Frankfurter Rundschau 25.11.98
Fischer droht Ankara mit Konsequenzen
Minister verteidigt Bonner Haltung im Fall Öcalan
Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) hat die Türkei
davor gewarnt, Mitgliedsländer der Europäischen Union wie Italien
unter Druck zu setzen, um die Auslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan
zu erreichen. Die Beitrittsperspektive der Türkei zur EU könne
sonst beeinträchtigt werden, sagte Fischer in einem FR-Interview.
Die EU-Kommission stellte sich hinter die italienische Regierung und drohte
Ankara Sanktionen an.
BONN/BRÜSSEL, 24. November (me/ hll/dpa/afp/rtr). Er sehe das
Agieren der türkischen Regierung im Fall Öcalan „mit großer
Sorge“ und rate „dringend, Vernunft einkehren zu lassen, weil sonst dauerhaft
die Interessen der Türkei beschädigt werden“, sagte Fischer.
Der Außenminister verteidigte zugleich die Haltung der Bundesregierung,
im Interesse des „Rechtsfriedens“ an Italien keinen Antrag auf Auslieferung
Öcalans zu stellen. Zur Begründung verwies er auf die große
Zahl von Türken und Kurden in Deutschland. „Mit geduldigem Erklären“
werde es auch gelingen, bei den „italienischen Freunden“ Verständnis
für die deutsche Haltung zu gewinnen, sagte Fischer. Er appellierte
an die Türkei, die Kurdenfrage jetzt zu lösen „mit Weisheit und
Großzügigkeit durch einen wesentlichen Schritt auf die Minderheit
zu“.
Der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz rechnet damit,
daß Bonn seine Haltung noch ändert. Wahrscheinlich werde der
PKK-Chef nach Deutschland oder in ein anderes Land ausgeliefert. Eine Überstellung
in die Türkei sei aber unwahrscheinlich, sagte er in Ankara.
Die EU-Kommission drohte der Türkei mit Sanktionen, wenn Ankara
den angekündigten Boykott italienischer Produkte verwirkliche. Ein
Boykott sei eine Verletzung der bestehenden Verträge, sagte EU-Kommissionspräsident
Jacques Santer bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Massimo
D’Alema in Brüssel. Die Kommission werde sofortige Konsultationen
mit der türkischen Regierung verlangen, wenn der Boykott gegen italienische
Wirtschaftsgüter von Ankara beschlossen werde.
Die Türkei weitete unterdessen die Repressalien gegen Italien
aus. Am Montag abend wurde die Ausstrahlung des italienischen RAI-Fernsehens
über das Kabelnetz der Türkei eingestellt. D’Alema verweigerte
deshalb einen gemeinsamen Fernsehauftritt mit Yilmaz am Abend.
Mit dem Fall Öcalan solle sich der Europarat befassen und könne
„eine Moderatorenrolle übernehmen“, sagte der Vizepräsident des
Europarats, Robert Antretter (SPD), der FR. Er beantragte, den internationalen
Streit über die Auslieferung des PKK-Chefs auf die Tagesordnung des
Politischen Ausschusses zu setzen, der am Freitag in Budapest tagt.