[ zurück zum ihnaltsverzeichnis ]




Autonomie ist selbstbestimmte Abhängigkeit1
zum Artikel über die Drogendiskussion im Schanzenviertel von Elly
In der letzten Zeck kritisierte Elly, die "klassisch autonome Weltsicht" in der Drogendiskussion und die Fixierung gegen den "reaktionären Staatsapparat". Die Freigabe von illegalisierten Drogen als einzige Lösung aus der derzeitigen Situation sei "einseitiger, pseudoradikaler Nonsens", da Suchtstrukturen darin überhaupt nicht thematisiert werden. Im Folgenden möchte ich darstellen, weshalb ich im Gegensatz zu Elly, die Freigabe illegalisierter Drogen zwar auch nicht für eine irgendwie geartete Lösung halte, aber dennoch für eine unverzichtbare Voraussetzung in der weiteren Drogenpolitik. Auch die generelle Abwehr gegen autonome Politik halte ich in diesem Zusammenhang für nicht begründet, sondern eher für eine zeitgeistgemäße, negative Projektion aufs autonome Image. Aber genug der langen Vorreden.
Ohne Frage führen Suchtstrukturen häufig zu unsolidarischem und rücksichtslosem Verhalten. Allerdings bleibt offen, weshalb manches Suchtverhalten stärker kriminalisiert wird als anderes. Daß die Massendroge Alkohol wesentlich stärker in die Gesellschaft wirkt als die Alternativdroge Heroin, steht doch wohl außer Frage. Dennoch wird Alkohol besteuert, umworben und vertrieben. Manche Lokalpolitiker outen sich gar selbst als Abhängige, wenn es darum geht Arbeitsplätze in den örtlichen Drogenfabriken auf St. Pauli zu retten. Andererseits wird z.B. Heroin verboten und in einen illegalen Markt gedrängt, wobei der Verlust von z.B. Arbeitsplätzen im mittelständischen Gewerbe wiedereinmal kein Schwein interessiert. Das Thema Drogen ist eben, wie nur wenig andere, ideologisch belegt und dementsprechend wird auch Drogen-Politik nicht durch Sachverhalte sondern von politischen Interessen bestimmt.
Drogenverbote gibt es weder zum Schutz vor Drogen noch als Austiegshilfe, und auch als Prävention vor Suchtverhalten machen sie keinen Sinn. Ihre größte Bedeutung erlangen Drogenverbote im Bereich der Abschreckung. Wer Drogen nimmt und verkauft, kommt in den Knast oder krepiert daran. Die Menschen kommen dabei aber nicht wegen irgendwelcher Drogen, sondern aufgrund der sie umgebenden Gesetze in den Knast. DrogenbenutzerInnen sterben im allgemeinen auch nicht schlicht an der Droge, sondern an deren Begleitumständen (unreiner Stoff, sozialer Abstieg). Durch Gesetze, durch die Herstellung von Legalität und Illegalität werden diese Begleitumstände erst geschaffen.
Drogenverbote machen letztlich nur Sinn zur Aufrechterhaltung bürgerlicher Bedrohungsszenarien, wie die der "offenen Drogenszene" oder der "kriminellen Ausländer". Eine solche Erkenntniss hat weniger (wie Elly unterstellt) mit klassisch autonomer Weltsicht zu tun, sondern vielmehr mit den dahinterliegenden Interessen. Die liegen gerade im Wahlkampf offen auf der Hand. Die Polizei braucht Bedrohungsszenarien wie die "organisierte Kriminalität" oder den Drogenhandel, zur Legitimation ihres gewaltigen Machtapparates, zur Einführung neuer Gesetze und zur allgemeinen Imageverbesserung (..dein Freund und Helfer). Parteien und PolitikerInnen verschaffen sich, solange sie über kriminelle Ausländer, lasche Gesetze und unerträgliche Zustände phantasieren, leicht Munition, um die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen zu behalten. Gerade die Stippvisite Volker Rühes durchs Schanzenviertel mit rassistischen- und Saubermannparolen hat dies wieder einmal deutlich belegt. Und auch die Zeitungen brauchen Aufmacher, die in vier Wörtern fettgedruckt die Welt erklären.
Daß eine Thematisierung von Suchtverhalten in der gegenwärtigen "Szene-Diskussion" um Drogen meist zu kurz kommt, ist sicher richtig. Allerdings: Alles zu seiner Zeit! Solange DrogenbenutzerInnen auf den Straßen krepieren müssen, weil eine Form der Legalisierung von illegalen Drogen, aus den oben beschriebenen Gründen, politisch nicht durchsetzbar ist, reiht sich eine "Anti-Sucht-Position" zwangsläufig in den herrschenden Ausgrenzungs- und Vertreibungsdiskurs ein. Diese schmerzhafte Erfahrung mußten im Schanzenviertel gerade erst die Initiative "erste Hilfe Sternchanze" machen oder auch die Baschu und (Ex)Flora-Park-Initiative. Gerade deren Engagement, wurde doch zur Legitimationsstütze der heutigen massiven Polizeipräsenz im Viertel. Nicht umsonst hat sich das öffentliche Auftreten dieser Initiativen so verändert, daß heute wesentlich stärker Kritik an Polizeimaßnahmen und politischen Versäumnissen, wie der ungenügenden Einrichtung von Fixräumen, geübt wird.
Bereits seit Anfang der Neunziger hat sich eine Politik im öffentlichen Raum durchgesetzt, die soziale Maßnahmen mit Repression verknüpft, nach dem Tenor "hart gegen Dealer, Hilfe für die Süchtigen". Während repressive Maßnahmen nach politischen Auseinandersetzungen dabei meist auf den Fuß folgen, bleiben weitergehende soziale Bemühungen aus, werden selbst seit Jahren überfällige Minischritte hin zu Druckräumen zu einem politischen Tauziehen auf des Messers Schneide.
Für die Linke muß ersteinmal die Verbesserung der direkten Lebensverhältnisse der Betroffenen dieser staatlichen Repression im Mittelpunkt stehen. Die Herstellung von so etwas wie einer gleichberechtigten politischen und sozialen Ausgangsposition von z.B. AlkoholikerInnen und FixerInnen. Eine solche Gleichberechtigung ist notwendig, um ersteinmal eine Situation zu schaffen, in der eine bewußte Entscheidung von DrogenbenutzerInnen über ihren Konsum möglich wird. Zwangsnüchternheitsstrukturen, wie z.B. während der Prohibition in den USA, haben seit jeher immer schon zu einem unkoktrollierterem Drogenkonsum geführt. Um trocken oder clean zu sein, um kontrolliert zu saufen oder zu drücken, braucht es die freie Entscheidungsmöglichkeit von jeder/m selbst. Dies belegen doch gerade auch Erfahrungen von Drogenhilfe- und Entzugseinrichtungen.
Entfremdung, Abhängigkeit und Unselbständigkeit, die Elly (zurecht) mit dem Drogenkonsum verknüpft, werden in dieser Gesellschaft doch weit mehr von den patriarchalen, kapitalistischen oder wie auch immer Verhältnissen produziert, als von Drogen. Der Mythos ein unabhängiges (welch patriarchales Lebenskonzept) und cleanes (welch christlicher Wunsch nach Unbeflecktheit) Leben führen zu können, ist doch vielmehr die Wurzel des Übels. Gerade solche nicht lebbaren Vorstellungen einer starken und selbstbestimmten Lebensführung, lassen doch viele Leute zerbrechen und Trost im Rausch suchen. Abhängigkeiten und Unselbstständigkeiten lassen sich nicht wegreden und auch nicht per Abstinenz ablegen, sondern sind auch und vor allem bestehende soziale Zwänge. Daher muß es eher darum gehen, unsere Abhängigkeiten wahrzunehmen und einen konstruktiven Umgang mit solchen zu finden. Letztlich führt nur die Anerkennung von Verhältnissen zur Überwindung von diesen.
Solche Positionen lassen sich in den Zeiten der postmodernen Beliebigkeit und der damit zusammenhängenden Bewegungslosigkeit der linksradikalen Szene sehr leicht kritisieren. Und Beifall scheint von allen Seiten gewiß, wenn die "klassisch autonome Weltsicht" kritisiert wird, der "linke Mythos vom entrechteten, gequälten Subjekt", das es zu erretten gilt. Dennoch scheinen es mir in diesen Zeiten der bedeutungslosen Linken gerade solche autonome Weltsichten diejenigen zu sein, die überhaupt noch praktische Ansätze und Utopien für eine radikale Linke möglich machen. Sicher liegt in Bevormundung und Paternalismus immer eine Gefahr. Dort, wo sich jedoch solidarisch und kritisch aufeinander bezogen wird, und wo die eigenen Lebensverhältnisse nicht außer acht gelassen werden, tun sich in der Praxis Widersprüche, Grenzen und Erfahrungen auf, die die linken Mythen vom Entrechtet sein, von selber knacken.
Was ich vermisse, sind Projekte und Menschen, die sich tatsächlich in einen praktischen Bezug in der derzeitigen Auseinandersetzung stellen. Die, wie es im Flora-Flugblatt so schön formuliert wurde, nicht nur über, sondern auch mit Junkies und Dealern reden. Sicher ist die Flora alles andere als die heilige Lanze in der Drogenauseinandersetzung und sicher läuft auch dort vieles schief. Aber immerhin ist dort eine Position entstanden, die eine aktzeptierte Druckmöglichkeit hinter der Flora erst möglich gemacht hat und damit Teil eines Versuches zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von DrogenbenutzerInnen ist. Mensch mag der Flora viel vorwerfen können, aber gerade angesichts der Entschlossenheit, mit der trotz aller Schwierigkeiten dort versucht wird, wenn schon nicht ein Zusammen so doch wenigstens ein Nebeneinanderherleben zu organisieren, enthebt die Vorwürfe von Elly, den von ihr vermuteten autonomen Spagat zwischen Paternalismus und platter "Anti-Staat-Politik", ihrer Berechtigung.
Sicher gibt es viele heterogene Positionen um die Flora. Ich teile selber auch nicht alles. Happy Birthday Heroin ist natürlich Quatsch (kann von mir aber sogar als solcher stehengelassen werden). Auch die Projezierung eines "deutschen Mobs" in die Straßen im Schanzenviertel finde ich Unsinn. Es hat nichts mit autonomen Viertelmythos zu tun, wenn mensch, trotz mancher Kollaboration von AnwohnerInnen mit den Bullen feststellt: Die Schanze ist nicht Hoyerswerda und auch nicht Groß-Flottbeck. Manchmal könnte mensch schon meinen, die ViertelbewohnerInnen sollen in ihrer Gesamtheit für ausgebliebene Revolutionen im Stadtteil nun abgestraft werden, wie sie früher für erwartete Revolutionen umworben wurden. Daß Schanzenviertel ist nach wie vor ein eher linker Stadtteil und der Umstand, das auch die größten KritikerInnen der vermeintlichen Viertelidentitätspolitik dort am liebsten ihre Zelte aufschlagen, spricht für sich selbst. Letztlich wäre die aktuelle Auseinandersetzung um Drogenpolitik, ohne die Verankerung autonomer Positionen im Stadtteil, völlig anders bestimmt und hätte eine noch schlimmere Dynamik der Hetze und Ausgrenzung. Es ist zwar modern geworden, Stadtteilpolitik zu verdammen, aber es ist eben auch schlicht falsch, so zu tun, als würden die Uhren im Schanzenviertel nicht zumindest ein Stück anders gehen als in Eimsbüttel oder Eppendorf. Der Umstand, daß dies nicht geographisch oder am Viertel an sich zu erklären ist, sondern vor allem mit größerer linker Intervention als in anderen Teilen der Stadt zu tun hat, belegt dabei die Notwendigkeit solcher Stadtteilpolitik. Die Frage kann höchstens sein: Wie ist sie bestimmt?
Dennoch, trotz vieler durchaus unterschiedlicher Meinungen, eine Gemeinsamkeit ist mir in der aktuellen Drogendiskussion wichtig und bietet Raum für weitere Auseiandersetzungen: Die Ablehnung der Illegalisierung, Ausgrenzung und Verfolgung der Drogenszene. Dabei geht es meiner Meinung nach tatsächlich, und da hat Elly recht, nicht um eine "Lösung" der Drogenpropleme an sich, sondern um eine Loslösung aus den menschenunwürdigen Verhältnissen, denen Junkies und StraßendealerInnen unterworfen sind.
Überhaupt sollten wir alle weniger nach Lösungen, die auch eine Legalisierung nicht bringen wird, als vielmehr nach Veränderungen als Teil weiterführender Prozesse streben. Natürlich als Teil einer kleinen, linken, radikalen Strömung, die auf ihrem Weg, Unordnung und Chaos in den Schaltzentralen der Macht, dem "reaktionären Staatsapparat" verbreitet. Aber das versteht sich ja von selbst und solcher Spaß sollte bei aller Differenzierung auch jeder/m vergönnt sein.
Ein mensch aus dem Flora-Umfeld


Anmerkungen:
1 Abhängigkeit und Unselbständigkeit seien doch keine linken Ideale, fragt Elly am Ende ihres TExtes. Das Motto des Autonomie-Kongresses, Ostern 95 soll die Antwort sein. Auch Selbstbestimmung gibt es eben nicht ohne gewisse Abhängigkeiten.


[ zurück zum ihnaltsverzeichnis ]