junge Welt
Interview
28.11.1998
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Sind die Gewerkschaften in der Türkei gegen Öcalan?
jW fragte Bruno Rossi von der italienischen CGIL
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(Sprecher der Internationalen Abteilung der CGIL, der mit 5,2 Millionen
Mitgliedern größten italienischen Gewerkschaft)
F: Derzeit wird von der Türkei massiv Druck auf Italien ausgeübt
und mit einem Handelsboykott gedroht. Von den türkischen Gewerkschaften
scheinen keinerlei oppositionelle Stimmen auszugehen.
Wir haben Kontakte mit allen gewerkschaftlichen Organisationen in der
Türkei. Bei allen Unterschieden in der Haltung dieser vier Gewerkschaften
habe ich den Eindruck, daß die türkischen Gewerkschaften im
Strom der allgemeinen anti-italienischen Reaktionen mitschwimmen.
F: Wie steht die CGIL zur Kurden-Frage und dem Fall Öcalan?
Wir verurteilen den Terrorismus. Italien selbst hat eine Welle des
Terrorismus erlebt, dessen Zielscheibe auch die Gewerkschaften waren. Man
muß das jedoch von der Kurden-Frage an sich trennen. Wir verstehen
die Forderungen der Kurden nach Autonomie oder einem Staat, können
aber insbesondere letztere Forderung nach einem eigenen Staat nicht mittragen.
Man muß zwei Dinge ganz klar trennen: Auf der einen Seite besteht
die Kurden-Frage, auf der anderen der Fall von PKK-Chef Abdullah Öcalan.
Die italienische Regierung hat in diesem Punkt völlig korrekt gehandelt.
Sie kann Öcalan nicht an die Türkei ausliefern, weil dort die
Todesstrafe herrscht. Was die Frage des Asylantrags anbelangt, dafür
existieren in Italien die entsprechenden staatlichen Organe, die ihre Arbeit
machen.
F: Wie müßte eine Lösung des Konflikts zwischen Italien
und der Türkei aussehen?
Die EU müßte einschreiten, um der Türkei zu verstehen
zu geben, daß sich niemand aus Wut gegen sie verschworen hat und
Europa den Kampf gegen den Terrorismus voll unterstützt. Die türkischen
Reaktionen, die in diesen Tagen im Fernsehen zu sehen sind, werden offensichtlich
von innenpolitischen Problemen begleitet, da die bisherige Regierung unter
dem Vorwurf der Korruption stand. Ich habe natürlich vollstes Verständnis
für die Wut der Angehörigen derjenigen, die in Kurdistan gefallen
sind. Die Demonstrationen scheinen mir aber nicht spontan zu sein, sondern
politische Gruppen manipulieren die Situation. Vor allem die Presse agiert
in exzessiver Weise und schürt anti- italienische Ressentiments.
Italien war gegenüber der Türkei immer offen.
F: Wie kommt es dann, daß die türkischen Gewerkschaften
sich so instrumentalisieren lassen und dulden, daß türkische
Arbeiter gegen ihre italienischen Kollegen ausgespielt werden?
Wir haben den türkischen Gewerkschaften immer geholfen, wenn sie
in Schwierigkeiten waren und unsere Hilfe brauchten. Diese Kooperation
ist sehr wichtig und muß weitergeführt werden. In der Kurden-Frage
haben die türkischen Gewerkschaften ganz unterschiedliche Ansichten.
Die einen leugnen das Problem völlig, die anderen schweigen dazu.
Wenn die größten Spannungen zwischen beiden Ländern erst
einmal abgebaut sind, müssen wir mit unseren türkischen Kollegen
einen Dialog einleiten und sie zum Nachdenken bringen und ihnen klar machen,
daß diese Reaktionen nur ihrem eigenen Land und den Arbeitern schaden.
Wir hoffen, die Situation klären zu können und fordern die türkischen
Gewerkschaften zum Dialog auf. Ein Handelsboykott schadet weniger dem italienischen
Staat als den türkischen Arbeitern in den italienischen Produktionsstätten
der Türkei. Und an die Interessen der Werktätigen sollte eine
Gewerkschaft in erster Linie denken.
Interview: Cyrus Salimi-Asl, Neapel