Neue Zürcher Zeitung , 25.11.1998 .
Öcalan erzählt seine Odyssee
Der PKK-Chef in Russland unerwünscht
A. R. Moskau, 24. November
Die russische Zeitung «Kommersant» hat am Dienstag ein Interview
mit dem Kurdenführer Öcalan veröffentlicht. Darin schildert
der Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) seine Odyssee, die ihn von
Damaskus nach Rom gebracht hat. Weil die Türkei bereit gewesen sei,
gegen die PKK-Schutzmacht Syrien einen Militärschlag zu führen,
habe er das Land verlassen müssen. Öcalan begründet seine
Ausreise damit, er habe einen Krieg verhindern wollen - in Wirklichkeit
dürfte ihn das Asad-Regime zum Kofferpacken gezwungen haben. Öcalan
nahm nach eigenen Angaben am 7. Oktober mit den russischen Behörden
Kontakt auf und bat um eine Einreiseerlaubnis. Die Lage spitzte sich jedoch
zu, so dass er bereits zwei Tage später nach Russland flog, ohne eine
Genehmigung abzuwarten. Dabei benützte er einen falschen Pass, der
auf den Namen «Abdullah Kurdenführer» (Abdullah Sarokurd)
ausgestellt war. In Moskau erhielt er Hilfe aus der dortigen, sehr aktiven
kurdischen Exilgemeinde.
Innert Kürze war Ankara jedoch über den neuen Aufenthaltsort
informiert. Öcalan vermutet, der israelische Geheimdienst Mossad habe
seine per Satellitentelefon geführten Gespräche abgehört
und darauf die Verbündeten in Ankara informiert. Jedenfalls war in
türkischen Zeitungen bald zu lesen, der PKK-Chef lebe im Moskauer
Vorort Odinzowo, was laut Öcalan auch zutraf. Die russischen Behörden
kamen dadurch rasch unter Zugzwang, zumal die Vereinigten Staaten öffentlich
erklärten, kein Staat, auch nicht Russland, dürfe Terroristen
Unterschlupf gewähren. Öcalan hatte angesichts der traditionellen
türkisch-russischen Rivalität mit Moskaus Hilfe gerechnet, sah
sich jedoch getäuscht. Seine an die höchsten Instanzen gerichtete
Bitte um Asyl wurde abgelehnt, nach Meinung des Kurdenführers von
Ministerpräsident Primakow persönlich. Daran änderte auch
die überwältigende Unterstützung des russischen Parlaments
für eine Asylgewährung nichts mehr.
Öcalan sah sich gezwungen, seinen Aufenthaltsort mehrmals zu wechseln
und innerhalb der Gemeinschaft unabhängiger Staaten herumzureisen.
In Armenien, wie von türkischer Seite behauptet wurde, sei er allerdings
nicht gewesen. Ob er das Flugzeug nach Italien schliesslich freiwillig
bestieg oder von Russland dazu gedrängt wurde, geht aus dem Interview
nicht hervor.