02.12.1998
Warum holten Sie Öcalan
nach Rom?
jW sprach mit Ramon Montovani
von der italienischen PRC
(außenpolitischer Sprecher
der kommunistischen Rifondazione Comunista, der am 12. November PKK-Chef
Abdullah Öcalan von Moskau nach
Rom begleitete)
F: Warum haben Sie nicht sofort gesagt, daß Sie PKK-Chef Abdullah Öcalan auf seinem Flug von Moskau nach Rom begleitet haben?
Wir ziehen es vor, solche politischen
Solidaritätsaktionen vertraulich zu behandeln und nicht an die große
Glocke zu hängen. Als einige Agenturen
auf der Grundlage von türkischen
Pressemeldungen über die Anwesenheit von italienischen Abgeordneten
zusammen mit Öcalan im Flugzeug
berichteten, meinten wir, daß
es besser wäre zu reden.
F: Warum will Öcalan den bewaffneten Kampf aufgeben?
Als ich ihn am 11. September im
Mittleren Osten getroffen habe, sagte er, daß der bewaffnete Kampf
nicht zur Durchsetzung der Rechte des
kurdischen Volkes führen
würde und die Türkei ihrerseits niemals den Sieg über den
bewaffneten Widerstand der PKK erringen könne, daß also
eine Patt-Situation vorlag. Nach
Ansicht von Öcalan muß nun von Europa eine Initiative ausgehen.
Auch wir wollen, daß Europa
diese Funktion übernimmt. Wenn die Türkei in die EU aufgenommen
werden sollte, ohne das Kurdenproblem gelöst
und sich demokratisiert zu haben,
wäre das nicht die EU, die wir wollen. Und umgekehrt wäre ein
Europa, das in der Lage ist, der Türkei
Friedensverhandlungen aufzuzwingen
und in Richtung eines echten Demokratisierungsprozesses zu treiben, ein
besseres Europa.
F: Dennoch haben Sie mit Ihrer
»Mission« die Regierung offensichtlich in Schwierigkeiten gebracht.
Deutschland scheint sich in seiner Position
gestärkt zu fühlen und
läßt wissen, daß Italien sich den Fall Öcalan ja
selbst eingebrockt habe.
Die deutsche Regierung hat zwei
Möglichkeiten, entweder verlangt sie die Auslieferung - und da muß
man dann weiter sehen. Wir sind dagegen.
Oder sie verzichtet auf ein Auslieferungsersuchen
und wird selbst zum Protagonisten einer politischen Lösung. Italiens
Regierung sollte einen
Vorschlag unterbreiten, der andere
europäische Länder einbezieht und den Fall Öcalan als politischen
Fall behandelt.
F: Was für ein Vorschlag soll das sein?
Wichtig ist, daß die italienische
Regierung und andere EU- Regierungen zur Kenntnis nehmen, daß es
sich hier um ein politisches Problem handelt
und nicht um ein rein juristisches.
F: Was erwartet Öcalan von Italien?
Ich denke, daß Öcalan
von Italien und von Europa einen Vorschlag erwartet, der die türkische
Regierung dazu bewegt, Friedensverhandlungen zu
akzeptieren.
F: Italien soll dabei eine Hauptrolle spielen?
Unbedingt. Öcalan hat Italien
gewählt, und Italien ist durch die einfache Anwesenheit Öcalans
gezwungen, sich damit zu befassen. Italien ist das
einzige europäische Land,
dessen Parlament die Regierung zu einer Reihe von Vorschlägen verpflichtet
hat, um die Kurdenfrage politisch zu lösen.
Außerdem gibt es in Italien
eine starke öffentliche Meinung, die der kurdischen Sache wohlwollend
gegenübersteht.
F: Welche Schritte erwarten Sie von der Regierung D'Alema?
Sie müßte einen klaren
und unzweideutigen Schritt unternehmen, das heißt politisches Asyl
gewähren. Dies ist keine Entscheidung, die dem
Ministerrat obliegt, aber es ist
gleichzeitig wahr, daß die Entscheidung von einer Kommission getroffen
wird, der die Innenministerin vorsitzt.
Zugleich müßte die
Regierung eine politische Initiative ergreifen, sowohl gegenüber der
EU als auch gegenüber der Türkei.
F: Ist Ihre Partei gegen den Beitritt der Türkei zur EU?
Wir sind für den Beitritt
der Türkei zur EU, doch stellen wir dafür Bedingungen: daß
Friedensverhandlungen in der Kurdenfrage eingeleitet werden
und daß die politische Verfolgung
ein Ende nimmt. Die Regierung Prodi und insbesondere der Staatssekretär
im Außenministerium, Piero Fassino
(Linksdemokraten - d. Red.), der
mit dieser Sache befaßt war, haben die Doktrin der »Demokratischen
Ansteckung« vertreten, die davon ausging,
daß die Türkei bei
einem EU-Beitritt automatisch von der Demokratie »angesteckt«
werden würde.
F: Glauben Sie den Erklärungen Öcalans, den bewaffneten Kampf aufgeben zu wollen?
Ich wüßte nicht, warum
man diesen Erklärungen keinen Glauben schenken sollte. Ich halte Öcalan
weder für einen Terroristen noch die PKK für
eine terroristische Organisation,
im Gegensatz zu anderen Gruppen. Die Formen des bewaffneten Kampfes der
PKK sind absolut nicht vergleichbar
mit denen der ETA und nicht mal
mit denen der Palästinenser der 70er Jahre. Ich schenke Öcalans
Entscheidung Glauben, nicht aufgrund eines
blinden Vertrauens, sondern weil
er sie an die klare politische Überlegung der militärischen Pattsituation
zwischen türkischer Armee und PKK
geknüpft hat. Andere haben
es genauso gemacht in Guatemala, in El Salvador. In Nordirland wird es
versucht, und auch in Spanien zeichnet sich
diese Möglichkeit ab. Warum
also sollte man es nicht in der Türkei versuchen?
F: Müßte er sich nicht den Anschuldigungen stellen, die gegen ihn erhoben werden?
Die Türkei sagt, daß
die PKK eine terroristische Organisation ist, weil sie die PKK nicht als
Kriegspartei anerkennt und sie als Problem ihrer
Sicherheit abtut. Öcalan
kann auch beschuldigt werden, Kurden erschossen zu haben, aber auch die
italienischen Partisanen haben Italiener
erschossen, die mit den deutschen
Besatzern kollaborierten oder Juden verrieten. Wenn Krieg herrscht, kommen
diese Dinge vor. Damit der Krieg
ein Ende findet, muß eine
der beiden Kriegsparteien damit aufhören, die andere als Terroristen
zu bezeichnen und sie als Gegner anerkennen, weil
Frieden zwischen Feinden geschlossen
wird.
Interview: Cyrus Salimi-Asl
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