DER SPIEGEL AKTUELL 4.12.98

              Öcalan: Erste öffentliche Erklärung

              "Ich bin bereit, jederzeit vor einem internationalen Tribunal zu erscheinen", schrieb der PKK-Chef
              Abdullah Öcalan in einer Stellungnahme. Die EU-Außenminister wollen darüber am Montag
              beraten.

              Mainz/Brüssel/Ankara - In einer Erklärung für die ZDF-Sendung "halb 12 - Eser und Gäste" - der ersten seit
              seiner Verhaftung - schrieb Öcalan am Sonntag, ein solches internationales Tribunal solle auch
              untersuchen, wer schuld am Tod von -zigtausenden von Menschen im Konflikt zwischen der Türkei und der
              PKK sei.

              Wörtlich heißt es in der Erklärung: "Ich bin bereit, jederzeit vor einem internationalen Tribunal zu erscheinen,
              das aus unabhängigen Richtern besteht, damit von diesem Tribunal festgestellt wird, ob wir oder die
              türkische Regierung an der Eskalation der kriegerischen Auseinandersetzungen schuld sind, deren Folge
              -zigtausend Tote auf beiden Seiten sind." Öcalan steht derzeit in Italien unter Hausarrest und hat politisches
              Asyl beantragt.

              Bundesaußenminister Joschka Fischer will im Fall Öcalan seine EU- Kollegen zu einer gemeinsamen
              Lösung bewegen. Am Rande eines Treffens der EU-Außenminister am Sonntag in Brüssel sagte Fischer:
              "Wir wollen eine EU-Initiative, aber nicht als Einmischung in die Angelegenheiten der Türkei." Die Türkei
              müsse ihre Probleme selbst lösen. Nach Fischers Worten werden die EU-Außenminister an diesem
              Montag über Öcalan sprechen.

              In Istanbul hat die Polizei am Sonntag 105 Mitglieder der pro-kurdischen Demokratie-Partei des Volkes
              (Hadep) festgenommen. Die Partei hatte ihre Mitglieder zu einem landesweiten dreitägigen Hungerstreik
              aufgerufen, um gegen die Inhaftierung von Parteichef Murat Bozlak und die Festnahme tausender
              Parteimitglieder im vergangenen Monat zu protestieren.

              Im November hatten Hadep-Aktivisten mit Hungerstreiks gegen die Forderung demonstriert, Öcalans an
              die Türkei auszuliefern. Für die neuerlichen Festnahmen gab die halbamtliche Nachrichtenagentur Anadolu
              keine Begründung.