Antifaschistische Initiative Moabit [AIM]

„Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“
Primo Levi


79 Jahre nach den Novemberpogromen

Solidaritaet mit den Opfern des deutschen Antisemitismus & Rassismus

Es redet u. A. Kurt Hillmann (geb. 1933)

"Natuerlich sollte ich als Jude einen Stern tragen, aber mein Vater hat gesagt: 'Dat wird nischt getragen!'"

Je weiter ich Richtung Ku’damm ging, desto mehr Menschen waren auf der Strasse. Auf einmal knirschten Glasscherben unter meinen Schuhen. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass die Fenster aller juedischen Geschaefte eingeschlagen waren. Vor einem Laden standen drei SA-Maenner und schauten unbeteiligt ins Leere. Ich erinnere mich, dass sie in diesem Moment nichts Menschliches an sich hatten. Ich sah zu Boden und ging weiter. Ich wollte wissen, was geschehen war - obwohl ich das Gefuehl hatte, dass mein Leben vorbei waere, wenn unsere Blicke sich treffen wuerden.

So beschrieb Margot Friedlaender den 10. November 1938. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet; sie selbst ueberlebte die Shoah trotz Inhaftierung im Konzentrationslager Theresienstadt. Das Bild der Zerstoerung, dass sie zeichnet laesst erahnen, von welcher Gewalt die Nacht davor gepraegt war. Am 9. November 1938 fanden die Novemberpogrome ihren Hoehepunkt. Im deutschen Herrschaftsbereich wurden juedische Menschen ermordet, vergewaltigt, inhaftiert und verschleppt. Juedische Geschaefte, Wohnungen, Gemeindehaeuser und Synagogen wurden gepluendert, zerstoert und in Brand gesteckt. Auf den Strassen brach sich der gewalttaetige deutsche Antisemitismus Bahn, der in der Nacht staatlich angestossen und orchestriert wurde. SA und SS fuehrten die Morde, Brandstiftungen und Verwuestungen an. Die nicht-juedische Bevoelkerung beteiligte sich an dem Pogrom oder stimmte mit ihrem Schweigen zu. Zum Anlass nahm die NSDAP-Fuehrung die Toetung eines deutschen Botschaftsangehoerigen in Paris. Herschel Grynszpan, der aufgrund des deutschen Antisemitismus nach Frankreich migriert war, gab mehrere Schuesse auf das Botschaftsmitglied ab, nachdem er von der Deportation seiner Familie nach Polen erfahren hatte.


Auftakt zur Vernichtung
Insgesamt wurden in den Tagen um den 9. November 1.300 Juedinnen*Juden ermordet, ueber die Haelfte der Gebetshaeuser und Synagogen in Deutschland und Oesterreich wurden zerstoert. Ab dem 10. November erfolgte die Deportation von 30.000 Juedinnen*Juden in Konzentrationslager.  Die Pogrome waren der Auftakt zur Vernichtung. Bis zum 9. November 1938 hatte das nationalsozialistische Deutschland Juedinnen*Juden Schritt fuer Schritt aus der Gesellschaft ausgegrenzt: mit Berufsverboten, Ausschluss aus den Universitaeten, spaeter mit den „Nuernberger Rassegesetzen“ sowie der „Arisierung“ juedischer Unternehmen. Mit dem Ueberfall Deutschlands auf Polen 1939 begann die NS-Eroberungspolitik. Hinter den Truppen der Wehrmacht in Osteuropa folgten die deutschen Einsatzgruppen, die in Massenerschiessungen Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen, Juedinnen*Juden, Rom*nja, Sinti*zza und andere als „Volksfeinde“ markierte Menschen, ermordeten. Osteuropa sollte als „Lebensraum“ „germanisiert“ werden. Die NS-Vernichtungspolitik gipfelte in der Shoah, dem industriellen Massenmord: Bis 1945 ermordeten die Deutschen sechs Millionen Juedinnen*Juden.


German Gedaechtnis
Der Sieg der Anti-Hitler-Koalition 1945 bedeutete fuer Millionen Verfolgte die Befreiung. Mit der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes kam es noch in den 1940er Jahren zu den ersten Alliierten-Prozessen gegen einzelne Nazi-Taeter*innen. Angesichts des geschehenen Unrecht war es nicht moegliche die Taten in angemessene Worte zu fassen. Die damalige Rechtsprechung konnte kaum den masslosen Verbrechen gerecht werden. Demgegenueber war die spezifisch deutsche Erinnerung bestimmt von der Hervorhebung von einzelnen pathologisierten „Verbrechern“. Von den - laut dem heutigen Stand der Forschung - ueber 42.000 Orten nationalsozialistischer Verbrechen in Europa, behauptete der Grossteil der deutschen Bevoelkerung nichts mitbekommen zu haben. Mit dem Abbruch der Entnazifizierung in der BRD erhielt der Nationalsozialismus als eine aufzuarbeitende Geschichte erst in den 1960er Jahren durch den Eichmannprozess und die Auschwitzprozesse wieder Beachtung - und das auch nur mit Widerstand gegen die in die Staatsapparate reintegrierte NS-Funktionselite. Die Frage der Erinnerung blieb in Deutschland mit dem Versuch der Schuldlosloesung verbunden. Die Etappen und Nuancen reichen vom Beschweigen und Verdraengen der  Taeter*innengeneration, der unvollstaendigen Anklage der 68er-Bewegung, bis hin zur oeffentlichen Empoerung ueber den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrendenkmal des Warschauer Ghettos 1970. Dieser steht symptomatisch fuer die Veraenderung der deutschen 'Verleugnungsgemeinschaft' zu einer vermeintlichen vorbildlichen 'Erinnerungsgemeinschaft', die schliesslich um ihr Holocaustmahnmal „beneidet“ werden sollte. Demgegenueber dauerte es bis weit in die 2000er Jahre bis sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, Homosexuelle sowie Sinti*zza, Rom*nja und Jenische als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Bis heute muessen Opfer in der Rolle der Bittsteller*innen auftreten und bekommen Entschaedigungszahlungen vorenthalten. Ersteinmal widerspruechlich mag dies wirken, wo doch die Geschichte der Wiedergutwerdung der Deutschen zum hegemonialen Gruendungsmythos der BRD gereift ist. Diese habe sich in Negation zum Nationalsozialismus gegruendet und kaempfe nun aufrecht gegen das Boese. Deutscher Antisemitismus besteht in jener Erzaehlung nur in historischer Form. Doch die andauernde Verweigerungshaltung gegenueber Geschaedigten macht es sehr deutlich: Eine tatsaechliche Aufarbeitung der Verbrechen und der gesellschaftlichen Verhaeltnisse, die den Nationalsozialismus hervorgebracht haben, hat es nie gegeben. Die toten Juedinnen*Juden dienen lediglich als Fundament einer neuen nationalen Selbstvergewisserung.


Antisemitismus, eine deutsche Normalitaet
Seit 2017 ist wieder eine faschistische Partei in den Bundestag eingezogen. Die Alternative fuer Deutschland (AfD) hat es geschafft, dem autoritaeren Beduerfnis und voelkischem Denken in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wieder einen offenen Platz zu geben. Mit dem Selbstbild als Erinnerungsweltmeister kaempfte immer zugleich das Beduerfnis nach nationaler Selbstbeweihraeucherung: Ein wirtschaftlich so erfolgreiches Volk, habe das Recht von Auschwitz nichts mehr hoeren zu muessen, meinte beispielsweise Franz Josef Strauss Ende der 1960er Jahre. Seit dem „Sommer der Migration“ 2015 finden Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Verschwoerungstheorien und die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ein parteipolitisches Sammelbecken. Im Januar 2017 sprach der thueringische AfD-Vorsitzende Bjoern Hoecke bei der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) in Dresden bezogen auf das Holocaustmahnmal von einem „Denkmal der Schande“, dass sich die Deutschen in das Herz ihrer Hauptstadt gepflanzt haetten. Hoecke forderte ein Ende der „daemlichen Bewaeltigungspolitik“ und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Diese bestehe nicht in einer „Vergangenheitsbewaeltigung als gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe“, sondern in einer „lebendigen Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den grossartigen Leistungen der Altvorderen in Beruehrung bringt“. Sein Parteikollege Alexander Gauland forderte in einer Rede im September 2017 auf einer Veranstaltung des sogenannten national-konservativen Fluegels der AfD, dass „wir das Recht“ haben, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Martin Homann, der 2003 in einer Rede u.a. nach der Taeterschaft von Juedinnen*Juden in der Oktoberrevolution fragte und zu dem Schluss kam, dass sie mit der gleichen Berechtigung als „Taetervolk“ zu bezeichnen seien, wie Deutsche im Hinblick auf den Nationalsozialismus, zieht mit der AfD wieder als Abgeordneter in den Bundestag ein. Nach seiner antisemitischen Rede vor Mitgliedern eines CDU Ortsverbandes war er aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen worden. Angesichts dieser Entwicklungen und der Verschiebung des Diskurses der etablierten Parteien nach rechts erscheint es daher nur folgerichtig, dass im Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl gefragt wurde, ob "der Voelkermord an den europaeischen Juden [...] weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein" solle.
Waehrend in der deutschen Mehrheitsgesellschaft erneut in Frage gestellt wird, ob die Auseinandersetzung mit der Shoa relevant sei, sehen sich Juedinnen*Juden in Deutschland zunehmend mit Antisemitismus konfrontiert. In einer Studie zum persoenlichen Erleben und der Einschaetzung von Antisemitismus bei Juedinnen*Juden in Deutschland, die vom Bielefelder Institut fuer Konflikt- und Gewaltforschung 2017 durchgefuehrt wurde, zeigt sich deutlich die Normalitaet von Antisemitismus. Etwa dreiviertel der Befragten schaetzt Antisemitismus weiterhin als „eher“ oder „sehr grosses Problem“ ein. Der Staat Israel bleibt damit Zufluchtsort, eine Exit-Option fuer Juedinnen*Juden. Ob es die deutsche Mehrheitsbevoelkerung wahrhaben will oder nicht, ob sie es leugnet oder Antisemitismus ausschliesslich in migrantischen Communities verortet: dieser ist weiterhin auch im Herzen der deutschen Mehrheitsgesellschaft anwesend. Antisemitismus macht „den Juden“ zur Projektionsflaeche alles Schlechten. In komplexen Verhaeltnissen setzt er damit an die Stelle eines kritischen Denkens einen entmenschlichten Feind als einfache und abgeschlossene Erklaerung. Er aeussert sich in verschwoerungstheoretischen Bedrohtheitsphantasien, in Daemonisierung des israelischen Staates oder ganz konkret in Schmierereien und koerperlichen Angriffen. Letzteres zum Beispiel im April 2017 am Berliner Ostbahnhof als ein Mann mit einer Flasche beworfen und antisemitisch beleidigt wurde. Antisemitismus zu erfahren bedeutet fuer Betroffene alltaegliche Aggressionen, Ausgrenzungen und Demuetigungen. Gewalttaetige Ueberfalle rufen wenig Solidaritaet hervor; antisemitische Schmierereien schockieren schon gar nicht mehr. Die Gesellschaft "gewoehnt" sich an Gewalt und Verfolgung - und sie stimmt mit ein. Zugleich fliegen rechte Terrorzellen auf, die Waffen gesammelt, Listen mit Personen angelegt und staatliche sowie militaerische Verbindungen hatten. Aber die potentiell toedliche Bedrohung, die von ihnen ausgeht, reicht nur fuer maximal zwei bis drei erschrockene Zeitungsartikel. Als haette es den "Nationalsozialistischen Untergrund" nie gegeben - die von ihm Ermordeten, seine Ausspaehung juedischer Einrichtungen z.B. der Synagoge in der Rykestrasse und seine Listen mit Anschlagszielen.


„Erinnern heisst handeln” (Esther Bejarano, Auschwitz-Komitee)
Wenn wir heute an die Novemberpogrome von 1938 erinnern, heisst das, dass wir ihrer Opfer gedenken, ihnen Namen und Geschichte geben. Es heisst auch, dass wir antifaschistisch wachsam sind gegenueber einer Gesellschaft, deren autoritaere und ressentimentgeladende Tendenzen wieder offener zu Tage treten. Die Novemberpogrome stellten einen ersten Hoehepunkt der antisemitischen Verfolgung dar, aber passierten nicht aus dem Nichts heraus. Die deutsche Gesellschaft stimmte in die Vernichtungspolitik ein. „Aus der Erfahrung unseres Lebens sagen wir: Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Auslaenderfeindlichkeit hervortreten!“
Dies haben uns die ueberlebenden Opfer des Nationalsozialismus und lebenslange Kaempfer*innen immer wieder aufgetragen, sie haben uns begleitet, unterstuetzt und ermutigt. Sie haben uns erklaert, was es bedeutet, als Gefluechtete*r leben zu muessen, was es bedeutet, nicht mehr als Mensch betrachtet zu werden. Wir werden unsere Kaempfe bald ohne sie fuehren und eigene Worte und Wege finden muessen. Dem Gedenken an die deutschen NS-Verbrechen auch weiterhin Gehoer zu verschaffen sowie Konsequenzen daraus einzufordern, bleibt einer der wichtigsten Aufgabe fuer alle Antifaschist*innen.

In diesem Sinne: Kommt am 9. November zur Gedenkkundgebung und antifaschistischen Demonstration nach Moabit!