yahoo, Montag, 23. November 1998, 07:20 Uhr
Der Fall Öcalan und die neue türkische Ruppigkeit

Von AP-Korrespondent Karl Ernst

Frankfurt/Main (AP) Der Fall des kurdischen Rebellenführers Abdullah Öcalan droht sich zu einem internationalen Konflikt auszuweiten, der die Beziehungen
zwischen der Türkei und Europa dauerhaft vergiften könnte. Massendemonstrationen in der Türkei, gallige Angriffe türkischer Politiker und Medien gegen Justiz und
Regierung des Nato-Bündnispartners Italien, europäische Soldaritätsadressen für die bedrängte Regierung in Rom und deutsche Ratlosigkeit: Der Konflikt, der sich
um die Weigerung Italiens entwickelt hat, Öcalan an Ankara auszuliefern, hat schon längst die Dimensionen eines Streits zwischen den beiden Ländern gesprengt. Er
wirft auch ein bezeichnendes Licht auf den Umgang der Türkei mit ihren Nachbarn.

Spätestens die Freilassung des Chefs der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) auf Anordnung eines römischen Gerichts hat die Emotionen in der Türkei hochkochen
lassen. Seit Tagen demonstrieren aufgebrachte Menschenmassen vor den Vertretungen Italiens gegen die Politik Roms, fordern selbst sonst besonnene
Geschäftsleute den Boykott italienischer Waren, werden Italienreisen von türkischen Touristikunternehmen nicht mehr angeboten, und die italienische Regierung muß
ihre Landsleute vor Reisen in die Türkei warnen. Ausländische Korrespondenten und auch besonnene Türken sprechen inzwischen von einer antiitalienischen
Hysterie, in der für vernünftige Worte und Überlegungen längst kein Platz mehr ist.

An dieser Stimmung tragen nach Ansicht vieler Beobachter die mehrheitlich nationalistisch ausgerichteten türkischen Medien ein gerüttelt Maß Schuld. Die staatlichen
türkischen TV-Kanäle bringen Bilder von kurdischen Untergrundkämpfern erschossener Soldaten und weinender Mütter. In einigen nationalistischen
Boulevardblättern wird der italienische Ministerpräsident Massimo D'Alema nur noch als «Maksimum Dallama» bezeichnet, was umgangssprachlich soviel wie
«großes Arschloch» bedeutet.

Auf solche Verbalinjurien verzichten Politiker in Ankara bisher noch, aber sonst läßt der Ton gegenüber Rom so ziemlich alles vermissen, was unter Regierungen
angeblich befreundeter Staaten bislang als selbstverständlich galt: diplomatische Zurückhaltung mit gemäßigt kritischen Formulierungen und Tacheles nur hinter
verschlossenen Türen unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Statt dessen ist aus den freundlichen Bitten um die Auslieferung Öcalans, wie sie in den ersten Tagen nach
dessen Festnahme aus Ankara zu hören waren, wütende Angriffsrhetorik geworden, wie sie selbst in den eisigsten Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost und West
selten war.

Der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz schlug das Angebot D'Alemas zu einem Treffen am Rande des Fußballspiels zwischen Juventus Turin und Galatasaray
Istanbul am Mittwoch brüsk aus. Statt dessen drohte er Italien mit «der ewigen Feindschaft der Türkei». Allerdings ist die Zukunft des Regierungschefs noch
ungewisser als die Frage, ob das Fußballmatch überhaupt unter den gegenwärtigen Umständen in der Türkei ausgetragen werden kann. Yilmaz sieht einer für
Mittwoch anberaumten Vertrauensabstimmung im Parlament entgegen, die er vermutlich verlieren wird.

Kurdenkonflikt wurde zum internationalen Problem

Vor diesem Hintergrund erscheinen die nationalistischen Ausfälle eines um sein politisches Überleben kämpfenden Regierungschefs vielleicht sogar verständlich.
Doch die neue türkische Rauhbeinigkeit im Umgang mit Nachbarn und Verbündeten ist nicht auf Italien beschränkt. Die hat auch der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl vor einem Jahr zu spüren bekommen, als Yilmaz ihn als Hauptschuldigen für die Ablehnung einer baldigen Mitgliedschaft der Türkei in der EU ausmachte und
ihm über Nacht die Freundschaft kündigte. Griechenland und die griechischen Zyprer haben ohnehin ihre Erfahrungen damit, wie sich die hoch gerüstete Türkei
militärisch unterlegenen Nachbarn gegenüber verhält. Vor zwei Jahren konnte eine miltärische Auseinandersetzung zwischen Athen und Ankara um eine unbewohnte
Felseninsel in der Ägäis nur durch ein Machtwort der USA verhindert werden.

Auch der aktuelle Streitfall um Öcalan begann mit einer massiven Militärdrohung Ankaras gegen ein Nachbarland. Der PKK-Chef mußte Syrien verlassen, nachdem
die Türkei Damaskus quasi mit Krieg gedroht hatte, sollte es den «wichtigsten lebenden Terroristen» weiter beherbergen. Doch die Ausreise Öcalans aus Syrien
wendet sich jetzt gegen die türkische Regierung selbst, wie die französische Zeitung «Le Monde» dieser Tage schrieb. Nun sei nämlich endgültig klar, daß der
Kurdenkonflikt, den es nach den Worten des türkischen Staatspräsidenten Süleyman Demirel gar nicht gibt, kein türkisches Problem mehr ist, sondern zu einem
internationalen geworden ist.