von Thomas Götz
ROM, 7. Dezember. Einen Tag, bevor die europäischen Außenminister
in Brüssel über den Fall Öcalan beraten wollen, meldete
sich der in Rom unter Hausarrest stehende PKK-Chef zu Wort. Gegenüber
mehreren italienischen Zeitungen erhöhte er nun seinerseits den Preis
für die Zustimmung zu einem internationalen Gericht, das eigens zu
seiner Aburteilung gebildet werden soll: „Wenn sie mir den Prozeß
machen, machen sie ihn auch dem kurdischen Volk. Ich und mein Volk sind
eins.“
Offenbar in Sorge, die Vorwürfe gegen ihn könnten völlig
isoliert vom politischen Hintergrund abgehandelt werden, fordert Öcalan
eine Ausweitung der Anklage. Das Gericht sollte nicht nur die ihm vorgehaltenen
Verbrechen beurteilen, sondern auch „die von der Türkei begangenen.“
Als Standort für ein solches Gericht schlägt Öcalan
Österreich oder Holland vor. In einer geschickten Wendung brachte
Öcalan auch das Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981
ins Spiel. Er sei bereit, beim Vatikan um Asyl anzusuchen und dort bei
der Gelegenheit zu erzählen, was er über das Attentat wisse.
„Ali Agca hat nicht die Wahrheit über das Attentat gesagt“, behauptet
der Kurdenführer und deutet an, die türkische Militärregierung
habe den Attentäter mit dem Zweck aus der Haft entkommen lassen, den
Papst zu erschießen.
Die Schuld an der Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten
Olof Palme, die immer wieder der PKK angelastet wurde, wies Öcalan
zurück und wies auch in diesem Fall auf die damalige Militärregierung
in Ankara. „Es gab eine geheime Verabredung zwischen den Generälen,
der extremen Rechten und dem Islamismus, die zur Enthaftung von Kriminellen
aus dem Dunstkreis der grauen Wölfe führte“, sagte Öcalan
und nannte ausdrücklich den Papstattentäter Ali Agca und Oral
Celik. Er könne einiges über die Türkei nach dem Militärputsch
von 1980 erzählen und damit vielleicht zur Klärung des Mordfalls
Palme und des Attentats auf den Papst beitragen.
Einige italienische Staatsanwälte vermuten hinter diesem Angebot
den Versuch, sich einen längeren Aufenthalt im Land zu sichern. Der
mit dem Fall Ali Agca befaßte Richter zeigte jedoch Interesse, Öcalans
Deutung der Vorgänge zu hören.
Die heutige Regierung in Ankara beschuldigte Öcalan, die Transporte
kurdischer Flüchtlinge nach Europa zu organisieren, um den Kontinent
unter Druck zu setzen. Mit mehr Logik erheben die Türken dieselben
Vorwürfe gegenüber dem PKK-Chef. Im Zusammenhang mit zweifelhaften
Geldtransaktionen zugunsten der PKK befragte gestern ein französischer
Richter Öcalan in seiner streng bewachten römischen Wohnung.
Italiens Premier D“Alema äußerte sich gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin
„Newsweek“ differenziert zum Fall: Öcalan sei „nicht nur ein Verbrecher“,
sondern „auch ein politischer Führer“. Zum Terrorismusvorwurf, der
gegenüber dem PKK-Chef erhoben wird, sagte D“Alema:
„Auch eine gerechte Sache rechtfertigt nicht die Tötung Unschuldiger.
Wer terroristischer Handlungen angeklagt ist, muß vor Gericht, aber
die internationale Gemeinschaft müßte von der Türkei verlangen,
die Menschenrechte und die Rechte der kurdischen Bevölkerung zu respektieren.“