Zum Referendum habe
ich die Erklärungen einiger NGOs aus Amed gehört. Diese haben sich mit
dem Staat geeinigt. Sie wurden überredet; der Staat versprach ihnen, dass
sie die Initiative ergreifen werden, wenn die PKK vernichtet worden ist.
Wir aber verhindern dies und ihre Pläne laufen nicht wie gewollt".
Öcalan erklärte zur
Demokratischen Autonomie: „Wenn die Demokratische Nation der Geist ist,
ist die Demokratische Autonomie der Körper. Die Demokratische Autonomie
ist die verkörperte Form der Demokratischen Nation. Die Autonomie hat
einige Parameter:
Politisch: Dieser Parameter beinhaltet ein Parlament oder einen Volkskongress.
Dieser nennt sich Demokratischer Volkskongress. Dieser Kongress hat einen
Exekutivrat.
Rechtlich: Dies drückt den rechtlichen Status der Demokratischen Autonomie
aus. Katalanen drücken dies mit dem Wort Status aus. Wir können dies auch
Status nennen. Das ist sehr wichtig. Was wird also der rechtliche Status
der Kurden sein? Dies kann ausgearbeitet und in die Verfassung verankert
werden. Mittels Gesetzen wird der Rahmen der Demokratischen Autonomie
gesetzt.
Wirtschaftlich: Die Demokratische Nation hat auch eine wirtschaftliche
Seite. Die Art und Weise dieser Wirtschaft kann verfeinert werden. Wir
können den Kapitalismus als wirtschaftliches System nicht anerkennen.
Man kann den Kapitalismus vielleicht nicht ganz abschaffen, aber sehr
weit einschränken. Wir können unser eigenes System aufbauen.
Kulturell: Die kulturelle Seite beinhaltet Sprache, muttersprachlicher
Unterricht, Geschichte und Kunst. Wie sollte die Beziehung der kurdischen
Sprache zur türkischen sein? Wie sollte der muttersprachliche Unterricht
aussehen? Wie muss die Sprachpolitik der Demokratischen Nation sein? Eine
Bildungspolitik muss ausgearbeitet werden. Wie können die Kurden das kulturelle
Genozid überwinden? Solche Sachen müssen ausdiskutiert werden.
Selbstverteidigung: Dies kann auch ‚Sicherheit‘ genannt werden. Hier wird
das Genozid angegangen. Wie können die Kurden sich vor dem Genozid retten?
Der Begriff ‚Genozid‘ beinhaltet alle Formen der Vernichtung. Die Gesellschaft
wird auch ihre eigene Selbstverteidigung aufbauen. Hiermit ist nicht die
Waffe, das Militärische gemeint. ‚Selbstverteidigung‘ drückt nicht die
Art der KCK oder PKK aus, sondern die des Volkes. Damit möchte ich die
Organisierung in allen Bereichen der demokratischen Gesellschaft ausdrücken.
An diesen Punkten kann die Gesellschaft alles ausdiskutieren und verschiedene
Ergebnisse erzielen. Beispielsweise können sie ausdiskutieren, ob die
Kurden eine Wehrpflicht haben werden. Wie wird das Dorfschützer-System
aufgelöst? Die Selbstverteidigung ist so wichtig wie Wasser und Brot.
Ohne dies ist ein Leben nicht möglich.
Diplomatie: Dies beinhaltet die Beziehungen zu anderen Völkern und Gesellschaften.
Welche Art von Beziehung wollen wir? Das ist das Aufgabengebiet der diplomatischen
Seite.
Öcalan erwähnte in diesem Zusammenhang, dass das Referendum [zur Verfassungsänderung]
nur zur Ablenkung des wahren Anliegens – der Demokratischen Autonomie
– dient.
Bis zu den nächsten Wahlen müsse das kurdische Volk ihr Projekt vorlegen
können. In diesem Zusammenhang erwähnte Öcalan die Katalanen. Die Katalanen
haben das Projekt ihrer Autonomie ausgearbeitet. Gleiches Vorgehen empfiehlt
Öcalan dem DTK und der BDP.
Öcalan empfiehlt, dass diese Vorgehensweise auf schnellstem Weg in Gang
gesetzt werden muss. „Wenn der Staat in Zukunft nach einem Projekt fragt,
dann muss der DTK und die BDP eins vorlegen können. Vorher muss das aber
mit dem ganzen Volk ausdiskutiert werden", so Öcalan.
Zur Stellung der KCK in der Demokratischen Autonomie sagte er: „Sie sollen
ihren Platz selbst bestimmen“, und fügte hinzu, dass er sich da nicht
einmischen wird. Außerdem sagte Öcalan, dass er das Projekt der Demokratischen
Autonomie in seinem Buch „Özgürlük Sosyolojisi“ [Soziologie der Freiheit]
ausführlich beschrieben habe.
Er erwähnte im weiteren Verlauf seiner Konsultation noch einmal, dass
der Aufbau der Demokratischen Nation nicht derselbe sei wie der eines
Nationalstaates. Als Beispiel nannte Öcalan Israel und Palästina: „Ein
kleiner palästinensischer Staat will gegründet werden, damit später Krieg
geführt werden kann. Nach der Staatsgründung sollen Israel und Palästina
im ständigen Krieg sein. Kurden, mit derselben Einstellung, sind der Meinung,
dass eine Staatsgründung ausreicht, auch wenn er klein ist. Ein solches
Verständnis würde zu hundertausenden Toten führen. Der Gedanke, dass Völker
mittels eines Staates ihre Zukunft selbst bestimmen werden, war eines
der Hauptgründe des Verfallens des Realsozialismus.“
(ANF, 20.08.2010, ISKU)
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