| KONGRA-GEL
und KCK rufen Waffenruhe aus
Der Vorstand des KONGRA-GEL
und der Exekutivrat der KCK haben eine seit Tagen erwartete Erklärung
abgegeben, nach der sie vom 13. August bis zum 20. September eine Waffenruhe
ausrufen werden.
KONGRA-GEL und KCK brachten folgende Dinge in ihrer Erklärung zur Sprache:
„Wir erklären offiziell vor der Öffentlichkeit, dass wir unsere Einheiten,
die sich in der aktiven Verteidigung befinden, in die passive Verteidigung
zurückziehen.“
KONGRA-GEL und KCK, die zur Beendigung der Militäroperationen aufriefen,
haben einen Friedensplan bekannt gegeben. Der aus vier Punkten bestehende
Plan beinhaltet folgende Dinge: Freilassung der ca. 1 700 kurdischen PolitikerInnen
und der Mitglieder der Friedensgruppe, aktive Beteiligung am Friedensprozess
des KCK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan und die Senkung der 10-Prozent-Hürde
bei den Wahlen.
Wir dokumentieren
die Erklärung des KONGRA-GEL und der KCK:
„Das kurdische Volk ist eines der ältesten in der Region. Die Teilung
Kurdistans und die kurdische Frage bilden für die Demokratisierung der
Region einen wichtigen und grundlegenden Faktor. Aus diesem Grunde wird
die demokratische Lösung der kurdischen Frage seinen Beitrag zur Demokratisierung
der Türkei leisten. Gleichzeitig wird es zur Demokratisierung der Region,
zu Frieden und Stabilität führen. Die Geschichte und die heutige Lage
bringen das kurdische Volk und Kurdistan in eine solche Position.
Unser Volk hat so wie alle Völker der Welt das Recht darauf, in seiner
eigenen Region seine Sprache und Kultur in einem freien Leben auszuleben
und über sich selbst zu entscheiden. Das sind grundlegende Rechte, die
nicht zur Debatte stehen. Niemand kann dieses grundlegende Recht unseres
Volkes ignorieren.
Der türkische Staat muss endlich mit den Massakern, den historischen Fehlern,
der Rechtlosigkeit und mit allem Leid, das er in der ganzen Geschichte
der Republik über verursacht hat, aufhören. Der Freiheits-, Demokratie-
und Friedenswiderstand der kurdischen Freiheitsbewegung zwingt die demokratische
Lösung der kurdischen Frage auf.
Die kurdische Frage steht in der heutigen Zeit vor einer Lösung. Jedoch
wird die klassische Verleugnungs- und Vernichtungsmentalität fortgeführt
bzw. der Kampf um die Regierung vertieft die Lösungslosigkeit. Die genannte
klassische Mentalität wird mit verlogenen ‚Lösungsprojekten‘ die gegenseitigen
Verluste nur vermehren. Das wird zu noch mehr Blut, Trauer und Verlust
für alle Völker der Türkei führen.
Der KCK-Vorsitzende Abdullah Öcalan und unsere Bewegung haben seit 1993
für den Dialog und für politische Mittel sechs Waffenruhen ausgerufen
und für die Verwirklichung einer Lösung viel Energie aufgewandt. Die Antworten
darauf waren noch mehr Operationen gegen Guerilla und PolitikerInnen,
Repression, Gewalt und Festnahmen gegen das Volk. Auf internationaler
Basis strebte man die Isolation an.
Die Antwort der AKP-Regierung auf unsere letzte Waffenruhe vom 13. April
2009 war gleich. Der Unterschied war die Strategie, die die AKP-Regierung
‚Initiative‘ nannte. Sie gab sich so, als ob sie die kurdische Frage anerkannt
habe, wollte aber in Wahrheit nur hinhalten, damit sie unsere Bewegung
vernichten kann. Dieser Prozess ist noch sehr aktuell im Gedächtnis.
Anstelle einer demokratischen Verfassung, die im Rahmen der Lösung der
kurdischen Frage vorgesehen ist, will die AKP die Verfassung vom 12. September
weiterhin am Leben halten und legitimieren. Im Verfassungspaket, das 26
Artikel umfasst, ist bezüglich des kurdischen Volkes gar nichts enthalten.
Die Artikel, die es erlauben, das kurdische Volk zu ignorieren, wurden
nicht einmal zur Debatte freigegeben. Solch eine Verfassung kann nicht
demokratisch sein und auch nicht zur Demokratisierung der Türkei führen.
Diese ergriffene Initiative zur Änderung der Verfassung seitens der AKP
führt nur dazu, den Weg zu einer wirklich demokratischen Verfassung zu
verbauen.
Wenn der türkische Staat das kurdische Volk nicht mehr in der türkischen
Nation aufgehen lassen will, dann muss er endlich konsequente Schritte
machen.
Vorerst muss erwähnt werden, dass der türkische Staat und die AKP-Regierung
jene sind, die dem kurdischen Volk und der Freiheitsbewegung vertrauen
müssen. Obwohl kein Schritt für unsere am 2. Februar 2010 veröffentlichte
Friedens- und Demokratiedeklaration gemacht wurde, erweckt die Regierung
den Anschein, dass sie eine Lösung und die Demokratisierung will. Damit
muss aufgehört werden. Gegenüber all diesen Fakten hat unsere Bewegung
den Beschluss gefasst, sich selbst und das Volk vor zunehmenden militärischen
und politischen Operationen zu schützen.
Da die Gegenwart des kurdischen Volkes und seine Zukunft bedroht sind,
haben wir auf Basis der ‚Verteidigung der eigenen Gegenwart und Erlangung
der Freiheit‘ eine neue strategische Phase bekannt gegeben. Diese Phase,
die nach dem 1. Juni 2010 begann, ist nicht, wie einige behaupten, ein
Kriegsprozess.
Unsere neue Phase bedeutet die Lösung der kurdischen Frage auf Basis der
‚demokratischen Autonomie‘, und sie bedeutet, den Widerstand mittels der
legitimen Selbstverteidigung zu erhöhen, um die Demokratisierung der Türkei
bzw. eine demokratische Verfassung zu erlangen.
Die demokratische Autonomie ist die zur politischen Geschichte und den
Bedingungen der Türkei passendste Lösungsformel. Die KurdInnen hatten
einen Autonomiestatus schon zu osmanischen Zeiten. Dieses Modell dient
nicht dem Separatismus, sondern dem freiwilligen Zusammenleben. Es bezweckt
nicht die Auflösung des Staates oder die Änderung der Grenzen. Eine demokratische
Türkei und ein demokratisches, autonomes Kurdistan ist eine Formel, die
zur Selbstverwaltung der Völker und zum freien Leben mit eigener Kultur
und Identität führt.
Die vergangenen zwei Monate brachten einige Erkenntnisse bezüglich der
Selbstverteidigung unserer Bewegung und unseres Volkes mit sich. Trotz
aller technologischen Mittel des Militärs hat die Guerilla aus Kurdistan
ihre Kraft bewiesen. Sie hat gezeigt, dass sie unbezwingbar ist und viele
Jahre Widerstand leisten kann.
Unser Volk hat trotz des psychologischen Kriegs, trotz der Angriffe und
der Festnahmen gezeigt, dass es sich nicht ergeben wird und bis zu einer
Lösung dem Vorsitzenden und der Guerilla verbunden sein wird. Im Besonderen
begrüßen wir die Feierlichkeiten unseres Volkes nach der Bekanntmachung
des Zieles des DTK [Demokratischer Volkskongress], die demokratische Autonomie
zu verwirklichen. Wir rufen jeden dazu auf, diesen Willen unseres Volkes
zu respektieren. Wir als Bewegung sehen diesen Beschluss als richtig und
angebracht an und geben bekannt, dass wir bis zum Ende dahinterstehen
werden.
Unser Vorsitzender gab der Öffentlichkeit bekannt, dass seine Linie die
des Friedens ist und er sich für einen möglichen Frieden engagieren wird.
Zusammen mit dem Widerstand haben sich einige Aufrufe von verschiedenen
Kreisen gebildet, die unser Vorsitzender beachtete. In solch einer Phase
begann bezüglich der Lösung eine gegenseitige Überprüfung des Vorhabens.
Der Vorsitzende Apo rief die jeweiligen Seiten auf zu handeln, bevor die
militärischen Entwicklungen unumkehrbar werden. In diesem Sinne hat er
an die Führung unserer Bewegung eine Botschaft gesandt. Unsere Bewegung,
die gleichzeitig den Beginn des Fastenmonats Ramazan und die Aufrufe des
DTK, der BDP [Partei für Frieden und Demokratie] und anderer Kreise berücksichtigt,
nahm diese ernst und diskutierte die Botschaft unseres Vorsitzenden. Infolgedessen
traf sie einen Beschluss.
Im Sinne dieses Beschlusses:
a: Wir geben der Öffentlichkeit offiziell bekannt, dass wir unsere Einheiten,
die sich seit dem 1. Juni in aktiver Verteidigungsposition befanden, in
die passive Position ziehen werden. Vom 13. August bis zum 20. September
werden unsere Einheiten keine Aktion verwirklichen, aber sich und das
Volk gegen jegliche Angriffe und Operationen verteidigen.
b: Folgende Dinge müssen der türkische Staat und die AKP-Regierung für
die Festigung dieses Prozesses verwirklichen:
1: Das Ende der militärischen und politischen Operationen und eine gegenseitige
Waffenruhe.
2: Die 1700 PolitikerInnen und Mitglieder der Friedensgruppen, die mit
falschen Begründungen verhaftet wurden, müssen freigelassen werden.
3: Der Beginn eines Dialogs im Rahmen der Vorschläge des Vorsitzenden
Apo bzw. die aktive Einbindung des Vorsitzenden in den Friedensprozess.
4: Die 10-Prozent-Hürde, die in keinem demokratischen Land vorzufinden
ist, muss gesenkt werden.
Damit dieser Prozess in den Frieden münden kann, müssen der türkische
Staat und die AKP ihre Pflichten erfüllen. Es muss bewusst sein, dass
dieser Prozess nicht einseitig laufen wird, wenn die AKP mit irgendwelchen
Ausreden die Lösungslosigkeit und die Vernichtung aufzwingt.
Damit die siebte Waffenruhe erfolgreich wird, müssen neben dem türkischen
Staat auch die demokratischen Kräfte und NGOs ihre Verantwortung erfüllen.
In diesem Sinne rufen wir alle Kräfte, die auf der Seite des Friedens
und der Demokratie stehen, zur Initiative auf.
Damit dieser Prozess erfolgreich wird, müssen sich auch südkurdische bzw.
Kräfte aus ganz Kurdistan in Einheit und Solidarisierung zeigen. Jeder
muss der eigenen Verantwortung nachkommen. In diesem Sinne müssen staatliche
Kräfte aus Südkurdistan, aber auch andere kurdische Kräfte ihre Rolle
auf aktive Weise spielen.
Angefangen mit den Vereinten Nationen rufen wir alle internationalen Institutionen
und Kräfte zur Verantwortung in Sachen kurdische Frage auf. Diesen Kräften
möchten wir nochmals ins Gedächtnis rufen, dass eine friedliche, moderne
und demokratische Lösung bzw. die Bemühungen dazu eine Pflicht der menschlichen
Verantwortung ist.
Wie wir schon vorher bekannt gaben, ist die Behandlung des Vorsitzenden
Grund für Krieg oder Frieden. Aus diesem Grunde wird die Isolation, die
seit 17 Tagen andauert, den Prozess bis zum 20. September in Schwierigkeiten
bringen. Wir verurteilen dieses Vorgehen des türkischen Staates.“
Quelle: ANF, 13.08.2010,
ISKU
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