Berliner Zeitung 8.12.98
Öcalan will zum Papst-Attentat aussagen
PKK-Chef verlangt Ausdehnung einer internationalen Anklage auf die Türkei und deren Verbündete

von Thomas Götz
ROM, 7. Dezember. Einen Tag, bevor die europäischen Außenminister in Brüssel über den Fall Öcalan beraten wollen, meldete sich der in Rom unter Hausarrest stehende PKK-Chef zu Wort. Gegenüber mehreren italienischen Zeitungen erhöhte er nun seinerseits den Preis für die Zustimmung zu einem internationalen Gericht, das eigens zu seiner Aburteilung gebildet werden soll: „Wenn sie mir den Prozeß machen, machen sie ihn auch dem kurdischen Volk. Ich und mein Volk sind eins.“
Offenbar in Sorge, die Vorwürfe gegen ihn könnten völlig isoliert vom politischen Hintergrund abgehandelt werden, fordert Öcalan eine Ausweitung der Anklage. Das Gericht sollte nicht nur die ihm vorgehaltenen Verbrechen beurteilen, sondern auch „die von der Türkei begangenen.“
Als Standort für ein solches Gericht schlägt Öcalan Österreich oder Holland vor. In einer geschickten Wendung brachte Öcalan auch das Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 ins Spiel. Er sei bereit, beim Vatikan um Asyl anzusuchen und dort bei der Gelegenheit zu erzählen, was er über das Attentat wisse.  „Ali Agca hat nicht die Wahrheit über das Attentat gesagt“, behauptet der Kurdenführer und deutet an, die türkische Militärregierung habe den Attentäter mit dem Zweck aus der Haft entkommen lassen, den Papst zu erschießen.
Die Schuld an der Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme, die immer wieder der PKK angelastet wurde, wies Öcalan zurück und wies auch in diesem Fall auf die damalige Militärregierung in Ankara. „Es gab eine geheime Verabredung zwischen den Generälen, der extremen Rechten und dem Islamismus, die zur Enthaftung von Kriminellen aus dem Dunstkreis der grauen Wölfe führte“, sagte Öcalan und nannte ausdrücklich den Papstattentäter Ali Agca und Oral Celik.  Er könne einiges über die Türkei nach dem Militärputsch von 1980 erzählen und damit vielleicht zur Klärung des Mordfalls Palme und des Attentats auf den Papst beitragen.
Einige italienische Staatsanwälte vermuten hinter diesem Angebot den Versuch, sich einen längeren Aufenthalt im Land zu sichern. Der mit dem Fall Ali Agca befaßte Richter zeigte jedoch Interesse, Öcalans Deutung der Vorgänge zu hören.
Die heutige Regierung in Ankara beschuldigte Öcalan, die Transporte kurdischer Flüchtlinge nach Europa zu organisieren, um den Kontinent unter Druck zu setzen.  Mit mehr Logik erheben die Türken dieselben Vorwürfe gegenüber dem PKK-Chef. Im Zusammenhang mit zweifelhaften Geldtransaktionen zugunsten der PKK befragte gestern ein französischer Richter Öcalan in seiner streng bewachten römischen Wohnung. Italiens Premier D“Alema äußerte sich gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ differenziert zum Fall: Öcalan sei „nicht nur ein Verbrecher“, sondern „auch ein politischer Führer“. Zum Terrorismusvorwurf, der gegenüber dem PKK-Chef erhoben wird, sagte D“Alema:
„Auch eine gerechte Sache rechtfertigt nicht die Tötung Unschuldiger. Wer terroristischer Handlungen angeklagt ist, muß vor Gericht, aber die internationale Gemeinschaft müßte von der Türkei verlangen, die Menschenrechte und die Rechte der kurdischen Bevölkerung zu respektieren.“