Rechte Strukturen in Thüringen
und in Saalfeld-RudolstadtSeit Jahren steigt die Zahl rechter Straf- und Gewalttaten
in Thüringen stark an. Im Vergleich zur EinwohnerInnenzahl liegt Thüringen inzwischen
bundesweit an der Spitze, und selbst in den absoluten Zahlen wird es nur noch vom
einwohnerInnenstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen übertroffen (siehe Kasten I).
Eine Situation, die nicht nur dringend nach Maßnahmen zur Eindämmung dieser Aktivitäten
verlangt, sondern die auch eine Überprüfung der bisher praktizierten Gegenstrategien von
Sozialarbeit, Polizei und Justiz auf ihre Wirksamkeit hin unbedingt erfordert. Und ganz
grundsätzlich müssen natürlich entsprechende Antworten auf die Frage gefunden werden,
warum ein doch erheblicher Teil gerade junger Menschen rassistische und rechtsextreme
Positionen vertritt und sich in entsprechenden Gruppen organisiert.
Rechte Organisationen in Thüringen
In Thüringen ist seit 1989 eine Vielzahl rechter Parteien und Gruppen aktiv. Derzeit von Relevanz sind auf der einen Seite die klassischen und bundesweit agierenden rechtsextremen Parteien NPD, DVU und REP mit einem aktuellen Mitgliederstand von insgesamt etwa 400 Mitgliedern. Sie bedienen, in unterschiedlicher Ausprägung, sowohl den eher bürgerlich orientierten Stammtisch-Rechtsextremismus als auch, und hier nutzen sie die infrastrukturellen Vorteile bundesweiter Organisationen, die Braunzone hin zum gewalttätigen Neonazispektrum, indem sie Großveranstaltungen organisieren oder Propagandamaterial in hoher Auflage bereitstellen. Auf der anderen Seite gibt es mit einer Ortsgruppe der Nationalen in Gera und der Anti-Antifa Ostthüringen (siehe Kasten II) in Thüringen seit Jahren eine ausgeprägte Struktur im militanten Neonazibereich. Zusammen mit rechten Skinheads und weiteren gewalttätigen Rechtsextremisten werden diesem Spektrum etwa 600 Personen zugerechnet. Zusammen beläuft sich damit das mehr oder weniger organisierte rechtsextremistische Potential in Thüringen auf rund 1.000 Personen.
Rechte Aktionen der letzten Zeit
Die rechte Szene hat in den letzten Jahren in Thüringen eine ganze Reihe öffentlicher Veranstaltungen durchgeführt. Besonders spektakulär waren dabei im August 1992 der Neonazi-Aufmarsch zum 5. Todestag des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß mit weit über 2.000 TeilnehmerInnen in Arnstadt. Aber auch im letzten und in diesem Jahr ist es mehrfach zu größeren Aktionen gekommen:
04.05.1996, Neuhaus, REP-Demonstration mit mehr als 250
Personen, zumeist zwischen 18 und 25 Jahren;darunter auch zahlreiche Anhänger der Anti-
Antifa Ostthüringen. Als Redner traten der stellv. REP- Landesvorsitzende Lutz Diener und
der stellv. REP- Bundesvorsitzende Otmar Wallner auf. 12 Personen wurden im Zusammenhang
mit der Veranstaltung festgenommen.
01.06.1996, Gera, Rechtsextremes Skinhead-Konzert mit den
Bands Oidoxy, Proissenheads und Volkstroie. An dem Konzert nahmen etwa 250 Personen teil.
09.11.1993, Greiz, Rechtsextremes Skinhead-Konzert mit den
Bands Foierstoß, No Remose (GB) und Legion Ost aus Gera. An dem Konzert nahmen etwa 200
Personen der rechten Szene teil.
09.03.1997, Sonneberg, NPD-Demonstration unter dem Motto:
Der deutschen Jugend eine Zukunft mit etwa 100 TeilnehmerInnen. Als Redner
traten u.a. der Bundesvorsitzende der Jungen Nationaldemokraten (JN), Holger
Apfel, der ehemalige Vorsitzende der verbotenen Wiking-Jugend, Wofgang Nahrath
und Lutz Diener auf.
10.05.1997, Neuhaus, NPD-Demonstration mit knapp 300, zumeist
jungen TeilnehmerInnen aus der rechten Szene.
22./25.05.1997, Jena, bundesweiter Burschentag, an dem etwa
600 Burschenschaftler teilnahmen. Im Rahmen der Veranstaltung zogen die Teilnehmer auch
zum Burschenschaftsdenkmal vor dem Universitätshauptgebäude, wo der Vorsitzende der
Wiener Olympia, Helge Dvorak, sprach. Das Deutschlandlied in allen drei
Strophen beendete die Zeremonie - die Degen der Korporierten blieben während des Gesangs
wie zum Gruß erhoben. Mit einem sechshundertstimmigen Heil Deutschland löste
sich der Zug auf. (TLZ, 26.05.1997)
30.08.1997, Gera, bundesweit mobilisiert ein regionales
Bündnis mehrerer rechtsextremistischer Organisationen, darunter die NPD, Die
Nationalen und die Anti-Antifa-Ostthüringen, zu einer Kundgebung gegen
das Friedensfest der PDS in Gera. In dem auch über das Internet verbreiteten Aufruf hieß
es Schluß mit diesem roten Spuk! und befördern wir die Genossen mit
gezieltem Tritt auf den Müllhaufen der Geschichte. Die
Gegenveranstaltung wurde verboten und während des Tages eine größere Zahl Neonazis
festgenommen.
30.08.1997, Kirchheim/Ilmkreis, Landeswahlparteitag der NPD
zur Nominierung der Bundestagskandidaten. Am anschließenden sogenannten
Kameradschaftsabend nahmen nach Angaben der NPD über 100 zumeist junge Neonazis teil.
06.09.1997, Triptis, die Polizei verbietet ein
rechtsextremistisches Konzert und nahm insgesamt 175 Personen fest, die sich auf der
Anreise befinden.
Darüber hinaus waren neonazistische Organisationen aus Thüringen an allen rechten Großveranstaltungen mit bundesweiter Bedeutung beteiligt. So reisten mindestens 100 Personen zur NPD-Demonstration gegen die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht nach München, an der insgesamt über 3000 Rechtsextremisten teilnahmen. Auch für die schließlich verbotene NPD-Demonstration am 1. Mai in Leipzig wurde in Thüringen massiv geworben. Zudem waren 1997, wie auch in den Jahren zuvor, Thüringer Neonazis an der Vorbereitung und Durchführung der flächendeckend verbotenen Aktivitäten zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß beteiligt. Über 80 Personen wurden in diesem Zusammenhang von der Polizei festgenommen.
Rechtes Zentrum Saalfeld-Rudolstadt
Saalfeld-Rudolstadt ist auch nach Aussagen des Thüringer
Landesamtes für Verfassungsschutz seit Jahren eine Hochburg rechter Aktivitäten. Gerade
der Aufbau informeller, aber dennoch handlungsfähiger Strukturen der militanten
Neonazi-Szene ist in dieser Region seit längerem zu beobachten und bereits relativ
weit fortgeschritten. Zu nennen sind hier vor allem die Anti-Antifa
Ostthüringen und der Thüringer Heimatschutz, die von der
Mitgliederstruktur her allerdings weitgehend identisch sind. Aber auch die Aktivitäten
der in Gera ansässigen Nationalen und ihrer Jugendorganisation
Jung-Nationale wirken inzwischen bis in die Region, wie die gemeinsame
Mobilisierung gegen das PDS-Friedensfest in Gera gezeigt hat. Insgesamt ist somit
inzwischen allein in Saalfeld von etwa 120 Personen auszugehen, die der rechten Szene
zuzuordnen sind. In Folge dieser Entwicklung ist in den letzten Jahren die Zahl rechter
Straf- und Gewalttaten, die aus diesem Spektrum heraus begangen wurde, stark angestiegen.
Vermeldete die Saalfelder Polizei für 1995 noch 189 rechte Straftaten, so hat sich deren
Zahl 1996 bereits auf 231 erhöht. Und auch für 1997 ist nicht mit einem Rückgang
rechter Taten in der Region Saalfeld-Rudolstadt zu rechnen, wie folgende Beispiele
belegen:
17.01.1997, Saalfeld, Verwenden von Kennzeichen
verfassungswidriger Organisationen
24.02.1997, Saalfeld, Störung des öffentlichen Friedens
durch Androhung von Straftaten
14.03.1997, Saalfeld, Körperverletzung, Bedrohung,
Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte
22.03.1997, Rudolstadt, Raub
25.04.1997, Rudolstadt, Beleidigung und Widerstand gegen
Vollstreckungsbeamte
02.05.1997, Saalfeld, gefährliche Körperverletzung
05.08.1997, Saalfeld, eine Nebelbombe wird unter ein Auto
geworfen, das vor einem alternativen Jugendclub abgestellt war.
Saalfeld sollte die Antifa-Demo unterstützen
Der rechten Mobilisierung in Saalfeld-Rudolstadt muß
unbedingt Einhalt geboten werden. Die Region scheint derzeit für Thüringen eine
Schlüsselposition im rechten Lager innezuhaben , wie auch die recht hektischen Reaktionen
(Gegendemo, Drohanrufe mit Morddrohungen) auf die Anmeldung der Demo Gegen rechte
Gewalt belegen. Um so unverständlicher ist es, daß sich inzwischen ein großer
Teil des Stadtrates von der antifaschistischen Demonstration distanziert hat und statt
dessen deren Verbot fordert. Gleiches gilt für den Chef der Saalfelder Polizei, der trotz
eigener Zahlen und den Erkenntnissen des Thüringer Verfassungsschutzes (siehe VS-Bericht
1996) weiterhin behauptet, in der Region seien eher die Linken das Problem und
nicht die rechte Szene. Eine derart offensichtliche Umkehrung der Tatsachen, daß man
geneigt sein könnte, diesen Aussagen politische Präferenzen zugrunde zu legen. Nicht
weggucken und auch nicht das unter´n Teppich kehren der derzeitigen Situation werden
jedoch zur unbedingt notwendigen Veränderung der Situation beitragen. Im Gegenteil: Nur
wenn sich möglichst viele Bürgerinnen und Bürger Saalfelds und der Region offen gegen
die rechte Gefahr aussprechen, wenn sie mit ihrer massenhaften Teilnahme an der
friedlichen Demonstration Gegen rechte Gewalt ein deutliches Zeichen
setzen, dann werden weitere Wege eröffnet, um dem rechten Treiben Grenzen aufzuzeigen und
es gesellschaftlich zurückzudrängen.
Carsten Hübner, Innenpolitischer Sprecher des PDS- Landesvorstandes Thüringen
Rechte Straf- und
Gewalttaten
94
95
96
Bund:
Straftaten allgemein
Insgesamt
7.952
7.896
8.730
Fremdenf.
3.491
2.468
2.232
Antisem.
1.366
1.155
846
Pol.
Gegner
243
142
175
Gewalttaten
Insgesamt
1.489
837
781
Fremdenf.
860
540
441
Antisem.
41
27
29
Pol.
Gegner
95
68
84
Thüringen:
Straftaten allg.
Insgesamt
477
733
939
Fremdenf.
62
47
119
Antisem.
15
26
33
Pol.
Gegner
7
40
29
Gewalttaten
Insgesamt
41
53
89
Fremdenf.
15
11
30
Antisem.
1
1
3
Pol.
Gegner
7
22
11
Anti- Antifa Ostthüringen
Im Oktober 1994 erstmals bekannt geworden. Sie führt seit Mai 1995 regelmäßig
wöchentliche Treffen durch. Die Zahl der Beteiligten hat sich von anfangs 20 auf ca. 80
erhöht. Sie nennt sich auch Thüringer Heimatschutz (THS) und ist ein
ausgewiesenes Sammelbecken für Neonazis. Die Mitglieder stammen hauptsächlich aus dem
Raum Saalfeld- Rudolstadt, Gera, Jena, Sonneberg, Weimar, Ilmenau, Gotha, Kahla und
Nordbayern, die Angehörigen aus Jena bezeichnen sich selbst als Kameradschaft
Jena. Sie verfügt zudem über Verbindungen zu bundesweiten Größen des
Rechtsextremismus. Die rechtsextremistische Neue Thüringer Zeitung - Stimme der
nationalen Erneuerung entstand in enger Zusammenarbeit von Frank Schwerdt (Die Nationalen)
und Tino Brandt (Führungsmitglied der Anti- Antifa Ostthüringen/ THS). Schwerdt wird im
Impressum als Herausgeber benannt, Christian Wendt als leitender Redakteur. Brandt, der
auch den Lokalteil übernimmt, ist Wendts Stellvertreter. Die Zeitung erscheint
zweimonatlich (1996) in einer Auflage von etwa 5.000 Exemplaren.
Aktionen der Anti- Antifa Ostthüringen aus dem Jahr 1996:
27. Januar - 20 bis 25 Angehörige der rechten Szene, die zum Teil der Anti- Antifa
Ostthüringen angehören, greifen gegen 1.00 Uhr Gäste einer Tanzveranstaltung im
Schützenhaus Gräfenthal/ Lkr. SLF- RU an. Zwei Personen werden verletzt, 14
Tatverdächtige im Alter zwischen 13 und 22 werden kurz darauf festgenommen.
Schreckschußpistolen und Tränengasdosen werden sichergestellt.
3. März - Lichte, Lkr. SLF- RU, in einer Gaststätte kommt es zu einer tätlichen
Auseinandersetzung zwischen BesucherInnen und etwa 25 bis 30 Angehörigen der rechten
Szene, zu denen auch Mitglieder der Anti- Antifa Ostthüringen gehören. 20
Tatverdächtige werden von der Polizei gestellt, es entsteht eine Sachschaden in Höhe von
1.500 DM.
17. August (9. Heß- Todestag) - Aktionstag wurde geplant, die vom Aktionskomitee
Rudolf Heß geplante Veranstaltung in Thüringen fand aber nicht statt. Deshalb
orientierten sich ca. 50 Personen der Anti- Antifa Ostthüringen auf eventuelle
Veranstaltungen im Bundesgebiet: Worms (250 TeilnehmerInnen), 174 Festnahmen, darunter ca.
25 Thüringer; Merseburg/ Sachsen. Anhalt (ca. 100 TeilnehmerInnen). Bei Polizeikontrollen
wurden in Thüringen 56 Personen in Gewahrsam genommen und Messer und
Schreckschußpistolen beschlagnahmt.
(Quelle: Verfassungsschutzbericht Thüringen 1996)