Das Problem auf eine politische Ebene heben
Verteidigungsschrift Abdullah Öcalans für das Berufungsgericht
Das Kassationsgericht verhandelte in Abwesenheit von Abdullah Öcalan
über die Rechtmäßigkeit des Todesurteils gegen ihn und
die eventuelle Wiederaufnahme des Verfahrens. Das Ergebnis war die Bestätigung
des Todesurteils. Abdullah Öcalan legte für diese Verhandlung
durch seine Anwälte eine weitere Schrift vor, die wir im folgenden
in die deutsche Sprache übersetzt und leicht bearbeitet dokumentieren:
Sehr geehrter Präsident,
sehr geehrte Richter,
seit der Zeit des Prozesses auf Imrali 1999 findet in der Türkei
eine intensive Diskussion zu Demokratie und der Frage, wie eine ihr angemessene
Verfassung beschaffen sein müsse, statt. Ich bin der Überzeugung,
dass beide Fragen eng miteinander verbunden sind. Die Unfähigkeit
der Republik zur organischen Entwicklung in demokratischer Hinsicht und
zur Ausgestaltung einer entsprechenden Verfassung und Rechtsordnung führte
zu diesem letzten kurdischen Aufstand, als dessen Anführer mir der
Prozess gemacht wird. Da sich ein Großteil der Geschichte der 75-jährigen
Republik auf immer ähnliche Art und Weise wiederholte, zeigt sich
nunmehr deutlich, dass Aufstände, Niederwerfung und Vernichtung keine
Mittel zur Problemlösung sind, sondern in Ausweglosigkeit führen.
Die mit dem Prozess sich stetig vertiefende Diskussion um eine demokratische
Verfassung sucht nach einer wirklichen Klärung und Lösung, welche
unumgänglich ist. Wie groß der Schmerz und die Verluste auch
sein mögen; da der Geist der demokratischen Zivilisation dieses Zeitalter
nicht erfasst und mehr noch, dieser dem Volk auf demagogische Art und
Weise in Form einer unechten Demokratie aufgedrängt wurde, entsprach
es meiner Erwartung, dass endlich durch eine objektive Diskussion aller
Entwicklungen, allen voran der auf die kurdische Identität zurückzuführenden
Aufstände, die das Rechtssystem an seine Grenzen brachten, und durch
die Beachtung der Rechtsordnung eines Verfassungsstaates und deren praktischer
Umsetzung, auch wenn dies mit innerem Widerstreben erfolgt, sich zumindest
der Glaube an die grundlegende Philosophie eines universalen und demokratischen
Rechts zeigen und dies, wenn auch in Grenzen, auf meinen Prozess auswirken
würde. Dies ist die Voraussetzung für eine unabhängige
Gerichtsbarkeit.
Sowohl die Anklageschriften der Staatsanwaltschaft als auch das Urteil
des Gerichts sind Ausdruck der klassischen Haltung zu dieser Frage. So
sehr hiermit die Verbundenheit zu den Gesetzen der Republik demonstriert
wurde und dies auch die Aufgabe dieser Stellen war, so hätten in
diesem Verfahren, das so sehr die Grenzen des formalen Rechts sprengt
und an sich verfahrenssoziologisch im Rahmen eines Kriegsrechts behandelt
hätte werden müssen, sowohl die Grundlagen dieses Verfahrens
als auch universale Rechtsgrundsätze zur Sprache gebracht werden
müssen, welche in ähnlichen Konfliktlagen zur Anwendung kamen,
selbst wenn die Vorfälle ungesetzlich waren, oder zumindest hätten
hieraus resultierende Entscheidungen, auch wenn sie sich nicht direkt
auf diesen Prozess ausgewirkt hätten, herangezogen werden müssen.
Dies hätte zur Klärung eines zukunftsorientierten Lösungsweges
beigetragen.
Es hätte sowohl auf die Auswirkungen von derartig viel Schmerz und
Blut, von materiellem und ideellem Verlust auf die Ethik und Grundpolitik
der Republik als auch auf deren Auswirkungen positiver wie negativer Art
auf einen Demokratisierungsprozess hingewiesen werden müssen. Die
Chance, auch in rechtlicher Hinsicht aus derartig großen Ereignissen
Lehren zu ziehen, wird vertan, wenn sich mit einem Abdruck der Ereignisse
begnügt und versucht wird, dieser Ereignisse durch die Anwendung
klassischer Strafvorschriften Herr zu werden. Wenn dieses Rechtssystem
nicht in der Lage war, ein derartig umfassendes Ereignis, d.h. einen Aufstand,
der über Jahre anhielt und die gesamte Gesellschaft, ja sogar die
ganze Welt erschütterte, zu verhindern, so muss auch dessen Verantwortung
hierfür erkannt und falls notwendig, der Mut zu einer Selbstkritik
aufgebracht werden. Dies hätte zu einem Überdenken des formalen
Rechts und der Erkenntnis geführt, dass eine neue Rechtsordnung unumgänglich
ist und zur Gestaltung eines lösungsorientierten Rechts beitragen
können. Die Geschichte vieler Länder ist voller Beispiele dieser
Art.
Ich habe versucht, meine Verteidigung auf dieser Grundlage zu entwickeln.
Ich habe große Sorgfalt darauf verwandt, sowohl an die Ideologie
und das Programm aus der Entstehungsphase der Organisation, in deren Namen
ich gehandelt habe, als auch an ihre entwickelte Aktionsstruktur objektiv
und kritisch heranzugehen.
Obwohl ich die in der Organisation in den letzten Jahren stattgefundenen
Transformationen, die Notwendigkeit der Beendigung einer von mir nunmehr
für sinnlos gehaltenen Gewalt angelehnt an politikwissenschaftliche
Kriterien und das Bemühen um eine Umwandlung nach demokratischen
Grundsätzen einschließlich entsprechender Belege dargelegt
habe, wurde all dies nicht berücksichtigt. Ich habe unmissverständlich
aufgezeigt, dass Methoden außerhalb eines demokratischen Systems,
welches ich als einzige Garantie dafür ansehe, dass dieser letzte
der kurdischen Aufstände, die sowohl in den letzten fast zwei Jahrhunderten
schon Tradition hatten als auch ideologisch vom Realsozialismus nicht
wenig beeinflusst waren, auch wirklich der letzte sein wird, keine Wirksamkeit
entfalten und lediglich negative Folgen haben.
Ich habe die historische Notwendigkeit und den Sinn einer praktischen
Umsetzung der Grundwerte einer demokratischen Zivilisation, die an der
Schwelle zum Jahr 2000 ihren universalen Sieg auf historischer Grundlage
bewiesen haben, zur Lösung aller fundamentalen Probleme wie die der
Überzeugung, Meinung, kulturellen Identität und sogar diejenigen
sozio-ökonomischer und politischer Art auch in der Türkischen
Republik, versucht darzulegen.
Ich habe meine Verteidigung unter dem Titel Manifest einer demokratischen
Lösung als Beitrag zur Lösung der kurdischen Frage und
als Teil einer allgemeinen Lösung in Buchform veröffentlichen
lassen.
Ich denke, dass vor dem Kassationsgerichtshof meine Verteidigung und die
dazugehörigen Dokumente tiefgehender analysiert werden. Obwohl auch
meine Verteidiger/innen selber an der Verhandlung teilnehmen und unter
Einbeziehung der letzten Entwicklungen eine Verteidigung vortragen werden,
empfinde ich es als eine historische Notwendigkeit, meine Überlegungen
zu einer demokratischen verfassungsrechtlichen Lösung darzulegen,
da ich der Überzeugung bin, dass durch dieses Verfahren auf Imrali
ein Beitrag zu den Diskussionen um eine demokratische Republik und deren
Verfassung geleistet wird. Dies empfinde ich unter Berücksichtigung
der Wichtigkeit meines Prozesses in Anbetracht der Ansprachen des Präsidenten
des Verfassungsgerichts und des Präsidenten des Kassationsgerichtshofes
zu Beginn des neuen Gerichtsjahres zum Thema Demokratisierung der Republik
und ihrer Rechtsordnung nicht nur als meine Verantwortung, sondern als
meine Pflicht.
Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die von mir im Prozess
erwähnten Dienste für eine Demokratische Republik auf der Basis
von Frieden und Völkerverständigung und die daraus resultierenden
Aufgaben, die jedem Menschen zufallen, für mich selber noch viel
schwerwiegender sind, und ich bemühe mich diesbezüglich, alles
Notwendige zu tun.
Meine Verteidigung vor dem Kassationsgerichtshof wird meine Verteidigungsschrift
aus der ersten Instanz zur Grundlage haben.
Darüber hinaus werde ich Dokumente der unternommenen Schritte hinsichtlich
der jetzigen Phase sowohl zur Beendigung des bewaffneten Kampfes als auch
zur legalen demokratischen Transformation der Organisation PKK einreichen.
Meine Verteidiger/innen sind eher in der Lage, zu diesen Punkten eine
umfassende rechtliche Argumentation durchzuführen.
Ich bin mir der Pflicht bewusst, zu einer Klärung sowohl der mit
dem Gerichtsurteil einhergehenden breiten Diskussion in der Öffentlichkeit
als auch der Frage beizutragen, welche Auswirkungen dieses Verfahren auf
die demokratische Republik und deren verfassungsrechtliche Verankerung
haben sollte. Meine Überzeugung, dass mir bei der Umsetzung der durch
die Ansprachen des Präsidenten des Verfassungsgerichts und des Präsidenten
des Kassationsgerichtshofes jedem einzelnen Menschen auferlegten Aufgaben
die größte Verantwortung zukommt, ist gestärkt worden.
Schon jetzt habe ich zum Teil eingelöst, was ich vor Gericht als
meinen Dienst für eine Demokratische Republik auf der Basis von Frieden
und Völkerverständigung bezeichnet habe und ich möchte
noch einmal meine Überzeugung und Entschlossenheit bekräftigen,
dass ich in der vor uns liegenden Periode diesen Weg vollständig
realisieren werde.
Die Verletzung internationalen Rechts spielt in meinem Prozess eine große
Rolle. Bei meiner Übergabe an die Türkei haben viele europäische
Länder, allen voran Griechenland, selbst ihr nationales Recht missachtet
und unter Voranstellung eigener staatlicher Interessen und solcher der
Regierungen, die im einzelnen noch aufgedeckt werden müssen, Methoden
des Komplotts zu ihrer Handlungsgrundlage gemacht. Dies habe ich in einem
Brief, den ich in einer der Hauptverhandlungen auf Imrali dem Gerichtspräsidium
übergeben habe, als eine den heutigen Verhältnissen entsprechend
aktualisierte Version der während des kurdischen Aufstands von 1925
von England praktizierten Politik 1* bewertet. Aus diesem
Grund habe ich mein Bemühen dargelegt, diese Politik ins Leere laufen
zu lassen, indem ich seit 1993 einen Dialog mit der Türkei anstrebte,
da es nötig war, das Problem weg von den Methoden der Gewalt auf
eine politische Ebene zu heben.
Meine Einstellung zu dem Prozess ist aufs Engste mit dieser existentiellen
Realität verbunden. Meiner Überzeugung nach besteht keine einzige
rechtliche Vorschrift unabhängig von den grundlegenden politischen
Realitäten eines Landes. Das Gericht hat sich mit dieser Angelegenheit
nicht in der ihm angemessenen Art auseinandergesetzt. Ich bin nach wie
vor der Meinung, dass bei meiner rechtswidrigen Übergabe an die Türkei
nicht die freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei und ihre Interessen
eine Rolle spielten, sondern die Absicht, den Konflikt in eine Sackgasse
zu führen und die Türkei in ein noch größeres Abhängigkeitsverhältnis
zu diesen Ländern zu bringen. Es ist wichtig, dass aus den Fehlern
der bisherigen Verhandlungen Lehren gezogen werden und der Prozess auf
Grundlage des Einsatzes für einen freien Zusammenschluss des Landes
und für eine demokratische Republik stattfindet.
Die Anwendung des Artikel 125 des Türkischen Strafgesetzbuches in
meinem Prozess halte ich für zu eng und technisch. Sowohl der wohl
größte Aufstand der Republik als auch seine grundlegenden historischen,
sozialen und politischen Gründe kommen so nicht zur Sprache. Ich
bin der Überzeugung, dass ein Blick auf den Umgang und die Lösung
ähnlicher Konflikte und Ereignisse, die in etlichen, heutzutage modernen
Ländern in ihrer Geschichte aufgetreten sind, von existentieller
Wichtigkeit ist. Ein Vergleich mit derartigen historischen Beispielen
würde eine objektive Annäherung eher ermöglichen als ein
Prozess, der sich auf enge, formalrechtliche Aspekte beschränkt.
Quelle meiner grundlegenden Bedenken war, dass die in der Geschichte der
Republik aufgetretenen Ereignisse dieser umfänglichen Qualität
dazu nötigen, endlich in wissenschaftlicher Art aufgegriffen zu werden
und dass eine rein formalrechtliche Einstellung zu keiner Lösung,
sondern sogar weiter in die Sackgasse führen würde.
Das von mir hiergegen gesetzte Herangehen war das einzig richtige und
besteht darin, diesen Aufstand wirklich als das letzte umfassende Ereignis
dieser Art und dieses Jahrhunderts in die Geschichte eingehen zu lassen,
indem wir alle Lehren hieraus ziehen und uns im neuen Jahrhundert an der
Übereinstimmung freier Individuen und einer freien Gesellschaft,
an einer demokratischen Lösung, beruhend auf Konsens, und an der
demokratische Entwicklung der Republik orientieren.
Der wichtigste Punkt, der aus einem Aufstand resultiert, der das klassische
Recht der Republik so an seine Grenzen brachte, konnte kein anderer sein
als ein neuer verfassungsrechtlicher Ausdruck einer demokratischen Republik.
Die Rechte freier Individuen und einer freien Gesellschaft können
nur durch eine derartige demokratische Verfassung entstehen.
Meine moralische und politische Legitimation bei der Verurteilung des
alten formalen Rechts besteht in der Entwicklung dieses demokratischen
Rechts, so utopisch es auch sein mag.
Ich bin überzeugt davon, dass sowohl die individuelle als auch die
gesellschaftliche Problemlösung und Befreiung hierin angelegt sind.
Aber meine Haltung ist nicht sonderlich ernst genommen worden. Ich gehe
davon aus, dass sich das Recht auf die konkrete, materielle Realität
stützt. Es existieren eine Reihe von Ereignissen und Tatsachen, die
noch nicht beendet sind und sich in einem Zustand fortgesetzter Bewegung
befinden. Immer noch. Selbst diese Realität belegt die Ineffizienz
des bestehenden Rechts sehr klar. Es findet eine Diskussion um Menschenrechte
und Demokratie statt, die mit keiner vorangegangen Periode in der Geschichte
der Republik vergleichbar ist. Von den bekanntesten Juristen wird nicht
nur das Verhältnis zwischen Demokratie und der bestehenden Verfassung
diskutiert, sondern sogar, inwiefern die aktuelle Verfassung selber einem
Rechtsstaat im Wege steht.
Eine der Hauptaussagen meiner Verteidigungsschriften besteht darin, dass
die Kurden, die eine Realität sind, als fundamentaler Bestandteil
bei der Gründung (der Republik, A.d.Ü,) eine Rolle gespielt
haben, ungeachtet dessen, dass sogar ihre Existenz als Kurden im Unabhängigkeitskrieg
und bei der Gründung der Republik immer geleugnet wird. Es ist nicht
weiter schwierig, meine Behauptung auch in den Erklärungen und Direktiven
des Gründers der Republik, Atatürk, bestätigt zu finden.
Die Anwesenheit der Repräsentanten (der Kurden, A.d.Ü.) in der
ersten Großen Nationalversammlung der Türkei belegt diese Tatsache
ebenfalls. Als aber in dieser Zeit, während der sich die Republik
noch in ihrer Gründungsphase befand, England auf Grund der Erdölvorkommen
in den Gebieten Mosul-Kerkuk begann, die Kurden als politischen Spielball
zu benutzen und die Republik durch an Sultanat und Kalifat angelehnte
Aufstände in Gefahr geriet, wurde alle Aufmerksamkeit auf die innere
Sicherheit der Republik konzentriert. Die völlige Niederschlagung
dieser Aufstände geschah nicht wegen derer demokratischen Ausrichtung,
sondern wegen ihrer Gegnerschaft zur Republik und auf Grund der Befürchtung,
sie würden die Republik als solche in Gefahr bringen. Auch gegen
die Aufstände der Kurden, die eine ethnische und religiöse Basis
hatten, wurde aus diesem Grund vorgegangen. Das Ziel war der Schutz der
Republik.
Das hierbei zur Anwendung gelangte Ausmaß an Gewalt ist diskussionswürdig.
Auch die nach der Niederschlagung der Aufstände eingenommene Haltung
ist zu kritisieren. Aber die Aufstände in der Phase der Republikgründung
und die doppelte Rolle, die die Kurden spielten, muss sich mit Nachdruck
vor Augen geführt werden. Es war einer der größten Fehler
und ein Desaster, unter dem Vorwand möglicher Aufstände ein
extremistisches Nationalverständnis auf die gesamte Geschichte der
folgenden Republik auszudehnen. Es ist eine Tragödie, dass die durchgeführten
Maßnahmen bis hin zu einem Sprachverbot für die bei der Gründung
(der Republik, A.d.Ü.) fundamental mitwirkenden Menschen führte,
welches in der Geschichte seinesgleichen sucht.
Ich glaube nicht, dass eines der fundamentalen Ziele des Gründers
der Republik, Atatürk, hierin bestand. Bei der Gründung war
der Fortbestand der Republik eine der Hauptsorgen. Jeder Betrachtungsweise
eines Problems lag diese Sorge zu Grunde und das ist auch verständlich.
Atatürk unternahm zwei Versuche einer Demokratisierung, und dass
er bei diesen Versuchen erfolglos blieb, kann nicht nur mit seiner autoritären
Art erklärt werden. Der Grad sozialer Entwicklung und inkompetente
Kader spielten bei der Erfolglosigkeit eine objektive Rolle. Es kommt
hinzu, dass die Möglichkeiten, die die Republik der Wissenschaft
einräumte, Keimzellen zur Herausbildung freier Individuen waren.
Dies stellt eine der wichtigsten Entwicklungen im Unterbau der Demokratie
dar. Es ist offensichtlich, dass Atatürk in der Zivilisation den
angemessenen Ausdruck seines Ziels einer modernen Zivilgesellschaft erblickte.
Deren Verwirklichung war die Aufgabe, die den nachfolgenden Generationen
der Republik vermacht worden war. Dies ist die fundamentale Aufgabe, die
nicht eingelöst wurde. Hierfür zeichnen diejenigen verantwortlich,
die die Republik zu einer degenerierten Oligarchie machten.
Ich habe meine Verteidigungsschrift im Kern an diese Analyse der Republik
angelehnt. Bei der Entstehung der Bewegung PKK spielte die Transformation
der Republik in eine degenerierte Oligarchie eine entscheidende Rolle.
In dieser Zeit führte allein die Verwendung des Begriffes Kurde entweder
ins Gefängnis oder auf den Weg in die Berge. Diese Realität
ist nicht nur auf die Abwesenheit von Demokratie zurückzuführen,
sie stellt eine Situation des Schrecken einjagenden Verleugnens ihrer
Existenz dar. Aus diesem Grund führte jeder Schritt, der im Namen
der Organisation auf Grundlage ihrer Programmatik oder der ihrer Handlungsformen
durchgeführt wurde, zu einer noch stärkeren Radikalität.
So wie die extreme Polarisierung und eine Situation von Gewalt in der
Türkei der 70-er Jahre, und auch die weltweite Polarisierung während
des Kalten Krieges jeden Menschen und jede Organisation beeinflusste,
so liegt es auf der Hand, dass auch ich und die Organisation, die ich
vertrete, hiervon beeinflusst wurden. Mangelndes historisches und politisches
Bewusstsein in der Zeit der Entstehung der Bewegung und auch Analysen,
die voller Fehler waren, führten dazu, dass fast jede Organisation
der damaligen Zeit zu einer Art modernen religiösen Sekte wurde.
Es ist eine schmerzhafte Realität für alle, dass die Republik
nicht nur Begriffen wie Demokratie und Recht nicht entsprach, sondern
selbst ein allgemeines Staatsverständnis nicht erzielen konnte. Angeblich
fand ein Kampf der Ideologien statt. Aber im nachhinein betrachtet, stellt
es eine schmerzhafte Realität dar, dass in vieler Hinsicht ein Kampf
von Unwissenheit und Arroganz stattfand. Hierfür können nicht
nur Individuen und Organisationsmitglieder verantwortlich gemacht werden:
Es ist offensichtlich, dass die Verantwortung für diese Situation
die gesamte damalige Zeit und, was die Türkei betrifft, vor allem
die strikt an ihren eigenen Interessen orientierte Oligarchie trägt.
Es ist hier nicht meine Absicht, Schuldige zu suchen. Ich will die jüngste
Geschichte und die (der Organisation, A.d.Ü.) objektiv darlegen.
Wie offiziell und konkret das Recht auch sein mag, es existiert nicht
unabhängig von dieser Realität. Ich bin überzeugt, dass
das Recht zumindest bei der Urteilsfindung einen gewissen Grad an Objektivität
zu berücksichtigen in der Lage ist.
Wenn man alle grundlegenden Besonderheiten dieser Zeit betrachtet, bezweifle
ich nicht, dass die programmatischen Ziele der PKK selbst in Zeiten sezessionistischer
Propaganda nie dem Wesen der Republik entgegengesetzt waren, die angestrebte
Einheit jedoch nur in einer demokratischen Republik verwirklicht werden
kann und das Grundziel eben immer dieses gewesen ist. Gegenüber der
Anklageschrift der Staatsanwaltschaft habe ich betont, dass meine Verteidigung
einer solchen Republik sowohl wissenschaftlich begründet ist als
auch den Kern meiner Ziele bildet. Ich bin davon überzeugt, dass
meine Verteidigungsschriften dies zu genüge bewiesen haben. Es ist
offensichtlich, dass wir eine ähnliche Realität wie alle Bewegungen
durchlebten, die in den 70er Jahren in Form von Klassenkämpfen und/oder
auf ethnisch-nationaler oder religiöser Basis für Freiheit und
Gleichheit weltweit vermehrt in Erscheinung traten.
Es wäre unverständlich, wenn die totale Leugnung einer kulturellen
Identität, die noch einschneidender ist als Einschränkungen
auf den Gebieten der Meinungs- und Glaubensfreiheit und Verbote, zu keinerlei
Reaktionen geführt hätte.
Aus diesem Grund führt meine Analyse dazu, dass, wie groß die
Schmerzen auch sein mögen, die die PKK, deren Vorsitzender ich war,
und die die Organisationsmitglieder selber erlebten oder die durch sie
resultierten, die Entstehung (der PKK, d.Ü.) legitim und aus dem
Blickwinkel der Moral und einer demokratischen Republik zwangsläufig
und eine wissenschaftliche Notwendigkeit war, auch wenn es sich um eine
radikale Erhebung gegen die offizielle gesetzliche Ordnung handelte. Dies
ist auch eine wichtige Schlussfolgerung in meiner Verteidigungsschrift.
Und damit führe ich, wie es scheint, eine der schwerwiegendsten Handlungsformen
gegen das formale Recht an. Eine derartig extreme Identitätsleugnung
lässt jedoch keinen Raum für andere Ausdrucksformen.
Ich glaubte an die Legitimität von Widerstand, um unserer Achtung
vor der Persönlichkeit des Menschen gerecht zu werden und in Würde
zu bestehen, auch wenn wir hiermit isoliert wären. Ich war immer
voller Besorgnis, dass ich auf andere Art meine Menschlichkeit nicht bewahren
könnte. In den Anklageschriften der Staatsanwaltschaft soll diese
Seite unbeachtet bleiben.
Aber in Zukunft, wenn es eine demokratische Republik und Verfassung geben
wird, wird auch die wichtige Rolle dieses legitimen Widerstands anerkannt
werden.
Niemand hat die Fehler der PKK so klar erkannt und versucht, hiergegen
vorzugehen, wie ich. Aber es muss auch berücksichtigt werden, dass
die PKK sich auf der Suche nach einer fundamental freien Kultur und Identität
befand. Die an das formale Recht angelehnte Art der Anschuldigungen insgesamt
unterscheiden sich in keiner Weise von den traditionell dogmatischen Beschuldigungen
einer Religion.
Ein weiterer grundlegender Fehler, der in den Anklageschriften festzustellen
ist, betrifft die Analyse der Aktionsstruktur. Es kommt mir, als jemandem,
der dieses Geschehen am intensivsten erlebte, nicht sehr realistisch vor,
die Aktivitäten während dieses Aufstands, der von Umfang und
Dauer her als Krieg niederer Intensität analysiert wird, völlig
einförmig zu bewerten und in ihrer Gesamtheit, auch als Resultat
der in der Öffentlichkeit geschaffenen Reaktionen, mir anzulasten.
Innerhalb der Organisation habe ich fast jeden Tag einen internen Kampf
geführt. Ich habe übernatürliche Anstrengungen unternommen,
um (den Kampf, A.d.Ü.) auf einer Ebene legitimer Verteidigung zu
halten. Diejenigen, die sich mit der inneren Struktur der PKK etwas beschäftigen,
werden meine Position gegen Personen und Aktionsverständnisse, die
sich außerhalb einer legitimen Verteidigungslinie bewegten, klar
erkennen.
Im Gegensatz zur Aktionsdichte und den Verlusten, die an vielen Orten
wie z.B. Algerien, Palästina, Bosnien, Kosovo u.ä. Ländern
erlebt wurden, blieben derartige Folgen bei unseren Aktivitäten auf
ein Minimum beschränkt und hieran wird meine Funktion und Rolle als
Individuum noch deutlicher. Dieser Umstand ist nicht deswegen von Bedeutung,
weil er mich vor einer strafrechtlichen Verurteilung schützen könnte,
sondern da es meines Erachtens auch aus dem Blickwinkel des Rechts unerlässlich
ist, die Fakten so zu sehen, wie sie sind. Wenn es im Ergebnis zu einer
richtigen Lösung kommen sollte, so wird dies insbesondere Folge dieses
Charakteristikums der Rechtsstruktur sein.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt meiner Verteidigungsschrift bestand
in der Erklärung, dass die PKK und damit die kurdische Frage in einer
sich gegen Ende des Jahrhunderts verändernden Welt und unter den
Bedingungen der Türkei mit wichtigen Umwälzungen konfrontiert
war und ich habe versucht, die sich hieraus ergebenden Entwicklungen zu
erläutern. Auch dieser Umstand ist weder in der Anklageschrift noch
im Urteil ausreichend berücksichtigt worden. Ein rechtlicher Zusammenhang
der Entwicklungen wurde nicht hergestellt. Ich finde es notwendig, diesen
Punkt auf Grund der Wichtigkeit, den er für die Zukunft hat, klarzustellen.
Der Zusammenbruch des sowjetischen Systems in den 90-er Jahren führte
hinsichtlich der Folgen zu ähnlichen Effekten und Erschütterungen
wie die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Die Unfähigkeit des sozialistischen
Systems, eine demokratische Entwicklung zu vollziehen und die gleichzeitige
Fähigkeit des Kapitalismus, eigene autoritäre faschistische
Regime zu überwinden und die Demokratie auszudehnen, stellen die
Hauptursachen des Zusammenbruchs dar und führten zur Entwicklung
demokratischer Systeme weltweit. Hierbei spielten zweifelsohne wissenschaftlich-technische
Entwicklungen eine bestimmende Rolle. So wie mit dem Zusammenbruch die
aus der Zeit des kalten Krieges stammende Polarisierung an Bedeutung verlor,
begann auch das Gewaltverständnis der an diese Polarisierung angelehnten
Trennung von Rechts und Links sinnlos zu werden. Die in den Vordergrund
tretenden und an Wichtigkeit gewinnenden Grundwerte konzentrierten sich
auf Menschenrechte, Demokratisierung, Eintreten für kulturelle Identität
und ähnliche Leitthemen. Auch die Methoden der Kämpfe waren
immer weniger solche der Gewalt als solche des Friedens. Die Klassen-
und Nationalkämpfe bzw. -kriege der letzten ein bis zwei Jahrhunderte
verloren an Gewicht und Bedeutung und an ihren Platz trat die Erlangung
von Menschenrechten, Demokratisierung und hiermit kultureller Freiheiten
im Innern: Werte, die im Wesentlichen die Legitimation der auf Frieden
basierenden Grenzen dieses Jahrhunderts ausmachen.
Es herrscht ein generelles Einverständnis darüber, dass die
Entwicklungen in diese Richtung gehen.
In der Praxis nicht weniger Länder wurden wichtige Entwicklungen
durchlebt, die dies bestätigen. So wie die Erschütterungen der
auf dieser Basis stattfindenden Transformationen aktuell in der Welt anhalten,
so haben diejenigen Länder, Organisationen und Individuen die größten
Entfaltungsmöglichkeiten, die derartige Entwicklungen auf umfassendste
Art in ihren Strukturen realisieren. Es ist auszumachen, dass auch die
Türkei der 90er Jahre sowohl von ihren eigenen historischen, gesellschaftlichen,
ökonomischen und kulturell-politischen Gegebenheiten als auch von
der aktuellen Weltlage und insbesondere von den im Nahen Osten stattfindenden
Entwicklungen dieser Art aufs Heftigste beeinflusst wird.
Die Gründung einer Republik auf den Ruinen des Imperiums eröffnete
auf Grund der inneren und äusseren Bedingungen der Zeit Atatürks
keine Möglichkeit zu einer demokratischen Evolution als Lösungsmethode
für die existierenden Probleme.
Unausweichlich kam es zu einer autoritären Phase. Die Bedingungen
des 2. Weltkriegs und die Sicherheitsbedenken führten zu einer noch
stärkeren Fixierung auf Innen. Auf Grund des Siegs der Demokratie
über den Faschismus in der damaligen Zeit und bedingt durch den Einfluss
der äusseren Ereignisse wurden zwar Anstrengungen unternommen, durch
eine Demokratisierung von oben zur Problemlösung beizutragen, was
sich jedoch in der staatlichen und gesellschaftlichen Struktur und im
Rechtsgefüge nur ungenügend widerspiegelte. Die Entwicklungen
nahmen einen eher oligarchischen Charakter an. Die in dieser Richtung
stattfindenden oligarchischen Entwicklungen ignorierten die Philosophie
der Republikgründung und das Kräftegleichgewicht völlig
und gingen mit dem Militärputsch vom 27. Mai in eine neue Phase über.
Dieser Prozess wurde durch die Putsche vom 12. März 1971 und 12.
September 1980 noch verstärkt fortgesetzt. Er hatte eine stetig zunehmende
ökonomische und gesellschaftliche Krise zur Folge. Obwohl es zur
Ausarbeitung neuer Verfassungen kam, führte diese Entwicklung zu
einer immer stärker klaffenden Distanz zwischen Staat und dem ihm
innewohnenden Recht und ebnete so willkürlichen Regimen den Weg.
Die Gesellschaft wurde nicht dem Recht bzw. den Grundnormen einer Demokratie
entsprechend regiert, sondern hinsichtlich der Vorteile und Regeln derjenigen,
die Macht und Stärke auf ihrer Seite hatten. Die Republik entfernte
sich zunehmend von ihrem anfänglichen Kräftegleichgewicht und
ihrer anfänglichen Struktur. Die Degeneration innerhalb des Regimes
nahm mit jedem Tag zu. Es fanden Entwicklungen statt, die selbst solche
der wildesten Phase des Kapitalismus überboten und mit keinem anderen
System vergleichbar sind. Alle versuchten, ihre eigene Haut zu retten
nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Der Verschleiß
grundlegender moralischer und rechtlicher Werte erreichte einen Höhepunkt.
Die Militärputsche haben mehr, als dass sie eine Lösung gebracht
hätten, zu einer Vertiefung der Krise geführt. Die Funktion
der jeweils hiernach etablierten Verfassungen ähnelte der eines Leichentuchs,
in welches die Gesellschaft eingewickelt werden soll. Der Zustand von
Gewalt zwischen Rechts und Links machte eine Lösung der Probleme
noch auswegloser. Aber diese Situationen können nicht als von selbst
entstandene aktuelle Entwicklungen gewertet werden.
In vielen ähnlichen Gesellschaften haben die historischen Voraussetzungen
sowie die Unfähigkeit, dem Zeitalter entsprechende positive Antworten
auf die Probleme der Zeit zu finden, und eine engsichtige Vorteilspolitik
die Basis für die Entwicklung der anzutreffenden Oligarchien gelegt.
Dies war die, wenn auch unverdiente, Realität. In der Türkei
begann unter dem Eindruck der Demokratisierung weltweit in den 90er Jahren
eine intensive und umfassende Diskussion dieser Lage. Es waren verschiedene
demokratische Schritte beabsichtigt. Sie konnten jedoch nicht realisiert
werden, da genau an diesem Punkt keine Lösung (der Ursachen, d.Ü.
) des Krieges niederer Intensität, der gegen den Kampf der PKK durchgeführt
wurde, vorgesehen war, und darüber hinaus führte die Konfrontation
mit der nach wie vor existenten und heftig diskutierten Gefahr der Bandenbildung
den Staat in eine noch ausweglosere Lage. Das Insistieren auf Gewalt führte
zu den meisten politischen Morden sogenannter unbekannten Täter in
der Geschichte der Türkei und ebnete negativen Entwicklungen den
Weg, die z.B. darin bestanden, dass das Recht fast vollständig der
Willkür dieser Banden überlassen wurde, wodurch die Gefahr völliger
Entstellung des Staates bestand. Ähnliche Entwicklungen fanden in
der PKK statt.
Diese Situation, die ich in ihren Grundzügen darzustellen versuchte,
war Grund für eine entscheidende Umwandlung der PKK seit den 90er
Jahren im Verhältnis zu der Phase, die sie seit ihrer Entstehung
bis in diese Zeit durchlief. Der Versuch des Waffenstillstandes
von 1993 und der Kampf, der in der PKK durch sie selber intensiviert
wurde, sollte diesen gefährlichen Prozess stoppen und war von der
Überlegung geleitet, die neuen Entwicklungen in der Türkei zu
verstehen und hierauf eine Antwort zu geben. Meine derartigen Bemühungen
sind eindeutig und wichtig, auch wenn sie nicht genügend in die Tiefe
gingen oder dominierend waren. Auch wenn meine Bemühungen in der
damaligen Zeit nicht zu den beabsichtigten Resultaten führten, so
versuchte ich doch, den in dieser Richtung stattfindenden Entwicklungen
noch sensibler und positiver zu begegnen. So wie ich schon in meiner vorherigen
Verteidigungsschrift erklärt hatte, wurden in der damaligen Zeit,
wenn auch indirekt, wichtige Botschaften des Staatspräsidenten, des
Ministerpräsidenten und des Großen Generalstabes, jeweils gemäß
ihrer eigenen Obliegenheiten, vermittelt. Als Erwiderung auf diese Botschaften
unternahm ich zweimal den Versuch eines einseitigen Waffenstillstands.
Die entscheidenden Gründe für meine damalige Haltung waren ohne
Zweifel auch die Entwicklungen weltweit und in der Türkei; sie war
zugleich Folge des Bedarfs nach einem neuen Verständnis und neuen
Methoden, da das alte Programm der PKK und ihre Aktionsstruktur festgefahren
war, und zwar so grundlegend, dass diese Situation in eine Ausweglosigkeit
führte und sie (die PKK, A.d.Ü. ) also ihre Fähigkeit zur
Problemlösung nicht mehr aufzeigen konnte. Mit jedem Tag wurden die
Auswirkungen dieser Situation spürbarer. Auch wenn in der Zeit, als
ich noch in Freiheit war, eine ausgeprägte Kontrolle und Überprüfung
stattfand, versuchte ich seit 1996 eine Antwort auf das zu geben, was
in den Konzepten des Nationalen Sicherheitsrates als mein Teil vorgesehen
war, den ich durch intensive Verfolgung ihrer TV - Programme herauszufiltern
versuchte. Ich habe versucht, die Organisation in dieser Hinsicht vorzubereiten.
Das gegenseitige Anziehen der Methoden, dessen Eignung zur Lösung
sei mal dahingestellt, vertiefte noch die Sackgasse und führte zu
einer unerträglichen Dimension von Schmerz und Verlust. Als ich beim
Verlassen Syriens Europa den Bergen vorzog, tat ich das in der Absicht,
durch die Schaffung eines politischen Wegs die Gewalt zu einem kontrollierten
Ende zu bringen. Durch die Zwischenschaltung mancher Personen habe ich
ein Übermittlungssystem zu betreiben versucht. Meine Übergabe
(an die Türkei, A.d.Ü. ) fand unter diesen Voraussetzungen statt.
Während meiner Gefangenschaft habe ich diesen Umstand im Prozess
auf Imrali deutlich zur Sprache gebracht. Meine Verteidigung habe ich
versucht als ein Manifest des Inhalts zu gestalten, dass nach Beendigung
einer Phase der Gewalt weltweit ein grundlegender Wandel stattfindet und
auch in der Türkei nur durch eine umfassende demokratische Umwälzung
sowohl für die kurdische Frage (als ein Teil der demokratischen und
kulturellen Umwälzung) als auch allgemein eine Problemlösung
gefunden werden kann.
Mit den zustimmenden Antworten der Zentrale der PKK auf meine Aufrufe
in den Hauptverhandlungen, die bewaffnete Auseinandersetzung zu beenden,
ist ein entscheidender Rückgang der Vorfälle zu verzeichnen.
Auf meinen Aufruf hin, ab dem 1. September den bewaffneten Kampf zu beenden,
ist es durch den Anschluss der Organisation sowohl zu einem Rückzug
der Kräfte außerhalb der Territorialgrenzen der Türkei
als auch zu einem 90-prozentigen Rückgang der Aktionen gekommen,
was selbst in den Feststellungen des Generalstabes zum Ausdruck kommt.
Sowohl die strategische Entscheidung als auch deren Umsetzung in der Praxis,
was seit Jahren geforderte Entwicklungen sind, haben zu positiven Eindrücken
in der Öffentlichkeit geführt. Einhergehend mit diesen Entwicklungen
wurden intensive Diskussionen um demokratische Schritte begonnen. Zweifelsohne
war bei diesen Diskussionen die historische Ansprache des Präsidenten
des Kassationsgerichtshofs zu Beginn des neuen Gerichtsjahres von der
Wichtigkeit eines epochalen Meilensteins.
Die Verhandlung vor dem Kassationsgerichtshofs und das letztendliche Urteil
müssen im Lichte dieser Entwicklungen stattfinden. Wie auch immer
das zu fällende Urteil aussehen wird, es wird in der Türkei
auf der Schwelle zum Jahr 2000 wichtige Entwicklungen nach sich ziehen.
Um einer effektiven Vergangenheitsbewältigung in der Türkei
und einer Klärung ihrer Zukunft willen, wird es eine große
Rolle spielen, dass diesem Umstand genügend Rechnung getragen und
eine über den engen Strafrechtsrahmen hinausgehende Herangehensweise
gefunden wird.
Eine Einstellung gegenüber dem Gegenstand dieses Verfahrens, die
einer Wiederholung derjenigen aus klassischen Aufstandsperioden gleicht,
wird zu ähnlichen Aufständen führen, aber eine wissenschaftliche
und problemlösende Art und Weise kann bewirken, dass der jetzige
Aufstand tatsächlich als der letzte in die Geschichte eingeht.
Dieser Prozess ist Resultat des Fehlens eines freien gesellschaftlichen
Konsens in der Republik.
Die Türkei erfährt vielleicht das erste Mal in ihrer Geschichte
eine tiefgreifende Kritik an der aktuellen Gesellschafts- und Staatsstruktur.
Diese Kritiken stammen sowohl aus den obersten Etagen des Staates als
auch aus dem In- und Ausland und machen die Suche nach grundlegenden Veränderungen
unausweichlich. Es stellt eine typische Besonderheit der Zeit nach dem
2. Weltkrieg dar, das Zeitalter und die Beziehungen gemessen an universalen
demokratischen Maßstäben nicht begriffen zu haben und es für
eine vernünftige Politik zu halten, lediglich den Tag über die
Runden retten zu wollen, so die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme
unter den Tisch zu kehren und sich in diesem Sinne mit dem zu begnügen,
was ist. Die Gründung der Republik war historisch notwendig und ein
fortschrittlicher Akt. Es war richtig, kontinuierlich darauf zu achten,
sich an wissenschaftlichen Grundlagen zu orientieren. Aus diesem Grund
waren die Reformen des Unter- und Oberbaus entwicklungsfördernd.
Dies hätte zu einer Evolution Richtung Demokratie und zur Schaffung
freier Individuen und einer freien Gesellschaft führen können.
Doch das Aufkommen eines neuen Weltkrieges und die heftigen Gegensätze
zwischen den Polen brachten es mit sich, dass die innere Sicherheit in
den Vordergrund gerückt wurde, was eine zunehmende Distanz von Gesellschafts-
und Staatsstruktur mit sich brachte. Die autoritäre Republik hat
sich selber unvermeidbar gemacht.
Nach dem Krieg bestand eine historische Chance zur Demokratie. Diese Chance
wurde jedoch vertan, indem die Großhändler und Grundbesitzer
ihre zunehmende Gewichtigkeit dazu nutzten, der oligarchischen Struktur
ihren Stempel aufzudrücken. Dies war ein Schritt zurück. Die
stagnierende Mittelschicht und die sich nicht entwickelnden Schichten
der Nationalindustrie sowie hiermit einhergehend die existente Schwäche
der Werktätigen bewirkten, dass das gesellschaftliche Rückgrat
einer Demokratisierung schwach und gekrümmt blieb. Diese Schichten,
die sich am meisten für eine demokratische Institutionalisierung
einsetzen und diese entwickeln müssten, konnten nicht davor gerettet
werden, lediglich eine Reserve für die sich entwickelnde Oligarchie
zu bilden. Der stattfindende Kampf führte zu keiner anderen grundlegenden
Entwicklung als der Vertiefung des Chaos. Durch das Eingreifen der Armee
konnte lediglich ein totaler Zerfall verhindert werden, aber die Schrauben
wurden noch enger angezogen. Viele gesellschaftliche Projekte existierten
lediglich auf dem Papier und die nur an ihrem momentanen Vorteil orientierten
Kräfte haben diesen für sie idealen Zustand und das Ausplündern
zu einer Form der Politik gemacht, in dem sie sich zunehmend in einem
Wettstreit um noch stärkere Ausbeutung des Staates und der Gesellschaft
befanden. Diese Zeit ist eine Zeit, in der das Reden von rechtlichen Grundwerten
völlig sinnlos wurde.
Dieser Zeit wird nun von Grund auf der Prozess gemacht. Die Situation
nach dem Erdbeben im Gebiet Marmara und die Realität, die durch den
jahrelangen Krieg niederer Intensität ans Tageslicht kam, stellen
das historische Urteil dar, dass der Staat sich endlich ändern muss.
Die wichtigsten Institutionen des Staates erheben ihre Stimme, in dem
sie jeden Tag noch etwas tiefer in diese Realitäten vordringen. Die
Zivilgesellschaft versucht zum ersten Mal in der Geschichte, angelehnt
an ihre eigene Stärke, ihre Rolle zu bestimmen. Hier geht es nicht
um den Bankrott der Republik, sondern um ihren Führungsgeist insbesondere
in den letzten 40 - 50 Jahren, und dessen unfruchtbare Methoden. Es geht
also darum, dass der Staat quasi sitzengeblieben ist. Daher
ist eine tiefgreifende Diskussion und eine grundsätzliche Suche nach
Abhilfe, wenn sie denn zu einem ernsthaften Ausweg und einer Lösung
verhelfen, unbedingte Voraussetzung. Der alte Geist und eine enge, nur
auf den Moment bezogene Vorteilsorientierung, müssen als wichtigste
Gefahren erkannt werden. Es ist nicht mehr richtig, die Trennung Links
- Rechts, Machthaber - Opposition, Militär - Zivile aufrecht zu erhalten
und zu versuchen, durch Anschuldigungen der jeweils anderen sich selber
reinzuwaschen. Es ist vielmehr notwendig, im Bewusstsein, dass gegenseitige
Anschuldigungen zu keinem Ergebnis führen werden, der gesamten Zeitperiode
den Prozess zu machen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Jeder Mensch muss seine eigene Rolle in diesem Prozess klar erkennen und
daran arbeiten, seinen Platz in einer neuen, modernen Staats- und Gesellschaftsstruktur
richtig zu bestimmen. Es findet die Suche nach einem realistischen und
historischen gesellschaftlichen Konsens statt. Das konstruktive Bemühen
jedes Einzelnen und jeder Einzelnen ist hierbei unerlässlich.
Wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns dieser Realität
in aller Deutlichkeit bewusst sind, an die daraus folgenden Notwendigkeiten
glauben und diese in die Praxis umsetzen. Seit 200 Jahren fanden im modernen
Sinn jeder Art Klassenkämpfe und Kämpfe auf nationaler, religiöser
und ethnischer Grundlage statt; Putsche wurden durchgeführt. Die
Machthaber wechselten. Regierungen bildeten sich neu. Aber die aktuelle
Situation, die Anlass von Unzufriedenheit aller Gesellschaftsschichten
ist, konnte trotzdem nicht verhindert werden. Das beweist folgendes: Es
wurde niemals ein grundlegender gesellschaftlicher Konsens herbeigeführt.
Dies ist der Hauptgrund für die Ergebnislosigkeit und die Abnutzung
der Auseinandersetzung im Oberbau. Es ist keine Lösung, dass eine
Seite aufsteigt und beherrscht, ja sogar unterdrückt. Im Gegenteil,
das ungleiche Kräfteverhältnis zerstört den gesellschaftlichenKonsens
noch mehr. Die größte Unzulänglichkeit der Republik, die
sie nicht verdient hat, besteht in diesem Punkt. Die Republik war vielleicht
ein moderner Staat, aber es gab keinen gesellschaftlichen Konsens. Diesen
konnte die Republik nicht entwickeln, ja noch nicht einmal seine Notwendigkeit
erkennen. Es existierte keine Bereitschaft, dies zu verstehen. Ohne Furcht
muss erkannt werden, dass hierin unser größter Fehler besteht,
um ihn sodann zu überwinden. Dieser gesellschaftliche Konsens, der
nicht herbeigeführt werden konnte, wurde jedoch auf etlichen wichtigen
Gebieten in Umrissen erkennbar und zeigt sich auch aktuell, indem er über
verbale Beschwerden und Kritik hinaus in Aktivitäten zum Ausdruck
kommt und so die Vergangenheit ins Leere laufen lässt. Ein großer
Mangel besteht offensichtlich darin, dass kein an den universalen Rechtswerten
orientiertes Einvernehmen über die Grundfreiheiten, angefangen vom
Institut der Gedanken- und Glaubensfreiheit bis hin zu den Freiheiten
der elementaren kulturellen Identitäten und gesellschaftlichen Schichten,
hergestellt werden konnte.
Im Gegenteil zeigte sich auch während dieses Prozesses, dass die
aktuelle Politik und das bestehende Recht, die offizielle Ideologie und
deren Institutionalisierung, die ernsthaftesten Hindernisse für einen
solchen Konsens bilden. Die traumatische Situation der Gesellschaft wird
bei existentiell wichtigen Ereignissen wie z.B. dem Erdbeben deutlich.
Ich halte es für historisch bedeutungsvoll, auch auf den Gegenstand
des Prozesses, der mir gemacht wird, einzugehen, um zu einem noch besseren
Verstehen beizutragen.
Welcher Name auch immer der Realität gegeben wird, die wir als kurdisches
Volk bezeichnet wissen wollen: Die permanente Unterdrückung und Verleugnung
ihrer Realität ignoriert völlig jede Art von Philosophie, Recht,
Politik, Moral und Religion. Angefangen davon, dass es zu keiner wissenschaftlichen
Definition kommt und auch aus den Herangehensweisen unseres Zeitalters
an solche Gegebenheiten nicht profitiert und hieraus kein Fazit gezogen
wird, glaubte man, dass sich das Problem allmählich von selbst lösen
würde, wenn man mit der Logik und primitiven Geisteshaltung, wie
sie ältesten Stämmen zu Eigen ist, bei Reaktionen gegen diese
Politik des Leugnens diese zur größten Gefahr erklärt
und sie bis hin zu einem Sprachverbot unterdrückt. Auf diese Weise
bleibt als einzige Methode die, die wir physische Liquidierung nennen
und die darin besteht, die Vernichtung bis zum letzten Gegner fortzusetzen.
Was würden hiernach durchzuführende Prozesse und praktizierte
Politikformen noch für eine Bedeutung haben? Bedürfte es für
eine physische Liquidierung noch irgendeiner Art von Recht oder Politik?
Und selbst wenn doch, welchen anderen Wert hätten sie als den eines
die Scham verdeckenden Feigenblattes? Wird die andere Seite, nachdem sie
eine solch erbarmungslose Art der Problemlösung erlebt hat, sich
selber davon abhalten können, ein Gegenpol zu sein, der die Ausweglosigkeit
noch vertieft, indem die Gegenreaktion keine Grenzen mehr kennt ?
Dadurch, dass sich die Türkei in ihrer Art durch die Zuspitzung der
Probleme auszeichnet, fällt sie noch hinter das traditionelle Recht
des Stammessystems zurück. Dagegen wurden wir Zeugen davon, dass
die Lösungsstrategien der modernen Demokratie im letzten Jahrhundert
durch viele erfolgreiche Formen der Umsetzung selbst die kompliziertesten
gesellschaftlichen Probleme einer Lösung zuführen konnten. In
meinen Verteidigungsschriften habe ich dies zur Sprache gebracht. In der
Schweiz, einem der Kernländer Europas, konnte das Leben in einer
starken demokratischen Einheit verwirklicht werden, obwohl dort die Unterschiede
von Sprache, Kultur und Religion vierer verschiedener Nationen aufeinander
treffen. Auf dem afrikanischen Kontinent konnte Südafrika nach langen
Kämpfen die Probleme der verschiedenen Rassen, Religionen und ethnischen
Unterschiede durch den Sieg des demokratischen Systems einer Lösung
zuführen. In Asien hat Russland durch eine entwickelte Föderation
religiöse, sprachliche und ethnische Differenzen gelöst.
Weltweit anzutreffende weitere Beispiele dafür, dass ein starker
Staat realisiert werden kann, indem die größte Freiheit und
Gleichheit der unterschiedlichsten freien Gedanken, Überzeugungen
und Kulturen richtig praktiziert wird, sind auf dem Kontinent Australien
Neu-Seeland und auf dem amerikanischen Kontinent sogar die USA selber:
Hier ist durch die Gemeinschaft fast aller Sprachen, Religionen und Nationen
ein fast föderativ zu nennendes Weltsystem entstanden.
Es ist eine unsere heutige Welt zunehmend beherrschende Einsicht, dass
das freiheitliche Leben der Unterschiede keine Schwächung und Spaltung
bedeutet, sondern Basis für Bereicherung und Stärkung sei kann.
Das menschheitsverachtende Antlitz fanatischer Religionen, Nationen und
chauvinistischer Stämme ist über die Experimente faschistischer
totalitärer Regime in der Geschichte klar zu Tage getreten und ihr
Bankrott ist während der Kriege unseres Jahrhunderts endgültig
geworden. Im Gegenteil, die vielfältigen lösungsstiftenden Charakteristiken
des demokratischen Systems haben weltweit ihren Erfolg bewiesen. Es steht
außer Diskussion, dass eine moderne Zivilisation nur diejenige der
Demokratie sein kann.
Ein Vergleich der aktuellen konkreten Situation der Türkei mit ihrer
Geschichte macht deutlich, dass sie in Bezug auf die gesellschaftlichen
Probleme in vieler Hinsicht zurückgefallen ist und sich selber in
eine Ausweglosigkeit manövriert hat. Es ist nicht unsere Absicht,
die Republik mit dem Imperium aus dem Blickwinkel ihrer Fortschrittlichkeit
zu vergleichen. Jedoch egal wie stark ein Staat auch sein mag, die Bedeutung
des gesellschaftlichen Konsenses und die Tatsache, dass gesellschaftliches
Übereinkommen unabdingbar ist, muss sehr gut begriffen werden.
Die Verordnung des Sultans Mehmed von Fatih, die Herr Ministerpräsident
Ecevit bei seiner Reise in die USA mitnahm und dort als Geschenk übergab,
was dieser Tage auch in der Presse behandelt wurde, belegt, welche Wichtigkeit
der Sultan den religiösen und kulturellen Lebensformen und der Freiheit
der Völker in den von ihm eroberten Gebieten beimaß. Das Wesen
dieses Erlasses entspricht einer Haltung, der auch heute noch unsere Suche
gilt. Das Osmanische Reich war ein Imperium, das ungeheuer viele Gemeinschaften
verschiedenster Volksstämme, Religionen, Sprachen, Sippen und Rassen
in sich barg und sein lange andauernder Bestand ist entscheidend auf den
Faktor zurückzuführen, dass es im Besitz eines verständigen
gesellschaftlichen Konsenses war, der in der auch heute noch Vorbildscharakter
besitzen kann. Eine durch Gewalt aufgezwungene Assimilation ist undenkbar.
Die Langlebigkeit sozialer Strukturen hängt entscheidend vom Schutz
der auf freier Entscheidung beruhenden Unterschiede ab, ohne dass auf
die Anwendung innerer oder äußerer Gewalt zurückgegriffen
wird.
Die Republik wurde als ein moderner Staat gegründet. Aus institutioneller
Sicht hat sie die Ursachen, die zum Zusammenbruch des Imperiums führten,
überwunden.
Der Umstand jedoch, dass sie den gleichen Erfolg auf gesellschaftlicher
Ebene nicht erzielen konnte und ihre dekadenten Charakteristiken, insbesondere
der letzten 40 - 50 Jahre, stehen in einem fast dialektischen Verhältnis
zueinander. Eine Dialektik des Durcheinanders und des Chaos. Keine Gesellschaft
kann über lange Zeit mit einer solchen Dialektik des Chaos stabil
existieren. Ein solches Regime kommt einem Regime gleich, das in den Wahnsinn
treibt. Dieser Art Regime können auch kein politisches oder rechtliches
System etablieren. Das allmähliche Verschwinden des Rechts aus der
Staats- und Gesellschaftsstruktur hängt eng damit zusammen.
Wenn wir den Gegenstand dieses Verfahrens, in dem hier heute gegen mich
prozessiert wird, nämlich den Gesellschaftsteil kurdischen Ursprungs,
zu verstehen versuchen, wäre es ein schwerwiegender Fehler, ohne
Berücksichtigung der oben angeführten schmerzvollen Realitäten
zu einem Urteil zu gelangen. Darauf will ich hinaus.
Es ist ein Fakt, dass die Gesellschaft kurdischen Ursprungs, von der uns
die Anklage vorwirft, wir hätten sie von der Republik loslösen
wollen, in einer Zange gesellschaftlicher Verleugnung zu leben gezwungen
war, die sogar noch hinter der Realität des Osmanische Reichs zurückbleibt.
Ich betone nochmals: es ist offiziell anerkannt, dass die kurdische Bevölkerung
in der Gründungsphase der Republik wesentlicher Teil der ursprünglichen
Begründer war.
Zumindest wurde ihre Existenz eingestanden. Die Probleme, die durch den
die Aufstände anführenden und sich im Widerspruch zur Republik
befindenden Bevölkerungsteil entstanden, sind nachvollziehbar. Aber
in der Zeit nach Atatürk kam es zu einer Normalisierung und eine
ernsthafte, gegen den Bestand der Republik gerichtete Gefahr bestand nicht
mehr. Der Umstand, dass ausgerechnet in dieser Zeit zu einer sogar verfassungsrechtlich
verankerten Politik des totalen Verleugnens übergegangen wurde, die
noch hinter den gesellschaftlichen Konsens des Osmanischen Reichs zurückfiel
und im Sprachverbot gipfelte, hat die gesellschaftliche Legitimation beendet
und die moralische und politische Notwendigkeit jeder Art von Aufstand,
auch ungesetzlicher Art, hervorgerufen. Das Erkennen dieser Realität,
die dem Geschehen zugrunde lag und wegen dessen Vorkämpfertum mir
hier der Prozess gemacht wird, ist von existentieller Wichtigkeit: nicht
um meiner Person willen, sondern um zu einem richtigen Verständnis
der jüngsten Vergangenheit zu gelangen und den gesellschaftlichen
Konsens und die Verfassung der Zukunft fehlerfrei zu gestalten.
Es ist nunmehr unausweichlich, dass vor allem in der kurdischen Gesellschaftsstruktur
als auch in der nationalen Struktur der Türkei, die sich vorrangig
aus Menschen türkischen Ursprungs zusammensetzt, ein fortschrittlicher
gesellschaftlicher Konsens aller unterschiedlichen Gesellschaftsteile
auf wissenschaftlicher Grundlage herzustellen ist. Die revolutionäre
Eigenart des Aktes der Republikgründung ist von dem sich später
entwickelnden Chaos zu unterscheiden. So sehr wir uns ersterem verbunden
fühlen und vor der Gründung Achtung haben, so notwendig und
richtig ist das Wissen, dass gerade diese Verbundenheit und Achtung es
zur Pflicht machen, Letzteres zu überwinden.
In der Konkretheit dieses Prozesses wurden manche Punkte deutlich, die
auffallen und Rückschlüsse darauf zulassen, wie unter historischen
Gesichtspunkten eine Problemlösung aussehen kann.
Der erste Punkt ist, dass der Anteil der Kurden an der Republikgründung
heruntergespielt wurde. Wenn dieser Anteil bagatellisiert wird, werden
die modernen Rechte der nicht zu unterschätzenden Realität eines
Volkes auf lange Zeit nicht beachtet, und wenn zum Mittel des Zwangs und
der Gewalt zwecks Assimilierung gegriffen wird, so ist hiermit kein vernünftiges
politisches und rechtliches System zu schaffen. Doch selbst wenn es geschaffen
werden sollte, ist es mit derartigen Methoden der Politik nicht aufrecht
zu erhalten. Andererseits kann auch ein legitimer Aufstand gegen diese
Art der Politik und gegen rechtliche Ungleichheit auf der Grundlage von
Sezession keinen Erfolg erzielen. Zahlreich Aufstände haben dies
mit vielen Schmerzen und Verlusten zu Genüge belegt.
Ein anderer grundlegender Punkt, der verständlich wird, ist der,
dass das zunehmende Bewusstsein darüber, dass es auch in den Zeiten
zwischen den Aufständen zu keiner Lösung für das Leben
kommen kann, gleichgültig, ob diese Zwischenzeiten mit Gewalt herbeigeführt
wurden oder sich die Aufstände von selber legten, noch schwerwiegendere
Explosionen zur Folge hat. Dieser Umstand belegt zugleich das politische
Motiv der Aufstände.
Die Geschichte der Republik kann lediglich dann auf den richtigen Weg
gebracht werden und den ihr zustehenden Erfolg erzielen, wenn ihre Mängel
und Fehler in diesem Kontext erkannt werden. Daher sage ich, dass dieser
Prozess sich nicht durch ein Urteil selber beschränken sollte, das
nur den engen Strafvorschriften des formalen Rechts gemäß rechtlich
korrekt wäre. Eine solche Betrachtungsweise wäre nicht in der
Lage, eine ausreichende Erwiderung auf das Wesen der Republik darzustellen.
Ich kann nicht an mich halten, diesen Punkt immer wieder zur Sprache zu
bringen. Ich habe nicht gegen den Kern der Republik gekämpft, sondern
gegen ihre oligarchischen Abweichungen .
Dass dies nicht hinreichend zum Ausdruck oder es zu Aktivitäten mancher
Kämpfer/innen in der Periode des Aufstands kam, die in keinster Weise
akzeptabel sind, können an dieser Realität meines Kampfes nichts
ändern. Etwas verallgemeinert gesprochen: Utopien und Fehler im Programm
und in den Aktionen der PKK können nicht dazu führen, dass diese
fundamentale Eigenheit meiner Realität aufgehoben wird. Fehlt, dass
es nicht möglich ist, eine derart übertriebene Art des Prozessierens
gegen mich, mit der mir sämtliche Aktionen angelastet werden: diejenigen
einer Masse, die an die Millionen reicht, diejenigen nicht weniger Individuen,
die auf Grund einer vorenthaltenen Kultur ohne feste Prinzipien sind und
sogar die Handlungen aller am Kampf beteiligten Seiten, mit universalen
Rechtsprinzipien und der Philosophie grundlegender Politik und Moral in
Einklang zu bringen. Es sprengt alle Regeln der Wissenschaft, mir die
alleinige Verantwortung für ein derart umfassendes Problem zuzuschreiben.
Dieser Prozess wird mit einer demokratischen Republik und Verfassung
enden.
Der Kern des als Republik gegründeten Staates ist eine der am wenigsten
begriffenen Bestimmungen, obwohl soviel davon gesprochen wird. Atatürk
kannte zweifelsohne das Werk, bei dessen Aufbau er die entscheidende Rolle
spielte und das er der Nation als einziges Geschenk hinterließ.
Um es verständlich zu machen, hat er der Wissenschaft und der Bildung
einen an erster Stelle stehenden Platz eingeräumt. Bezüglich
dieser Themen hat er eine echte und große revolutionäre Rolle
gespielt. Aber das Hauptproblem bestand insbesondere in der Erneuerung
des gesellschaftlichen Fundaments, wessen es zur Vervollkommnung dieses
Werkes bedurfte. Zwei demokratische Experimente, das der Fortschrittsbewegung
und das der Bewegung der freien Republik, blieben erfolglos.
Die Reformen im Überbau haben keine tiefgreifenden Veränderungen
in der Gesellschaftsstruktur bewirkt. Durch die Aufstände im Osten
kam es zu einer noch stärkeren Rückentwicklung. Die Gefahr eines
Weltkrieges hat einer Veränderung im Innern keine Chance gelassen.
Daher ist zwar aus den übriggebliebenen Trümmern des Imperiums
ein restaurierter Staat hervorgegangen, es konnte aber kein entsprechender
gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden. Während eine neue
sozial-ökonomische Entwicklung die materielle Basis für diesen
Konsens geboten hätte, befand sich der (alte, A.d.Ü.) auf eine
Feudalstruktur gestützte gesellschaftliche Kompromiss im Widerspruch
zur Republik, was nicht überwunden werden konnte. Wegen einer in
vieler Hinsicht bestehenden Schwäche und Erfahrungslosigkeit fehlte
es an Kreativität. Auf Grund der Suche nach einer Aufrechterhaltung
des Status Quo in der alten Gesellschaft kam es zur Konfrontation der
Republik mit den sich zunehmend zuspitzenden Problemen der gesellschaftlichen
Basis. Den entstandenen politischen Regimen gelang es nicht nur nicht,
eine Brückenfunktion zwischen diesen beiden Strukturen einzunehmen,
sie führten sogar zu ihrer weiteren Fanatisierung. Während ein
Teil der politischen Struktur durch die Republik auf ihre Kosten kam,
nutzte ein entgegengesetzter Teil die sich in diesem widersprüchlichen
Zustand befindende Gesellschaft aus. Die Dialektik der politischen Degeneration
entwickelte sich auf diese Weise. In vielen Gesellschaften der Welt, die
einen Modernisierungsprozess durchliefen, kam es zu ähnlichen Problemen.
Aber manche Länder, die sich in einer Vorreiterrolle befanden, schafften
es, durch die Entwicklung von Maßstäben eines demokratischen
Systems erfolgreiche Lösungen zu finden. Die Demokratie hat, vielleicht
das erste Mal in der Geschichte, in umfassender Weise erfolgreiche Lösungsstrategien
für die gesellschaftlichen Probleme entwickelt. So wie auf Gewalt
gestützte dominierende und autoritäre Ansätze erfolglos
blieben, traten auch die Zerstörungen und die Rückschritte,
zu denen sie führten, offen zu Tage. Im Vergleich mit der Demokratie
wurde deutlich, welches System zu Überlegenheit und Erfolg führte.
Es ist nunmehr offenkundig geworden, dass die Türkische Republik
sehr spät begonnen hat, dies zu begreifen und dass sie sich nicht
demokratisieren wird, indem sie, lediglich um dem Westen zu nutzen, rein
formell entsprechende Bedingungen realisiert. Das raffinierte Spiel mit
fundamentalen Begriffen kann vielleicht die Spezialisten der Demagogie
zu erkennen geben. Aber die so dringend gebrauchten demokratischen Führer
kann es nicht hervorbringen. Die Beziehung zwischen Demagogie und Demokratie,
in deren Namen diese Demagogie betrieben wird, ist in einen Zustand gefährlichster
Art von Verrat geraten. Die Gesellschaft der Türkei, die diesen Verrat
nicht verdient hat, ist zu einer Gesellschaft geworden, deren Konstitution
extrem riskant ist. Das Wesen jedes erhabenen Begriffs wurde völlig
sinnentleert. Diese Begriffe, die insbesondere Produkte einer großen
geistigen Tätigkeit sind und um derenwillen die Menschheit Jahrhunderte
gekämpft hat, wurden zu Fetischen degradiert und ein Ausverkauf ihres
Inhalts fand statt. Die klassenspezifischen Mängel der Intellektuellen
vertieften sich. Während der Westen mit der Renaissance und der Aufklärung
demokratischer wurde, bewegten sich manche, wenn auch begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten
der Türkischen Republik auf Grund dieser intellektuellen und politischen
Verschlagenheit in der Tiefe einer intellektuellen und politischen Morallosigkeit,
die sich durch leeres, unüberlegtes Geschwätz und dem Fernbleiben
der Bedeutung praktischer Notwendigkeiten auszeichnete. Das Recht war
nicht weiter in der Lage, eine diesen Notwendigkeiten gemäße
regulierende Kraft darzustellen. Die Verfassung und die Gesetze konnten
nicht davor gerettet werden, zu allmählich verstaubenden Schriften
in den Regalen zu werden. Diese Strukturen sind auch der Grund dafür,
dass heutzutage die Gerichtsbarkeit eine der schwächsten Institutionen
ist. Indessen stellt doch die Rechtsprechung der Definition nach im System
der Gewaltenteilung die dritte Gewalt dar.
Heutzutage hat es an sich wenig Wert, die Republik insgesamt zur Diskussion
zu stellen. Aber für eine Demokratisierung ihrer Inhalte ist dies
so nötig und unabdingbar wie Brot und Wasser. Es sei dahingestellt,
dass es keinen Fortschritt ohne Demokratisierung der Republik geben kann;
es ist deutlich geworden, dass sie ihre Struktur, bezüglich deren
Schutz sie sowieso Schwierigkeiten hat, mit dieser ihrer Form nicht wird
schützen können. Dieser Zustand rührt nicht von der Schwäche
und Unerfahrenheit ihrer Institutionen her. Sie wurzelt auch nicht in
der Schwäche der militärischen - zivilen Kader. Diese Einrichtungen
der Republik sind zu Genüge vorhanden und sie sind stark. Auch eine
Schwäche der sozialen und ökonomischen Basis ist nicht mehr
Thema. Es hat sich eine gereifte soziale und ökonomische Struktur
herausgebildet, die in einer sich zukünftig entwickelnden demokratischen
Republik hilfreich sein wird. Auch der kulturelle Erfahrungsschatz ist
trotz aller Verwilderung und Verwirrung ausreichend. Bildungsinstanzen
und Ausbilder sind überreichlich vorhanden. Es existiert auch eine
Schicht von Rechtswissenschaftlern, wie geschwächt und ihres Wesens
beraubt diese auch sein mag.
Aber all diese Gegebenheiten konnten das Auftreten der schwerwiegendsten
Probleme in der Geschichte nicht verhindern und mehr noch, sie wurden
immer wieder auf den Ursprung dieses Problems zurückgeworfen, auch
wenn dies ohne ihren Willen geschah.
Dies ist zusammengefasst die Realität, die der großen Diskussion
um Demokratie zu Grunde liegt. Ohne diese Diskussion nunmehr in eine Übereinstimmung
und einen gesellschaftlichen Konsens zu überführen, wird es
nicht zu verhindern sein, dass jeder vorwärts gerichtete Schritt,
so wie es bis jetzt immer war, zurück führt. Jedes Kettenglied,
das nicht dem Hauptglied der Kette angefügt wird, schwebt im Freien.
Bisher konnten alle auf Zwang beruhende Verfassungen, die den seit Zeiten
Atatürks fehlenden gesellschaftlichen Konsens der Republik herbeizuführen
versuchten, nicht nur in der Praxis nicht umgesetzt werden, sie konnten
auch nicht davor bewahrt werden, immer wieder aufgehoben zu werden. Während
in Ländern, in denen eine wirkliche Demokratie praktiziert wird,
(vielleicht) einmal in Hundert Jahren neue Verfassungen geschrieben werden,
mussten hiesige Verfassungserneuerungen durchschnittlich einmal in zehn
Jahren und dann auch noch auf illegitime Art und Weise durchgeführt
werden. Grund ist wiederum die Abwesenheit eines freien gesellschaftlichen
Konsens, der sich an die Verteidigung von Gedanken- und Glaubensfreiheit
anlehnt und der auf den Interessen aller Teile der gesellschaftlichen
Realität und deren Übereinstimmung aufbaut.
Ein solcher Konsens konnte nicht hergestellt werden, da die Realität
freier Individuen und einer freien Zivilgesellschaft nicht ausreichend
verwirklicht werden konnte und hierzu auch keine Möglichkeiten eingeräumt
wurden. Manche Interessengruppen stellen sich selber in einer Dimension
dar, die sie nicht verdient haben. Während diese Schichten von der
Ordnung oder auch der Unordnung profitieren und sich den anderen Gesellschaftsteilen
auf eine undemokratische und rechtswidrige Art und Weise annähern,
gelangten sie zu einer auf Verboten beruhenden Macht. Es gelang nicht,
ein wirklich nationales und gesellschaftliches Recht zu installieren.
Das existierende Recht jedoch konnte sich dem Missbrauch durch oligarchische
Interessengruppen nicht erwehren.
Dem in diesem Sinne nicht zur Anerkennung gelangten Recht, bzw. der bestehenden
Rechtlosigkeit wird keine Gnade widerfahren. Es erntet, was es gesät
hat. Alle gesellschaftlichen Gruppen, auch wenn sie sich auf Abwegen befanden,
haben sich aus diesen entscheidenden Gründen auf gewisse Art erhoben.
Die Gesellschaft befindet sich auf ihre Art in einem Zustand allgemeinen
Aufstands. An diesem Punkt verteidige ich nicht den Kampf. Kampf hat zu
Genüge stattgefunden. Aber ich bin dagegen, die Ursachen nicht zu
ergründen und auf den Zweck der Kämpfe keine Anwort zu geben.
Die Gegenwart nötigt uns vielleicht auf eine mit keiner anderen Zeit
zu vergleichenden Art und Weise hierzu, und auch im Hinblick auf die unvergleichlichen
Möglichkeiten, die sie in sich birgt, zwingt dieser große Kampf
jeden Menschen zu den berechtigten Gründen der Gesellschaft vorzudringen,
und die hieraus resultierenden notwendigen Schritte in der Praxis umzusetzen.
Diese Phase des Entweder bist du die Lösung oder Du gehst unter
erlebt jeder Mensch existentiell.
Diese Situation kann auch folgendermaßen bezeichnet werden: Wandel
durch das Recht auf einen historischen gesellschaftlichen Konsens, der
die Verwirklichung eines Übergangs darstellt. Die Geschehnisse zwingen
jeden Menschen und jede gesetzliche wie ungesetzliche Institution zu einer
Selbstkritik in diesem Sinne. Die Situation lässt keinen anderen
Aus- und Rettungsweg offen.
Ein anderer Name für gesellschaftlichen Konsens wäre demokratisches
Gesellschaftssystem, dessen Struktur und Formierung des Unter- und
Überbaus auch Kernstück der verfassungsrechtlichen Diskussionen
ist. Manche rein formelle Änderungen von Gesetzesvorschriften vertiefen
jedoch die Krise noch. Beim Übergang zu einem gesellschaftlichen
Konsens muss als erstes das freie Individuum und die freie Zivilgesellschaft
zur Grundlage gemacht werden und selbst wenn dies nicht vollständig
zu verwirklichen ist, müssen wir doch mit dieser Hypothese beginnen.
Dem freien Individuum und allen Teilen der Zivilgesellschaft muss, was
auch immer ihre religiösen, sprachlichen, nationalen und ethnischen
Unterschiede seien, das Recht zuerkannt werden, ihre Gedanken, Überzeugungen
und kulturellen Werte frei zu leben. Nicht ihre Anzahl und Existenzsituation
ist Maßstab, sondern das zu geltende Prinzip hierbei basiert auf
Gleichheit. Der fundamentale Fehler der Vergangenheit bestand darin, dass
ein Teil dieser gesellschaftlichen Gruppen gegen die jeweils anderen unter
Anwendung von Zwang und Gewalt benutzt wurde.
Ein solches Vorgehen macht das Wesen eines unterdrückerischen, totalitären
und faschistischen Regimes aus. Weder im Namen nationaler noch klassenspezifischer
Interessen darf in die Verschiedenheit der Gedanken, Überzeugungen
und des kulturellen Lebens eingegriffen werden, da sie frei und gleich
praktiziert werden können müssen. Falls ein solches Eingreifen
doch stattfindet, wäre von Beginn an dem demokratischen Kompromiss
ein entscheidender Schlag versetzt. An diesem Punkt ist die Frage: Minderheit-Mehrheit,
nötig-unnötig nicht diskutabel, es geht um ein Prinzip. So würde
der demokratische Wettbewerb auf seine beste Art funktionieren. Freiheit,
und hiermit einher gehend: Gleichheit, ist Essenz eines gerechten Wettbewerbs.
Freiheit und Gleichheit müssen daher allen freien Individuen und
den durch sie gebildeten Gemeinschaften garantiert werden. Die Gründung
eines demokratischen Systems dieser Wesensart wird, wenn es in den Geist
der Verfassung und der Gesetze eingeht, die große produktive Kraft
einer demokratischen Gesellschaft hervortreten lassen. Es wird erkannt
werden, dass das Eintreten rechtlich garantierter unterschiedlicher Gedanken,
Überzeugungen und Kulturen in einen Wettbewerb ein außerordentlicher
gesellschaftlicher Reichtum sein wird. Unter solchen Umständen wird
alles Nützliche und Wertvolle eine Bedeutung haben und es zu verstehen
wissen, von der Gesellschaft zu nehmen und ihr tausendfach zurückzugeben.
Das, was ohne Wert und von Schaden ist, wird ebenfalls den Platz finden,
der ihm zusteht. Auf diese Art wird jede Haltung bewusst und rechtlich
garantiert sein, so dass weder beim Staat, noch bei den Göttern der
Religionen Zuflucht gesucht werden muss. Es wird sich auch nicht mehr
an Reichtum und Macht angelehnt werden. In einer solchen Situation wird
das Recht seine wirkliche Quelle repräsentieren und auf die gerechteste
Art und Weise verteilen.
Das unvergleichliche Potential demokratischer Verfassungen und Gesetze
ist die elementare Stärke und der berechtigte Stolz einer Gesellschaft.
So wie es keinen Platz für Herrschsüchtige und Hinterlistige
geben wird, wird es diesen auch für die Machtherde der Ungerechtigkeit
nicht geben. Es wird auch keinen Platz für Unterdrückung geben,
sei sie klassenorientiert oder nationaler, religiöser oder ethnischer
Art. Alle Menschen teilen und leben geschwisterlich und gerecht. Frei
wie ein einzelner Baum und geschwisterlich wie ein Wald.
Ich wurde nicht in einer solchen Türkei geboren. Der über lange
Jahre anhaltende Gedanke: Warum bereue ich es, dass ich nicht als
ein städtischer Türke geboren wurde ist ein Gift, das
durch einen gefährlichen Anti-Demokratismus angerührt wurde.
Und dieses Gift barg den Samen jeglicher Art von Aufstand in sich. Egal
von wem und wie die Menschen geboren werden, sie dürfen nicht dazu
gebracht werden, ihre Herkunft zu bereuen. Wenn eine Ordnung zu solch
einer Situation führt, trägt die Verantwortung und Schuld hierfür
diese Ordnung selber. Denn eine solche Ordnung erzeugt ständig aufs
Neue Aufständische und damit Schmerz und Tod. Deswegen ist die entscheidende
Lehre, die ich am Ende eines großen Aufstands gezogen habe: Es bedarf
einer Ordnung, die nicht den Boden für Aufstände bereitet.
Eine solche habe ich in den Wertmaßstäben des demokratischen
Systems gefunden, welche die wertvollste Angelegenheit oder den Sinn unseres
Zeitalters darstellen. Kein Aufstand, sei er siegreich oder nicht, kann
den Platz einer wie auch immer gearteten demokratischen Aktion einnehmen.
So wie eine begrenzte demokratische Lösungsmöglichkeit einem
erfolgreichen Aufstand vorzuziehen ist, ist auch eine noch so unzureichende
demokratische Ordnung autoritären Ordnungen vorzuziehen und seien
sie noch so etabliert. Dies lehrt uns der Kampf. Er lehrt es jeden und
jede. Er lehrt es auch alle Institutionen und den Staat.
Der mit den Worten des Staatspräsidenten als der letzte kurdische
Aufstand bezeichnete Aufstand, um dessen Willen mir der Prozess
gemacht wird, ist eigentlich ein Aufstand gegen diese Ordnung der Türkei,
die nicht in der Lage ist, auch nur auf die geringsten demokratischen
Anforderungen eine Antwort zu finden. Aber der Staatspräsident spricht
ohne jede Scham von einer Angelegenheit, die zu so großen Verlusten
führte.
Ihr lasst das Symbol der grenzenlosen Unterdrückung, das Sprachverbot,
das sogar gegen Tiere nicht praktiziert wird und vielleicht in der Geschichte
nicht seinesgleichen findet - denn selbst Äsop benutzte Sklavensprache
und redete ohne Scham - in das Wesen des gesamten Rechtssystems einfließen
und dann erwartet ihr von den Bürgern, dass sie sich dieser Ordnung
unterwerfen. Das ist eine große Anormalität. Auch die Anormalität
des kurdischen Aufstands lässt sich hierauf zurückführen.
Wir haben keine andere Wahl, als beide Anormalitäten zu überwinden.
Ein Kurde, der weder als Kurde noch, auf Grund vorenthaltener Bildung,
als Türke, Araber oder Perser wirklich leben kann, ist die Quelle
eines großen Problems. Auch sein Sterben oder Töten ist kein
Ausweg. Dies ist eine Menschheitstragödie. Ich glaube nicht, dass
die Republik ein Gegner der Kurden ist. Die Republik ist vielleicht sogar,
eher als dass sie es für einen Türken wäre, für einen
Kurden ein Glück. Da den kurdischen Machthabern das sehr wohl bewusst
war, haben sie selbst das Lehren des Türkischen behindert, selbst
das haben sie nicht gewollt. Das Verurteilt sein zu einer mehrfachen Rückentwicklung
hat ihren Interessen eher entsprochen. Es ist eine Bereicherung, wenn
die Kurden die türkische oder andere Sprachen lernen. Es ist eine
Ehre, als freies Individuum Staatsbürger der Republik zu sein. All
dies wird hier nicht diskutiert. Im Gegenteil, was hier gesagt wird, ist:
warum ist das System, die Demokratie, die Verfassung eines solchen Reichtums
nicht geschaffen worden. Wenn es all dies gegeben hätte, hätte
es dann die PKK gegeben? Wäre es zum Aufstand genommen? Hätte
es einen Apo gegeben?
In meiner Verteidigungsschrift habe ich die legitime Basis dieses Aufstands
beschrieben. Ich habe auch seine Fehler und Irrtümer zur Sprache
gebracht. Es ist eine häufig anzutreffende gesellschaftliche Realität,
dass jede neue Ordnung Produkt der ihr vorangegangenen Kämpfe ist.
Es muss endlich, so wie das auch allgemein gilt, die Sinnlosigkeit des
seit langer Zeit anhaltenden bewaffneten Konflikts der Kurden mit der
(bestehenden, A.d.Ü.) Ordnung begriffen werden. Am Übergang
von der Etappe des bewaffneten Konflikts der jüngsten Vergangenheit
zu der vor uns liegenden Ära des Friedens müssen auch die Kurden,
so wie jede gesellschaftliche Gruppe, gemäß ihrer kulturellen
Eigenheiten und ihrer eigenen freien Ausdrucksformen beteiligt sein. Hiermit
wird keine privilegierte Stellung gefordert. Es ist weder die Rede von
dem so viel herauf beschworenen eigenen Staat, noch von einer Föderation
oder Autonomie. Falls die Demokratie in der Praxis umgesetzt wird, besteht
für solche Forderungen auch keine Notwendigkeit. Es existiert der
Wunsch, als ein demokratisches Volk seinen Platz in einer Republik demokratischen
Inhalts einzunehmen. Dies bedeutet, auch wenn sich schwer damit getan
wird, einen Zusammenschluss, der so stark und reichhaltig ist, dass er
nicht mehr zu trennen wäre. Die im modernen Sinne seit fast zwei
Jahrhunderten andauernde kurdische Frage und die Aufstände verlangen
danach, dass so eine Republik endlich eine demokratische Basis erhält.
Wir glauben daran, dass dies die beste Lösung darstellt. Und ich
sage, dies ist die einzig richtige Schlussfolgerung aus diesem Kampf.
Das heißt im Ergebnis, dass auch die Lösung dieses aus der
Unfähigkeit der Republik zur Demokratisierung herrührenden Problems
und des daraus resultierenden letzten Aufstands, der unter der Führung
der PKK stattfand, von der selben Voraussetzung abhängig ist, nämlich
von einer Demokratisierung. Die zum gordischen Knoten gewordene kurdische
Frage hat allen gezeigt, dass eine außerhalb einer umfassenden Demokratisierung
praktizierte Lösung unrealistisch sein wird. Am Ende des 20. Jahrhunderts
hat die Wiederholung einer Phase von Niederwerfung und gewaltsamer Assimilation
sowie darauf folgende gegen diese Gewaltpolitik gerichtete Reaktionen
und Aufstände auch wissenschaftlich gesehen keinen Sinn mehr. Das
heißt, dass diese Methoden sowohl der Gesellschaft als auch dem
Staat nichts anderes einbringen als Schmerz und steigende Verluste. Hierin
besteht die nicht mehr zu ignorierende Lehre aus der Geschichte.
Es wurde zu der Einsicht gelangt, dass selbst eine mittelmäßige
Umsetzung der fundamentalen Wertmaßstäbe des demokratischen
Systems, die weltweit ihre unvergleichlich problemlösende Stärke
bewiesen haben, uns einer Lösung zuführen werden kann. Die Türkei
ist dabei, sowohl als Staat als auch als Gesellschaft, über ausführliche
demokratische Diskussionen der kurdischen Frage und aller anderen Probleme
die Vorbereitung einer demokratischen Verfassung zu erleben. Diese muss
endlich ernsthaft und ohne Hinwendung zu Demagogie geschehen. So wie auf
dieser Grundlage die Republik zu einem demokratischen Inhalt gelangen
wird, so befindet sie sich in einer historischen Phase, in der kein anderer
Ausweg und keine andere Wahl mehr geblieben ist, als im Besitz einer diesem
demokratischen Inhalt entsprechenden Staatsverfassung zu sein. Meine diesbezügliche
Überzeugung wird sich mit dem Gelingen einer solchen Verfassung festigen.
Ich bin mir der Rolle und meiner Verantwortung bei diesen Entwicklungen
sowohl in meiner Funktion innerhalb der PKK als auch als Person bewusst.
Ich bin überzeugt, dass meine die Vergangenheit betreffenden Analysen
wissenschaftlich fundiert und ehrlich sind. Wichtiger noch und das, was
ich tun muss, sind meine zukünftigen Aufgaben und Arbeiten. Solange
ich am Leben bin bestehen diese darin, insbesondere die Abkehr der PKK
von der Methode der Gewalt, ihre Teilnahme am Demokratisierungsprozess,
in den die Türkei eingetreten ist, und ihre Transformation zur Legalität
vorzubereiten. Hinsichtlich der Beendigung des bewaffneten Kampfes hat
das Zentralkomitee der PKK seine Entschlossenheit bekundet. Ich bin davon
überzeugt, dass auch die gesamte Organisation entschlossen ist, mit
einem in naher Zukunft stattfindenden Kongress noch vor dem Jahr 2000,
meine Haltung zur offiziellen Linie zu machen und dass sie hierin erfolgreich
sein wird. Ich hege die Hoffnung, dass auch der Staat mit zunehmender
Sensibilisierung bei der Schaffung einer Grundlage für eine Transformation
und Rückkehr zum demokratischen legalen Prozess in der Türkei
Erleichterungen gewährleisten wird. Diesbezüglich lassen Institutionen
und Verantwortliche der höchsten Ebene ermutigende Einstellung erkennen.
Ich bin überzeugt davon, dass die PKK analysiert werden muss. Um
hierzu einen Beitrag zu leisten, bin ich nicht davor zurückgeschreckt,
die von mir selber erlebte Phase als Grundlage einer solchen Analyse darzulegen
und selbst unter den schwersten Bedingungen für eine friedliche und
geschwisterliche Lösung durch meine Worte und Praxis eine Antwort
zu geben.
Ich muss darauf hinweisen, dass meine Haltung weit jenseits persönlicher
Ängste davon herrührt, dass ich mir der zur Zeit stattfindenden
historischen Phase bewusst und davon überzeugt bin, dass der effektivste
Lösungsweg in den universalen Maßstäben des Rechts innerhalb
eines demokratischen Systems angelegt ist. Ich habe meine Überzeugung
bewahrt, dass diese Einstellung nicht nur die moralisch wertvollste ist,
sondern auch eine richtige politische Haltung nur so aussehen kann. Mein
diesbezüglicher Wille ist ungebrochen.
Sehr geehrter Vorsitzender,
verehrte Richter !
Die letzte meiner Verteidigungsschriften übersende ich an die durch
Sie verkörperte höchste Institution des Rechts in Form eines
sehr kurzen Briefes. Ich bin sicher, dass weitere Ausführungen nicht
nötig sind.
Die Ansprache des Präsidenten des Kassationsgerichtshofes zu Beginn
des neuen Gerichtsjahres bei Eintritt in das Jahr 2000 ist meiner Ansicht
nach von der Qualität eines demokratischen Rechtsmanifestes.
Meiner Beurteilung nach waren es mein Wirken und dessen Folgen, die von
ihrem Effekt her dieses Manifest von Grund auf so zwingend nötig
machten. Vor diesem Hintergrund ist der stattfindende Prozess jedoch tragisch.
Der Präsident des Kassationsgerichtshofe erklärte, dass er es
für einen großen Mangel hält, in das Jahr 2000 ohne einen
Sokrates überzuwechseln.
Meine größte Furcht ist, dass es darum geht, gegen mich auf
noch tragischere Weise als gegen Sokrates zu verhandeln und mich allein
deswegen zum Gegenstand eines Urteils zu machen, da ich den Glauben an
die festverwurzelten Götter der Ordnung gebrochen und den Engeln
der Freiheit das Tor geöffnet hätte, unabhängig davon,
wie umfangreich die Beschuldigungen hinsichtlich der Tatseite auch sind.
Ich wünsche, dass ein solcher Präsident und seine Richterschaft
in diesem Prozess nicht parteiisch sind.
Der Präsident des Kassastionsgerichtshofs hat die Distanz des türkischen
Rechtssystems zu universalen Rechtswerten in prägnanter Form dargelegt.
Er führte aus, dass die Legitimationskapazität der Verfassung
gegen Null tendiert. Zugleich vertrat er, dass ein freiheitliches Leben
gemäß der den Gedanken, Überzeugungen und Kulturen innewohnenden
Werte das Wesen eines modernen demokratischen Rechtsstaates ausmache und
über lange Zeit andauernde Verbote die Wahrnehmung dieser Freiheitsrechte
verhindern und daher Grund für legitime Aufstände seien. Er
fügte hinzu, dass er jedoch während seiner Amtszeit an das formale
Recht gebunden gewesen sei. Die wechselseitige Zuspitzung unserer Tragödie
liegt in diesen Worten verborgen.
Es ist meine Hoffnung, dass selbst dann, wenn die von Ihnen zu treffende
Entscheidung gemäß Artikel 125 des Türkischen Strafgesetzbuches,
der schon seit langem hätte überwunden werden müssen, ausfallen
sollte, die aus diesem Prozess zu ziehenden Lehren endlich einer Einführung
der universalen Rechtswerte in die Türkei in wahrnehmbarer Weise
nicht mehr behindern werden. Obwohl dieser Prozess für die Geschichte,
auf Grundlage dieser Verfassung und des existierenden Rechtssystems, zu
keiner Zeit eine unabhängige Instanz sein konnte, ist er zu einer
Plattform geworden, die den Weg zu einer unabhängigen Gerichtsbarkeit
freilegt. Und er stellt auch einen Wendepunkt derart dar, dass die rechtswidrigen
Machtquellen der Republik wegen dieser Folgen des Prozesses ihre Systeme
nicht weiter aufrecht erhalten werden können. Der Prozess lehrt,
dass wir die Quelle einer richtigen Lösung und einer gerechten Macht
nirgends anders finden als im Recht und dessen universalen demokratischen
Wertmaßstäben, und dass es notwendig ist, an diese gebunden
zu sein.
Wie sehr ich der Meinung bin, dass ein nur an die Artikel des formalen
Rechts angelehntes Urteil keine Gerechtigkeit übt, so sehr werde
ich doch immer an dieses im universalen Rechtsbewusstsein erreichte Grundprinzip
gebunden bleiben, das sowohl die Quelle von Stärke als auch von Gerechtigkeit
ist.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mir die größte
Mühe gegeben habe, unser Land zu einer Heimat zu machen, in der wir
gemeinsam und frei leben werden und für eine entsprechende Basis
der Republik und ihre Demokratisierung eingetreten bin. Ich glaube auch,
dass dies nicht umsonst war.
Ich glaube, dass ich die großen Schmerzen und schweren Verluste,
zu denen der bewaffnete Konflikt führte, so schwer empfinde wie kein
anderer, und dass der richtigste Ausdruck meiner Bitte um Verzeihung bei
allen unseren Menschen darin besteht, dafür zu sorgen, dass nicht
noch einmal in diese Bedingungen zurückgefallen wird und dies auf
die effektivste Art zu verhindern. Dies ist für mich der Sinn meines
Lebens.
Dieser Kampf hat bewiesen, dass meine Vergangenheit nicht Gegenstand dieses
Prozesses sein kann. In meinem Volk habe ich mit meiner freien Identität
keinen noch so begrenzten Platz gefunden.
Aber ich glaube, dass ein Leben in der demokratischen türkischen
Republik der Zukunft und in einem durch Beitrag dieses Kampfes geschaffenen
freien Zusammenschluss sowohl der richtige Weg ist als auch eine Leben
in Würde sein wird.
Auf dieser Grundlage betone ich noch einmal meine Entschlossenheit und
rufe alle Menschen und alle gesellschaftlichen Institutionen dazu auf,
eine Ordnung des Friedens und der Völkerverständigung zu schaffen.
Mit meinen besten Wünschen für einen Erfolg, viele Grüße.
Abdullah Öcalan,
Imrali, den 21. Oktober 1999
*) Gemeint ist der Versuch Großbritanniens, wegen
der Erdölvorkommen um Mossul und Kirkuk den Sheich Said Aufstand
für eigene Interessen zu benutzen.
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