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Über Grenzen und Grenzen, Rassismus und Sexismus

von Eine AnarchA - 01.07.2002 17:36

Dieser Text richtet sich in erster Linie an Menschen, die FrauenLesben Sektierertum und Ausgrenzung vorwerfen. Nach meinen Erfahrungen auf den Grenzcamps in Forst und Kelsterbach haben bezüglich separater FrauenLesben- Bereiche vor allem Flüchtlinge (bzw. Flüchtlingsmänner) Unverständnis geäußert. (Was nicht heißen soll, dass Nicht- Flüchtlingen die Bedeutung von FrauenLesben- Bereichen unbedingt klarer ist.) "Unterstützung" erfuhren sie dabei von einigen Menschen (zum Großteil Männern), die meinten, FrauenLesben Rassismus vorwerfen zu müssen, wenn diese sich gegen Sexismus wehrten. (vgl. Diskussion in Forst im Anschluss an eine e-mail vom Antifa- Workcamp in Buchenwald) Diese Fraktion, verzichtete locker mal zu Gunsten eines (vermeintlichen, weil im Grunde paternalistischen) Anti- Rassismus auf Anti- Sexismus. Dieser Text stellt meinerseits einen Versuch dar, gegenseitige Verständigung und Verständnis zu schaffen und damit die Basis für einen gemeinsamen antisexistischen und antirassistischen Kampf. Dienjenigen, denen bei Diskussionen über sexualisierte Gewalt stets nur einfällt, das Thema zu wechseln und FrauenLesben "Lustfeindlichkeit" zu unterstellen, brauchen gar nicht weiterlesen. (vgl. "Aufruf zu einem Teach- In: Standrecht ohne Grenzen im grenzkritischen Freistaat" von Kurt und Lotte Rotholz)

Vorweg einiges zu meiner Person, da ich denke, dass dies nützlich sein
kann, um meine Positionen/ Argumentationen und meine persönliche
Verstricktheit in die Thematik zu verstehen. Ich selbst bin seit mehreren
Jahren sowohl in gemischtgeschlechtlichen autonomen Gruppen als auch in
linksradikalen feministischen Zusammenhängen aktiv. Theoretisch gehe ich
davon aus, dass die Kategorien "Mann" bzw. "Frau" (sowohl das biologische
Geschlecht ["sex"] als auch das soziale Geschlecht, die Geschlechtsrolle
["gender"]) Konstrukte sind, die der Aufrechterhaltung von Patriarchat und
Heterosexualität als Norm dienen. Praktische organisiere ich mich dennoch
auch in FrauenLesben- Zusammenhängen, da ich in dieser Gesellschaft (und
auch in der Szene) als Frau identifiziert werde und mein Leben davon
bestimmt/ geprägt ist. (Dadurch, dass mich 99% der Menschen, die mir
begegnen mich als Frau betrachten und behandeln ist Frau- Sein natürlich
auch für mich Realität. Mein (wohl eher Fern-) Ziel bleibt es jedoch, die
Kategorien Mann und Frau aufzulösen (genauso wie die der "Rasse"), um zu
einem solidarischen Umgang unterschiedlicher MENSCHEN zu gelangen. Da wir
davon aber noch meilenweit entfernt sind, halte ich an einer (auch)
getrenntgeschlechtlichen Organisierung fest.



Anlass zu diesem Text war ein Beitrag der Flüchtlingsinitiative Brandenburg
in der Doku zum Grenzcamp in Rhein- Main. (Zitat: Ein weiterer
schockierender Zwischenfall war die Existenz einer Grenze im Grenzcamp.
Einige Damen hatten ihre Zelte in einem Teil des Camps aufgebaut und
verweigerten Männern den Durchgang. Sie zogen ein weiß- rotes Absperrband,
das gewöhnlich von Verkehrspolizei benutzt wird, über ca. 100 Meter,
umkreisten damit ihren Bereich und hängten später ein Plakat auf, dass
Männern untersagte, weiterzugehen. Tijan von The Voice Africa Forum fragte:
"Wie kann hier eine Grenze sein, wo wir doch genau gegen alle Formen von
Grenzen kämpfen? Oder ist das nur ein theoretischer Kampf?" Er wollte die
Absperrung überschreiten, aber er wurde von einigen Frauen angeschrien. Er
stellte später fest: "Es besteht ein Gesetz der Aufenthaltsbeschränkung im
Grenzcamp." Es sollte noch erwähnt werden, dass diese Beschränkung sich
nicht allein gegen Flüchtlingsmänner richtete, sondern auch gegen deutsche.
Dies allerdings widersprach eindeutig dem Slogan "No borders, no nation,
stop deportation." [Seite 29])




Mein Anliegen ist es, den Sinn dieser "Grenzziehung" klar zu machen.
(Endlich einmal auf schriflichem Weg, da ich - wie viele FrauenLesben - auf
solche Beiträge in Diskussionen meist nur mit einem entnervten "nicht schon
wieder" reagieren kann. Mir geht es darum, gewisse Dinge/ Positionen zu
erklären, um zumindest punktuell eine gemeinsame Politik zu ermöglichen.
Dies soll aber "keine Nachhilfestunde in puncto Sexismus" darstellen.
Feministische Grenzziehungen stehen nicht zur Diskussion!)

"Grenze" ist nicht gleich Grenze


Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass Grenzen (zwischen
Nationalstaaten, Landkreisen, ...) das Leben von Flüchtlingen in weitaus
höherem Maße bestimmen als meines als Frau mit deutschem Pass und heller
Hautfarbe. Für FrauenLesben existieren dagegegen ganz andere "Grenzen" bzw.
Vielmehr Grenzverletzungen. Feministische Grenzziehung bedeutet hier, sich
(und andere?) vor (sexualisierter) Fremdbestimmung zu schützen. WelcheR
gegen diese Grenzziehungen (die persönlich stark variieren) verstößt,
verletzt die Integrität des Gegenüber. Über das Ausmaß der Folgen sind sich
die wenigsten Männer (z.T. auch Frauen) im Klaren. Konkret: Zwei Menschen
schmusen, eineR der beiden (auf Grund struktureller patriarchaler
Unterdrückung in der Regel eine Frau) macht dabei ob verbal oder non-
verbal klar: "bis hierher und nicht weiter", die andere Person (in der
Regel ein Mann) geht darüber aber hinweg. Die "Grenzen" der einen Person
wurden verletzt/ missachtet, das heißt ihre Selbstbestimmung angegriffen.
Sinn des "bis hierher und nicht weiter" ist es, dies möglichst zu
verhindern. Dass sich viele Männer nicht an Grenzziehungen (durch
FrauenLesben) halten, beweisen tagtägliche sexualisierte Übergriffe und
Vergewaltigungen. Vor dem Hintergrund, dass jede 4.FrauLesbe in ihrem Leben
sexualisierte Gewalt erfahren hat/ erfährt, kann nicht erwartet werden,
dass FrauenLesben ohne ihre eigenen Erfahrungen im Kopf zu haben darüber
diskutieren ( Dies wird aber scheinbar oft verlangt, wie könnte
FrauenLesben sonst mangelnde Objektivität/ Sachlichkeit vorgeworfen
werden.), was häufig dazu führt, dass diese Diskussionen emotional sehr
aufgeladen sind. Ignoranz von Seiten von Männern oder gar ein "aber doch
nicht in der Szene" tun da ihr übriges. Um es deutlicher zu sagen: Typen,
wenn ihr nicht wisst, wovon ihr redet (und das wissen wohl die wenigsten
beim Thema sexualisierte Übergriffe/ Vergewaltigung), dann haltet die
Klappe und kauft euch 'n Buch. Bei anderen Sachen labert ihr ja auch nicht
so unqualifiziert Scheiße daher!

Ein separater FrauenLesben- Bereich ...


.... soll FrauenLesben ebenfalls vor Angriffen auf ihre Würde und
Selbstbestimmung schützen (ob sexistische Witze, Blicke oder Übergriffe).
Zudem ist er ein Ort, an den sich (genervte) FrauenLesben zurückziehen
können, sich mit ähnlich denkenden FrauenLesben mit ähnlichen Erfahrungen
austauschen und somit auch wieder Kraft für gemischtgeschlechtliche
Auseinandersetzung bzw. ein Leben mit Männern überhaupt tanken können. (Es
ist aber auch zu akzeptieren, wenn manche FrauenLesben überhaupt nichts mit
Männern machen möchten!) Diese Grenzziehungen dienen also nicht wie die
Grenzen von Nationalstaaten der Aufrechterhaltung von Privilegien sondern
dem Schutz von strukturell Unterdrückten; sie entstehen nicht aus einer
Position der Macht heraus, sondern sind bestenfalls Ausdruck von
Gegenmacht, Ausdruck dessen, dass ein sich- wehren möglich ist.
Da es kein richtiges Leben im Falschen geben kann, sind nun mal auch auf
einem antirassistischen Grenzcamp Männer (ob sie wollen oder nicht)
Nutznießer des Patriarchats (was nicht heißen soll, dass Männer nicht auch
unter dem Patriarchat leiden können). Und wenn ein Mann wirklich gegen ALLE
Formen von Unterdrückung angehen will, hat er - ob Flüchtling oder nicht -
gewisse Grenzziehungen durch FrauenLesben zu akzeptieren und damit
Bereitschaft für einen gemeinsamen solidarischen Kampf zu signalisieren.
Denn genauso wie Nicht- Flüchtlinge, die ernsthaft antirassistisch sein
wollen und sich auch darum bemühen, noch lange nicht davor gefeit sind,
doch rassistisch zu handeln/ denken sind es Männer im Patriarchat
potentielle und reale Täter und es besteht für sie stets die Möglichkeit,
sich doch (wieder) auf die eigenen Privilegien zurückzuziehen (d.h. die
Solidarität mit FrauenLesben aufzukündigen) oder auch ungewollt
FrauenLesben zu diskriminieren ( so spurlos gehen Jahre an Sozialisation in
einer sexistischen, rassistischen Gesellschaft an keiner/ keinem vorbei!)
Grenzziehungen durch FrauenLesben sind keine Absage an eine
gemischtgeschlechtliche politische Perspektive, sie ermöglichen vielmehr
die Zusammenarbeit in einer Gesellschaft ( und auch Szene), die nach wie
vor patriarchal geprägt ist.




Ein separater FrauenLesben- Bereich widerspricht der Parole "No border, no
nation!" genauso wenig, wie es eine Selbstorganisierung von Flüchtlingen
oder ein separater Flüchtlingsbereich täte, wenn er von Flüchtlingen
gewünscht würde. Dass FrauenLesben auf dem Camp ihren "eigenen" Bereich
wünschen, Flüchtlinge dagegen (so weit ich weiß) nicht, hängt wohl mit der
unterschiedlichen Funktionsweise von Sexismus und Rassismus zusammen.
Während Sexismus Frauen(Lesben) in eine von patriarchalen Normen geprägte
Welt einschließt und dominiert, werden Flüchtlinge in derselben, eben auch
rassistisch strukturierten Gesellschaft ausgegrenzt und ihrer Rechte
beraubt.





Kampf dem sexistischen und rassistischen Normalzustand!

Für ein antipatriarchales Campleben 2002!





P.S.: Ich hatte große Schwierigkeiten beim Formulieren dieses Textes, da
sensible Themen ein hohes Maß an - na klar - Sensibilität bei der Wortwahl
erfordern. So kann ich nur hoffen, Flüchtlinge, Transgender, ... nicht
ausgegrenzt zu haben. Ich würde mir eine offenen, sensible Diskussion über
Grenzziehungen (wobei für mich gewisse Positionen, s.o., nicht zur Debatte
stehen) und Aus- /Einschlüsse wünschen, bei der akzeptiert wird, dass
unterschiedliche Menschen von verschiedenen Unterdrückungsmechanismen
unterschiedlich betroffen sind und bei Diskussionen deshalb auch stets ihre
eigenen Erfahrungen im Kopf haben, die den anderen DiskutantInnen aber
völlig unbekannt sein können. Ziel muss (soll?) keine gemeinsame Linie
sein, sondern gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz als Voraussetzung für
einen zumindest punktuellen gemeinsamen Kampf.
P.P.S.: Vielen Dank an die, die durch gemeinsame Diskussionen bewusst oder
unbewusst an der Entstehung dieses Textes mitgewirkt haben.