Von AP-Korrespondent Karl Ernst
Frankfurt/Main (AP) Der Fall des kurdischen Rebellenführers Abdullah
Öcalan droht sich zu einem internationalen Konflikt auszuweiten, der
die Beziehungen
zwischen der Türkei und Europa dauerhaft vergiften könnte.
Massendemonstrationen in der Türkei, gallige Angriffe türkischer
Politiker und Medien gegen Justiz und
Regierung des Nato-Bündnispartners Italien, europäische Soldaritätsadressen
für die bedrängte Regierung in Rom und deutsche Ratlosigkeit:
Der Konflikt, der sich
um die Weigerung Italiens entwickelt hat, Öcalan an Ankara auszuliefern,
hat schon längst die Dimensionen eines Streits zwischen den beiden
Ländern gesprengt. Er
wirft auch ein bezeichnendes Licht auf den Umgang der Türkei mit
ihren Nachbarn.
Spätestens die Freilassung des Chefs der Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) auf Anordnung eines römischen Gerichts hat die Emotionen in
der Türkei hochkochen
lassen. Seit Tagen demonstrieren aufgebrachte Menschenmassen vor den
Vertretungen Italiens gegen die Politik Roms, fordern selbst sonst besonnene
Geschäftsleute den Boykott italienischer Waren, werden Italienreisen
von türkischen Touristikunternehmen nicht mehr angeboten, und die
italienische Regierung muß
ihre Landsleute vor Reisen in die Türkei warnen. Ausländische
Korrespondenten und auch besonnene Türken sprechen inzwischen von
einer antiitalienischen
Hysterie, in der für vernünftige Worte und Überlegungen
längst kein Platz mehr ist.
An dieser Stimmung tragen nach Ansicht vieler Beobachter die mehrheitlich
nationalistisch ausgerichteten türkischen Medien ein gerüttelt
Maß Schuld. Die staatlichen
türkischen TV-Kanäle bringen Bilder von kurdischen Untergrundkämpfern
erschossener Soldaten und weinender Mütter. In einigen nationalistischen
Boulevardblättern wird der italienische Ministerpräsident
Massimo D'Alema nur noch als «Maksimum Dallama» bezeichnet,
was umgangssprachlich soviel wie
«großes Arschloch» bedeutet.
Auf solche Verbalinjurien verzichten Politiker in Ankara bisher noch,
aber sonst läßt der Ton gegenüber Rom so ziemlich alles
vermissen, was unter Regierungen
angeblich befreundeter Staaten bislang als selbstverständlich
galt: diplomatische Zurückhaltung mit gemäßigt kritischen
Formulierungen und Tacheles nur hinter
verschlossenen Türen unter Ausschluß der Öffentlichkeit.
Statt dessen ist aus den freundlichen Bitten um die Auslieferung Öcalans,
wie sie in den ersten Tagen nach
dessen Festnahme aus Ankara zu hören waren, wütende Angriffsrhetorik
geworden, wie sie selbst in den eisigsten Zeiten des Kalten Krieges zwischen
Ost und West
selten war.
Der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz schlug das Angebot
D'Alemas zu einem Treffen am Rande des Fußballspiels zwischen Juventus
Turin und Galatasaray
Istanbul am Mittwoch brüsk aus. Statt dessen drohte er Italien
mit «der ewigen Feindschaft der Türkei». Allerdings ist
die Zukunft des Regierungschefs noch
ungewisser als die Frage, ob das Fußballmatch überhaupt
unter den gegenwärtigen Umständen in der Türkei ausgetragen
werden kann. Yilmaz sieht einer für
Mittwoch anberaumten Vertrauensabstimmung im Parlament entgegen, die
er vermutlich verlieren wird.
Kurdenkonflikt wurde zum internationalen Problem
Vor diesem Hintergrund erscheinen die nationalistischen Ausfälle
eines um sein politisches Überleben kämpfenden Regierungschefs
vielleicht sogar verständlich.
Doch die neue türkische Rauhbeinigkeit im Umgang mit Nachbarn
und Verbündeten ist nicht auf Italien beschränkt. Die hat auch
der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl vor einem Jahr zu spüren bekommen, als Yilmaz ihn als Hauptschuldigen
für die Ablehnung einer baldigen Mitgliedschaft der Türkei in
der EU ausmachte und
ihm über Nacht die Freundschaft kündigte. Griechenland und
die griechischen Zyprer haben ohnehin ihre Erfahrungen damit, wie sich
die hoch gerüstete Türkei
militärisch unterlegenen Nachbarn gegenüber verhält.
Vor zwei Jahren konnte eine miltärische Auseinandersetzung zwischen
Athen und Ankara um eine unbewohnte
Felseninsel in der Ägäis nur durch ein Machtwort der USA
verhindert werden.
Auch der aktuelle Streitfall um Öcalan begann mit einer massiven
Militärdrohung Ankaras gegen ein Nachbarland. Der PKK-Chef mußte
Syrien verlassen, nachdem
die Türkei Damaskus quasi mit Krieg gedroht hatte, sollte es den
«wichtigsten lebenden Terroristen» weiter beherbergen. Doch
die Ausreise Öcalans aus Syrien
wendet sich jetzt gegen die türkische Regierung selbst, wie die
französische Zeitung «Le Monde» dieser Tage schrieb. Nun
sei nämlich endgültig klar, daß der
Kurdenkonflikt, den es nach den Worten des türkischen Staatspräsidenten
Süleyman Demirel gar nicht gibt, kein türkisches Problem mehr
ist, sondern zu einem
internationalen geworden ist.