| Duran Kalkan: Die Gesellschaft erlebt ein Kurdistan-Syndrom In dem zweiten Teil des Interviews mit Duran Kalkan, das bei der Nachrichtenagentur Firat (ANF) erschienen ist erklärte er, das der psychologische Kampf, der von dem Staat angetrieben wird, nicht nur die Soldaten und Polizisten beeinflusst, sondern die ganze Gesellschaft. „Die Gesellschaft erlebt ein Kurden- bzw. Kurdistansyndrom“. Des Weiteren sprach Kalkan über die Behauptungen, dass die PKK Beziehungen zur Ergenekon pflege. „Alle Ergenekon-Agenten, die sich in unseren Reihen befanden, wurden aufgedeckt. Diese werden jetzt vom deutschen, dem irakischen und dem türkischen Staat geschützt", so Kalkan. ANF: Ein sehr wichtiger Punkt der türkischen psychologischen Kriegstaktik ist, dass gesagt wird, dass die PKK nur in sich selbst eine Veränderung erleben kann. Sind Sie auch dieser Meinung? Duran Kalkan: Wir als Bewegung haben die nötige Veränderung entwickelt. Basierend auf dem Paradigmenwechsel haben wir eine ideologische Neustrukturierung erlebt. Auf dieser Ebene haben wir unser Programm, unsere Strategie und Taktik geändert. So haben wir die PKK in eine Bewegung verwandelt, die die demokratische, politische Lösung der kurdischen Frage anstrebt. Es wäre von großem Vorteil, wenn diese Tatsache allen bewusst ist. Diese Neustrukturierung sollte mittels des internationalen Komplotts verhindert werden. Die PKK sollte davon abgehalten werden, dass sie sich zu einer Bewegung entwickelt, die eine demokratische, politische Lösung der kurdischen Frage vorsieht. In den vergangen zehn Jahren griffen die Verschwörungsmächte sehr aggressiv an. Und trotzdem: Die PKK hat die gewollte Neustrukturierung mit Erfolg abgeschlossen. Der Komplott vom 15. Februar [Festnahme von Abdullah Öcalan] wurde durchgeführt, aber auch nach elf langen Jahren hat die Verschwörung ihr Ziel nicht erreicht. Wurde von innen wie auch von außen versucht, die PKK von ihrer Linie zu bringen? Ja, in der Vergangenheit war das der Fall, von innen wie von außen. Das Verleugnungs- und Vernichtungssystem arbeitete mit Agenten, die zu uns geschickt wurden, um die PKK von innen zu übernehmen. So sollte die PKK außer Gefecht gesetzt werden. Der letzte Angriff von der AKP und den USA auf dieser Ebene lief in den Jahren 2003/04. Doch die PKK deckte diese Angriffe alle auf und lies sie ins Leere laufen. Die PKK legt ihren Wert in den ideologischen und organisatorischen Kampf. Sie benutzt das System der Kritik und Selbstkritik effektiv und richtet ihre Linie ständig neu aus. Alle Vernichtungspläne, auf die große Hoffnungen gelegt wurden, sind dank des ideologischen, organisatorischen Kampfs besiegt worden. Das ist unsere Organisationsstruktur. Natürlich bewerten wir auch Folgendes: Das Vernichtungsregime steht nicht auf eigenen Beinen. Eigentlich ist es in den letzten 30 Jahren besiegt worden. Dies ist zu erkennen, wenn wir uns die letzte elfjährige Auseinandersetzung gegen die internationale Verschwörung anschauen. Das Verleugnungs- und Vernichtungssystem ist nicht nur in der Türkei, sondern auch im globalen System funktionsunfähig. In den elf Jahren haben sie ihre letzten Kräfte verbraucht. Sie greifen den Vorsitzenden Apo und die PKK an, aber sie erlangen kein positives Ergebnis. Sie haben nicht die Kraft dazu, die PKK eigenhändig zu vernichten. Aus diesem Grund sagen wir, dass sich die Lösung geradezu aufzwingt. Doch trotz dessen wird auf der Nicht-Lösung beharrt. Wieso haben wir die Lösung bisher nicht geschafft? Wieso beharrt das Verleugnungs- und Vernichtungssystem immer noch auf seiner Haltung, obwohl es im großen Maße besiegt wurde? Darüber diskutieren wir natürlich und erkennen, dass sie sich nicht mehr auf ihre eigene Kraft stützen, sondern sich auf unsere Schwächen konzentrieren. Im Moment haben sie ihre Hoffnungen darauf gesetzt, dass sie mit etwas Druck auf unsere Schwächen ein Ergebnis erzielen werden. Wir sehen, dass unsere Haltung nicht genügend ist und das unsere Linie nicht ganz die benötigten Entwicklungen aufbringt. Wir arbeiten sehr dran, diese Schwächen zu überwinden. Besonders in den letzten zwei Jahren haben wir versucht, die Schwäche auf der ideologischen und organisatorischen Ebene auszugleichen. Wir erneuern und entwickeln unser Verständnis, unsere Art und unser organisatorisches System. Das hat sich besonders im Jahre 2009 sehr bemerkbar gemacht." ANF: Was meinen Sie mit dieser Selbstkritik genau? Duran Kalkan: Wir haben z.B.
eine Guerilla, die die Angriffe des Feindes ins Leere laufen lässt. Dass
die Guerilla nicht zu besiegen ist, hat sie in ihren 26 Jahren des Bestehens
bewiesen. Wir sehen diese Tatsache aber als ungenügend an. Wir wollen
nicht eine Guerilla, die die Angriffe ins Leere laufen lässt, sondern
eine, die dafür sorgt, dass die Angriffe erstickt werden, noch bevor sie
anfangen. Die Guerilla hat sich neu strukturiert. Wir wollen, dass die
Guerilla qualitativ, wie auch quantitativ, ausreichend und stark ist.
Die Beitritte zur Guerilla z.B. haben sich verglichen zu 2008 im Jahre
2009 verdoppelt. Und diese Beitritte halten weiterhin an. Von einer quantitativen
Expandierung ist also die Rede und qualitativ durchlief sie eine intensive
ideologische und militärische Ausbildung. In den grundlegenden Bereichen
durchlief sie eine komplette Neustrukturierung. Ab jetzt wird die Guerilla
eine effektivere Position der Selbstverteidigung einnehmen. Die Stellung der Gesellschaft im psychologischen, ideologischen, politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben ist schwach entwickelt. Wir haben die Gesellschaft nicht genügend organisieren können. Immer noch besitzen einige die Hoffnungen auf den Staat. Der Staat und die Kriegsmächte schöpfen daraus Kraft und meinen: „Diese Menschen können ihre eigenen Dinge nicht selber machen. Sie sind schwach, hoffen auf uns und sie organisieren sich nicht. Aus diesem Grunde können wir, wenn wir den Druck weiter erhöhen, ihnen die Nicht-Lösung aufzwingen und so die Kraft dieser Menschen schwächen.“ Muttersprachlicher Unterricht wird verlangt, aber jeder schickt sein Kind in die Schule. Eine generelle und ausreichende Position ist nicht vorhanden. Somit kann sich auch der „Boykott der assimilierenden Schulen“ nicht entwickeln. So werden keine Schulen eröffnet, die das Wissen in der eigenen Muttersprache lehren. Die eigene Ausbildung basiert nicht auf der eigenen Organisierung. Wenn die kurdische Gesellschaft diese Haltung eingenommen hätte, dann hätte die AKP-Regierung nicht mehr viel zu tun. Dieses Beispiel kann für alle Bereiche gelten. Das ist gemeint, wenn wir von „ungenügend“ sprechen. Wir haben also eine gewisse organisatorische Kraft, wir leisten Widerstand und kämpfen. Das sind natürlich wichtige Sachen, die z.B. dafür ausreichen, die speziellen Kampftechniken aufzudecken, aber sie ist nicht ausreichend für die demokratische Lösung der kurdischen Frage. Die Hoffnungen und der Wille des Ausbeuters und des Rassisten können nicht ganz vernichtet werden. Wir aber meinen, dass unsere Organisierung genau dies beinhalten muss. Das Volk muss das eigene demokratische
Leben in allen Bereichen organisieren und weiterführen. Diesem staatlichen
System darf keine Hoffnung mehr geschenkt werden – weder in der Wirtschaft,
noch im sozialen Bereich, noch in der Politik, noch in der Kultur oder
in der Bildung - kurz: auf keinem Gebiet! Die Angriffe des Staates, die bisher gemacht worden sind, schöpfen, wie gesagt, ihre Kraft aus unseren Schwächen. Auf der einen Seite hoffen sie auf „Neues“ und auf der anderen Seite haben sie Angst, dass die kurdische Gesellschaft weiter ihre Organisierung ausbaut. Deswegen greifen sie die kurdische Gesellschaft an, noch bevor sie diese weiter ausbaut. Genau betrachtet fragen sie
die regionalen Verwaltungen: „Wieso blockiert ihr die Korruption, den
Diebstahl und den Dieb? Wieso helft ihr den Obdachlosen? Wieso eröffnet
ihr Supermärkte oder Firmen für Obdachlose?“ Das sind unsere Probleme. Außer den genannten Dingen gibt es keine große Veränderung oder Neustrukturierung. Wir haben schon eine Linie, die eine politische, demokratische und friedliche Lösung der kurdischen Frage anstrebt. Wir arbeiten daran, dass diese Linie verfeinert wird. Das weltweite und das türkische Kriegssystem können uns ablehnen, vernichten wollen, als terrorist bezeichnen oder versuchen uns zu isolieren – das ist nicht wichtig. Das sind rassistisch, faschistische Anschauungen. Wer Demokrat sein will, die demokratische Lösung der Probleme anstrebt und das demokratische Leben der Gesellschaft ernst nimmt, muss die PKK sehen, verstehen und mit ihr in Verbindung treten und die Probleme auf dieser Ebene lösen. Denn PKK will die demokratische Lösung der kurdischen Frage und die Demokratisierung der Türkei. Die, die Lösung ohne die PKK suchen, werden rassistisch, chauvinistisch und faschistisch bleiben. ANF: Adler/Taube, gemäßigt/radikal – es wird behauptet, dass sich die KCK spalten wird. Wie bewerten Sie das? Wie erklären Sie die Behauptungen, dass die PKK Beziehungen zu Ergenekon oder zum türkischen Staat führt? Duran Kalkan: Von welchem Adler, welcher Taube oder von welchem Rebhuhn sprechen Sie? Wir kämpfen für das Überleben eines Volkes. Jeder aufrichtige Patriot oder Demokrat versucht das Seinige, in diesem Kampf zu geben. Das ist alles. Alles andere was erzählt wird sind Lügen. Sie sind ein Teil des Planes. Das hat im Generellen mit den kurdisch-demokratischen Bewegungen und im Speziellen mit der PKK nichts zutun. Jeder meint, dass das was er möchte, der Wahrheit entspricht. Diese nehmen wir nicht einmal wahr. Wir sehen sie nicht einmal als diskussionswürdig an. Wir als Volk führen einen harten Kampf ums Überleben. Deswegen haben so primitive Sachen keinen Platz bei uns. Dieser Kampf geht nur mit großer Opferbereitschaft, Hingabe und Mut nach vorn. Alle wissen, wie schwer dieser Kampf ist. Alle in der Bewegung sind konsequent. Wenn andere Menschen sich etwas vormachen, um sich selbst zu belügen oder vergnügen daran finden, dann ist das eine andere Sache. Das müssen sie selber wissen. Das interessiert uns nicht. Beziehungen der PKK zu unterschiedlichsten Kreisen werden diskutiert. Das kann auch gemacht werden, dagegen haben wir auch nichts. Aber wir sagen, dass dies respektvoll sein muss. Das ist das Einzige, was wir erwarten. Wir wollen Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit und Respekt. Wenn die PKK wirklich verstanden werden will, dann ist die PKK dazu bereit. Sie möchte sich auch selber erklären. Wenn diejenigen, die aufrichtig und ernsthaft erklärt haben wollen, was die PKK ist, dann unterstützen wir das. Laut türkischen Medien sind bisher Hunderttausende PKKler gestorben. Es ist deutlich, wie sehr dies der Wahrheit entsprechen kann. Nach einigen Meinungen sollte die PKK schon 40 Mal vernichtet worden sein. Ständig wird gesagt, sie wurde gespalten, sie haben sich gegenseitig umgebracht, oder Ähnliches. Aber gut aufgepasst sieht man, dass so etwas nie passiert ist. Das sind alles Lügen, die gefährlich sein können. Das sind Falschinformationen, die Menschen werden falsch informiert. Das Ergebnis ist, dass in der Gesellschaft schon so etwas wie eine Hysterie herrscht. Es ist schon fast ein psychologisches Trauma. In Amerika hatten die Soldaten ein Vietnamsyndrom. In der Türkei ist das nicht nur auf Soldaten und Polizisten beschränkt; die ganze Gesellschaft erlebt grade ein kurdisches bzw. ein Kurdistansyndrom. Durch diese psychologische Kriegsführung ist die Gesellschaft am Rand des Wahnsinns angekommen. Die PKK oder die Kurden haben daran aber keine Schuld. Schuld sind diejenigen, die die Wahrheit nicht auf den Tisch legen und diejenigen, die die Seele des Volkes manipulieren. Alle sollten verstehen, wie dies der türkischen Gesellschaft schadet und wie verfeindet diejenigen mit ihr sind. Die Verantwortlichen sind die psychologischen Kriegstreiber. Sie machen dies im Namen des türkischen Nationalismus, aber sie schaden der türkischen Gesellschaft und ihre Zukunft immens. Interessant ist aber, wieso niemand etwas dagegen unternimmt? Werden diese Gefahren nicht gesehen? Verstehen sie nicht, wie sehr man die Zukunft der Gesellschaft zu verdunkeln versucht? Es gibt jetzt auch noch diejenigen,
die von Beziehungen der PKK zur Ergenekon, zum Staat oder zu wem weiß
ich schreiben. Andere behaupten, dass die PKK vom Staat gegründet wurde.
Die PKK wurde vom Staat gegründet und wird jetzt vom Generalstab geführt! Es ist aber auch normal, dass zwei Seiten, die sich bekriegen, sich auch gegenseitig beeinflussen. Wir beeinflussen die türkische Gesellschaft oder verschiedene Kreise innerhalb des Staates. Auf der anderen Seite versucht der Staat, einige Kreise in der PKK zu beeinflussen. Durch Druck oder auf andere Art und Weise. Das ist normal. ANF: Waren denn schon Agenten in der PKK? Duran Kalkan: Die PKK hat die Ergenekon in ihr schon lange entdeckt und verbannt. Die Ergenekon-Agenten, die bei uns waren, werden jetzt von Deutschland und dem Irak geschützt. Es waren auch welche da, die von der Organisation abgehauen sind und nun vom türkischen Staat als Agenten ausgenutzt werden. So sind die Ergenekon-Agenten in der Hand des Staates. Es ist überraschend, wieso diese nicht ans Tageslicht gebracht und verurteilt werden. Es gibt wirkliche Probleme in der Türkei, die aber nicht gelöst werden. Die Nicht-Lösung der kurdischen Frage, die Nicht-Demokratisierung der Türkei, führt den türkischen Staat und die Gesellschaft in die Enge. In einer solchen Atmosphäre werden auch alle Arten von „Meinungen“ von sich gegeben. Damit die Probleme der Gesellschaft nicht gelöst werden brauchen, wird der psychologische Kampf auf feinster Weise geführt. Die Mächte, die diesen Kampf führen, wollen den Feind beeinflussen aber sie machen dasselbe mit denen, die sie unterstützen. Die PKK oder auch das kurdische Volk hat den psychologischen Krieg der Türkei schon hinter sich gelassen. Diese Tatsache wurde erkannt. Der Staat und die Medien, alle können sagen, was sie möchten. Das beeinflusst nicht im geringsten unsere Bewegung und das Volk. Dagegen werden das türkische Militär, die Staatskader und die türkische Gesellschaft mehr als wir davon beeinflusst. Ein Staatsapparat bzw. eine Gesellschaft, die in den Wahnsinn getrieben worden ist bzw. ein Syndrom bekommt, steht vor uns. Die Lynchinitiativen, diese hysterischen Handlungen, haben damit zutun. Der psychologische Krieg ist an dem Punkt angekommen, dass er der Türkei mehr als uns schadet. Wir wollen nicht, dass er der Türkei schadet. Deswegen erklären wir, dass damit aufgehört werden soll. Das müssen vor allem die Intellektuellen, Künstler, Denker, Schriftsteller, Psychologen etc. sehen. Doch von ihnen ist leider nichts ernst zu nehmendes zu erkennen. Das ist das, was negativ ist. Quelle: ANF, 26.01.2010, ISKU |
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