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sich die türkische Regierung der Herausforderung des Friedens stellen?
Wieder einmal ist
es die PKK, die den ersten Schritt unternimmt. Die Erklärung eines weiteren
einseitigen Waffenstillstands zeigt, dass sich die PKK in einer Position
der Stärke befindet. Und zwar politischer Stärke. In der Tat brauchen
wichtige Entscheidungen starke interne Unterstützung und Konsens. Die
PKK hat gezeigt, dass sie darüber verfügt. Was man von der türkischen
Regierung nicht gerade sagen kann, die in den letzten Jahren (und nicht
nur da) demonstriert hat, dass sie nicht mehr ist als eine Geisel der
Armee, der eigenen fundamentalistischen und chauvinistischen Fraktionen
und der Oppositionsparteien mit ihrem blinden Nationalismus und Rassismus.
Die PKK hat wieder einmal bewiesen, dass sie die Initiative inne hat und
zeigt damit letztendlich, dass sie über eine Vision für die Zukunft verfügt.
Und dass diese Vision eine gemeinsame ist, was nichts anderes heißt als
das dieses Vision vom kurdischen Volk geteilt wird. Und zwar vom kurdischen
Volk in all seinen Schattierungen und Organisationen, in seinen reichen
und mannigfaltigen Aktivitäten – seien es die Stadtverwaltungen, die Basisbewegungen,
die kulturelle Arbeit, der soziale Bereich oder die Arbeit der Frauen.
Was die kurdische Befreiungsbewegung in all den Jahren bewiesen hat, ist
die unglaubliche Fähigkeit, sich den Herausforderungen in allen Bereichen
des Lebens zu stellen. Es gibt diesen Zusammenhalt und diese Kontinuität,
die die Arbeit der Stadtverwaltungen und der BDP – und zuvor der DTP –
am Aufbau der sogenannten „demokratischen Autonomie“ möglich machen, einem
tragfähigen Konzept, wie ein Staat funktionieren kann. Ein Staat, der
– das werden sowohl die Kemalisten als auch die Ultranationalisten früher
oder später einsehen müssen – nicht der Republik Türkei entspricht, wie
sie Kemal Atatürk 1923 ausgerufen hat. Diese Republik gab es genau genommen
nie, weil sich schon aus der eigenen Zusammensetzung ergibt, dass die
Republik Türkei nie nur das Territorium der Türken mit Türkisch als einziger
Sprache sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zur Gegenwart, in der die PKK mit ihrer Waffenstillstandserklärung
erneut der (schwachen) türkischen Regierung eine Chance gegeben hat. Die
Chance, endlich ernst zu machen, was nichts anderes heißt als sich am
Aufbau eines praktikablen, demokratischen und gleichberechtigten Friedensprozess´
zu beteiligen.
Der frühere Präsident des Menschenrechtsvereins IHD und jetzige Parlamentsabgeordnete
Akin Birdal hat recht wenn er sagt, dass jetzt die türkische Regierung
am Zug sei. Das ist sie in der Tat, und die PKK ist sogar so weit gegangen,
die vier einfachen Punkte auszusprechen, die behandelt werden müssen,
um ein aufrichtiges Bekenntnis zu einem dauerhaften Frieden abzugeben.
In ihrer Erklärung sagt die PKK, dass „ zuerst die andauernden Operationen
im militärischen und politischen Bereich eingestellt werden müssen und
ein Prozess des beidseitigen Waffenstillstands entwickelt werden muss.“
Der zweite Punkt ist die Forderung nach der „unverzüglichen Freilassung
der der etwa 1.700 kurdischen PolitikerInnen und Mitglieder der Friedensgruppen,
die mit ungerechten und unrechtmäßigen Anklagen verhaftet wurden.“ Der
dritte Punkt unterstreicht die Notwendigkeit des „Beginns eines Verhandlungsprozesses,
der auf dem von Abdullah Öcalan der Öffentlichkeit vorgestellten Drei-Punkte-Plan
zur Lösung basiert und der Schaffung von Bedingungen, unter denen Öcalan
aktiv an einem Friedensprozess teilnehmen kann.“ Im letzten Punkt wird
die „Absenkung der 10-Prozent-Hürde, die in keinem demokratischen Land
existiert“ gefordert.
Abdullah Öcalan hatte drei Bedingungen genannt, die zur Einleitung eines
Friedensprozesses notwendig sind: ein beidseitiger Waffenstillstand, die
Einrichtung einer Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission vergleichbar
mit jener, die in Südafrika nach dem Ende der Apartheid etabliert wurde
und das Organisieren der Rückkehr der PKK-Guerillas in das zivile Leben
(welche in verschiedenen Phasen stattfinden wird, beginnend mit dem Sammeln
der Guerillas an einem Ort unter Aufsicht einer internationalen Organisation
und schließlich, wenn die Bedingungen dafür reif sind, der massenhaften
Rückkehr.)
In ihrer Erklärung unterstreicht die PKK erneut, dass „die türkische Regierung
entsprechend handeln muss, um diesen Prozess zu einem stabilen und dauerhaften
Frieden zu entwickeln. Wenn sich die AKP-Regierung mit verschiedenen Ausreden
weigert, sich zu bewegen und durch die Fortführung der Vernichtungspolitik
die Entwicklung blockiert, sollte sie bewusst sein, dass dieser Prozess
nicht einseitig fortgesetzt wird.“
In der Erklärung heißt es weiter „um diese Phase ohne Auseinandersetzungen,
die zum siebten Mal einseitig ausgerufen wurde, zum Erfolg zu führen,
muss sich nicht nur die türkische Regierung bewegen. Auch die demokratischen
Kräfte und Nichtregierungsorganisationen müssen ihrer Verantwortung gerecht
werden. Deshalb rufen wir alle Kräfte in der Türkei, die für den Frieden
und für die Demokratie einstehen, dazu auf aktiv zu werden.“
Die PKK ist sich bewusst, dass „der Erfolg dieser von uns ausgerufenen
Phase auch von der Einheit und Solidarität aller kurdischen Kräfte abhängig
ist, sowohl in Nordkurdistan als auch in allen anderen Teilen, und alle
im Sinne des Friedens und des demokratischen Kampfes verantwortlich handeln
müssen. Daher rufen wir die Führer der autonomen Region Kurdistan und
all die anderen kurdischen Kräfte dazu auf, ihrer Verantwortung gerecht
zu werden.“
Die Erklärung endet mit dem Aufruf an „die Vereinten Nationen und alle
anderen internationalen Organisationen, verantwortlichen zu handeln, wenn
es um die kurdische Frage geht. Wir rufen auch diese Kräfte dazu auf,
Anstrengungen zu einer friedlichen, zeitgemäßen und demokratischen Lösung
der kurdischen Frage zu unternehmen und damit ihrer humanitären Verantwortung
gerecht zu werden.“ Und ein Aufruf richtet sich an „unser Volk und die
KämpferInnen und Militanten in unserer Bewegung, diesen Prozess genau
zu verstehen, der in Übereinstimmung mit den Botschaften unseres Anführers
entwickelt wurde, und noch verantwortungsbewusster als bisher zu agieren,
um diese Phase zum Erfolg zu führen und ihren Aufgaben gerecht zu werden.“
Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob die türkische Regierung
und das türkische Establishment bereit sind, sich der Herausforderung
durch die PKK zu stellen. Es wird entscheiden sein, genau zu beobachten
was sich hinter den Kulissen abspielt. Denn diese Herausforderung durch
die PKK ist wieder einmal keine militärische. Es ist die Herausforderung,
über den Frieden zu reden.
(Nucan Cudi/ANF,
14.8.2010, ISKU)
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