Ankara weist Verhandlung vor internationalem Gerichtshof zurück
Türkei besteht auf Auslieferung Öcalans
Ankara (AP) Das türkische Außenministerium hat den Vorschlag
Italiens und Deutschlands, PKK-Chef Abdullah Öcalan vor einem internationalen
Gerichtshof den
Prozeß zu machen, als inakzeptabel zurückgewiesen. Die Initiative
Roms und Bonns entbehre jeglicher Grundlage, hieß es in der am Freitag
abend in Ankara
veröffentlichten Erklärung. Nach der Entscheidung Deutschlands,
die Auslieferung Öcalans nicht zu beantragen, könne der PKK-Chef
nur noch in der Türkei
abgeurteilt werden. Schließlich sei er türkischer Staatsbürger
und habe in der Türkei terroristische Anschläge zu verantworten.
Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte am Nachmittag nach einem Treffen
mit seinem italienischen Kollegen Massimo D'Alema mitgeteilt, die Bundesregierung
werde eine Auslieferung des in Rom festgehaltenen Öcalan definitiv
nicht beantragen. Schröder und D'Alema verständigten sich aber
darauf, sich für die Einrichtung
eines internationalen Tribunals einzusetzen, das Öcalan den Prozeß
machen soll. Ein italienisches Gericht hatte Öcalan nach dessen Festnahme
auf freien Fuß gesetzt
und verfügt, daß der PKK-Chef bis zum 22. Dezember Rom nicht
verlassen darf.
Freitag, 27. November 1998, 17:02 Uhr
Deutschland verzichtet endgültig auf Auslieferung Öcalans
Schutz des Rechtsfriedens vorrangig - Deutsch-italienische Initiative für Gerichtshof - EU soll bei Kurdenproblem helfen
Bonn (AP) Deutschland verzichtet endgültig auf die Auslieferung
des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan durch Italien. Bundeskanzler
Gerhard Schröder erklärte
nach einem Gespräch mit dem italienischen Ministerpräsidenten
Massimo d'Alema am Freitag in Bonn, wegen der großen Zahl von Türken
und Kurden im
Bundesgebiet habe er sich «für den Schutz des Rechtsfriedens
in Deutschland entschieden». Öcalan solle sich aber vor einem
internationalen Gerichtshof
verantworten, den es allerdings bislang nicht gibt.
D'Alema erklärte, er müsse die deutsche Entscheidung zur Kenntnis
nehmen. Schröder habe dafür «zweifelsohne sehr ernst zu
nehmende Gründe». Es sei nicht seine
Aufgabe, über die öffentliche Sicherheit in Deutschland zu
urteilen, sagte d'Alema. Er sprach aber von einer «Prüfung»
der deutsch-italienischen Freundschaft.
Öcalan sei noch bis zum 22. Dezember in der «Obhut»
der italienischen Polizei, erklärte der Ministerpräsident. Er
hoffe, daß bis zu diesem Zeitpunkt ein «Ausweg»
gefunden sei, denn der PKK-Chef werde nicht von der italienischen Staatsanwaltschaft
verfolgt.
Schröder sagte, er denke nicht darüber nach, was geschehe,
wenn bis zu diesem Zeitpunkt keine Lösung gefunden sei. «Ich
will meine Kraft dafür einsetzen, daß es
gelingt.» Sowohl nach den alten Interpol-Regelungen als auch
nach dem Schengen-Abkommen müsse ein Verdächtiger festgenommen
werden, wenn ein
internationaler Haftbefehl vorliege. Jede Regierung habe aber die Freiheit
zu entscheiden, ob sie die Auslieferung wolle. «Wenn sie es nicht
tut, muß sie gute Gründe
haben», sagte Schröder. Die lägen im diesem Fall vor.
Öcalan wird in Deutschland mit Haftbefehl wegen Anstiftung zum
Mord an einem abtrünnigen PKK-Mitglied gesucht. Ferner gibt es gegen
den Vorsitzenden der
Kurdischen Arbeiterpartei einen Haftbefehl der Türkei wegen verschiedener
Taten. Solange dort aber die Todesstrafe gilt, darf Italien nicht an die
Türkei ausliefern.
Der Kanzler und der italienische Ministerpräsident kündigten
an, sie wollten eine europäische Initiative für eine politische
Lösung des Kurdenproblems in der Türkei
ins Leben rufen. Dabei dürfe die territoriale Integrität
der Türkei nicht in Frage gestellt werden. Schröder betonte,
weder Italien noch Deutschland wollten, daß sich
die Türkei über die Eskalation dieses Konfliktes immer weiter
von Europa entferne.
15.000 Kurden demonstrieren in Bonn
Rund 15.000 Kurden demonstrierten in Bonn friedlich für eine politische
Lösung des Kurdenproblems. Sie forderten die Anerkennung Öcalans
als Repräsentanten
des kurdischen Volkes und die Aufhebung des PKK-Verbots in Deutschland.
Unterdessen schlug der italienische Justizminister Oliviero Diliberto
die Bildung eines internationalen Tribunals vor. Das in Italien zu schaffende
Gericht solle Öcalan
unter Aufsicht der EU den Prozeß machen, sagte Diliberto, der
der neugegründeten Partei der Italienischen Kommunisten angehört.
Die Türkei bat Nato-Generalsekretär Javier Solana, sich für
die von ihr geforderte Auslieferung Öcalans einzusetzen. Öcalan
wird für den bewaffneten Konflikt im
Südosten der Türkei verantwortlich gemacht, der seit 1984
rund 37.000 Menschenleben forderte.
Freitag, 27. November 1998, 16:04 Uhr
Bonn: Deutschland verzichtet auf Auslieferung / zwei
Internationaler Gerichtshof vorgeschlagen
Schröder sagte, die freundschaftlichen deutsch-italienischen Beziehungen
seien eine geeignete Basis für die Lösung auch schwieriger Fragen
wie in diesem Fall.
Deutschland und Italien seien miteinander der Auffassung, daß
Terrorismus, wo auch immer, verfolgt und geahndet gehöre. Der Kanzler
kündigte Gespräche über
die Schaffung eines europäischen Gerichtshofs an, vor dem sich
dann Öcalan verantworten müßte. Diese Gespräche mit
den Partnern sollten noch am (heutigen)
Freitag beginnen.
Italien und Deutschland wollten sich zudem für eine europäische
Initiative zu einer politischen Lösung des Problems zwischen der Türkei
und den Kurden einsetzen,
erklärte Schröder. Dabei dürfe aber die territoriale
Integrität der Türkei nicht in Frage gestellt werden. Schröder
betonte, weder Italien noch Deutschland wollten,
daß sich die Türkei über die Eskalation dieses Konfliktes
immer weiter von Europa entferne. Die Tür zur EU müsse für
die Türkei offen bleiben. «Wir wollen
freundschaftliche und vernünftige Beziehungen zur Türkei.»
D'Alema nannte die von Schröder für den Verzicht auf die Auslieferung
Ocalans genannten Gründe «sehr ernst zu nehmen»; er habe
sie nicht zu bewerten. Der
italienische Ministerpräsident nannte die Idee eines internationalen
Gerichtshof eine «sehr interessante Arbeitshypothese, an der wir
gemeinsam arbeiten werden».
Den beiden Außenministern sei der Auftrag erteilt worden, in
der EU eine Initiative für einen freundschaftlichen Dialog mit der
Türkei zu ergreifen, um zu einer
friedlichen Lösung des Konflikts im Südwesten der Türkei
zu kommen. D'Alema merkte an, daß eine solche Lösung die Rechte
der kurdischen Volksgruppe
beachten müsse.
Freitag, 27. November 1998, 14:49 Uhr
Italienischer Justizminister fordert Tribunal für Öcalan
Diliberto: Internationales Gericht unter EU-Aufsicht soll PKK-Chef Prozeß machen
Rom (AP) Der italienische Justizminister Oliviero Diliberto hat im Streit
um das Schicksal von PKK-Führer Abdullah Öcalan die Bildung eines
internationalen
Tribunals vorgeschlagen. Das in Italien zu schaffende Gericht solle
Öcalan unter Aufsicht der Europäischen Union den Prozeß
machen, sagte Diliberto, der der
neugegründeten Partei der Italienischen Kommunisten (PdCI) angehört,
der Zeitung «Repubblica» (Freitagausgabe). Damit wäre
die Unabhängigkeit des Gerichts
gewährleistet, und Öcalan könne der internationalen
Gemeinschaft seine Positionen darstellen.
Die PdCI, die zur Regierung von Ministerpräsident Massimo D'Alema
gehört, setzt sich wie die Kommunistische Neugründung (RC) dafür
ein, daß dem in Rom
festgehaltenen Öcalan politisches Asyl gewährt wird. Außenminister
Lamberto Dini hatte allerdings am Donnerstag gesagt, der PKK-Chef könne
kein Asyl
beantragen, weil er nicht das Opfer von politischer Verfolgung sei.
Gegen Öcalan liegt in der Türkei und in Deutschland ein Haftbefehl
vor. Bislang hat aber nur
Ankara seine Auslieferung beantragt, was Rom aber wegen der dort möglichen
Todesstrafe zurückgewiesen hat. Die Bundesregierung hat einen Auslieferungsantrag
gegen Öcalan bislang abgelehnt.
Freitag, 27. November 1998, 14:47 Uhr
Mehr als 10.000 Kurden demonstrieren in Bonn
Bonn (AP) Tausende von Kurden haben am Freitag in Bonn für die
Anerkennung des PKK-Führers Abdullah Öcalan als Repräsentanten
des kurdischen Volkes
demonstriert. Nach Angaben der Polizei nahmen an der Großdemonstration
mit anschließender Kundgebung am frühen Nachmittag rund 11.000
Menschen teil. Der
Veranstalter, das Bonner Kurdistan-Centrum, sprach von mehr als 15.000
Teilnehmern.
Die Demonstration fand zeitgleich mit dem Treffen von Bundeskanzler
Gerhard Schröder mit Italiens Ministerpräsident Massimo D'Alema
statt. Gesprächsthema war
auch der Fall Öcalan, der in Italien festgesetzt wurde. Deutschland
hat bisher von einem Auslieferungsantrag Abstand genommen, obwohl Öcalan
der Anstiftung zum
Mord an einem ungetreuen PKK-Mitglied in Deutschland verdächtigt
wird.
Die Demonstranten forderten eine Aufhebung des Verbots der kurdischen
Arbeiterpartei PKK in Deutschland. Sie verlangten eine «internationale
Konferenz für den
Frieden in Kurdistan» unter Beteiligung aller Konfliktparteien.
Am (heutigen) Freitag, dem 27. November, ist auch der 20. Jahrestag der
Gründung der PKK.
Freitag, 27. November 1998, 14:06 Uhr
Schröder mit D'Alema zusammengetroffen
Bonn (Reuters) - Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ist am Freitag
in Bonn zu einem Arbeitsessen mit Italiens Ministerpräsident Massimo
D'Alema
zusammengekommen. Schröder wollte sich bei der Begrüßung
D'Alemas nicht dazu äußern, ob die Bundesregierung die Auslieferung
des am 12. November in Rom
festgesetzten Kurdenführers Abdullah Öcalan fordern werde.
Bisher hat die Regierung trotz eines deutschen Haftbefehls gegen den Chef
der Arbeiterpartei
Kurdistans (PKK) auf einen Auslieferungsantrag verzichtet. In Bonn
und Hamburg demonstrierten mehrere tausend Kurden für eine politische
Anerkennung Öcalans
und der PKK.
Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Günter Verheugen (SPD),
erklärte bei einem Besuch in Wien, Deutschland werde die Überstellung
Öcalans nicht
beantragen.
Italien sieht Deutschland dagegen in der Verantwortung, einen Auslieferungsantrag
zu stellen. Außenminister Lamberto Dini hatte deutlich gemacht, ein
Land könne
nicht einen Haftbefehl erlassen und dann auf die Auslieferung des Gesuchten
verzichten. Andernfalls riskiere man, daß kein Staat mehr einen Verdächtigen
fasse, weil
er dann auf ihm sitzenbleiben könnte.
(yahoo, 27.11.98)