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Der politische Kampf der indigenen Bewegung in Ecuador

Gliederung des Berichts

  1. Die Erfahrungen mit der Arbeit in Ecuador
  2. Synthetische Reflektion

45-50% der Mitglieder CONAIE sind Indigenas. CONAIE vertritt jedoch alle Völker. Seit 1986 haben wir hinsichtlich der Demokratisierung einiges erreicht. 1998 trafen wir mit der Regierung eine Vereinbarung über das Erziehungssystem. Es wird zweisprachige Erziehung garantiert, um das Wissen der Vorfahren genauso weiterzubeziehen wie westliches Know-How.

1994 fand ein Treffen lateinamerikanischer Indigenas statt. Der Vielvölkerstaat zeigt, dass Demokratie, Gleichheit und Respekt eine Möglichkeit für alle Ecuadorianer sind. Fast alle Indigenavölker kamen zum Treffen.

1994 fand eine Demonstration statt mit der Forderung nach der Erhaltung von Gebieten und Naturschätzen. 60-65% der Forderungen wurden erreicht.

Bei dem Kampf der Indigenas geht es darum, der Welt klarzumachen, dass Indigenas da sind und ihr eigenes Wissen, ihre eigene Technik und Weisheit besitzen. Sie sind bereit und entschieden, der sozialen Entwicklung des Landes zu helfen.

1996 entstand eine politische Bewegung mit demokratischen Zielen "Patchacuti", was Rückkehr der Zeiten bedeutet, was sich darauf bezieht, dass die Indigenas der Meinung sind, dass sie Hunderte von Jahren ausgeschlossen worden sind. Patchacuti soll Teil des demokratischen Lebens werden und zu einer positiven Zukunft für Tausende von Jahren beitragen.

CONAIE hat sich kürzlich zum ersten Mal an den Wahlen beteiligt und stellt seither einige Abgeordnete und Bürgermeister. Es wurde ein Präsident gewählt, der versprochen hat, sie und alle Ecuadoris zu unterstützen, doch sie sind betrogen worden. Bis Februar 1997 haben 90% der Ecuadoris sehr unzufrieden und unwürdig gelebt und sich auch so gefühlt.

CONAIE rief mit anderen sozialen Bewegungen dazu auf, einen Regierungswechsel herbeizuführen. Der Präsident versuchte daraufhin, die Bewegung zu spalten. Er begann mit Vetternwirtschaft und Korruption. CONAIE bestand auf seinem Rücktritt.

Am 5. und 6. Februar 1997 wurde die Regierung abgewählt, dies war für CONAIE die erste unglaubliche Erfahrung. Da sie die Verfassung respektieren wollten, schickten sie VertreterInnen in die Abgeordnetenversammlung, um die neue ecuadorianische Regierung zu bilden. Die neue Regierung hatte jedoch die gleichen Fehler wie die vorherige: sie war korrupt und volksfeindlich. Die Bewegung fühlte sich verraten und setzte ihren Kampf fort.

Im Oktober 1997 bildete sich eine verfassungsgebende Nationalversammlung. Die Demonstrationen und Proteste der Bewegung haben sehr zur Durchsetzung der Rechte beigetragen. Im Juli wurden die indigenen und andere soziale Rechte offiziell anerkannt. Im gleichen Monat wurde ein neuer Präsident gewählt, mit dem sich dieselben Enttäuschungen wiederholten:

Die Preise der primären Konsumgüter wurden hochgejagt. Mit Peru wurden auf sehr individuelle Art Verhandlungen über die Grenzen geführt, wobei wir ein gutes Stück unseres Gebietes verloren. Privatisierung und Dollarisierung wurden Teil des Regierungsplans. Die Dollarisierung bedeutete mehr Schmerzen für unsere Mägen, mehr Schmerzen für unsere Familien. Obwohl Ecuador ein souveräner Staat ist, hat uns die Dollarisierung unsere Souveränität genommen. Der militärische Eingriff der USA mit einer Flugstation hat das ecuadorianische Volk entwürdigt.

Im März 1999 vollführte die Regierung den schlimmsten Raub des Jahrhunderts. Alle ökonomischen Ressourcen der Ecuadorianer wurden gesperrt, Geld wurde von den Banken beschlagnahmt, die nationale Währung wurde gegenüber dem Dollar um 500% abgewertet. Damit hat die ganze Kapitalistenclique um 400% Kapital gewonnen und die Ecuadorianerinnen um gleiches Verhältnis beraubt. Dies ist nicht akzeptierbar. Es gibt nicht genug Mittel für Bildung und ausreichende Ernährung, aber vorhandenes Geld wird für Auslandsverschuldung aufgewendet.

Wir sind dem Ruf des demokratischen Lebens gefolgt und haben versucht, mit der Regierung zu reden, doch wir wurden ignoriert. Die Regierung sagte uns: Sie haben die Macht, ihr nicht.

Die Möglichkeiten von CONAIE waren begrenzt. Deshalb suchten wir die Kommunikation mit verschiedenen Gesellschaftsteilen, die auf der Verliererseite stehen. Wir haben dazu aufgerufen, eine neue Macht einzurichten. Es hat sich ONITO, das Parlament der Völker gebildet unter der Mitarbeit von 200 Organisationen und mit 500 Delegierten. Die Regierung sollte ihr Programm ändern: keine Clanwirtschaft, keine Lügen, keine Verschwendung mehr. Unsere Geduld war zu Ende. Es blieb keine andere Möglichkeit als dass das Parlament der ecuadorianischen Völker den Rücktritt der Regierung auslöst. CONAIE und andere Organisationen genießen das Vertrauen von 70-80% der Bevölkerung, die Regierung dagegen nur von 10%.

Nach mehreren Versuchen wurde am 21. 1. 2000 das Parlament gestürmt.

Das 1. Dekret des neuen Parlament des Volkes beschloss die Absetzung des Präsidenten und die Einsetzung einer neuen Regierung, die mehr Vertrauen genießt. Die drei Gruppen, aus denen sich die Regierung zusammensetzte, waren CONAIE, eine soziale Organisation Ecuadors und Militärs der mittleren Ränge, denn gegenüber dem Militär herrschte Vertrauen. Eingeladen wurde auch die Kirche, denn auch sie war glaubwürdig. Aber die Regierung wurde aus den drei genannten Gruppen zusammengesetzt. Doch die Generäle planten einen Putsch. Die Militärs riegelten den Präsidentenpalast ab, doch trotzdem gelang es, ihn zu stürmen: Darauf waren alle sehr stolz. Aber drinnen befanden sich die Generäle, die sagten, dass sie die Macht übernehmen wollten. Es gab zwei- bis dreistündige Verhandlungen. Sie akzeptierten, Teil des demokratischen Staats innerhalb der Regierung der nationalen Rettung zu sein. Sie schwörten auf die Bibel und alle Heiligen, doch sie haben alle betrogen. Um 23.00 haben sie uns Unterstützung zugesagt. Um halb vier sind die Generäle zurückgetreten, da die USA eine militärische Intervention und Blockade androhten. Ecuador war frei, wir kamen demokratisch an die Macht, wir haben keine Angst vor den USA, wir sind reich an Naturresourcen und Mineralien. Wir haben keine Angst vor USA, IWF und Weltbank.

Der Gerenal hat uns betrogen und wie vorher weitergemacht. Damit hatten wir gerechnet. Wir wollten der Welt zeigen, dass wir, die Armen , die Macht verdienen.

Wir haben kein Vertrauen mehr in das neoliberale, kapitalistische, imperialistische System.

Wir waren 18 Stunden an der Macht, die Leute waren zufrieden und glücklich, am Ende waren wir betrogen.

Wir haben einen Kampf gewonnen, einen Kampf verloren, der Kampf geht weiter.

CONAIE und andere soziale Organisationen arbeiten im Parlament der ecuadorianischen Bevölkerung. Wie lang der Kampf dauert, wissen wir nicht.

Wir wissen alle um Globalisierung, Kapitalismus und Auswirkungen:

Dies ist eine Aufforderung an alle: Hört nie auf zu kämpfen. Ich will herausstellen, wie wir, die Ausgegrenzten, kämpfen können. Wir sind weltweit 90%. Wir müssen anfangen mit unseren Leuten, in unseren Vierteln. Wir brauchen gute Informationen, eine bessere Organisierung. Eine gute Organisierung gibt Kraft. Wir müssen von dort aus, wo wir sind, organisieren.

Wir, die wir Flüchtlinge sind, müssen denen daheim sagen, dass sie ihre Häuser, ihre Resourcen verteidigen. Wir, die wir hier sind, müssen klarmachen, dass wir auch Menschen sind, dass wir intelligent sind, dass wir frei sind und in Freiheit leben wollen.

Die Kirchen sagen, dass sie ihren Talar abgeben und die andere Wange hinhalten. Wir haben das die ganze Zeit getan.

Was wir hier machen können, ist: kommunizieren, organisieren.
Das Leben ist schön. Wer kann wissen, was vorher war, was danach kommt.
Die Voraussetzungen müssen wir erkämpfen. Wir sind die Mehrheit.
Leben wir!
Leben, frei, in ganzen Zügen. Lasst uns dafür arbeiten mit den Brüdern und Schwestern und anderen.
Organisiert Euch in Freiheit und Würde! Wenn wir uns zusammentun, ist es möglich, dass wir auch zufrieden leben können.

 

top of page Calixto Anapa mail@humanrights.de

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