Deborah E. Lipstadt

Leugnen des Holocaust. Rechtsextremismus mit Methode.

Die Verschärfung des § 130 Strafgesetzbuch (StGB) im Jahr 1994 stellt die Leugnung der Massenvernichtung von Juden während des Nationalsozialismus unter Strafe. Daß Auschwitz- und Holocaustleugner weiterhin ihr Unwesen treiben verhindern strengere Gesetze freilich nicht. Zumal wenn die Ultrarechten Unterstützung aus konservativem und rechtskonservativem Lager bekommen, wo munter über die "Fesselung des politischen Denkens durch Auschwitz" debattiert wird, wo Auschwitz als "Hemmnis deutschen Selbstbewußtseins" gilt. Wo jungen rechtskonservativen Historikern, so Karlheinz Weismann in der renommierten Propylänreihe zur deutschen Geschichte zum Thema Nationalsozialismus ("Der Weg in den Untergang") viel über das Leiden des deutschen Volkes, jedoch kaum etwas über die Massenvernichtung der Juden einfällt.

Die Autorin Deborah E. Lipstadt interessiert sich für die Leugnung des Holocaust jedoch nicht aus rein rechtlicher Sicht, ihr Blickwinkel ist nicht der einer Verfassungsschützerin. Ihr anliegen ist es den Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung als das zu entlarven, was es tatsächlich ist: die Brücke, auf der bürgerliche Rechtskonservative, die aus Reputationsgründen die Schmuddeldecke des Nationalsozialismus meiden, ein Weltbild gewinnen und propagieren können; die Verbindung zwischen der alten und der Neuen Rechten, Neonazis und Rechtskonservativen. Die Autorin sieht die Leugnung des Holocaust als systematische Notwendigkeit für diese politischen Gruppierungen: "Um die historische Kontinuität des nationalkonservativen Projekts auch angesichts des Judenmordes behaupten zu können, müssen nämlich entweder an der Tatsache dieser Mordtaten Zweifel gehegt, oder Ihre Ausmaße zu anderen Mordtaten in Vergleich gesetzt, bzw. [...] verständlich gemacht werden."

Einen Angemessenen Teil ihres Buches sind der Geschichte der Holocaustleugnung gewidmet: die Anfänge durch den französischen Faschisten und Schriftsteller Maurice Bardéche; die Änderung der Taktik von der der Verteidigung der Greueltaten zur Verleugnung dieser, als klar war, daß das Reinwaschen des nationalsozialistischen Antisemitismus nicht funktionierte; die ersten Regungen der Holocaustleugner in den USA in den 60er und 70er Jahren; die Ablösung anfänglich undurchdachter und ungeschickter Äußerungen durch zunehmend taktische Überlegungen; letztendlich den Einzug dieser Ideen in akademische Kreise.

David Irving, Fred Leuchter, Ernst Zündel und Co. stellt Deborah E. Lipstadt als Sektierer, Geistesgestörte, Paranoiker und leicht zu durchschauende Lügner bloß, ohne jedoch die von ihnen ausgehende politische Gefahr zu unterschätzen.

Das Buch bietet all jenen Unterstützung, die diesen "gefährlichen Spinnern", die durch pseudowissenschaftliche Revision der Geschichte die Wahrheit verzerren und vernebeln wollen, nicht glauben, jedoch hilflos in der Begegnung der Holocaustleugnung sind. Das letzte Kapitel geht intensiv auf die Kontroverse um die Gaskammern ein, deren Existenz und Bestimmung für den Massenmord vor allem an Juden, mit der unverfrorenen Aussage bestritten wird, diese Räume dienten als Desinfektionsräume, Heizungsanlagen oder Leichenkeller. Auf die "Lieblingsthemen" der Holocaustleugner, die Untauglichkeit von Zyklon B als Gas zum Töten von Menschen, und die angeblich gefälschten Tagebücher der Anne Frank geht die Autorin im Anhang ein, benennt und widerlegt die unverfrorenen Täuschungen und Fälschungen der revisionistischen Historiker.

 

Deborah E. Lipstadt, Leugnen des Holocaust.Rechtsextremismus mit Methode, 316 Seiten, ISBN 3-499-60101-X, DM 19,90, rohwohlt- Verlag