Deutsche Polizei, 11/73

Das Flugblatt als polizeiliches Einsatzmittel

Mehr oder weniger erregte Mengen von Mitbürgern, aus verschiedensten Gründen demonstrierend - niemand kennt dies besser als die Polizei. Sie kennt dies nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse, indem sie etwa dies nur betrachtet, nur kontemplativ hinnimmt - sie hat mit den entstandenen Lagen fertigzuwerden, weil sie den Rechtsfrieden zu wahren hat.

Seitdem mit Beginn der Weimarer Republik, und dann erneut seit 1949 Demonstrationsfreiheit herrscht und im pluralistischen Staat ein offenes Austragen von Konflikten sich vollzieht, ist die polizeilich relevante Lage "Demonstration" eine der häufigsten.

Seit 1967 sind diese Lagen turbulenter geworden. Ein Generationskonflikt wurde durch politische Auseinandersetzungen verstärkt. Manche alten polizeilichen Einsatzformen mussten revidiert werden, neue traten auf den Plan. Als neues polizeiliches Führungsmittel wurde das Flugblatt, der zu Tausenden verteilte Handzettel verwendet. Solche Flugblätter müssen rechtlich und psychologisch und sprachlich stimmen. Sie können in den Behörden deshalb nur in Zusammenarbeit mehrerer konzipiert werden.

Wir haben in der folgenden ersten Darstellung des Flugblatts als eines Führungsmittels zwei Kollegen gebeten, es zu begründen und durch Beispiele zu veranschaulichen. Wir sind dankbar, dass wir sehr fachkundig unterstützt worden sind.

Die Fachschriftleitung

1.
Dipl.- Soziologe H. Grimminger, Frankfurt a. M., Polizeipräsidium.

Von meiner Dienststelle wurden seit Mai 1970 aus verschiedenen Anlässen bei Demonstrationen Flugblätter entworfen und verteilt. Grund der Herausgabe solcher Handzettel war und ist die Tatsache, dass ganz bestimmte Gruppen von Demonstrationsveranstaltern jeden Informationsaustausch mit der Polizei zu vermeiden suchen, ihre Demonstration demzufolge nicht - gemäss Versammlungsgesetz - anmelden und somit ein notwendiger und direkter lnformationsaustausch nicht zustande kommt. Das Flugblatt soll gerade diesen Gruppen grundsätzlich wichtige Informationen der Polizei nahebringen.

Bei diesen Informationen handelt es sich zunächst um die Übermittlung der Grundhaltung der Polizei bzw. Polizeiführung zu den Motiven bestimmter Demonstrationen. Es soll verdeutlicht werden, dass bei der Polizei Verständnis für den Anlass berechtigter Demonstrationen besteht. Durch den Hinweis auf dieses Verständnis soll beruhigend auf die Demonstranten eingewirkt werden.

Zum anderen erfüllen die Flugblätter den Zweck, sachliche Informationen zu liefern. So können etwa die Gründe eines Demonstrationsverbotes dargelegt worden. In diesem Falle kann das Flugblatt ausführlicher informieren als dies z. B. durch eine Lautsprecherdurchsage möglich wäre. Schliesslich sollten die Flugblätter Signalwirkung haben. So wurde beim allerersten Polizeiflugblatt in Frankfurt am 9. Mai 1970 die Aufforderung eines prominenten APO-Führers, eine friedliche Demonstration durchzufahren, aufgefangen und erwidert mit dem Hinweis, die Polizei bemühe sich, eine Konfrontation zu vermeiden. Darüber hinaus gelang es gerade bei diesem Flugblatt, den Demonstranten deutlich zu machen, dass es nicht zwangsläufig ein Gegeneinander zwischen Demonstranten und Polizei geben muss, sondern dass ein Miteinander möglich ist, indem die Polizei die Demonstranten bat, Kontakt zu den eingesetzten Verkehrsbeamten zu halten um einen reibungslosen Ablauf des Umzugs am Sonnabend in der City zu erreichen.

Alle Flugblattaktionen liefen bisher unter Einschaltung der Presse ab, d. h. der Inhalt der Flugblätter wurde in den Zeitungen abgedruckt und vor und nach den Demonstrationen entsprechend positiv kommentiert. Flugblattaktionen haben sich als Einsatzmittel recht gut bewährt. Da ein gutes Flugblatt jedoch gründlich vorbereitet werden muss, scheidet es als Hilfsmittel bei ad-hoc-Einsätzen aus. Es scheidet weiterhin aus gegenüber Demonstrantengruppen, die die Konfrontation mit der Polizei bewusst suchen; immerhin kann es aber der unbeteiligten Bevölkerung und den Massenmedien gegenüber die friedlichen Absichten der Polizei verdeutlichen.

Alle Flugblattaktionen - auch in Fremdsprachen - wurden mit grossen Auflagenhöhen durchgeführt. Die Mindestauflage betrug bisher 2000 Exemplare. Jeder Demonstrant muss erreicht werden können - und es müssen genügend Exemplare für Presse und unbeteiligte Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Die Verteilung der Flugblätter an die Demonstrationsteilnehmer erfolgt unmittelbar vor Beginn der Kundgebung am Aufstellungsort. Als Verteiler fungieren die eingesetzten Verkehrskräfte (Krad- Fahrer), weil diese nicht mit repressiven, sondern mit verkehrslenkenden (helfenden) Massnahmen betraut sind und auch von sehr radikalen Demonstranten akzeptiert werden. Die Verteilung an die Presse erfolgt bereits am Tage vor der Demonstration, damit am Veranstaltungstag selbst bereits darüber berichtet wird und potentielle Demonstranten und die Bevölkerung entsprechend vorinformiert sind.

Flugblattaktionen wurden in Frankfurt nicht nur für Demonstrationseinsätze vorbereitet und durchgeführt, sondern auch für den normalen Polizeidienst wie unser lnformationsblatt "Tips für ausländische Mitbürger" in fünf Sprachen und in einer Gesamtauflage von 100.000 belegt. Ausserdem wurden Flugblätter zur Fahndung nach Bader-Meinhof-Mitgliedern entworfen und verteilt.

2.
Dipl.- Psychologe St. Hornthal,
Wiss. Dir., Hamburg, LPS

In den letzten Jahren versuchen Polizeibehörden durch Flugblätter die Teilnehmer an Demonstrationen in ihrem Verhalten zu beeinflussen und zu steuern.

Folgende Ziele werden bzw. wurden damit verfolgt:

Obwohl exakte wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit solcher Flugblätter nicht nachweisbar sind, scheint die Erfahrung zu zeigen, dass solche Blätter durchaus ihren Zweck erfüllen; es ist daher zweckmässig, sich über Form und Gestalt von Flugblättern Gedanken zu machen, um ihre Wirksamkeit voll auszunutzen.

Wie alle psychologischen Mittel im polizeitaktischen Vorfeld (z.B. die Aussprache), so darf auch das Mittel des Flugblattes in seiner Wirkung nicht überschätzt werden, und gänzlich falsch wäre es, dieses Mittel als Alternativkonzept zu anderen polizeitaktischen Massnahmen anzusehen.

Im folgenden sollen einige Hinweise gegeben werden, die sich im Wesentlichen an der Werbepsychologie orientieren und durchaus auf die Probleme der Polizei übertragbar sind.

1. Aufmachung ("lay-out") versteht man den ersten Eindruck, den der Beobachter hat, wenn er das Flugblatt unmittelbar nach Erhalt ansieht. Dieser erste Eindruck muss positiv sein, damit das Flugblatt vom Betrachter angenommen (also nicht verweigert), beachtet und schliesslich gelesen (also nicht weggeworfen) wird. Aus der Werbepsychologie weiss man, dass eine Zeitungsanzeige dann am meisten und am weitesten gelesen wird, wenn sie so aufgemacht ist, als wäre es ein redaktioneller Beitrag. So kann man in Illustrierten immer häufiger beobachten, dass manche Anzeigen dem redaktionellen Text so ähnlich sind, dass die Anzeige extra als "Anzeige" gekennzeichnet werden muss.

Übertragen würde dies folgendes bedeuten: Ein Flugblatt sollte in Grösse, Farbe, Papierqualität, Druck bzw. Abzugsverfahren, Textinhalt und Aufbau so gestaltet sein, als wäre es eine Information des Veranstalters.

Wer darin Ungesetzliches sieht oder einwendet, die Polizei brauche sich nicht "zu verstecken", hat den Verfasser missverstanden, hier geht es nur um die Aufmachung, und es ist klar, dass sich die Behörde als Absender zu erkennen gibt.

2. Die Schlagzeile muss durch grössere Buchstaben hervorgehoben sein, wobei die Grossbuchstaben durchaus auch von Hand geschrieben sein können (s. Punkt 1).

2.1 Es ist eine weitverbreitete, aber irrige Meinung, dass die Schlagzeile - gleichsam wie eine Aufsatzüberschrift - eine Zusammenfassung des Flugblattinhaltes sein soll. Die Schlagzeile soll im "zweiten Eindruck" Aufmerksamkeit binden ("eye-catcher") und Interesse wecken, derart, dass man neugierig wird, zu wissen, "was da wohl drinsteckt". Das Auslösen von Neugierde ist eines der kräftigsten Motivationen menschlichen Verhaltens. Deshalb muss die Schlagzeile vom Inhalt her provokant, eigenartig, unkonventionell, also vom üblichen Schema abweichend, ja, sogar "irre" sein - wobei "irre" unter jungen Leuten heute eine durchaus positive Bedeutung hat.

Beispiel:

- "DIE HAMBURGER POLIZEI BOMBARDIERT HANOI, so könnte man meinen. Doch..."

Wer glaubt, so etwas sei für die Polizei unzumutbar und wer meint, dass die Polizei Werbung dieser Art nicht nötig hat, der muss - bedauerlicherweise - darauf verzichten, Psychologie wirkungsvoll im polizeitaktischen Vorfeld anzuwenden. Denn wirkungslose Flugblätter hätten nur eine Feigenblattfunktion.

1. Beispiel

Text des ersten Flugblattes der Frankfurter Polizei am 9. Mai 1970 anlässlich einer SDS-Demonstration gegen die Invasion in Kambodscha

Die Polizei wird sich bei der heutigen Kundgebung bemühen, es nicht zu einer Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizeibeamten kommen zu lassen.

Sie bittet jedoch die Demonstranten zu bedenken, dass die Polizei kraft Recht und Gesetz gezwungen sein wird, bei eventuell während der Demonstration vorkommenden strafbaren Handlungen einzuschreiten.

Sie bittet deshalb alle Teilnehmer des heutigen Demonstrationszuges, daran mitzuwirken, dass die Kundgebung gegen die Gewalt nicht pervertiert wird. Die Polizei bittet, die an der Spitze des Demonstrationszuges marschierenden Kundgebungsteilnehmer mit den Motorradfahrern der Verkehrspolizei Kontakt zu halten, um ein bestmögliches Geleit durch die Frankfurter City zu gewährleisten.

2. Beispiel

information ... information ... info

Frankfurt/Main, den 23. 10. 1971

An die

Teilnehmer

an der heutigen

Demonstration

Sie haben sich heute hier in Frankfurt am Main versammelt, um gegen die Repression in S P A N I E N zu demonstrieren. Sie machen mit Ihrer bei der Ordnungsbehörde angemeldeten Demonstration von dem in der Bundesrepublik Deutschland grundgesetzlich garantierten Recht auf freie Meinungsäusserung Gebrauch. Niemand kann Sie daher daran hindern, der Frankfurter Bevölkerung Ihre Meinung über die politischen Verhältnisse in SPANIEN darzulegen.

Anders als in nicht demokratisch regierten Staaten, ist es in der Bundesrepublik Deutschland eine der Aufgeben der Polizei, legale Demonstrationen zu ermöglichen. Gemäss diesem Grundsatz wird sich die Frankfurter Polizei bemühen, einen reibungslosen Ablauf Ihrer Veranstaltung zu gewährleisten.

Allerdings hat die Polizei auch die Aufgabe der Abwehr von Gefahren. Deshalb ist die Polizei bei Demonstrationen anwesend. Bei Angriffen auf Menschen und Sachen muss die Polizei einschreiten. Die Polizei bittet alle Teilnehmer an der heutigen Demonstration, diesen Sachverhalt zu bedenken.

Die Polizei ruft die Demonstranten dazu auf, daran mitzuwirken, dass es nicht zu Ausschreitungen kommt.

POLIZEI FRANKFURT/MAIN

- P 3 -

Eigendruck: Polizei Ffm.

information ... information... info

3. Die Klarheit des Textinhaltes muss gewährleistet sein, denn leseleichte, klare Texte werden häufiger und vollständiger gelesen.

Klare und leseleichte Texte sind gekennzeichnet durch

Der Stil muss flüssig und aktiv sein. Dies erreicht man, indem Verben verwendet und Substantivierungen vermieden werden.

Beispiel

Nicht: Die Polizei hat die Bemühung, die Übergabe der Resolution zu ermöglichen und hat an Sie die Bitte, mit dafür Sorge zu tragen, dass Gewaltanwendungen unterbleiben.

Sondern: Die Polizei wird sich bemühen, dass Sie die Resolution übergeben können; die Polizei bittet jeden einzelnen, zu einer friedlichen Demonstration beizutragen.

5. Der Inhalt des Flugblatts muss auf die Zielgruppe ausgerichtet sein.

Jede Werbung versucht die Sprache jener Leser auszuwählen, die sie ansprechen will.

5.1 Begriffe aus dem Polizeirecht bzw. der Rechtslehre (z. B. Opportunität; Legalität) sagen Demonstrationsteilnehmern so gut wie nichts und sollten deshalb vermieden werden. So ist es auch wenig zweckmässig, Paragraphen zu zitieren - die den meisten Teilnehmern doch nichts sagen; Paragraphen müssen umgesetzt bzw. transformiert werden. "Wer dem Volk aufs Maul schaut", der muss das oben Gesagte akzeptieren und muss auch die ungewöhnliche, aber unter jungen Leuten allgemein bekannte Soziologen- Terminologie verwenden.

Beispiele

Nicht: Vaterland

Sondern: Gesellschaft

Nicht: Unterdrückung

Sondern: Repression.

5.2 Die Überparteilichkeit der Polizei zeigt sich in der Verwendung neutraler, wertfreier Begriffe. Begriffe, die die Teilnehmer gering Schätzen oder abwerten gefährden das Ziel und den Zweck eines Flugblattes.

Beispiel

Nicht: Gestalten, Radikale

Sondern: Teilnehmer, Anwesende.

6. Für die Gesamtlänge eines Flugblattes gibt es eine einfache Regel: je kürzer der Text, um so eher wird er gelesen, und um so eher wird er vollständig gelesen. Man muss also einen Mittelweg finden zwischen der Kürze des Textes und der Darstellung der wichtigsten Punkte.

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Flugblätter zu lang sind. Hier gilt: weniger ist mehr als viel.

Zum Abschluss wird ein Beispiel für ein Flugblatt (Fahrpreiserhöhung) gegeben. Der Schwerpunkt des Flugblatts ist auf Gewaltvermeidung gerichtet.

WAS WILL EIGENTLICH DIE POLIZEI HIER?

Da müssen wir auch erst überlegen, denn wie Sie, sind wir und viele andere von der Fahrpreiserhöhung betroffen. Aber wir haben gehört, dass der Senat die Erhöhung genau geprüft hat.

Sind wir deshalb überflüssig? Nein, denn

Also helfen Sie mit, dass die Demonstration gut über die Bühne geht!

Ihre POLIZEI