| Duran Kalkan: Ohne Öcalan kein Frieden zwischen Kurden und Türken Im dritten Teil
des Interviews mit der Nachrichtenagentur Firat (ANF) erklärt KCK-Exekutivratsmitglied
Duran Kalkan, dass ein türkisch-kurdischer Frieden ohne den KCK-Vorsitzenden
Abdullah Öcalan nicht möglich sei. „Kein kurdisch-türkischer Frieden ohne
den Vorsitzenden Apo. Die Lösung der kurdischen Frage bzw. eine demokratische
Lösung der Frage ist vielleicht ohne ihn auch gar nicht möglich. Die Feindschaft
zwischen Türken und Kurden wird ohne den Vorsitzenden Apo vielleicht auch
weiter vorangetrieben“, so Kalkan. ANF: Wie realistisch sehen Sie eine Militäroperation, die von Vordenkern der türkischen Regierung „Großer Schmerz“ bzw. „Goldener Schlag“ genannt wird? Wie interpretieren Sie das? Duran Kalkan: Das wird manchmal in den Medien diskutiert. Die Formel „Großer Schmerz“ stammt vom alten Generalstabschef Yaşar Büyükanıt [Amtszeit August 2006–Juli 2008, Nachfolger Ilker Başbuğ; d. Ü.]. Es wurde auch behauptetet, sie hätten uns mit ihren Militäroperationen bzw. Luftangriffen gegen die Medya-Verteidigungsgebiete [Gebiete unter KCK-Kontrolle; d. Ü.] große Schmerzen zugefügt. Daran erkennt man also, dass sie alles versuchen, uns ernsthaft zu schaden. Ende 2008 gab es Operationen und Luftangriffe gegen das Hauptquartier, mit dem genannten Ziel. Es wurde kalkuliert: Wenn wir sie von oben treffen, einige Widerstandsnester verwüsten, können wir einige Personen, die sie sich ausgesucht haben, umbringen. So wäre die Sache erledigt und die Widerstandsbewegung vernichtet. Als Allererstes kann ich sagen, dass diese Kalkulationen falsch sind. Darauf sollten wir bestehen. Dieser Volkswiderstand ist nicht zerstört, indem einige aus der Führung sterben. Darüber hätten wir sprechen können, als die PKK noch eher klein, unerfahren und noch keine Volksbewegung war. Aber an dem heute erreichten Punkt ist das sinnlos. Es wäre richtiger, davon abzusehen. Es wäre viel menschlicher und demokratischer, wenn man anstelle der Liquidierung einiger Personen den Willen des Volkes anerkennt und in den Dialog eintritt. Aber das passiert nicht. Eine Türkei, die auf Vernichtung beharrt, kalkuliert natürlich mit „goldenen Schlägen“ oder „großem Schmerz“. Ein „Goldener Schlag“ bedeutet sowieso keine Vernichtung, wiegt aber auch nicht leicht. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das trotz großer Bemühungen keinen Erfolg hatte. Wir sprechen von einem Volkswiderstand, logischerweise hat es eine große Bedeutung für uns, wenn das Volk angegriffen wird. Jeder Verlust hat seine eigene Bedeutung. Da gibt es kein Gold oder Silber. Es wäre vorteilhaft, sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Selbstbefriedigung auf Kosten großer Schmerzen auf der Gegenseite ist eine gefährliche Geisteshaltung. Solche Bezeichnungen kamen aus dem Generalstab. Man wundert sich wirklich, so etwas zu hören. Menschen oder Gesellschaften können verfeindet sein, sich bekriegen. Aber die Befriedigung der einen Seite über den Schmerz der anderen bedeutet einen psychischen Defekt, eine gefährliche Mentalität. Diese Gesinnung ist chauvinistisch, rassistisch, faschistisch. Eine gefährlichere kann es nicht geben. Aus menschlicher Perspektive ist es inakzeptabel, sich über die Schmerzen anderer zu freuen. Mit solchen Drohungen kann weder die Gegenseite eingeschüchtert werden noch geht es um menschliche Werte. Sie kalkulieren damit, dass sie wie in der Vergangenheit drohen, unter Druck setzen, bezwingen etc. Das ist aber falsch und gefährlich, davon sollte abgesehen werden. Keine Demokratie, keine Administration, keine Gesellschaft entwickelt sich mit Blutsaugerei. Das [der „Goldene Schlag“ bzw. „Große Schmerz“; d. Ü.] erinnert an das Gefängnis Diyarbakır bzw. an die dortigen Foltermethoden 1981/82. Die Gefängnisverwaltung war von der türkischen Kontra-Guerilla und von der Spezialkriegsabteilung [Özel Harp Dairesi; d. Ü.]. Sie waren sadistisch und hatten Spaß an den Schmerzen anderer. So darf kein Staat, kein Generalstabschef sein. Doch unternahm niemand offen etwas und es ist als normal angesehen worden. So etwas darf man nicht einmal denken, diskutieren – geschweige denn so weit kommen lassen. Die Gegenseite darf so nicht angegriffen werden. Wenigstens minimale menschliche Werte sollten gelten. Wenn sie denken, dass sie uns mit diesen Drohungen einschüchtern können, dann liegen sie falsch. Diese Gesellschaft hat kein Bedürfnis danach; eher auf ein freieres, demokratisches Leben. Entweder wird die Gesellschaft physisch vernichtet oder frei. Etwas anderes kann es nicht geben. Mit Drohungen werden sie nichts erreichen und nichts anderes sein als sadistische Folterer und faschistische Gestalten. Wir sagen, so etwas [die Drohungen und die Freude über den Schmerz; d. Ü.] ist nicht diskussionswürdig. ANF: Önder Aytaç von der Taraf [türkische Tageszeitung], Polizeiexperte, fragte die Regierung: „Werden Sie den persönlichen Wünschen Imralıs entgegenkommen und sein Ego befriedigen oder über eine Lösung nachdenken, die seine komplette Vernichtung beabsichtigt?“ Was wird das Ergebnis dieses Irrsinns sein? Duran Kalkan: Die Angriffe auf den Vorsitzenden Apo sind die Spitze des besagten „Großen Schmerzes“. Das internationale Komplott gehörte in diesen Rahmen. Aus diesem Grund nannte das kurdische Volk den 15. Februar einen „schwarzen Tag“. Das Komplott vom 15. Februar [1999; d. Ü.] war eigentlich der größtmögliche Schmerz für die kurdische Gesellschaft. In diesem Sinne also hat sich das Volk an den Schmerz gewohnt. Weiterhin hat es geschafft – aufbauend auf diesen Schmerz –, demokratisches Wissen, demokratischen Willen und demokratische Organisierung zu entwickeln. Der Vorsitzende Apo soll mit Drohungen, Erpressungen und Ähnlichem bezwungen werden. Das wissen wir natürlich. In der Politik gilt das als größter Terror. Es wird von Tag zu Tag verschärft werden. Deswegen nimmt niemand mehr den türkischen Medien, Politikern und staatlichen Vertretern ab, wenn sie permanent die PKK als „Terrororganisation“ titulieren. Denn der größte Terror ist ihre eigene Praxis. Auf der anderen Seite kommen auch Diskussionen über eine Lösung auf. Ob es eine Lösung wäre, mit dem Vorsitzenden Apo oder der PKK in den Dialog einzutreten. Auch wenn es nur sehr wenig ist, wird jedoch eine Methode eines Dritten, eines Vermittlers, zwischen uns und dem Staat angeboten. Dann gibt es aber wiederum auch welche, die der Vernichtung hinterherrennen. Das bedeutet zumindest, den Vorsitzenden Apo außer Gefecht zu setzen und zu neutralisieren. Andere streben seine physische Vernichtung an, wenn die ideologisch-politische nicht klappt. Bekanntlich wurde ja eine chronische Vergiftung versucht. Außerdem wurde er 2008 offen mit dem Tode bedroht. Heute sind es der große Druck und die Folter des „Putsches des 17. Novembers“ [Bezeichnung von Öcalan für seine Verlegung in die neue Isolationszelle; d. Ü.]. Die AKP-Regierung hat mit ihrer Hinterhältigkeit den Druck, die Gewalt, den Krieg und die Angriffe im Sinn, wenn sie auf der anderen Seite von der [kurdischen bzw. demokratischen; d. Ü.] „Initiative“ und einer Lösung spricht. Ich möchte jetzt nicht erörtern, ob ohne den Vorsitzenden Apo eine Lösung möglich wäre. Wer will, kann seine eigene Meinung äußern. Der Vorsitzende sagte ja auch: „Wenn sie es lösen können, dann sollen sie. Hat ihnen jemand die Hände gebunden?“ Wenn es eine Lösung ohne den Vorsitzenden und die PKK gibt, dann sollen sie diese wahrnehmen. Wieso reden sie so viel dummes Zeug? Wenn sie eine solche Lösung bisher nicht verwirklicht haben, dann bedeutet das, dass es keine gibt. Sie sollen dann auch kein dummes Zeug reden, die Menschen verwirren, den Prozess sabotieren oder es versuchen. Ich möchte lieber auf die Rolle und den Platz des Vorsitzenden eingehen. Eines ist von Anfang an klar und nicht diskussionsfähig: Der Vorsitzende Apo will am meisten von allen eine friedliche, politische und demokratische Lösung. Er ist dafür am fleißigsten gewesen. Darum bemüht er sich schon seit 16 Jahren. Er hat die friedlich-demokratische politische Linie entwickelt. Er hat sie theoretisch, strategisch und organisatorisch dargelegt. Wenn er sich darum nicht bemüht hätte, wenn er keine Fortschritte in dieser Richtung gemacht hätte, wenn er die PKK nicht dazu gebracht hätte, eine demokratisch-politische Lösung anzustreben, dann könnte jetzt niemand von einer friedlich-demokratischen Lösung sprechen! Ich kann auch sagen, dass der Vorsitzende Abdullah Öcalan die Lösung in der Geschwisterlichkeit und Einheit der Völker, also des türkischen, arabischen, persischen, armenischen und assyrischen, sah und dafür die größten Anstrengungen unternahm. Wenn die Intellektuellen, die demokratischen Kräfte, die Wahrheit erfahren wollen, müssen sie wissen, dass einzig der Vorsitzende Apo sich für die Demokratie für die Türkei und für die türkische Gesellschaft einsetzt und großen Wert auf türkisch-kurdische Geschwisterlichkeit legt. Der erste Kurde, der dies will, ist der Vorsitzende. Er ist der größte Freund des türkischen Volkes. Wenn das kurdische Volk sein Wissen vermehrt und seine Organisierung ausgebaut hat, dann bedeutet das keine Feindschaft gegenüber dem Türkischen. Im Gegenteil, das war gegen die Ausbeutung, gegen den Chauvinismus und gegen den Militarismus gerichtet. Um diesen Zustand zu überwinden und somit auch der türkischen Gesellschaft ein freies und demokratisches Leben zu bieten. Es strebte auch ein geschwisterliches Verhältnis mit den anderen Völkern an. Das war schon immer so, darauf basierte der Kampf. Besonders aber die letzten 15 Jahre sind auf dieser Linie verlaufen. Es muss klar sein, dass die Linie des Vorsitzenden der Geschwisterlichkeit, der Demokratie, der Freundschaft und der Einheit am nächsten kommt. Das ist etwas sehr Wichtiges. An diesem Punkt gibt es Irritationen. Der Vorsitzende Apo wird nicht ganz klar dargestellt. Die Gesellschaft in der Türkei wird manipuliert und der Vorsitzende fehlinterpretiert. Es gibt aber keinen Kurden, der der Türkei und der türkischen Gesellschaft so nahesteht. Höchstens einen, der unterdrückt, übernommen und entleert wurde. Der darf aber nicht als Freund betrachtet werden. Eine solche Persönlichkeit könnte unter Druck ein „Freund“ sein, würde sich aber bei Gelegenheit rächen. Deswegen kann es auch nicht von Vorteil sein, der Gesellschaft eine solche zu servieren. Allein derjenige, der seinen freien Willen nutzt, kann der türkischen Gesellschaft weiterhelfen. Das strebt der Vorsitzende als Allererster an. Weil er wirklich an eine friedlich-demokratische Lösung glaubt. In diesem Sinne kann man es so sehen, dass er mit der Entwicklung der Türkei so fest verbunden ist wie mit dem kurdischen Volk. Das muss jeder wissen, der Sympathien für die Türkei hegt und demokratisch ist. Also wäre die beste Lösung die friedliche und demokratische mit dem Vorsitzenden. Das sollte man wissen. Zu guter Letzt kann ich Leuten wie Önder Aytaç, die eine Lösung ohne den Vorsitzenden Apo predigen, sagen: Jeder soll wissen, dass ohne den Vorsitzenden ein kurdisch-türkischer Frieden vielleicht auf 100 Jahre nicht möglich sein wird. Eine Lösung ohne ihn wird es vielleicht nie geben. Das Einzige, was es ohne ihn geben wird, ist die türkisch-kurdische Feindschaft. Niemand sollte denken, dass irgendein anderer Kurde eine demokratische Lösung für die kurdische Frage bewirken könnte. Ein solcher „Kurde“ wäre ein Jahrhundertverrat; deshalb lassen die Kurden auch ihre Finger davon. Ich denke, das sieht auch jeder. Die USA, die EU und die türkische Führung haben seit dem Militärputsch vom 12. September 1980 immer wieder versucht, solche „Kurden“ zu schaffen. Offensichtlich ist aber bisher kein Einziger gefunden worden und wird auch nicht gefunden werden. Niemand sollte solchen Fehlkalkulationen aufsitzen. Die kurdische Gesellschaft
hat eine entsprechende Mentalität gegen das internationale Komplott entwickelt.
In jedem Bereich, egal ob in der demokratischen Politik oder in der Guerilla,
gibt es ein solches Verständnis. Der Beschluss wurde gefasst: Der Botschafter
für den Frieden sitzt in Imralı. Verschiedene Kreise können die PKK und den Vorsitzenden im eigenen Interesse ausgrenzen, aber sie sollten auch nicht vergessen, dass dies nicht der Türkei dienen wird. Ganz klar ist es, dass es eine viel größere und heftigere Auseinandersetzung wird als bisher, wenn insbesondere der Vorsitzende ausgrenzt wird. ANF: Sie sind umgeben von vier Staaten, Iran, Irak, Syrien und Türkei, mit ihren sehr eigenen Charakteristika und Rollen. Sie sagen, dass Ihre Bewegung auf ihre eigene Kraft vertraut, sich auf das Volk stützt und der geografischen Lage dankbar ist. Reicht das aus? An welchem Punkt passen Sie sich in den Außen- bzw. diplomatischen Beziehungen dieser Originalität an? Duran Kalkan: Wir, als Bewegung, entwickeln uns aus eigener Kraft und legen darauf viel Wert. Das ist die Basis unserer freien und unabhängigen Haltung. Das war auch gleichzeitig ein Faktor für die Entwicklung der Bewegung. In diesem Sinne erfahren wir die Unterstützung des Volkes. Sie stärkt uns. Wir finden unter jeden Umständen Möglichkeiten zu arbeiten. Ferner ist es auch wichtig, sich auf die Kraft und auf die Eigenschaften unseres Landes zu stützen. Diese Bewegung formt sich in diesem Land, in dieser Gesellschaft. Insbesondere aber trägt die geografische Lage zum Guerilla-Widerstand bei. Eine stärkere Umgebung macht die Guerilla stärker bzw. unbesiegbar. Die geografischen Bedingungen Kurdistans haben ihre Rolle, ihren Einfluss und ihren Platz bei der kurdischen Guerilla. Das ist wichtig für uns. Natürlich reicht dies aber nicht aus. Die Gesellschaft ist ein Ganzes. Es muss auf jedem Gebiet das gesellschaftliche Leben geführt werden, die Probleme müssen gelöst werden. In diesem Rahmen ist der gesellschaftliche Kampf ein Ganzes. Aus dieser Perspektive nehmen diplomatische und andere Beziehungen einen wichtigen Rang ein. Bisher konnten diplomatische Beziehungen keine besonders große Rolle spielen. Denn ohne Stärke braucht man auch keine Diplomatie. Diese bedeutet die Vertretung der entstandenen organisierten Kraft nach außen. Für Diplomatie braucht man eine Kraft, Organisation und Kampf. Bisher gab es das nicht. Aber jetzt hat das kurdische Volk so etwas mit einem 30-jährigen Kampf hervorgebracht. Der Lösungsprozess braucht umfassende Arbeit und Widerstand. Wir befinden uns in einem solchen Prozess. Als wir anfangs mit der Organisierung und dem Volkswiderstand befasst waren, konnten wir ja nicht mit diplomatischen Aktivitäten beginnen. Die wären weder möglich gewesen noch hätten sie zu einer Partei, der Guerilla, Widerstand oder Ähnlichem geführt. Deshalb waren die im Widerstand bevorzugten Praktiken andere. Wir sprechen von einer friedlich-demokratischen und politischen Lösung der kurdischen Frage. Die Lösung wird diskutiert, überall gibt es dafür eine Dynamik. Daher sollte man diplomatisch arbeiten, um die Lösung zu verstärken. Eine friedlich-politische Lösung setzt auf Dialog; und der Dialog beinhaltet diplomatisches Vorgehen. So tritt die Diplomatie, nach innen wie außen, immer mehr in den Vordergrund. Wenn die kurdische Frage friedlich und politisch gelöst werden soll, dann bildet hier die Diplomatie einen Grundpfeiler. In dieser Hinsicht müssen wir diplomatische Beziehungen ernst nehmen und mit dem Ziel der politischen Lösung eine Bewegung dafür organisieren. Auf der anderen Seite aber ist die kurdische Frage nicht einfach auf Anhieb politisch-friedlich zu lösen. Wir wollen zwar eine solche Lösung, aber noch immer gibt es dagegen bedeutende Kräfte. Die kurdische Frage ist komplex, schwierig und ein ernstes Problem. Auf keinen Fall einfach und einseitig zu lösen. Auch wenn wir von Dialog sprechen, müssen wir ihm den Weg ebnen. Dafür bedarf es diplomatischer Arbeiten. Der Art, dass sie die kurdische Frage repräsentieren, die Eigenschaften, den Kampf, den Widerstand des kurdischen Volkes erklären, Lösungspartner finden und dem eine Basis bereiten. Besonders müssen wir das nach außen praktizieren, regional und international. Die diplomatischen Aktivitäten dürfen auch nicht auf der politischen Ebene verbleiben, sondern müssen alle demokratischen Einrichtungen umfassen. Die kurdische Gesellschaft hat es nötig, der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht zu werden, bzw. hat Unterstützung in der kurdischen Frage nötig. Deswegen muss die kurdische Realität, aber auch der kurdische Kampf, den Völkern, den Frauen, der Jugend, den Arbeitern und den Demokraten vorgestellt werden. Die kurdische Diplomatie muss also eine „Bekanntmachungs-Diplomatie“ sein. In den letzten Jahren entwickelt sich etwas Positives in dieser Richtung. Wir leisten im politischen, aber auch im Bereich der Bekanntmachung einflussreichere diplomatische Arbeit. Doch können wir sagen, dass sie nicht ausreicht. Wäre sie ausreichend, wäre der Weg zur Lösung geebnet. Auf dem Gebiet der Diplomatie sind wir noch Anfänger. Das muss geändert werden. Die Diplomatie funktioniert aber nicht so. Besonders die kurdische darf es nicht. Unsere Bewegung darf nicht auf andere warten und auf jede Möglichkeit lauern, sondern muss sich die Wege und Möglichkeiten selbst erschaffen. Das streben wir an. Die kurdische Gesellschaft sollte mit ihrer Jugend, ihren Frauen und allen anderen überall das kurdische Volk und Kurdistan nach außen vertreten. Sie sollten sich als Diplomaten verstehen und Kurdistan, Kurden und den Freiheitskampf repräsentieren. Wir müssen unsere eigene Wahrheit vertreten und nach Unterstützung suchen. Als Zweites müssen wir eine starke diplomatische Bewegung schaffen, welche der politischen Lösung die Basis bereitet. Initiativen gibt es schon, diese gilt es jetzt auszubauen. ANF: Kann es mit dem Verhandlungs- und diplomatischen Geschick des türkischen Staates in Zusammenhang gebracht werden, dass kaum auf ein Parteiverbot reagiert wurde, trotzdem diese Partei als Gruppe im Parlament vertreten gewesen war? Duran Kalkan: Natürlich waren die Reaktionen auf das Verbot der DTP [die im Dezember verbotene pro-kurdische Partei der demokratischen Gesellschaft – Demokratik Toplum Partisi; d. Ü.] ungenügend. Die kurdische Bevölkerung hat großartig reagiert, außerhalb war es aber zu wenig, das ist Fakt. Jetzt stellt sich die Frage: Wieso? Die Antwort darauf ist verbunden mit der Herangehensweise an die kurdische Frage. Diese ist nicht nur ein Problem Irans, Iraks, der Türkei, Syriens; sie ist ein globales Problem mit allseitiger Verwicklung. Die kurdische Frage entstand, als der Kapitalismus global wurde. Vorher hatte es kein Problem dieses Namens gegeben. Es wurde vom kapitalistischen Weltsystem geschaffen, das heute jeden und alles betrifft. Aus diesem Grunde geht diese Frage alle an, jeder ist verantwortlich. Deshalb ist man auch nicht gewillt, das Problem zu lösen. Tatsächlich verschließt sich die Welt einer Lösung der kurdischen Frage. Selbst der demokratischste oder sozialistischste Vertreter. Aus dieser Perspektive versteht man dann besser die Haltung gegenüber der DTP, die gestützt auf das Volk demokratischen Widerstand leistete. Das ist ein wichtiger Fakt. Der Grund, wieso man dieser Partei gegenüber distanziert blieb, ist ganz einfach: Die DTP stand für eine Lösung. So schwieg man. Ein anderer Faktor sind die diplomatischen Bemühungen des türkischen Staates. Besonders die AKP ist dabei sehr einflussreich. Denn sie versteht es sehr gut, jedem das Nötige zu geben. Mit dieser Linie hat sie schon alle möglichen Werte der Türkei auf den Markt geschleppt. Sie wollen, dass kein Staat mit den Kurden in Verbindung tritt oder sie überhaupt kennt. Nicht einmal Organisationen. Der gesamte Außenbereich der Kurden bzw. der PKK soll blockiert werden. In diesem Sinne wird sehr diplomatisch gearbeitet, jede Möglichkeit, die sich bietet, genutzt. Jeder wird bestochen, im Gegenzug soll niemand mit den Kurden in Verbindung treten. Das ist ein weiterer Grund dafür, wieso man der DTP gegenüber distanziert blieb. So etwa stellt sich die Wahrheit in der Welt dar. Die Welt ist nicht an Demokratie oder einer demokratischen Problemlösung interessiert. Das globale System greift weiterhin nach den Menschen, um sie seiner Macht zu unterwerfen. Das bietet keine großen Lösungsmöglichkeiten. So war auch keine Welt da, die mit der DTP in diplomatischer Verbindung stand oder Interesse für die abzusehende freie und demokratische Linie der DTP bekundete. Deswegen hatte die DTP auch nicht viele Freunde, zeigte niemand Reaktion auf das Verbot. Alle sind mit sich selbst und den eigenen Problemen beschäftigt. Die Welt interessiert sich nicht für andere. Das alles zusammen lässt erkennen, wieso die Reaktionen auf das Verbot so mager ausfielen. Natürlich müssen wir der Praxis
der Türkei Bedeutung beimessen. Wir müssen aber auch die Haltung der Welt
zur kurdischen Frage richtig einordnen und als wichtigen Faktor beachten
[bei einer Lösung bzw. Nicht-Lösung der kurdischen Frage; d. Ü.]. ANF: Gibt es Ihrer Meinung nach in Europa eine Organisierung parallel zu der Ihren, die Ihre Philosophie teilt? Duran Kalkan: Ich kann dazu nicht viel sagen. Ich kenne die Lage in Europa nicht im Detail. Doch scheint von außen betrachtet eine Schwäche wahrnehmbar. Früher waren die Proteste aus der Bevölkerung viel stärker. Quantitativ größer. Qualitativ waren die Botschaften und die Haltung der Jugend und der Frauen viel einflussreicher. Dabei bestehen natürlich Parallelen zum Widerstand in Kurdistan. Wir verfolgen das Ganze, soweit es in den Medien kommt. Doch lässt sich eine qualitative und quantitative Schwäche erkennen. Wieso? Das muss erforscht werden. Es gibt heftige Angriffe auf den Vorsitzenden Apo und der Staatsterror erreicht gewaltige Dimensionen. Dagegen müssten die Proteste des Volkes im Ausland und in Europa viel stärker und organisierter sein. Es scheint so, als ob die Organisierung nicht ganz ausreiche. Gibt es Probleme oder Ähnliches, müssen sie gelöst werden. Es muss klar sein, dass der demokratische Widerstand in Europa bzw. im Ausland genauso wichtig ist wie in Kurdistan. Unser Volk im Ausland hat zur Ausweitung des Widerstands einen großen Beitrag geleistet. Der Vorsitzende hat diesen Widerstand dort sehr dankbar aufgenommen. In kritischen Zeiten wurde Historisches geleistet. Das Ausland ist also genauso wichtig wie das Inland. Darauf können wir stolz sein. Doch war das kein Prozess oder so. Jetzt müsste der Widerstand viel größer sein. In diesem Sinne trägt das Volk im Ausland große Verantwortung. Diese Verantwortung ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Zuerst will ich sagen, dass wir in Europa vorher einige hatten, die im Widerstand gewesen waren und über große Erfahrung verfügen. Diese müssen jetzt aktiver arbeiten. Verschiedenes mag sich vielleicht in den Weg gestellt haben. Aber diese Probleme müssten beseitigt werden. Ich möchte allen meine Grüße ausrichten, auch im Namen des Volkes, und ich rufe sie dazu auf, sich der Bewegung aktiver anzuschließen. In diesem Zusammenhang müssen die Frauen auch aktiver werden. Es scheint so, als ob es auch in diesem Bereich Schwächen gäbe. Ich kann nicht wissen, was da genau das Hindernis ist, aber wenn das die Männer sind, dann müssen sie davon Abstand nehmen. Ein herrschendes Männersystem, eine feudale Haltung, oder die Frau einzusperren – das ist inakzeptabel! In dieser Phase, in der sich der Kampf so weit entwickelt hat, kann mitten in Europa kein solches reaktionäres, traditionelles und feudales System herrschen. Wenn dieses Problem von der Frau ausgeht, dann müssen die Frauenorganisationen für Abhilfe sorgen. Die Frauenorganisierung muss richtig praktiziert werden. Es scheint so, als bestünden Mängel in der Vertretung, aber auch in den Arbeiten. Das hat auch etwas mit dem reaktionären Verhalten des Mannes zu tun, das verhindert, dass die Frau sich dem Widerstand widmet. Außerdem muss die Jugend aktiver werden. In letzter Zeit ist eine aktivere Jugend zu sehen. Das ist sehr wichtig. Sie leistet ihren Beitrag. Aber die Vorreiterschaft der Jugend ist nötig für die Überwindung jeder reaktionären Haltung. Wenn es irgendwo irgendwelche Schwächen gibt, dann muss sich die Jugendorganisation genau wie die Parteiverwaltung verantwortlich fühlen. Dort, wo die Jugend die Vorreiterrolle übernimmt, kann die Demokratie aufblühen. Deswegen muss sich die Jugend auch verantwortlich fühlen. Wenn in anderen Institutionen
Schwächen auftauchen, müssen sie überwunden werden. Wenn es nötig ist,
neue Institutionen zu gründen, dann muss das geschehen. Unnötige müssen
aufgelöst werden. Das bürokratische und schematische System muss überwunden
werden. Eine Reihe von Institutionen und Menschen kommen zusammen, aber
sie arbeiten nicht oder sind zu schwach. Das geht so nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Widerstand in Kurdistan davon beeinflusst wird, wenn die Vertretung im Ausland stark ist. Deswegen darf dieser Widerstand im Ausland nicht kleingeredet werden. Die Ergebnisse dürfen nicht da stehen bleiben, wo sie sind. Sie müssen zusammengefügt werden und das neu Entstandene muss Wege für neue Möglichkeiten bieten. Für die Arbeiten dort kann ich das alles sagen. Aus diesem Anlass möchte ich jeden aufrufen, sich noch effektiver zu beteiligen, und richte meine Grüße aus. Ich möchte die Guerilla auf den Bergen, die dort heldenhaft Widerstand leistet, die Freunde in Europa und im Ausland grüßen und ihnen meinen tiefsten Respekt erweisen. Die Bevölkerung soll weiter auf die Guerilla vertrauen und an sie glauben. Die Unterstützung für die Guerilla muss stärker werden. Die Menschen sollen wissen, dass die Guerilla jene sind, die die Linie des Vorsitzenden Apo bis zuletzt vertreten werden. Mit diesem Wissen soll die Bevölkerung sich viel verbundener mit der Guerilla fühlen, sie mehr unterstützen und der ihr zufallenden Verantwortung nachkommen. Wir sind davon überzeugt, dass man der Freiheit des Vorsitzenden, dem Frieden in Kurdistan und der demokratischen Lösung der kurdischen Frage näherkommt, wenn man sich mit dem Widerstand des Volkes und der Guerilla verbindet. In diesem Sinne möchte ich noch einmal den Freunden in Europa viel Erfolg wünschen und meinen tiefsten Respekt erweisen. Quelle: ANF, 27.01.2010, ISKU |
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