Wunderbare Welt der Füße
So ein Bürgermeister hat es schwer.
Das ist eine alte Weisheit. Genau wie die, daß man
alte Geschichten nicht aufwärmen sollte. Und das der Freitag, fällt er auf einen 13.,
nicht der lustigste Tag ist. Eher rabenschwarz. Vor allem für Bürgermeister. Der 13.
Juni jedenfalls fiel auf einen Freitag und der Bürgermeister aus allen Wolken. Eben noch
an dem Gemüsestand, dessen Eigentümer gern auch mal Rabatt gibt, einen zu dünnen Lauch
verschenkt oder an wählerische, aber arme Schülerinnen wahllos Äpfel oder Trauben
verteilt, erregte eine andere, aber lautstarke Traube Menschen ihre, der OTZ-
Lokaljournalistin Brit Plontkes Aufmerksamkeit. Wie die Mediengeier nun mal sind - wir
kennen es - fotografierte sie was das Zeug hielt. Füße in diesem Fall, die aus einem der
schönen spätgotischen Rathausfenster lugten. Nicht weit, aber weit genug. Und lustig
genug, um ein Foto davon und eine kleine Glosse (Tenor: Haben die Leute im Rathaus
nichts zu tun?) in der einzigen, diesmal nicht so artigen Lokalzeitung zu bringen.
Zu weit, fand der Bürgermeister und schnaubte. Vor Wut. Auf die böse Presse und die
böse Schülerin, deren Füße die schuldigen waren. Einmal dabei trifft es auch die
Neustädter Band Rattenfänger, die an diesem Abend ihre neue CD im
Rathaussaal vorstellen wollte. Bestimmt sind die schuld an der ganzen Verschwörung, denkt
sich der Bürgermeister und mault. Daß das Konzert ausfallen muß, daß Kultur im
Rathausaal ab sofort unerwünscht sei (außer die von der Stadt organisierte) und
wenn die Kultur den Bach runtergeht, ist mir doch egal. Das aber sagt man nur
am Telefon und nicht unter Zeugen.
Warum so kleinlich, so überhaupt gar keinen kleinen Spaß
verstehend? War ja nicht mal gemeint, der da bellte. Nun, Souveränität, kühler Witz und
intellektuelle Größe sind nun mal nicht die Haupteigenschaften eines Bürgermeisters.
Der nämlich muß vor allem eins: arbeiten. Für das Wohl der Stadt und ihrer Bürger. Und
da versteht er keinen Spaß, der Narrenaktivist und Chef des Karnevalvereins Schiefe
Mütze.
Wer arbeitet muß sich auch mal ausruhen. Eine Einladung zum
Segeltörn in der Adria, mit Neustädter Geschäftsleuten, kommt da gerade recht.
Außerdem eine gute Gelegenheit zu beweisen, daß es nicht stimmt, daß er zu offiziellen
Anlässen nur seine Stellvertreter hinschicken würde. Munkelt man. Und, daß die
Hobbymatrosen an einem Freitag, den 13. auf keinen Fall in See stechen wollten. Eine
grausige Vorstellung für eine Stadt, der ganzen ökonomischen und politischen Elite
beraubt zu sein. Gott sei dank ist außer dem Ärger mit dem italienischen Küstenschutz
aber nichts passiert. Der hat sich über die Füße beschwert, die über der Reling
hingen. Kein Wunder.
A. Obst