For Freedom of Movement - Camp 02 - a new challenge
von h. ag3f, hanau, aus: off limits 34 (Mai 2002) - 24.06.2002 22:30
Als Auftakt ist ein Konzert afro-deutscher Rapper des "Brothers
Keepers"-Projektes in Planung, am letzten Tag dann will ein Konvoi, ev. mit
Zwischenstopkundgebung am Frankfurter Flughafen, direkt zum ersten
internationalen nobordercamp nach Strasbourg (1) weiterziehen.
Und die Tage dazwischen dürften wieder gut gefüllt sein, mit der schon
campüblichen Mischung aus Diskussion und Aktivismus.
´Nach dem letztjährigen Camp in der "westlichen Metropole", in der
unmittelbaren Nähe des Frankfurter Flughafens, kehren die Zelte für dieses
Jahr zunächst in die "östliche Provinz" zurück. "Die inneren Grenzen im
Visier", dieser für Frankfurt kreierte Slogan, behält allerdings seine
Gültigkeit. Denn ein Schwerpunkt der Aktivitäten in Thüringen wird die
alltägliche Isolation und Ausgrenzung von Flüchtlingen sein, deren prekäre
Lebenssituation in den sogenannten Heimen und die ständigen rassistischen
Kontrollen - zumeist auf Grundlage der Residenzpflicht, die in Thüringen
besonders repressiv angewandt wird. Die Normalität der Abschiebungen,
Kriminalisierung und Marginalisierung von Flüchtlingen soll für eine Woche
durchbrochen oder zumindest lautstark mit unserem Widerspruch konfrontiert
werden.` So thematisiert der diesjährige Aufruf erste Schwerpunkte und
betont im weiteren die besondere Herausforderung des Camps 02:
´Die Entscheidung, das Camp dieses Jahr in Jena stattfinden zu lassen, ist
(auch) als Schritt dahin zu verstehen, die Dominanz von weißen,
mehrheitsdeutschen AntirassistInnen zu brechen, um in der Kooperation mit
selbstorganisierten Flüchtlingsgruppen eine antirassistische
identitätsübergreifende Organisierung voranzutreiben.`
Denn Thüringen als Campaustragungsort hatte The Voice sowie die
Brandenburger Flüchtlingsinitiative in die Debatte gebracht. Diese beiden
Selbstorganisationen verbanden ihre Kritik an mangelnder Zusammenarbeit und
Einbeziehung im letzten Camp mit diesem praktischen Vorschlag. In Jena
befindet sich das zentrale Büro von Voice, hier bestehen am ehesten die
Erfahrungen und Voraussetzungen, eine Vielzahl von Flüchtlingen zu
mobilisieren und damit erstmals zu einer ganz neuen, "gemischten
Zusammensetzung der Grenzcampgesellschaft"(2) zu kommen.
Mit dem Versuch, "eine gleichberechtigtere Vorbereitung und Organisierung
des Camps zu erreichen"(2), wurde Mitte April bereits vielversprechend begonnen. 20 "schwarze" und 20 "weiße" AktivistInnen trafen sich in Jena, um
über ihre Erfahrungen, Probleme und Perspektiven im Verhältnis von "refugees
and nonrefugees" zu diskutieren. Who supports whom?, war eine der
Ausgangsfragen. "Wir euch immer nur bei der Residenzpflichtkampagne",
formulieren kritisch einige AntirassistInnen mit deutschem Paß. "Wir euch
beim Aufbau einer mutltiethnischen offenen Gesellschaft", antworten einige
AktivistInnen der Selbstorganisationen selbstbewußt. Um Identitäten und
Unterstützungsrollen, um Fragen zu Gender und Sexismus, um gegenseitige
Erwartungen und Enttäuschungen, um differente Ausgangsbedingungen und
gemeinsame Zielsetzungen wurde offener und interessierter denn je
gestritten. Wenn es gelingt, den "spirit" solcher
Auseinandersetzungsprozesse in ein Camp zu verlängern, auf dem einige
hundert refugees mit einigen hundert nonrefugees zusammentreffen, dann
stehen die Chancen gut, mit dem Anspruch intensivierter Zusammenarbeit und
"identitätsübergreifender Organisierungen" im kommenden Sommer wirklich
weiterzukommen.
Doch auch für "themenübergreifende Außenwirkungen" wurden auf dem
Vorbereitungstreffen im April weitere Ideen gesammelt. Damit sind nicht
allein, wie bei früheren Camps im Osten, antifaschistische Aktivitäten gegen
neonazistische Treffpunkte gemeint. Sondern auch z.B. die Fortsetzung der
Debatte "um die rassistische Kategorisierung von Menschen nach ihrer
Verwertbarkeit"(2) bezüglich der neuen "Zuwanderungsgesetze" und das Verhältnis von Kapitalismus und Rassismus insgesamt.
Mit Jenoptik und vor allem Carl Zeiss sitzen in Jena zudem zwei Unternehmen,
die in "optronische" Rüstungsproduktionen involviert sind. Und letzteres
verkauft seine "Präzisionsoptik" über die Oberkochener Tochterfirma nicht
nur an "Heer, Luftwaffe und Marine" sondern auch an den Grenzschutz. "Zur
Überwachung von Grenzen und großen Arealen finden international
Grenzraumüberwachungsfahrzeuge der Zeiss Optronik GmbH Verwendung" heißt es
stolz auf deren Homepage. Insofern symbolisiert Zeiss geradezu idealtypisch
den Zusammenhang von Krieg nach außen und Kontrolle nach innen - und gerät
damit "zielsicher ins Fadenkreuz" des Camp 02.
Es könnten sowohl die angekündigten Karawane-2-AktivistInnen (3) sein, die
im Juli vor dem Zeiss-Firmenportal die kriegerische Zerstörung ihrer
Herkunftsländer thematisieren. Aber auch Pink Silver, dem "Shooting Star"
des Camp 01, will AktivistInnen nach Jena mobilisieren und würde dann die
Zeiss` Repräsentanz womöglich mit einem Dance In konfrontieren.
Jedenfalls zeichnet sich das antirassistische Grenzcamp einmal mehr als
vielfältiger und herausfordernder Treffpunkt ab.
(1) Vom 19. bis 28.7.02 findet in Strasbourg das international vorbereitete noborder-camp statt. Weitere Informationen: www.noborder.org
(2) Zitate aus dem Aufrufentwurf für das Camp in Jena
(3) Eine neue Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen ist in Vorbereitung. Sie wird am 17. August vor dem sog. Ausreiselager im
niedersächsischen Bramsche beginnen und während der Wahlkampfzeit wieder
durch zahlreiche Städte führen. Für das Jenaer Camp wird als Mobilisierung
ein umfassenderes Karawane-Forum geplant, das Veranstaltungen und Aktionen
umfassen soll.