Antifaschistische Initiative Moabit [AIM]

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Aufruf zum 9.November 2007 - Kein Vergessen! Kein Vergeben!

Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben
Primo Levi

Am 9.November 1938 brannten in Deutschland und österreich die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, demoliert und geplündert. Jüdinnen und Juden wurden von fanatischen Nazis gedemütigt und geschlagen, vergewaltigt und ermordet. Etwa 30.000 Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Die Gewalt der Pogromnacht bildete den Auftakt zu Deportation und Vernichtung, zum Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

Bereits seit 1990 erinnern wir, die Antifaschistische Initiative Moabit, mit einer Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht von 1938. Der ursprüngliche Anlass war vor allem die neue nationalistische Euphorie, die dem Mauerfall am 9.November 1989 und der deutschen "Wiedervereinigung" folgte. Die Erinnerung an die Novemberpogrome drohte davon überdeckt zu werden. Die nachfolgende rasante Rechtsentwicklung in Deutschland und die rassistischen Pogrome in Rostock, Hoyerswerda und Mölln bestätigten uns in unseren Befürchtungen und verliehen unserer Veranstaltung immer wieder erschreckende Aktualität und Notwendigkeit. Auch in den Jahren darauf und bis heute war es leider nie schwierig, Themen für unsere Veranstaltung zu finden. Antisemitische Gewalttaten, die Debatte um die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter, der 10.Jahrestag des Mauerfalls 1999, der von Gerhard Schröder ausgerufene "Aufstand der Anständigen" 2000, die Wahlerfolge neofaschistischer Parteien, rassistische Sondergesetze, antisemitische äußerungen von Politikern oder Reden von Prominenten, sowie ein gesellschaftlicher Diskurs, der mehr und mehr die deutsche Geschichte relativiert, das alles waren Themen, mit denen wir uns am 9.November beschäftigt haben.

In diesem Jahr nun werden wir den 70.Jahrestag der Pogromnacht begehen. Mit diesem Jahrestag stellt sich auch für uns immer dringlicher die Frage nach der Zukunft des Gedenkens. Unsere bisherigen Veranstaltungen wurden vor allem auch durch die Berichte von überlebenden des Nationalsozialismus, von Zeitzeugen der Verfolgung und der Vernichtungspolitik der Nazis getragen. Persönlichkeiten wie Kurt Goldstein, Gerhard Leo, Walter Sack, Paul Ostberg, Hellmut Stern, Heinz Kallmann und viele andere haben auf unserer Veranstaltung gesprochen und mit ihren eindringlichen Reden die TeilnehmerInnen beeindruckt und bewegt. Der Kontakt zu ihnen hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir uns als Gruppe vor einigen Jahren entschlossen haben, der Berliner VVN-BdA beizutreten. Doch auf die Stimme der überlebenden werden wir uns nicht mehr lange stützen können und müssen nun Konzepte entwickeln, wie wir dass, was diese uns über Jahre vermittelt haben, weitergeben können. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür werden in den nächsten Jahren nicht einfacher werden. Vor allem im nächsten Jahr ist zu befürchten, dass der Jahrestag der Pogromnacht vollständig hinter den Feierlichkeiten zum 20.Jahrestag des Mauerfalls verschwindet. Paul Spiegel, der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat vor einer solchen Entwicklung schon in seiner Rede zum 9.November 2000 gewarnt: "(...) Aus diesem Grund ist dieses Datum für alle Deutschen auch ein Tag der Freude. Es darf aber niemals das Gedenken an den 9.November 1938 - an den staatlich organisierten Pogrom - verdrängen und schon gar nicht zu einem ‚Feiertag 9.November' führen. Denn Volksfeststimmung mit Würstchenbuden und Bierzelten, die der Freude über die Niederreißung der Mauer angemessen sind, taugen nicht zum Gedenken an die Millionen von Toten des Nazi-Terrors." Dem Gedenken und dem Eintreten gegen Neofaschismus, Antisemitismus und Rassismus auch weiterhin Gehör zu verschaffen, wird dann unsere wichtigste Aufgabe sein.

Der Schwur der überlebenden von Buchenwald war auch für uns immer Verpflichtung zum Handeln und muss es auch in Zukunft bleiben, denn ihr Traum von einer "neuen Welt des Friedens und der Freiheit" ist noch lange nicht erfüllt. Der ehemalige Vize-Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Emil Carlebach, brachte es anlässlich der Feierlichkeiten zum 50.Jahrestag der Befreiung auf den Punkt: "Zu Frieden und Freiheit aber gehört auch die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum. In diesem Kampfe waren wir vereint, in diesem Kampfe bleiben wir vereint. Denn es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder."

In diesem Sinne hoffen wir, möglichst viele von Euch am 9.November auf unserer Veranstaltung zu sehen

AIM 2008