Contite1.jpg (10220 Byte)

CONTRASTE im Dezember 2006: Schwerpunktthema - GenoDach: Dachgenossenschaft für gemeinschaftliche Wohnungsinitiativen · Wohnungs- und Städtebau: Genossenschaftspotentiale erschließen - Forschungsergebnisse nutzen · Vorgehensweise: Dachgenossenschaften - Entstehungsschritte und Gestaltungsmöglichkeiten · Überschaubarkeit oder Wachsen: Wege der Risikominimierung - Wie Wohnprojekte unter ein gemeinsames Dach kommen · Gemeinsame Werte - bundesweit für eine Zielgruppe agieren: Beginen entwickeln Dachgenossenschaft · Freiburger Mietshäuser Syndikat: Autonomie und Bindung - bundesweites Verbundprojekt unterstützt Gruppeninitiativen - Zentraler Baustein - Dachgennossenschaften und Wohnprojekte unterstützen: Finanzierung durch ein Fondsmodell · Schlussfolgerungen: Schafft viele Unterstützungsstrukturen - Plädoyer für die Gründung von Dachgenossenschaften · Qualifizierung: ProjektentwickerIn für die Gründung von Wohngenossenschaften +++ Kongress "Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus" ein riesiger Erfolg: Kongress soll zur Institution werden +++ Subversive Klangwelten: Freiräume +++ Nachruf: Herzlichen Dank an Peter Gingold. · Patriotismus und Intternationalismus: Kein Schlussstrich bei Schlusspfiff! +++ Genossenschaft Insolvent, Trägerverein gibt "Neue Göttinger Wochenzeitung" heraus: Reicht die Kondition für einen zweiten Anlauf? +++ Die Evolution der Mitbestimmung auf dem Jugendumweltkongress: Vereinbaren statt entscheiden +++ CD-Vorstellung: YOK "Lieselotte Meyer lebt" +++ Kibbuz Palachim: Kibbuz heute · Wandel durch Privatisierung · Alltagsleben in einem privatisierten Kibbuz +++ Die "Fabrik der Düfte": Seveso und kein Ende ?... +++ Solidarische Existenzsicherung: Gratisökonomie als radikal antikapitalistischer Weg +++ Tauschringe Werbeplattformen für Regionalgeld-Initiativen? - Tauschringe und Regiogeld +++ Postkarten gegen Gentechnik: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet" +++ Thesenpapier: "Wo das Volk herrscht, geht der Mensch unter" +++ G8-Proteste: Demonstrationen nach Heiligendamm geplant - Dissent-Treffen in Osnabrück +++ Subjekte der Geschichte sind selbst geschichtliche Subjekte (Teil 2): Soziale Bewegung und Erinnerung +++ u.v.m. ...

Monatszeitung für Selbstorganisation

 

VISION EINER WELT VON UNTEN

Auf der Suche nach konkreten Utopien

Der Markt - weg. Die Logik von Verwertung und Profit - aufgelöst zugunsten eines gesellschaftlichen Reichtums. Keine Forschung mehr für den Profit - aber alle Kreativität, Wissen und Technik für ein besseres Leben. Weg mit Patenten, Copyright, Besitz - alles Wissen und alles Dingliche für alle. Diese und andere Grundpositionen durchziehen den Entwurf einer Zukunftsvision für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Veröffentlicht wurden sie von der Gruppe Gegenbilder (Annette Schlemm, Jörg Bergstedt, Stefan Meretz) im Sommer 2000 im Buch "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen". Vorgestellt in Kurzform haben wir sie bereits in der CONTRASTE-Ausgabe vom Dezember.

In dieser Ausgabe nun soll das Thema vertieft, Hintergründe und Konsequenzen für die konkrete politische Arbeit formuliert werden. Im Mittelpunkt steht ein intensives Gespräch mit den drei AutorInnen. Bis auf den Beginn hat sich die Gruppe geeinigt, die Antworten der einzelnen Personen als Antwort aller drei ("wir") darzustellen. Das Gespräch zeigt, welche Ziele und Grundelemente die Gruppe verfolgt hat ... und weiterverfolgen will. Zudem gibt es im Schwerpunkt Auszüge aus dem umfangreichen Glossar des Buches als Beitrag zur Definition von Begriffen aus gesellschaftlicher und ökonomischer Debatte sowie Texte zu Strategien einer emanzipatorischen Bewegung und eines Projektes zu Utopien.

Wie seid Ihr zu dem Buch-Projekt der "Gegenbilder" gekommen?

Stefan: Über das Internet-Netzwerk, in dem ich mich bewege, gelangte ein Aufruf zu mir, ein Buch mit politischen Visionen zu schreiben. Das war genau das, was ich wollte! Ich bin der Meinung, dass als "Visionen" gehandelte Vorschläge entweder so blöd-banal sind, dass der Name eigentlich fehl am Platz ist, oder so blöd-esoterisch daher kommen, dass einem schlecht wird. Visionen müssen konkret sein und sie müssen fundiert sein. Ich wollte vor allem einen Beitrag zu einer ausgewiesenen Fundierung leisten.

Annette: Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit politischen Themen. Schon in der DDR war ich politisch aktiv, und seit der Kapitalismus über uns gekommen ist, wurde es besonders drängend zu verstehen, was vorgeht und was man selbst tun kann. Ich habe erst mal recht begeistert die Vielfalt politischer Bewegungen im Westen kennen gelernt und dann aber auch bald zu unterscheiden versucht: Welche Ansätze sehen erfolgversprechend aus und welche bedeuten schon konzeptionell eine Integration ins Gegebene? Inzwischen zeigte der Kapitalismus auch immer mehr sein wirkliches Wesen: Sozialabbau, Kriegstreiberei, Duldung von Rassismus und Ausgrenzung etc. Die selbstgemachten Naturkatastrophen nehmen ja inzwischen auch unübersehbar zu. Während wir über Alternativen zu dieser Gesellschaftsform nachdachten, bekam ich mit, dass die EXPO 2000 inhaltlich viele Bedenken aufnehmen und Lösungen für die Probleme anbieten will, die genau die verursachenden Faktoren verstärkt, statt sie zu verhindern. Mehr Marktliberalisierung, mehr Technisierung, mehr Einbeziehung der Wirtschaft in die Prozesse. Ich war erstaunt, wie viele Umweltbewegte froh darüber waren, dass die globalen Gefahren überhaupt mal ernst genommen wurden und ihre eigene Kritik an den Hauptverursachern plötzlich zurückstellten. Viele meiner Bekannten fragten mich auch einfach: Was hast Du denn dagegen? Das musste ich dann einfach mal sauber ausargumentieren und war deshalb froh, dass das Buchprojekt uns die Gelegenheit dazu gab.

Jörg: Ich wirbelte im Expo-Widerstand herum. Wir wollten dort die Expo zum Anlass nehmen, endlich eine emanzipatorische Bewegung mit klaren Positionen über das bisherige Kleinkrämertum etablierter Verbände und die Grabenkämpfe vieler Politikgruppen hinweg zu entwickeln. Für mich gehörten visionäre Entwürfe dazu. Leider haben sich von den PolitaktivistInnen wieder keine gefunden. Aber über die Veröffentlichung der Idee haben wir drei dann zueinander gefunden - ganz unterschiedliche Leute.

Das fällt im Buch beim Lesen auf: Das Buch hat zwei Teile, einen ersten eher theoretischen und einen zweiten konkreten Teil.

Unser Anspruch war, diese Teile miteinander zu verbinden. Ob uns das gut gelungen ist, mag jede/r selbst beurteilen. Für uns war die Auseinandersetzung unglaublich lehrreich...

... ihr drei seid ja sehr unterschiedlich

Ja, richtig, eine Philosophin und Physikerin, ein radikaler Aktivist der Bewegung "Umweltschutz von unten" und ein Informatiker und Entwickler Freier Software. Aber das war ja gerade das spannende: Wir haben es für uns geschafft, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir konnten aus völlig unterschiedlichen Sichten zu gemeinsamen Einschätzungen kommen. Das drückt sich zum Beispiel im Glossar des Buches aus, dass wir als Teil des Buches ganz besonders schätzen.

Was ist denn nun das Neue an Eurem Buch? Theorien gibt's doch wie Sand am Meer...

Das stimmt, nur die allermeisten taugen nichts. Sie sind entweder arschkriecherisch - guck dir die Grünen an -, oder grottenlangweilig wie die Überreste des Altmarxismus. Für uns ist klar: Der Kapitalismus ist die Ursache der ökologischen, sozialen und psychischen Verheerungen auf der Welt. Er ist aber nicht das Ende der Geschichte, sondern es gibt eine Alternative.

Aber Marx kommt bei Euch auch vor...

Ja klar, kein schlauer Mensch kann Marx ignorieren. Doch Marx ist nicht eindeutig, Marx' Werk war ein Work-in-progress, es stellt einen relativen Erkenntnisstand dar und ist in sich überhaupt nicht eindeutig. Erst der Traditionsmarxismus hat ihn vereindeutigt - in eine Richtung, die unangemessen ist. So hat er immer auf die Verteilungsfrage geguckt, also auf die Frage, wer über den Mehrwert verfügt. So nach dem Schema: wenn die Kapitalisten drüber verfügen, dann ist das Mist, wenn die Arbeiter drüber verfügen, dann ist das gut. Das ist aber völlig kurzsichtig, denn es ist letztlich egal, wer über den Mehrwert verfügt. Entscheidend ist der Zusammenhang, in dem sie das tun, und der ist so beschaffen, das aus Geld mehr Geld werden muss. Der Verfüger muss also zusehen, dass aus Geld mehr Geld wird. Das bedeutet aber, dass in Wahrheit der Verfüger gar nicht mehr entscheidet, dass also der Verfüger nicht das Geld bewegt, sondern umgekehrt: Das Geld bewegt den Verfüger. Marx nannte das den "Fetischismus". Dabei ist nun völlig egal, ob der endlose, blinde und totalitäre Wertverwertungsprozess von den Arbeitern, die die Fabrik besitzen, oder den Kapitalisten bedient wird. Marx hat mal gesagt, "die Maschine wendet den Arbeiter an". Er hätte besser sagen sollen: "Die sich selbst steuernde Maschine `Kapitalismus' wendet den Menschen an".

Wollt ihr etwa das Geld abschaffen?

Na klar, drunter gibt's keinen wirklichen Fortschritt. Wer raus will aus der totalitären Verwertungsmaschine, darf sie nicht mehr bedienen. Und die Arbeit, dieses quälende Zwangstun für einen äußerlichen Zweck, gehört gleich mit abgeschafft. Natürlich sind wir nicht blöd, wir schaffen das Geld nicht dadurch ab, in dem wir schon mit unserem eigenen anfangen und es verbrennen. Die Perspektive, an der ich mein tägliches Handeln messe, ist wichtig: Wie kommen wir zu einer Gesellschaft ohne Arbeit und Geld? Steige ich schon ein Stück weit um in diese Richtung oder reproduziere ich den überlebten alten Scheiß? Das sind sehr nahe, persönliche Fragen.

Hört sich wirklich utopisch an...

Ist es aber gar nicht. Ja, wir nennen den Verwertungszwang des Kapitalismus, dem auch wir unterliegen, totalitär. Doch es ist keine abgeschlossene Totalität, sondern Antrieb und Anspruch des Systems, auch noch die letzte Regung in Containern eingesperrter Menschen zu Geld zu machen. Und das menschliche am Menschen ist, dass jede und jeder sich immer zu den Bedingungen verhalten kann. Es geht immer um Entscheidungen, ich muss gar nichts tun. Ich kann, wenn ich mich entscheide. Wenn ich nun den systemischen Zwangscharakter besser verstehe, dann kann ich mich auch besser entscheiden. Ich kann z.B. meinem Lohnjob nachgehen, weil ich nun mal Geld brauche. Aber ich muss die Arbeit deswegen nicht toll finden wie die ganzen megamodernen Yuppies, die allen Ernstes behaupten, sie arbeiten gerne 70 Stunden die Woche. Das ist grotesk! Die haben den äußeren Systemzwang der kapitalistischen Wertmaschine völlig verinnerlicht. So einen Scheiß muss ich nicht mitmachen. Ich kann mir auch überlegen, gar nicht zu arbeiten, sondern anders über die Runden zu kommen. Es gibt viele Möglichkeiten.

Predigt ihr den Verzicht?

Nein, das ganze Gegenteil davon! Jeder Mensch hat den Anspruch auf ein schönes Leben, und jeder Mensch sollte dieses Ziel so radikal wie möglich verfolgen. Die Probleme fangen mit den Wegen an. Wenn ich die nahegelegten Wege über Geld und Konsum nehme, dann werde ich nicht wirklich glücklich. Dann muss ich nämlich den ganzen Zwangsapparat der aus Geld-mehr-Geld-machen-Maschine bedienen, um ein paar Bröckchen abzubekommen. So erreiche ich keine Freiheit, sondern nur Selbstunterwerfung in all ihren Facetten. Ich muss vor dem Elend, das ich mitproduziere - mich eingeschlossen -, die Augen verschließen. Das kann ich nicht.

Viele tun das doch aber - was ist denn die Alternative?

Natürlich tun das viele - weil sie es nicht besser wissen, und weil sie wahrscheinlich auch Angst haben, ihre bisherigen Handlungsmöglichkeiten auch noch zu verlieren. Das muss jede/r selbst entscheiden. Die Alternative ist die unbeschränkte individuelle Selbstentfaltung. Ja, ich weiß, auch Esos reden davon, und irgendwie haben die auch die richtige Ahnung. Aber sie blenden jegliche Zusammenhänge, in denen man sich bewege und die jede/r reproduziert, völlig aus. Es geht aber gerade darum, diese Zusammenhänge zu verstehen, um meine Handlungsmöglichkeiten zu verbessern. Es geht darum zu verstehen, dass ich mich niemals auf Kosten anderer entfalten kann - denn der allgemeine Andere bin auch ich, und ich würde mir den Boden unter den Füssen wegziehen, wenn ich den Anderen unterbuttere, um selbst weiterzukommen. Nächstes mal bin ich dann nämlich dieser "Andere". Aber es geht nicht nur negativ um wechselseitiges "fertigmachen", sondern positiv auch darum, dass ich für meine Selbstentfaltung die anderen Menschen brauche.

So etwas wie Selbstentfaltung will doch aber die Wirtschaft auch, wenn sie vom flexiblen, kreativen Beschäftigten spricht.

Ja, stimmt. Die Kapitalvertreter, also die funktionalen Verfüger über die großen investiven Geldmengen, haben erkannt, dass die Subjektivität des Menschen die letzte qualitative Ressource der Produktivkraftentwicklung birgt. Sie versuchen die Selbstentfaltung unter die Bedingungen der Verwertung zu stellen. Doch im Buch arbeiten wir heraus: Selbstentfaltung und Wertverwertung sind unvereinbar. Aber daran, dass die Tendenzen zur Individualität und Entfaltung in der Gesellschaft vielfältig sichtbar sind, sieht man, das Selbstentfaltung keine spinnerte Idee von drei BuchschreiberInnen ist, sondern einen objektiven Prozess widerspiegelt.

Wollt ihr also einen neuen Geschichtsdeterminismus verkünden, dem alle zu folgen hätten?

Geschichte ist nie determiniert. Da die Menschen stets die Bedingungen schaffen, die gleichzeitig ihre Handlungsvoraussetzungen sind, kann man Geschichte nur als Dialektik von Notwendigkeiten und Zufällen begreifen. Diese Dialektik, die Entwicklungslogik kann man im Nachhinein rekonstruieren, um Kriterien für die Zukunft zu gewinnen. Kriterien - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das haben wir im Buch getan und sind ziemlich weit gekommen.

Wie sieht denn Eure Geschichtsbetrachtung aus?

Menschen produzieren, um sich und die Bedingungen der Produktion zu reproduzieren. Schon wieder so ein doppelseitiger, dialektischer Zusammenhang, dem wir andauernd begegnen. Da muss man höllisch aufpassen, daraus keine erst-dann-Logik zu machen - das geht ja schon beim Huhn und dem Ei bekanntlich nicht. Aber weiter: Die Art und Weise, wie die Menschen gesellschaftlich ihr Leben produzieren und reproduzieren, hat sich historisch verändert. Der Begriff, der das fasst, ist der der Produktivkraftentwicklung. Das kann man sich vereinfacht als Dreiecksverhältnis von Mensch, Mitteln und Natur vorstellen: Der Mensch - betrachtet als allgemeiner Mensch - benutzt Mittel, um den notwendigen Stoffwechsel mit der Natur zu organisieren. Historisch kann man nun zeigen, dass jeweils ein Aspekt dieses Dreiecksverhältnisses im Zentrum der Produktivkraftentwicklung stand und damit die Epoche bestimmte. Zur Natur-Epoche gehören also alle agrarischen Gesellschaften. Die Mittelepoche beginnt mit dem Kapitalismus. Hier geht es um das Mittel, heute sind das die Maschinen, die Technik und die Wissenschaft. Wir wissen alle, dass die agrarische Produktion von Nahrungsmitteln zwar noch da ist, aber nurmehr einen verschwindend geringen Anteil an der gesellschaftlichen Produktion hat und dass sie nach den Mechanismen der "Mittel-Epoche", also mit Maschinen, Technik und Wissenschaft betrieben wird. Genauso wird das einmal sein, wenn es zur Entfaltung des dritten Aspekts, nämlich des Menschen selbst gekommen ist. Dann wird die industrielle Produktion nur noch marginales Fundament der universellen und unbeschränkten Selbstentfaltung des Menschen sein!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist aber sehr optimistisch.

Kaum zu glauben, wenn man sich so umguckt, nicht wahr? Aber die Keimformen dieser Entwicklung sind schon sichtbar. Nicht nur der gesellschaftliche Individualisierungsschub und die neuen Management- und Arbeitsformen deuten das an, sondern es gibt eine Bewegung, die sich quasi auf der Grundlage des Neuen gebildet hat, und das ist die Freie Softwarebewegung. Hier wird Software als Resultat der individuellen Selbstentfaltung, aus purem Spaß und Befriedigung an der Sache, in einer Qualität hergestellt, die den ganzen Kommerzmüll, den die meisten sicher noch auf ihrem PC haben, in den Schatten stellt. Und das in wertfreier Form, ohne Tausch und Zwang. Nach dem Prinzip: Jede/r macht, was er/sie will, und nimmt, was er/sie braucht. Es ist nicht verwunderlich, dass sich solche Keimformen - die natürlich nicht widerspruchfrei sind und wo auch die Softwarefirmen inzwischen Schlange stehen - im Softwarebereich herausbildeten. Hier geht es um die fortgeschrittensten Techniken der ablaufenden Mittelepoche und um ein immaterielles Gut, dass leicht kopierbar ist. Demgegenüber hängt die kleinbäuerliche und handwerkliche Alternativbewegung praktisch und mental in der "Naturepoche" fest - was nicht grundsätzlich gegen sie spricht, aber Grenzen deutlich macht.

Das könnte Euch als arrogante Haltung ausgelegt werden.

Wir verurteilen das ja nicht, wir schätzen es aus unserer Sicht ein. Und außerdem soll sich jede und jeder dort entfalten, wo er oder sie eben gerade ist. Das kann auch in der Schreinerei sein oder beim Apfelmost machen. Das entscheidet jede/r für sich selbst. Wir sagen nur, dass gesellschaftliche Umbrüche in anderen Bereichen vorangetrieben werden, eben in den High-tech-Bereichen.

Aber alles, was Ihr beschreibt, findet nun mal im Kapitalismus statt. Interpretiert ihr da nicht zuviel rein?

Kann sein, eine Garantie gibt's für gar nichts. Auch Theorie muss man einfach machen und umsetzen, um zu sehen, ob es funktioniert. Eine Bestärkung erfahren wir in vielfältiger Weise aus verschiedenen Richtungen. Es muss schon irgendwas dran sein an unseren Einschätzungen, wenn parallel Leute aus unterschiedlichen Zusammenhängen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Und es ist kein Zufall, dass jetzt das Oekonux-Projekt (www.ökonux.de) entstanden ist, wo es um die Grundzüge der neuen Gesellschaft geht, oder das OpenTheory-Projekt (www.opentheory.org), dass die Ideen Freier Software auf Texte, Bücher, Enzyklopädien usw. umsetzt. Auch das Gegenbilderbuch ist dort als Online-Buch erschienen - zum Nutzen, Kopieren, Verändern, Diskutieren.

Zu Eurem Naturbegriff und -verhältnis: Ihr macht den Menschen zum bewussten Gestalter. Ist das nicht arrogant? Was sagen die vielen NaturschützerInnen, die lieber von Mitwelt reden oder den Menschen als einen von vielen Geschöpfen neben anderen sehen?

Es ist ja ehrenwert, aber es nützt nichts. Selbst die Definition, dass Menschen und Tiere gleichwertig sind oder die Natur einen Selbstwert hat, macht auch wieder der Mensch. Darum kommen wir herum. Wir sind das Subjekt. Es ist eine absurde Vorstellung, dass die Natur als solches einen Wert haben soll. Wie soll der entstehen? Und warum muss alles einen Wert haben, damit wir es schützen? Genau das Gegenteil ist es: Weil wir begreifen, dass wir die Gestalter der Natur sind, dass wir sie als Lebensgrundlage nutzen und formen und dass wir uns gleichzeitig von ihr nie lösen können, erwächst das Interesse, die Natur zu erhalten. Denn sie ist wichtig für unser gutes Leben. Profit, Ausbeutung und Machtansprüche auch über Nutzung und Zerstörung der Umwelt gibt es in einer Welt der freien Menschen in freien Vereinbarungen nicht mehr.

Und wie soll das dann funktionieren? JedeR nimmt, was er oder sie will?

Genau. Und damit das so ist, entsteht das eigene Interesse der Menschen, einen Reichtum an Rohstoffen, materiellen Dingen und an Wissen, an Kunst und Kultur zu schaffen. Die Natur, ihre Flächen und Rohstoffe, gehören dazu. Da die Menschen gleichberechtigt sind, wird auch die Gestaltung und Nutzung der Natur zu den freien Vereinbarungen gehören. Keine Verbotsschilder mehr, kein Eigentum an Flächen und Materialien. Alles gehört allen. Warum sollten die Menschen das zerstören, was ihnen ein gutes Leben schafft? In der heutigen Zeit können sie Entscheidungen treffen, die dann andere Menschen ausbaden müssen - Mülldeponien, Atomkraftwerke und alle Großprojekte, aber auch die alltägliche Verseuchung von Boden, Wasser und Luft klappt doch nur deshalb, weil Macht im Spiel ist und der Profit von allen als Ziel anerkannt wird.

Klingt das nicht nach "zurück in die Steinzeit"?

Nein. Im Gegenteil: Die Gestaltung von Natur, die Bewirtschaftung der Flächen bis hin zur Entwicklung von Technik und Maschinen Ò all das wird in Zukunft nicht mehr für den Profit, sondern für ein besseres Leben geschehen. Wir glauben, dass dann viel mehr viel sinnvollere Fortentwicklungen geschehen werden. Die kapitalistische Profitgier erhält eher Dinosauriertechnologien, wenn sich damit nur Kasse machen lässt. Die Welt der "freien Menschen in freien Vereinbarungen" wird bunt, vielseitig, bisweilen verrückt. Aber wir glauben, dass der Schutz der Umwelt als Lebensgrundlage für ein gutes Leben einen viel höheren Stellenwert bekommt. Zudem wird es weiter Menschen geben, die ein besonderes Interesse an der Natur bzw. an bestimmten Tieren oder Pflanzen haben. Sie werden in die Diskussionen ihre Vorschläge für die umweltschützende Gestaltung und Nutzung der Natur einbringen. Sie werden die Menschen dann direkt überzeugen können, heute sind sie nur BittstellerInnen gegen über Parlamenten oder Behörden.

Das Buch hat Schwerpunkte, die offenbar mit Eurer sonstigen Arbeit zu tun hat, z.B. die Kritische Psychologie. Warum gerade diese Richtung?

Das hat sicher mit zweien von uns (Annette und Stefan) zu tun, die sich schon damit beschäftigt haben. Es ist aber auch inhaltlich so, dass mit der Kritischen Psychologie ein Schatz am Grunde historischer Erkenntnis ruht, der darauf wartet, gehoben und eingesetzt zu werden. Die Kritische Psychologie hat den klarsten Begriff vom gesellschaftlichen Menschen, sie hat herausgearbeitet, was dem Menschen allgemein zukommt, und was nur historisch konkrete Erscheinung ist. Damit kann man den ganzen Unsinn wie "die Menschen sind nun mal soundso" durchschauen, kann also der gängigen Naturalisierung die Pseudoargumente zerlegen. Die Kritische Psychologie nennt sich ja auch selbst Subjektwissenschaft. Das ist nicht bloße Namensspielerei, sondern auch mit einem radikalen Standpunktwechsel verbunden: Sie guckt nicht wie üblich von außen auf die Menschen und redet gelehrig über sie, sondern gibt den Menschen Denkmittel an die Hand, ihre subjektive Lage selbst zu durchschauen und zu verändern. Sie stellt sich auf den Standpunkt des Subjekts und ermöglicht so etwas, was man "Verwissenschaftlichung des Alltags" nennen könnte.

Ihr habt im Buch ja auch ganz konkrete Hinweise für Organisations- und Aktionsformen emanzipatorischer Bewegung formuliert. Gibt es darauf Reaktionen?

Na ja, wird stecken ja selbst in verschiedenen Diskussionen oder aktionsorientierten Runden. Wir hoffen, dass schon das gemeinsame Interesse an visionärer Politik themenübergreifend Verbindungen herstellen kann, z.B. zwischen den emanzipatorischen Umweltschutzgruppen, freier Softwarebewegung, den Leuten mit der Idee der Aneignung gesellschaftlichen Reichtums und vielen anderen. Darüber hinaus hoffen wir, einen zusätzlichen Beitrag geliefert zu haben dafür, dass direktere und selbstorganisierte Handlungsformen in der politischen Bewegung entstehen müssen. Dass Inhalte und Positionen erneuert und festgezurrt werden, neue Kommunikationsformen entstehen und vieles mehr. Im Oktober, also nur zwei Monate nach dem Erscheinen des Buches, ist auf einem Treffen, was mit dem ehemaligen Expo-Widerstand zu tun hatte und aus diesem hervorging, das Thema Visionen und visionäre Politik für den Aufbau einer emanzipatorischen Bewegung für sehr wichtig begriffen worden. Wir werden sehen. Politische Bewegung muss mutiger, klarer und visionärer in den Inhalten werden und auf echte Veränderungen drängen statt sich auf Details abdrängen zu lassen. Heutige politische Aktion ist doch eher Begleitmusik für die Normalität. Das muss sich ändern. Wir diskutieren da einfach mit - wenn nötig auch mit dem Finger in die Wunde von Anpassung, Mut- oder Phantasielosigkeit.

Das Interview ist ein Ausschnitt. Gesamtfassung unter www.opentheory.org/proj/gegbilinterview.

Weitere Beiträge und ein Glossar zum Thema auf den Seiten 7, 8 und 9.

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: CONTRASTE
Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 18. April 2005