"Das PKK-Verbot hat sich
kontraproduktiv ausgewirkt"
Angelika Beer fordert ein Ende der
Kriminalisierung
Von Sigrid Averesch
BERLIN, 30. November. Die verteidigungspolitische
Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Angelika Beer,
hat sich dafür ausgesprochen, das Verbot der Kurdischen
Arbeiterpartei PKK in Deutschland aufzuheben. "Die
Kriminalisierung von Kurden muß beendet werden", sagte
sie der "Berliner Zeitung".
Der frühere Bundesinnenminister Manfred Kanther
(CDU) hatte 1993 das Verbot gegen die Kurdische
Arbeiterpartei erlassen. Sie wurde als terroristische
Vereinigung eingestuft. Seit Anfang dieses Jahres verfolgt
die Bundesanwaltschaft die PKK nicht mehr als
terroristische, sondern als kriminelle Vereinigung.
Nach Ansicht von Angelika Beer hat sich das generelle
PKK-Verbot "kontraproduktiv ausgewirkt" und zu einer
Militarisierung des radikalen Flügels beigetragen. Auch bei
einer Aufhebung des Verbots könnten Straftaten, die von
der PKK verübt würden, verfolgt werden. "Dafür haben
wir genügend Strafvorschriften." Ein Verzicht auf das
generelle Verbot trage vielmehr zu einer Deeskalation des
Konflikts zwischen Kurden und der Türkei bei.
Mit der Festnahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan in
Rom biete sich "die große Chance, den Weg des Dialogs
hin zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zu
beschreiten", sagte die Türkei-Expertin, die sich für
Verhandlungen zwischen kurdischen Vertretern und der
türkischen Regierung ausspricht. "Beiden muß klar sein,
daß der Krieg in der Türkei nicht zu gewinnen ist", so
Angelika Beer.
Sie forderte die Türkei auf, die Verfolgung von Kurden zu
beenden und den Waffenstillstand im Kampf gegen die
PKK in Südostanatolien zu erklären. An die Regierung in
Ankara appellierte die Politikerin, mit den Kurden
Verhandlungen zu führen.
Die Türkei habe eine faire Option für den Beitritt zur
Europäischen Union. Voraussetzung allerdings sei, daß
die Regierung in Ankara die Menschenrechte – und damit
die Rechte der Kurden – anerkenne und eine zivile
Kontrolle über die Streitkräfte ausübe. Europa, das
"jahrelang den Menschenrechtsverletzungen in der Türkei
zugesehen hat, hat die Verpflichtung, diesen
Friedensprozeß zu begleiten", betonte die Politikerin.
Sie verwies darauf, daß in der Türkei viele Initiativen von
Kurden, türkischen Intellektuellen und Menschenrechtlern
entstanden seien, die sich dafür einsetzen, daß über die
kurdische Frage verhandelt werde. "Sie brauchen massive
Unterstützung aus dem Ausland", so Angelika Beer.
(Berliner Zeitung, 2.12.98)