Überblick: Guerillaaktionen und militante Angriffe der letzten 14 Tage

Seit dem 01.06. hat die kurdische Guerilla ihren einseitigen Waffenstillstand aufgekündigt. Sie zeigte ihre Präsenz und Stärke in allen Regionen Kurdistans und bewies, dass sie an jedem Ort und zu jeder Zeit in der Lage ist, dem türkischen Militär schwere Schläge zu versetzen. Trotz der massiven Guerillaaktionen erklärte der Vorsitzende des Exekutivrats der HPG Murat Karayılan, die kurdische Guerilla befände sich immer noch in einer Position der Warnung und kämpfe bei weitem nicht mit dem Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel. Trotz der schweren militärischen Angriffe und Kriegsverbrechen von türkischer Seite, setzt die kurdische Freiheitsbewegung weiterhin auf eine friedliche Lösung im Dialog. Ziel ist, einen beidseitigen Waffenstillstand herzustellen, an den sich auch das türkische Militär hält. Der türkische Staat setzt jedoch weiter auf Eskalation, indem schwerste Menschenrechtsverletzungen an gefangenen und gefallenen Guerillakämpfer_innen durchgeführt werden, die Natur und die Lebensgrundlage der Menschen durch Brandbomben zerstört, Friedensaktivist_innen und kurdische Politiker_innen inhaftiert und kurdische Dörfer weiter zerstört und die Bevölkerung vertrieben werden. Aufgrund dieser Eskalation erklärte die kurdische Freiheitsbewegung die kurdische Region zur autonomen Region und führt viele Aktionen in diesem Gebiet durch. Es finden Guerillaaktionen in allen Teilen Nordkurdistans statt. Die Zerstückelung und Verstümmelung von Guerillaleichnamen durch das türkische Militär, hat große Bestürzung hervorgerufen und zu einem weiteren Anstieg militanter Aktionen durch organisierte Jugendliche geführt. In vielen Städten, allen voran Gever (Yüksekova) kam es zu schwersten Straßenkämpfen.

DERSIM: GUERILLAAKTIONEN WEISEN AUF „AUTONOMES KURDISTAN“ HIN
Die weit westlich gelegene kurdische Provinz Dersim, ist traditionell ein Schwerpunkt aufständischer Bewegungen. Aufgrund dieser Tradition versucht der türkische Staat auf verschiedenen Ebenen, den Widerstandsgeist der Bevölkerung zu brechen. Nach der Erklärung des Gebietskommandos der HPG Dersim ist eine besondere Methode des Spezialkriegs, die Benutzung der Prostitution, des Drogenhandels und die Einrichtung von Nachtklubs. Insbesondere die in der feministischen Tradition stehende und in Dersim starke linke Frauenguerilla YJA-Star wendete sich immer wieder gegen diese Einrichtungen. Nach mehreren Warnungen gab es in den letzten Wochen mehrere Bombenangriffe auf Läden dieser Art. Dabei wurde darauf geachtet, dass Menschen nicht in Gefahr kamen. Angriffe wurden ausschließlich außerhalb der Öffnungszeiten durchgeführt. Mit diesen Aktionen setzt die kurdische Guerilla in der Region ein deutliches Zeichen gegen die zerstörerische Politik.
Die Guerilla in der Region Dersim führte aber auch im Rahmen der Aktionen innerhalb der Kampagne für das „Autonome Kurdistan“ weitere Aktionen durch. Guerillas führten in den letzten Wochen an mehreren Orten in der Provinz Dersim Straßenkontrollen durch, bei denen sie Öffentlichkeitsarbeit machten und mit den Insassen der Autos politisch diskutierten.

COLÊMÊRG (HAKKARI): SCHWERE KÄMPFE, TÄGLICHE GUERILLAAKTIONEN
Die Provinz Colêmêrg, die sich u.a. in die Kreise Şemzînan (Şemdinli), Gever (Yüksekova), Çelê (Çukurca) und Colêmêrg unterteilt, stellt einen Schwerpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Guerilla und Militär dar. Täglich und zu jeder Uhrzeit führt die Guerilla hier Aktionen gegen die massive Militärpräsenz durch. Bei kleineren Angriffen werden des Öfteren Raketenwerfer und ferngezündete Bomben verwendet, die sich gegen das Militär richten. Bei größeren Aktionen, wie am 07.07. in Şemzînan, konnte die Guerilla erneut militärische Stellungen überrennen und einnehmen. Bei diesen Kämpfen starben mindestens 18 Soldaten. Die Guerilla konnte etliche Waffen beschlagnahmen. Ein weiteres Beispiel für die Vielzahl von Guerillaaktionen ist ein Angriff am 16.Juli gegen einen Sikorsky-Transporthubschrauber, der Soldaten und militärisches Material transportierte. Er geriet über der Region Şemzînan in Brand und musste sich rasch entfernen.

ANGRIFFE AUF MILITÄRISCHE LOGISTIK
Die Guerilla führte mehrere Aktionen gegen die militärischen Nachschubwege u.a. in der Provinz Colêmêrg durch. So griff sie am 5. Juli Lastwagen an, die dem Militär Nahrung bringen sollten. Dabei kam es zu einem hohen Sachschaden. Dabei warnte sie Zivilist_innen nochmals dem Militär Nahrung und Logistik zur Verfügung zu stellen. Am 12. Juli zerstörte die HPG eine Tankstelle in Çelê, die dem Militär Benzin zur Verfügung stellte. Auch in Dersim und anderen Provinzen fanden ähnliche Aktionen statt. Bei all diesen Angriffen kamen keine Zivilist_innen zu Schaden.

VERGELTUNGSAKTIONEN DER GUERILLA WEGEN VERSTÜMMELUNG VON LEICHEN
Die HPG und die Frauenguerilla YJA-Star führten mehrere Vergeltungsaktionen in Gedenken an die ermordeten und vom türkischen Militär zerstückelten Guerillas durch. Die YJA-Star griff am 6.07. mehrere Ziele in den Provinzen Xarpêt (Elâzığ), Colêmêrg, Cewlig (Bingöl) und Agirî (Ağrı) an. Dabei starben mindestens 13 Soldaten und 3 Verteidigungsstellungen des türkischen Militärs wurden zerstört. In Bazîd (Doğubeyazıt) wurde um 12:30 Uhr ein gepanzertes Fahrzeug vernichtet, in Xarpêt drei Verteidigungsstellungen des Militärs eingenommen, in Gever ein Militärkonvoi angegriffen und in Genç ein Militärstützpunkt mit zwei Aktionen angegriffen. Große Mengen militärischen Materials wurden beschlagnahmt. Bei den Aktionen starb eine Guerilla.

AKTIONEN GEGEN TODESSCHAWADRONEN DES JITEM
Der Geheimdienst der Jandarma, Jitem, der für mehr als 17.000 „Verschwundene“ in den letzten 30 Jahren verantwortlich ist, steigerte in den kurdischen Regionen erneut seine Aktivität und bedroht die Bevölkerung massiv. Die Guerilla führte mehrere Aktionen gegen Jitem-Mitglieder und Einrichtungen durch. In Wan tötete die Guerilla am 12.07. vier Mitglieder einer Aufklärungseinheit des Jitem. Am 07.07. zerstörte die Guerilla ein als „Teppichknüpfwerkstatt“ des Gouverneurs von Amed (Diyarbakır) getarntes Jitem-Zentrum.

ANGRIFFE AUF PIPELINES
Neben militärischen Zielen, nahm die kurdische Guerilla in den letzten Wochen mehrfach auch Ziele von hoher ökonomischer Bedeutung ins Visier. Am 03.07. griff die Guerilla die aus Kerkuk kommende Ölpipeline in der Nähe von Midyat an. Es entstand sehr hoher Sachschaden.
Am 16. Juli griffen HPG Guerillas in Giresun am Schwarzen Meer eine Erdgas-Pipeline zwischen Giresun und Ordu an. Es entstand ebenfalls hoher Sachschaden und die Pipeline war unterbrochen.

MILITANTE AKTIONEN DER APOISTISCHEN JUGENDBEWEGUNG
Die Wut über die fortgesetzt militärischen Aktionen und die schweren Menschenrechtsverletzungen durch türkisches Militär und Polizei brechen sich auch in einer Vielzahl militanter Aktionen vor Allem jugendlicher Aktivist_innen Bahn. Es kam vielerorts, auch in westtürkische Metropolen wie Istanbul und Izmir, zu militanten Aktionen kurdischer Aktivist_innen gegen die Operationen und die Verstümmelung der Guerillaleichname. Am 6.Juli erklärte die Apoistische Jugendbewegung innerhalb einer Woche mehr als 200 Autos in Istanbul in Brand gesteckt zu haben. Insbesondere Autos von Polizisten, Polizeifahrzeuge und offizielle Fahrzeuge waren Ziel der teilweise mit kleinen Sprengsätzen durchgeführten Angriffe. Sie erklärte: „Bis unser Volk und unsere Führung befreit ist, werden wir jeden Ort in ein Kriegsgebiet verwandeln. Jeder, der zum staatlichen Terror schweigt, ist ein Komplize. Deswegen wird jetzt in der vierten Phase bis zum Sieg niemand ruhig schlafen können. Unsere Ziele sind hauptsächlich staatliche Einrichtungen, Kollaborateure mit der schmutzigen Kriegspolitik und Institutionen. Unsere Aktionen gehen weiter.“ Auch am 07.07. wurden in Istanbul drei Fahrzeuge der der AKP nahestehenden Fetullah-Gülen-Stiftung in Brand gesetzt. In verschiedenen Städten fanden weiter militante Aktionen statt. So wurde am 06.07. in RIHA (Urfa) ein Sprengsatz auf einen Militärstützpunkt geworfen, Am 14.07. steckte die Apoistische Jugendbewegung in Istanbul aus Protest gegen die Folterungen sieben Autos und drei Läden von „Polizeiagenten“ in Brand. Am 13. Juli wurden drei Angriffe mit Molotowcocktails auf staatliche Einrichtungen und Supermärkte in Amed durchgeführt.
In vielen Städten wie Adana, Gever, Sêrt, Cizire, Istanbul, Mersin und Amed kommt es in den letzten Wochen immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Aktivist_innen und Polizei und Militär.

Quellen: ANF, ÖP. Gündem, Hakkarinews, Yüksekovahaber, Yüksekovaguncel


ISKU | Informationsstelle Kurdistan