Noch ein langer Marsch
Ankara glaubt sich dem EU-Beitritt einen Schritt näher, doch
neuer Streit bahnt sich an
Von Gerd Höhler
Die Türkei nimmt den abgebrochenen Dialog mit der EU wieder auf.
Aber neue Konflikte scheinen bereits programmiert, wie auch der Streit
um die Auslieferung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan zeigt.
Eine „neue Ära für die Türkei“ sah das Istanbuler Massenblatt
Sabah nach dem Wahlsieg der deutschen Sozialdemokraten anbrechen. Die von
großen Teilen der türkischen Presse und auch von vielen Politikern
in Ankara geäußerte Euphorie gilt nicht nur einer erhofften
Entspannung im letzthin stark verkrampften türkisch-deutschen Verhältnis.
Von Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer
erwartet man auch Unterstützung für den angestrebten EU-Beitritt.
Schröders Amtsvorgänger Helmut Kohl galt in Ankara als größtes
Hindernis für die türkischen EU-Ambitionen. Der inzwischen gestürzte
und nur noch geschäftsführend amtierende Premier Mesut Yilmaz
ging sogar so weit, Kohls Europapolitik mit dem Expansionsdrang der Nationalsozialisten,
deren Streben nach „Lebensraum“, zu vergleichen.
Diese Entgleisungen mögen unverständlich sein, die verbreitete
türkische Europa-Ernüchterung ist es nicht. Seit der Unterzeichung
des Assoziierungsabkommens 1963 wurde den Türken leichtfertig vorgegaukelt,
ihr Weg nach Europa werde mit Sicherheit und schon in absehbarer Zukunft
zur Vollmitgliedschaft in der damaligen EWG führen. Daß
sie ohne feste Zusage im Wartezimmer sitzen, während mit den viel
später gekommenen osteuropäischen Staaten Verhandlungen geführt
werden, hat die Türken verbittert.
Neue Enttäuschungen sind programmiert. Denn was nun vom deutschen
Außenministers zu hören ist, klingt den Türken wie Musik
in den Ohren und sorgt für übertriebene Euphorie: falsch sei
es gewesen, so Fischer, der Türkei die europäische Tür einfach
vor der Nase zuzuschlagen; auch sei es abwegig, die Türken wegen ihres
moslemischen Bekenntnisses aus Europa heraushalten zu wollen, schließlich
sei die EU keine Religionsgemeinschaft. Wenn die Türkei beitreten
wolle, „dann ist sie ein Kandidat“.
Ermutigend schien für Ankara auch, daß die EU-Kommission
in ihrer Anfang November vorgelegten Empfehlung der Türkei erstmals
den Status eines Beitrittskandidaten gab. Zufrieden meinte Außenminister
Ismail Cem, die Türkei werde nun den Dialog mit der EU wieder aufnehmen.
Den hatten die Türken im Dezember 1997 abgebrochen, weil ihnen beim
Luxemburger Gipfeltreffen die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen verweigert
worden war. Die werden auch jetzt keineswegs in Gang gesetzt. Eine feste
Terminzusage für den Start der Verhandlungen, den von der Türkei
gewünschten Fahrplan, gibt es nicht.
Auch das Kleingedruckte der Brüsseler Empfehlung versucht man
in Ankara geflissentlich zu übergehen, denn es gibt keineswegs Anlaß
zu Stolz. Nicht nur von „anhaltenden Menschenrechtsverletzungen“ ist die
Rede, sondern auch, von „Anomalien“ im politischen System der Türkei.
Angemahnt wird vor allem eine demokratische Kontrolle der Streitkräfte,
die in der Türkei zur Zeit mehr denn je eine dominierende Rolle spielen.
Kritische Anmerkungen macht der Bericht auch zur Kurdenpolitik, zur Haltung
der Türkei gegenüber dem Nachbarn Griechenland und zum Kurs Ankaras
in der Zypernfrage.
EU-Kommissar Hans van den Broek unterstrich, daß sich die Türkei
an den gleichen Maßstäben messen lassen müsse, wie die
anderen elf Beitrittskandidaten. Genau das aber hoffte man in Ankara bisher
vermeiden zu können. Die Türkei beanspruchte unter Hinweis auf
ihre strategische Lage an der Schwelle zum Nahen Osten und ihre „Leistungen
als Nato-Brückenkopf“ eine Sonderbehandlung.
Wirtschaftlich mag es im Kreis der zwölf EU-Aspiranten Länder
geben, die schlechter dastehen. Aber ähnlich gravierende Demokratie-Defizite
leistet sich keiner der anderen Bewerber. Systematische Folter, die Kriminalisierung
kritischer Meinungen, die Nichtanerkennung einer ethnischen oder auch nur
kulturellen Identität der Kurden, ein Militär, das sich als Oberaufseher
betrachtet und mitregiert, Gebietsansprüche und Kriegsdrohungen gegen
den Nachbarn Griechenland, die Kumpanei führender Politiker mit dem
organisierten Verbrechen: das sind türkische Spezialitäten. Kritik
an diesen Mißständen wird in Ankara als „Diskriminierung“ empfunden.
In einer Stellungnahme des Außenministeriums hieß es denn auch,
das Papier enthalte „einzelne haltlose Behauptungen“.
Wie schwierig der türkisch-europäische Dialog trotz der jüngsten
atmosphärischen Verbesserungen bleibt, zeigt jetzt auch der Streit
um den in Italien festgenommenen PKK-Chef Abdullah Öcalan. Ob der
Chef einer Guerillaorganisation, die tausende Zivilisten auf dem Gewissen
hat, straffrei bleiben darf oder gar politisches Asyl verdient, ist auch
in Italien durchaus strittig. Aber der Auslieferung Öcalans steht
vor allem ein Hindernis im Wege: die ihm in der Türkei drohende Verurteilung
zum Tode. Daß die Todesstrafe seit Mitte der achtziger Jahre nicht
mehr vollstreckt wurde, ist dabei formalrechtlich völlig unerheblich.
Doch in Ankara will man das nicht sehen. Mit wahren Tiraden reagierten
Politiker auf die Weigerung Roms, den PKK-Chef auszuliefern. Vizepremier
Bülent Ecevit sprach Italien die Qualifikation zum Rechtsstaat ab.
Premier Yilmaz warf den Italienern vor, sie wollten mit dem Terrorismus
Frieden schließen und stellte ihnen die „ewige Feindschaft“ der türkischen
Nation in Aussicht.
Die Hoffnung, die Festnahme Öcalans könne den Politikern
in Ankara Anlaß geben, über neue Ansätze zur Lösung
des Kurdenproblems nachzudenken, hat sich nicht erfüllt. Staatspräsident
Süleyman Demirel wiederholte vergangene Woche, was seit Jahrzehnten
die offizielle Lesart ist: in der Türkei gebe es gar keine Kurdenfrage.
Zwischen den Stühlen
Italien fühlt sich bei der Lösung des Falles Öcalan
auch von den Deutschen allein gelassen
Von Roman Arens (Rom)
Zwei Wochen nach der Ankunft des Kurdenführers Abdullah Öcalan
auf dem römischen Flughafen Fiumicino steht der vertrackte Fall in
stark verändertem Licht da. Schien anfangs eine Asylgewährung
sehr wahrscheinlich, so werden jetzt die ablehnenden Stimmen lauter. Zeigte
sich die Regierung zunächst fest und klar kurdenfreundlich nach Öcalans
Absage an den Terrorismus, so rudert sie nun ohne präzises Ziel durch
die aufgewühlten Wasser.
Italien zeigt sich irritiert, zuweilen unmutig über die deutsche
Neigung, dem eigenen internationalen Haftbefehl für den PKK-Chef keinen
entsprechenden Auslieferungsantrag folgen zu lassen. Die beiden Regierungschefs
Massimo D’Alema und Gerhard Schröder werden bei ihrem Treffen am heutigen
Freitag in Bonn viel Mühe darauf verwenden müssen, die jeweilige
Position dem Partner verständlich zu machen.
Die Bundesregierung hat sich gegenüber den Freunden in Rom anfangs
ungeschickt verhalten. Als Außenminister Joschka Fischer in der vergangenen
Woche am Tiber war, hatte er übereinstimmend mit Italiens Positionen
erklärt, die Situation biete eine Chance für eine politische
Lösung des Kurdenproblems. Fischers Zusatz aber, daß es durch
den Fall Öcalan nur italienisch-türkische Schwierigkeiten gebe,
aber Deutschland nicht davon berührt sei, wurde in Rom als ungerechte
kalte Dusche empfunden.
Seit der Bonner Regierungssprecher Uwe Karsten Heye - in übrigens
italienisch anmutenden - Argumentationsgirlanden den vorläufigen Verzicht
auf Auslieferung vorgetragen hat, gibt es in Italien viele ähnlich
lautende Kommentare: Drücken vor Verantwortung, Händewaschen
in Unschuld à la Pilatus, mangelnde Konsequenz, denn „haben wir
nicht Öcalan bloß wegen des deutschen Haftbefehls festgenommen?“
Läßt man uns jetzt mit dem „heißen Eisen“ sitzen?
In Rom waren die Nerven dünn geworden, weil die unmäßigen
Reaktionen der Türkei massiven Schaden befürchten lassen und
die europäische Solidarität zunächst auf sich warten ließ.
Fernsehbilder und Berichte von den Reaktionen in der Türkei lösten
große Sorgen aus.
Es wurde offenkundig, daß sich Italien mit seinem guten Willen
gegenüber Kurdistan und der schlichten Haltung im Fall Öcalan
blauäugig verhalten und übernommen hatte. Unabhängig von
der Couleur der jeweiligen Regierung neigt man in Rom zu eigenen außenpolitischen
Akzenten, wenn dies den konkreten Interessen des Landes guttut. Alte und
neue Beispiele dafür sind die besonderen Beziehungen zu Libyen, Marokko,
Algerien, Irak und Iran.
Seit das Land den Euro-Beitritt geschafft hat, ist das Selbstbewußtsein
gestiegen. Und damit stiegen auch die außenpolitischen Ambitionen
rund ums Mittelmeer. Italien sieht sich gern als Anwalt der Anrainer des
„Mare nostrum“, nach wie vor auch der Türkei. Die Hinweise der römischen
Regierung, daß sie es doch sei, die den Türken den Weg in die
EU bereitet habe, sollte den Zorn in Ankara mildern helfen. Doch es half
nichts. Für Ankara war Italien wegen des Falls Öcalan zum Feind
geworden. Eine Mäßigung gab es erst, als sich die EU mit ihrem
ganzen Gewicht und Androhung von Sanktionen zu Wort meldete.
In Italien herrscht große Sympathie für die Kurden und Mitgefühl
für das große Volk ohne eigenen Staat. Den vielen Flüchtlingen,
die an den Adria-Stränden, von kriminellen Bootsführern ausgeplündert,
aus dem Wasser steigen, wird gern geholfen. Bevor das Schengener Abkommen
in Kraft trat, war auch klar, daß die meisten Kurden schnell zu Freunden
nach Deutschland oder Frankreich weiterziehen würden, also nur wenig
zur Last fallen würden. Als nach der Ankunft Öcalans in Rom seine
glühendsten Anhänger den Platz vor dem Militärkrankenhaus
Celio zur „Piazza Kurdistan“ machten, freuten sich viele Italiener über
die schönen bunten Folklore-Bilder, die Tänze, die Gesänge,
den Enthusiasmus - und die Ordnung. Daß die Kurden selbst für
die Sicherheit sorgten, den Platz schön sauber fegten und ihr Verhalten
auf den ausdrücklichen Wunsch ihres Führers tadellos war, machte
schwer Eindruck.
Eine große Diskussion wie in Deutschland, ob die PKK nun Massenpartei
im Exil oder Terrororganisation mit sektenhaften Zügen sei, hat es
in Italien nie gegeben. Öcalan galt und gilt vielen als charismatischer
Führer eines um seine Rechte betrogenen Volkes. Nicht nur unter Kommunisten
und Grünen des Landes.
Auch im Vatikan treffen kurdische Bestrebungen auf viel Verständnis.
Daß Kardinal Achille Silvestrini sich für politisches Asyl für
Öcalan starkmacht, wurde amtlich als persönliches Engagement
bezeichnet. Aber Silvestrini ist nicht irgendwer, sondern der Chef Ostkirchen-Kongregation,
der auch auf den langen Listen eines möglichen künftigen Papstes
geführt wird.
Der Außenpolitische Ausschuß der Deputiertenkammer hat
einstimmig, also auch mit den Voten der Rechten, vorgeschlagen, es solle
eine internationale Kurdistan-Konferenz unter Vorsitz Italiens einberufen
werden. So hatte der PKK-Chef einige gute Gründe, Rom als Zuflucht
zu wählen, und mußte mutmaßlich von dem kommunistischen
Parlamentarier, der ihn ohne Wissen der Regierung in Moskau abgeholt hat,
nicht überredet werden.
Sein Eintrittsbillett für Italien war die Gewaltverzichtserklärung.
Eine „quälende, aber unumkehrbare Entscheidung“, sagen seine Anwälte.
Aber nicht nur von der Glaubwürdigkeit dieser Entscheidung und der
Dialogbereitschaft hängt Öcalans weiterer Weg ab. Die Hindernisse
für ihn sind in den vergangenen zwei Wochen höher geworden: Seine
Vergangenheit steht ihm nun im Weg. Deshalb hat Öcalan sich jetzt
bereit erklärt, sich einem fairen und gerechten Prozeß zu stellen,
in Italien oder sonstwo, nur nicht in Deutschland oder der Türkei.
Wenn ein internationaler Strafgerichtshof schon installiert wäre,
böte er wohl den Ausweg aus der gegenwärtigen Krise. Aber wie
die Dinge liegen, wird noch eine Weile nach einer Lösung gesucht werden
müssen. Und die findet Italien nicht allein.