Rudi & Che

Zwei Paar Schuhe,

Zwei Helden,

Eine Revolution

 

Eine Gesellschaft benötigt Mythen, Helden und Utopien, um zu überleben; sie sind der Stoff für ihre Träume„, schreibt Paco Ignacio Taibo II.

Die Linke, der allenthalben der Verlust ihrer politischen Utopie als Beweis ihrer historischen Überholtheit in den Mund gelegt wird, sah sich in den letzten Monaten gleich mit zwei 30jährigen Jubiläen ihrer jüngeren revolutionären Geschichte und den um sie kreisenden Mythen konfrontiert: Im Oktober 1997 den 30. Todestag Che Guevaras, und 1998 das der 68er Revolte.

Trotz einer Vielzahl von Zeitschriften- und Fernsehreportagen über die Revolution des Che Guevara, ist über den Menschen nur recht wenig zu erfahren gewesen; zwangsläufig hören Reportagen nun einmal dort auf, wo aus einer öffentlichen Person, eine private zu werden droht. Die bei der Edition Nautilus erschienene Biographie des zweifelsohne bekanntesten Revolutionärs unseres Jahrhunderts versucht nun genau dies.

Paco Ignacio Taibo II ist es mit der Biographie des Ernesto Guevaras gelungen, die Gewissenhaftigkeit eines Historikers und die Techniken eines Romanciers zu vereinen. Die Geschichte des jungen argentinischen Arztes mit zwei verschieden Schuhen und der Leidenschaft für schlüpfrige Witze und schwere Motorräder, des enthusiatischen Archäologen und Fotografen ist natürlich auch die Geschichte der lateinamerikanischen Revolution.

Während seines Aufenthaltes in Guatemala, erlebt er die zarten Anfänge einer Landreform, nimmt den ersten Kontakt zur revolutionären Linken auf und kämpft 1954 gemeinsam mit ihnen gegen die um ihre Profite fürchtenden putschenden US- Monopole. In Mexico schließt er sich einer Gruppe Exilkubaner um Fidel Castro an, mit denen er 1956 auf einem alten Schiff loszieht, um die kubanische Militärdiktaur zu stürzen; den 82 Männern stehen 35.000 Soldaten einer gut bewaffneten Armee gegenüber.

„Der Krieg ist gewonnen, aber die Revolution beginnt erst„, stellt Che Guevara wenige Jahre später fest, den Wirren der Kämpfe folgen die Mühen der Ebene, der comandante wird Industrieminister und Präsident der Nationalbank, „nur vorläufig„, wie er sich vornimmt.

Von ihm unterstützte Guerillabewegungen in Peru und Argentinien scheitern, ebenso der spätere Guerillakrieg im Kongo, an dem Che teilnimmt und auf den er als Beginn einer afrikanischen Revolution gehofft hat.

Die Ermordung Che Guevaras am 9.Oktober 1967 in La Higuera/ Bolivien ist der Beginn eines Mythos, den der Biograph hervorragend zu beschreiben weiß, ohne dessen Zauber zu zerstören.

 

Nur wenige Monate vor Guevaras Ermordung radikalisierten sich die bundesdeutschen Studierenden; trauriger Anlaß war die Erschießung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten. Schon seit Ende 1964 politisierte sich die Studierendenschaft, und begann mit Hearings, Streiks und Demonstrationen gegen Vietnamkrieg und Notstandsgesetze das, was heute als 68er- Revolte bezeichnet wird. Über den wohl bekannteste Protagonist dieser Bewegung liegt nun eine umfassende Biographie vor. Rudi Dutschke verkörperte die außerparlamentarische Opposition der sechziger Jahre und wurde in den 70ern zu einer herausragenden Persönlichkeit der ökologischen Bewegung. Rudi Dutschke starb am Weihnachtsabend 1979 an den Verletzungen der Kugeln, die ihm ein durch die Springerpresse aufgehetzter Rechtsextremist in den Kopf geschossen hatte.

Seine Frau Gretchen Dutschke schildert in ihrer offenen Auseinandersetzung mit ihrem ermordeten Mann ein Politabenteuer; den Werdegang des jungen Dutschke, der sich mit Reden gegen die Wehrpflicht um seinen Studienplatz in der DDR brachte und deshalb nach Westberlin gehen mußte, und später einer der großen Denker, Redner und Protagonisten der 68er- Revolte, Integrationsfigur der Linken und bevorzugtes Haßobjekt rechtskonservativer und bürgerlicher Kreise wurde; sie schildert aber auch die Geschichte einer Liebe, die allen Zerreißproben standhielt. Mit unzähligen, bisher unbekannten Quellen, Briefen und Tagebucheinträgen, und den liebvollen Blick auf einen ihr vertrauten Menschen hat sie gleichzeitig einen sehr persönliches wie politisches Portrait dieser Zeit geschaffen. Es ist der „letzte Text des Aufstands von 1968.

„My dear sweet Rudi, I’m so glad your parents decided to have sex one day and therby produce you.„ (Gretchen Dutschke)

 

"Das Phantom Che sitzt, wie ein Grenzgänger ohne Visum und Paß, mitten auf einer Generationenbrücke fest - zwischen jungen Leuten, die sehr wenig von ihm wissen, in ihm aber den großen Kommandanten und roten Großvater der Utopie erahnen, und der Generation der Sechziger, die zu spät kamen bzw. bei der Verwirklichung des Projekts scheiterten, die aber der Ansicht sind, daß Che weiterhin den Herold einer lateinamerikanischen Revolution darstellt, die weiterhin absolut notwendig ist, wie unmöglich sie auch erscheinen mag.„  

Paco Ignacio Taibo II

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Paco Ignacio Taibo II,
Che. Die Biographie des Ernesto Guevara,
Edition Nautilus, 68,- DM

 

  Gretchen Dutschke,
Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke,
Kiepenheuer und Witsch, 48,- DM