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Herr Direktor Schindler", sagte der Krakauer Jude Mietek Pemper, "mit Emailletöpfen alleine ist kein Krieg zu gewinnen." Damit leitete der Mitarbeiter des findigen Unternehmers und Judenretters Oskar Schindler seinen Rat ein, dem Unternehmen auch eine rüstungsrelevante Produktion anzugliedern. Denn: Nur solche jüdischen Zwangsarbeiter waren vor der Deportation in die Vernichtungslager sicher, die an "siegentscheidender" Produktion beteiligt waren. Schindler, seit 1939 in Brünnlitz Inhaber eines Press-und Emaillewerks, befolgte den Rat und ließ daraufhin auch Granatenzubehör herstellen.
In Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" ist die Rolle des engsten Mitarbeiters aus dramaturgischen Gründen auf einen Häftling namens Isaak Stern reduziert. Tatsächlich gehörte auch Mietek Pemper zum engsten Kreis um Schindler. Ihnen gelang es 1200 Arbeiterinnen und Arbeiter der Schindler-Fabrik bis Kriegsende vor dem Zugriff der SS und damit vor der Vernichtung zu schützen. Bei den teils waghalsigen Manövern zum Schutz "seiner" Häftlinge setzte Schindler sein gesamtes Vermögen ein. Nach seiner Flucht vor den heranrückenden russischen Truppen landete Schindler im Sommer 1945 übrigens auch im Konstanzer Gefängnis: Weil er gemeinsam mit seiner Frau und acht jungen jüdischen Ex-Häftlingen in Häftlingskleidern illegal die Schweizer Grenze überschreiten wollte, wurde er verhaftet. Man hielt den wohlgenährten Häftling für einen entlaufenen SS-Wachmann. Als der französische Vernehmungsoffizier jedoch die wahre Geschichte erfuhr, ließ er die Gruppe laufen. Schindler wanderte nach Argentinien aus und kehrte 1957 nach Deutschland zurück, wo er 1974 hochgeehrt starb.
Der heute über 80-jährige Mitarbeiter Schindlers, Mietek Pemper, lebt seit Ende der 50er Jahre in Augsburg. Am Freitag, dem Jahrestag der Synagogenzerstörungen von 1938, kommt er auf Einladung der Volkshochschule nach Konstanz. Abends ab 19.30 Uhr wird er im Astoria-Saal des Kulturzentrums (Eintritt frei) von seinen Jahren als Behördenkorrespondent der jüdischen Gemeinde Krakau, vom dortigen Ghetto, vom Zwangsarbeitslager und KZ Krakau-Plaszow und vom Werk Oskar Schindlers berichten.
Das Lager Krakau-Plaszow wurde von Amon Göth kommandiert. Dort lernte Pemper, der unfreiwillig berufene Stenograph Göths, Oskar Schindler kennen.
Der Schreiber des Mörders Göth wußte viel. So viel, dass er das Lager keinesfalls lebendig würde verlassen können: "Ich wußte, ich bin todgeweiht und muss nur aufpassen, dass ich diesen Fall nicht vorzeitig herbeiführe", schildert Pemper heute seine damalige Überlebensstrategie in einer Umgebung, in der täglich willkürlich, emotionslos und geschäftsmäßig gemordet wurde.
"Man lechzte nach Zeichen der Menschlichkeit", erinnert sich der Überlebende: Da meldeten sich nur wenige SS-Männer freiwillig zu Erschießungsaktionen, dort weigerte sich ein junger SS-Mann, eine junge Mutter mit ihrem Kind zu erschießen, weil sie falsche Ausweispapiere bei sich trug. Insgesamt aber gab es im Lageralltag nur wenige Zeichen menschlicher Regung auf Seiten der Täter.
Mietek Pemper trat nach 1945 in etlichen NS-Prozessen als Zeuge (unter anderem gegen Göth) oder Dolmetscher auf, er studierte BWL, zog später nach Augsburg, wurdeUnternehmensberater und beriet Oskar Schindler seit Ende der 50er Jahre wieder in ökonomischen Fragen. Doch wie vielen Überlebenden ist es ihm schwer gefallen, ein normales Leben zu führen: "Ich habe das alles nicht verarbeitet", sagt er leise.
Dennoch stellt sich der Überlebende immer wieder den Fragen junger Menschen nach der NS-Zeit. Am Freitag wird er in Konstanz über sein Schicksal sprechen, erzählen, dass ihn Steven Spielberg zu den Dreharbeiten beratend beigezogen hat; er wird über das fröhliche Lachen und das kalte Morden des KZ-Kommandanten Göth berichten und seine nach dem Krieg gewonnene Einsicht zur Diskussion stellen, die Bereitschaft der Menschen zum Verbrechen sei ein "Triumph der Propaganda" gewesen und kein völliger Sieg über die Menschlichkeit. Denn: "Ich habe eben nicht nur den KZ-Kommandanten Amon Göth kennengelernt, sondern auch Oskar Schindler."
Tobias Engelsing
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sw, 8.11.01