Holzhammermethoden in Norwegen
Ein Dorf wird platt gemacht - für Zahnpasta und Pflaster
Die grünsten Wiesen, steilsten Berge, längsten und wildesten Flüsse und die herrlichsten Sommer erlebte ich in Norwegen. In dem hundertfünfzig Seelen Dorf Vevring an der Westküste Norwegens habe ich die kostbarsten Werte vereint gefunden - Naturlandschaft in voller Schönheit und Vollkommenheit und Menschen mit Kultur, die die Stille und ihre kleine Gemeinschaft schätzen.
...um unser kleines Fischerboot tummelt sich eine Herde neugieriger
Schweinswaale... baden im 360 Meter tiefen Fjord im Angesicht schneebedeckter Berggipfel,
Bergtouren in Begleitung freilaufender Schafe und Ziegen, und ein Wald voller Wild,
Blaubeeren und Pilzen... und ich dachte ich träume.
Die drei Jahre als deutscher Tourist sind nun zur Lebensperspektive geworden und Vevring zu meiner neuen Heimat. Schwer zwar die Trennung von der Familie, teuer die Reise nach Hause, und in Erwartung ein völlig neues Leben, ein andere Mentalität und andere Sprache. Dennoch der Wille und die Zuversicht dort zu leben und die Existenz mit einer eigenen Keramikwerkstatt sowie dem Verkauf von Naturprodukten zu sichern. In einer kunst- und handwerksinteressierten Umgebung und einem Dorfmilieu mit den internationalen Impulsen amerikanischer, bulgarischer, polnischer, isländischer und deutscher Zuwanderer.
Der Schlag mit dem Holzhammer kam für uns alle völlig unerwartet und schnell im Mai dieses Jahres. Er hatte ein Loch in unsere Vorstellungen gerissen, einen Fleck heile Erde bewahren zu können und die Zukunft in ein unklares Licht gestellt. Der Übeltäter verspricht eine 400- Millionen- Investition, 275 Arbeitsplätze (wobei es in der Kommune nur 5 bis 10 Arbeitslose gibt), eine breitere Straße und somit eine Verbindung mit fernab gelegener Umgebung.
Die Rede ist von Rutilgewinnung aus Eklogitt, einem sehr schweren, weil mineralhaltigen Gestein, durch den amerikanischen Industriegiganten Dupont und dessen Tochtergesellschaft Conoco. Rutil (Titandioxid) wird als weißer Pigmentstoff bei der Herstellung von Farben, Papier und Plastik benötigt, und wird auch Zahnpasta und Pflastern zugegeben. Nebenbei bemerkt, ist aus Rutil veredeltes, reines Titan wichtigster Rohstoff für Raumfahrzeuge und wurde bis in die achtziger Jahre zu 90% in der Waffenproduktion eingesetzt.
Bisher wurden in Vevring zehn Kilometer Probebohrungen,
unter anderem an einem Berg mitten im Dorf vorgenommen. Auch Messungen im gesamten
Wohngebiet, auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen und am angrenzenden Gebirge bis
hin zur anderen Fjordseite wurden gemacht. Diese ließen Schlüsse auf ein Vorkommen von
sieben Millionen Tonnen Gestein zu, welches im offenen Tagebau jährlich abgebaut werden
soll. Bei der Gewinnung von ca. 5- 7% Rutil aus dem Eklogitt sollen angeblich
umweltfreundliche Prozesse wie Elektrolyse, Elektromagnetismus und Gravitation angewandt
werden. Das Aufmahlen des in ganz Europa dichtesten und schwersten Eklogitts bedarf dem
gesamten Wasserzufluß zweier naheliegender Flüsse. Zudem sind Strommengen notwendig, die
dem Tagesverbrauch einer Kleinstadt von 10.000 Einwohnern gleichen. Die beim
Aufmahlprozeß entstehenden feinkörnigen Steinmassen sollen auf einer Fjord- und einer
Landdeponie gelagert werden. Zum Weitertransport von Stein und Mineral ist außerdem der
Bau einer Kaianlegestelle geplant, die gleichzeitig ein 100.000 Tonnen-Schiff (ca. 300m
lang) und weitere kleinere Schiffe von 40.000 Tonnen bestücken kann.
Nach den neuesten Erkenntnissen handelt es sich sogar um das
weltweit größte Rutilvorkommen, was natürlich den Stolz der Regierung ausmacht und die
kommunalen Kassen füllen wird. Jedoch erschwert es die Arbeit für uns Gegner, wie der
örtlich gegründeten Organisation, die sich für eine lebenswerte Zukunft auf dem Dorf
einsetzt, eine Jugendorganisation und Naturschutzvereinen.
Die bevorstehenden Maßnahmen, die teilweise sogar ohne
Wissen der Bevölkerung und der Kommune begonnen wurden, bergen verheerende Konsequenzen
für die Natur, die hier ansässigen Menschen und deren Lebensgrundlage. Der direkt
betroffene Teil der Bevölkerung wird sich eine neue Heimat suchen müssen. Doch auch für
die Übrigen gehen durch den staatlich unterstützten Ausbau von Außenkanten
alle Vorteile des Landlebens und dieses speziellen Dorfmilieus verloren. Sie werden
ersetzt durch ein Industriegebiet mit reicher Geräuschkulisse, erzeugt durch Sprengungen
und Gesteinszermahlung sowie zunehmenden Verkehr auf den Land-, Wasser- und Luftwegen.
Es ist mit einer Staubentwicklung zu rechnen, die umliegende
Wiesen und Äcker landwirtschaftlich unbrauchbar macht und Sauerstoffmangel im Meerwasser,
verursacht durch natürlich aufkommende Winde, hervorruft. Das führt ebenso wie die
Fjorddeponie zur Vernichtung jeglichen Meerlebens eines bisher unberührten Fjordes und
zweier großer Lachsflüsse.
Eine der größten Gefahren stellt ein benachbarter Berg dar, welcher einen 100m tiefen Riß aufweist. Die Sprengungen in der unmittelbaren Nähe können zum Lösen eines 200.000m³ großen Felsens führen, dies wiederum zu einer ungeahnten Flutwellenkatastrophe.
Trotz der schwachen Reaktion und fast keiner Hilfe der Kommune und einbezogener Politiker werden wir nicht ermüden immer wieder auf die Gefahren und langfristige Konsequenzen hinzuweisen. Besonders bei der eigentlich betroffenen, (bisher) jedoch passiven Bevölkerung. Unser nächstes Ziel besteht darin, Informationen auf der Landesebene weiterzugeben und zu diskutieren.
Die Vollkommenheit der neuen Heimat war geträumt, unsere Pläne wahrscheinlich zu naiv. Wir wissen nun was auf uns zukommen kann und werden uns wehren. Den Holzhammer brauchen wir kein zweites Mal.
Nadine Ranke