Berliner Zeitung 27.11.98

Bundesweite Proteste für Öcalans Auslieferung
Von Sigrid Averesch

BERLIN, 26. November. Die Bundesregierung hat mit ihrem vorläufigen Verzicht auf eine Auslieferung des Kurdenführer Abdullah Öcalan auf Zeit gespielt. Sie wollte der Türkei und Italien die Möglichkeit zu einer Einigung geben. Vor allem aber befürchtete sie, bei einem Prozeß gegen Öcalan in Deutschland Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden. Eine Besorgnis, die sich angesichts der jüngsten Aufrufe türkischer Organisationen zu bundesweiten Protesten verstärkt. Über 70 Gruppen und Verbände haben ihre Mitglieder aufgefordert, am Sonnabend für die Auslieferung Öcalans an die Türkei zu demonstrieren. In Berlin, Bonn, Nürnberg und München sind Kundgebungen geplant. Es wird damit gerechnet, daß 60 000 Türken auf die Straße gehen. Unklar ist, wie die Kurden reagieren werden. In Rom haben inzwischen türkische und kurdische Organisationen Demonstrationen angekündigt.
Die Stimmung ist aufgeheizt. Das zeigen die Bilder aus der Türkei. Dort setzten türkische Demonstranten eine Puppe, die Öcalan darstellen sollte, in Brand. Bombendrohungen gegen die deutsche und italienische Botschaft in Ankara wurden ausgesprochen. Aus Sicherheitsgründen wurde in Istanbul bereits das Fußballspiel Juventus Turin gegen Galatasaray Istanbul verschoben.
„Die Türken machen gegen Kurden mobil“, schätzt Mehmet Tanriverdi, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, die Lage ein. „Die Scharfmacher sitzen in der türkischen Regierung.“ Tanriverdi verweist darauf, daß in den vergangenen Wochen in der Türkei rund 600 Mitglieder der einzigen noch zugelassenen kurdischen Partei Hadep festgenommen wurden. Mindestens drei Kurden seien im Polizeigewahrsam gestorben.
Mahnung zu Besonnenheit
Berlins Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) rief angesichts der angekündigten Demonstration zahlreicher türkischer Vereine, darunter auch fundamentalistischer und rechtsextremer Organisationen, zur Besonnenheit und Friedfertigkeit auf. „Quer durch alle ethnischen und religiösen Gruppen ist das Zusammenleben durch Toleranz und gute Nachbarschaft gekennzeichnet gewesen“, sagte Barbara John. Dies müsse auch in Zukunft so bleiben. Die kurdische Frage könne nicht in Deutschland, auch nicht in anderen europäischen Staaten gelöst werden, sondern einzig und allein in der Türkei.  Eine friedliche Lösung gebe es nur, wenn sich der Weg zum gleichberechtigten Zusammenleben der verschiedenen Gruppen durch gegenseitigen Respekt und Akzeptanz auszeichne. „Zum friedlichen Miteinander gibt es keine vernünftige Alternative.“
Viele der rund 70 000 Kurden in Berlin haben inzwischen offenbar Angst. Einzelne kurdische Einrichtungen seien aus Sorge vor Übergriffen türkischer Nationalisten geschlossen worden, hieß es. Bereits seit Tagen hat der kurdische Jugendverein seine Räume am Kottbusser Tor gesichert. Der Verein hat bei der Innenbehörde zudem um Schutz gebeten. Auch in anderen Einrichtungen wird überlegt, zumindest am Sonnabend keine Veranstaltungen anzubieten. Kurden schildern, daß bekannte Anhänger der „Grauen Wölfe“ mit ihren Autos an kurdischen Einrichtungen vorbeifahren und Drohgebärden zeigten. 


Bonn verzichtet weiter auf Auslieferung Öcalans
Türken kündigen Demonstrationen in Berlin an

Von Sigrid Averesch und Marlies Emmerich
BERLIN/BONN, 26. November. Einen Tag vor dem Besuch des italienischen Premierministers Massimo D’Alema in Bonn haben sich am Donnerstag im Fall Öcalan die Fronten zwischen Italien und der Bundesrepublik verhärtet. Die Bundesregierung hält trotz wachsenden Drucks aus Italien daran fest, keine Auslieferung des Kurdenführers zu verlangen. Das verlautete in Bonn. Bundeskanzler Gerhard Schröder werde D’Alema am heutigen Freitag über die deutsche Entscheidung unterrichten.
Dagegen rief der italienische Außenminister Lamberto Dini die Bundesregierung erneut auf, ein Auslieferungsgesuch zu stellen. „Wenn Bonn keine Auslieferung verlangt, geht es die Gefahr ein, den Kampf gegen den Terrorismus in eine Krise zu stürzen“, sagte er der Zeitung „Corriere della Sera“. Deutschland müsse konsequent sein. Italien habe den Führer der kurdischen Guerilla-Organisation PKK am 12. November auf der Grundlage eines deutschen Haftbefehls festgenommen.
Die Türkei bereitet den offiziellen Antrag auf Auslieferung Öcalans vor. Justizminister Hasan Denizkurdu sagte, die relevanten Dossiers würden in der nächsten Woche Italien übergeben. Hingewiesen werde auch auf Pläne, die Todesstrafe abzuschaffen, die von Rom als Grund gegen die Auslieferung Öcalans an die Türkei genannt wird.
In Deutschland wächst die Besorgnis, daß der Konflikt zwischen Türken und Kurden um die Behandlung Öcalans auf deutschem Boden ausgetragen wird. Türkische Organisationen haben für Sonnabend zu Kundgebungen in vier deutschen Städten aufgerufen, bei denen die Auslieferung Öcalans an die Türkei verlangt werden soll.  Allein in Berlin rechnen die Veranstalter mit 40 000 Demonstranten.
Die kurdische Gemeinde in Deutschland forderte die Polizei auf, kurdische Einrichtungen zu schützen. Ihr Vorsitzender Mehmet Tanriverdi mahnte seine Landsleute zur Besonnenheit.
Im Südosten der Türkei haben Anhänger Öcalans nach offiziellen türkischen Angaben eine Öl-Pipeline überfallen.  (mit dpa) 


ITALIEN
Druck auf Deutschland
Von Thomas Götz
ROM, 26. November. Im Vorfeld des Besuchs des italienischen Ministerpräsidenten D’Alema am heutigen Freitag in Deutschland hat die italienische Regierung den Druck auf Deutschland erhöht. Sowohl Innenministerin Rosa Russo Jervolino als auch Außenminister Lamberto Dini forderten am Donnerstag, Deutschland solle endlich die Auslieferung des in Rom unter Hausarrest stehenden Kurdenführers Abdullah Öcalan beantragen. Bis 22.  Dezember habe Deutschland noch Zeit, sagte Dini.
Der Außenminister warnte vor den Folgen einer deutschen Weigerung. Wer würde noch gesuchte Terroristen festnehmen, wenn er Gefahr laufe, sie nicht mehr loszuwerden, fragte der Minister in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“. Italien habe Öcalan auf Grundlage des deutschen Haftbefehls festgenommen. An eine Abschiebung des Kurden denke niemand in der Regierung, so Dini. Rom verweigert die von Ankara geforderte Auslieferung, weil in der Türkei die Todesstrafe besteht.
Der Außenminister sprach sich gegen die Gewährung politischen Asyls für den PKK-Chef aus. „Wir haben es hier nicht mit einem Opfer zu tun. Die Verbrechen, die Herrn Öcalan zur Last gelegt werden“, machten es unmöglich, ihm Asyl zu gewähren. Er stütze sich auf Material, das von „anderen Regierungen“ und von Amnesty International und Human Rights Watch komme.
Italiens Regierung war offenbar doch über das bevorstehende Eintreffen Öcalans aus Moskau informiert gewesen. Italien sei durch die Türkei über die Ankunft des Kurdenführers in Rom auf dem laufenden gewesen, sagte D’Alema am Donnerstag in Madrid. Die Behörden seien daraufhin in Alarmbereitschaft versetzt worden. Noch am Donnerstag hatte D’Alema behauptet, das Kabinett habe nichts gewußt. Die türkische Zeitung „Cumhurriyet“ hatte behauptet, Öcalan sei in Begleitung eines Abgeordneten der neokommunistischen Partei Rifondazione Comunista gereist. Die Partei bestätigte die Abholaktion. Die Opposition forderte daraufhin den Rücktritt des ebenfalls neokommunistischen Justizministers Diliberto, dessen Fraktion sich jedoch im September von der Rifondazione abgespalten hatte.
Zwischen Pinochet und Öcalan
Von Franz Sommerfeld
Eine der konservativsten Institutionen Europas hat, wenn auch mit knapper Mehrheit, einen Beschluß gefällt, der die Rechtsprechung revolutionieren wird. Die Initiative eines spanischen Staatsanwaltes, den Ex-Diktator Augusto Pinochet wegen der Ermordung spanischer Bürger zu belangen, also ein durchaus national begründetes Unterfangen, hat die Internationalisierung der Strafjustiz außerordentlich beschleunigt. Massive Verletzungen der Menschenrechte sind auch juristisch nicht länger innerstaatliche Angelegenheiten.
Lord Lloyd of Berwick, einer der beiden Lordrichter, die Pinochet Immunität zubilligen wollten, warnt davor, daß die Entscheidung des Oberhauses den politischen Interessen Großbritanniens schade. Denn der politische Spielraum wird eingeschränkt zugunsten der Durchsetzung universaler Normen.
Die Konturen eines internationalen Rechtes haben sich seit dem Ende des letzten Weltkriegs geschärft. Durch die Entscheidung der Lordrichter wird praktisches Recht, was bis dahin nicht nur, aber weitgehend im Bereich der Vereinbarungen und Konventionen blieb. Zu dieser Entwicklung hat die weltweite Vernetzung von Nachrichten und Bildern beigetragen. Sie schärft das Gefühl für Verbrechen auch abseits der eigenen Lebenswelt. Die Bilder vom Rauch über dem Präsidentenpalast, in dem Salvador Allende vor 25 Jahren zu Tode kam, die Fernsehbilder von den aus dem Meer gezogenen Ermordeten blieben weltweit im Gedächtnis haften.
Entgegen der Vorstellung mancher Kulturpessimisten, die nur die Vervielfältigung der mtv-Welt und Micki-Maus-Kultur befürchten, beförderte die Herausbildung einer internationalen Öffentlichkeit die Entwicklung und Verbreitung allgemeiner Rechtsnormen.  Sie ist sogar eine der Voraussetzungen dafür. Die andere Seite dieses erfreulichen Prozesses ist, daß solche Anteilnahme nach wie vor höchst selektiv geschieht.
Noch ist es allerdings zu früh, eine schnelle Ablösung des nationalen Rechtes durch ein internationales zu erwarten.  So wird die Washingtoner Regierung dem Weltgerichtshof nicht beitreten, solange sie fürchten muß, daß dieser Anklage gegen führende Politiker der USA wegen ihrer Unterstützung des Pinochet-Putsches erhebt. Hier mögen ja die moralischen Gewichte eindeutig sein. Aber wie soll ein Weltgericht mit den Amnestie-Entscheidungen Südafrikas umgehen, die dem Land einen friedlichen Übergang bescherten?
Die Spannung zwischen nationalen politischen Interessen und internationalen Menschenrechtsmaßstäben wird auf lange Zeit bleiben. Auch die britische Regierung wird letzlich über die Auslieferung nach klassischen Erwägungen politischer Opportunität entscheiden.  Allerdings ist ihr Spielraum für Realpolitik enger geworden. Jedenfalls zur Zeit.
Doch derlei kann sich schnell ändern, wie am Fall Öcalan zu beobachten ist. Vor wenigen Wochen sprach sich Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin mit entschiedenen Worten für eine Auslieferung Pinochets aus. Sie könne sich anderes gar nicht vorstellen und hielt es für denkbar, sich auch um eine Auslieferung Pinochets nach Deutschland zu bewerben.
Doch im Fall Öcalan hielt sich die Ministerin deutlich zurück. Sicher wäre es nun ungerecht, der Bundesregierung eine Unterscheidung zwischen böser und berechtigter Gewalt zu unterstellen. Der demonstrative Verzicht der Ministerin auf die Durchsetzung der Anwendung allgemeiner Normen der Menschenrechte beruht allein auf realpolitischen Erwägungen. Die Regierung fürchtet, daß ein Teil des innertürkischen Bürgerkrieges auf deutschem Boden ausgetragen wird.  Sie setzt darauf, daß im öffentlichen Bewußtsein – anders als im Fall Chile – die Sensibilität für die PKK-Verbrechen wenig entwickelt ist. Dafür opfert die rot-grüne Koalition einen der wenigen neuen Akzente, den sie mit der stärkeren Gewichtung der Menschenrechtspolitik in der Außenpolitik setzen wollte.  Daran wird auch der eigens für Menschenrechtsfragen ins Außenministerium berufene Beauftragte nichts ändern.
So findet die wegweisende Entscheidung der konservativen britischen Lordrichter im Fall Pinochet ihre Grenzen in der Realpolitik einer deutschen rot-grünen Regierung.