Türkei: Klima wird unerträglich

Martin Peter, Istanbul

Der Krieg in Südostanatolien hat die Verrohung der türkischen Gesellschaft systematisch gefördert.
«Italien sei verdammt», «ewige Feindschaft» und Schimpfwörter wie «D’Alema, dieses Arschloch» gehörten noch zu den moderatesten Zornesausbrüchen, die nach der Freilassung des kurdischen Guerillaführers Abdullah Öcalan durch das italienische Berufungsgericht auf den Strassen der Türkei zu hören waren. Die Trikolore landete auf einem brennenden Scheiterhaufen aus Verpackungsmaterial für italienische Textilien und Espresso-Maschinen.  Die Geschäfte von Benetton, Cucci und Versace wurden mit Trauerflor umgeben, die Schaufensterpuppen waren ganz in Schwarz gekleidet. Das italienische Generalkonsulat in Istanbul, den historischen Palazzo Venezia, attackierte der Mob mit Eisenstangen. Um das Schlimmste zu verhindern, ersetzten die verängstigten Diplomaten die italienische durch die türkische Flagge.
Noch bedenklicher jedoch waren die Reaktionen, die der Fall Öcalan unter der eigenen Bevölkerung auslöste. In Izmir mussten am Wochenende kurdische Kriegsflüchtlinge vor ihren türkischen Landsleuten in Sicherheit gebracht werden. Die Wutausbrüche gegen die Brüder und Schwestern derselben Nationalität trieben dem Zuschauer den kalten Schweiss auf die Stirn. Der Bus, der die unbescholtenen kurdischen Frauen und Kinder abtransportierte, wurde mit Pflastersteinen beworfen und mit Schuhen traktiert. Blanker Hass trieb den Mob zu unbeschreiblichen Gewalttaten.  Es ist nicht das türkische Volk, das sich dermassen zügellos an unschuldigen Menschen für den Terror der kurdischen PKK rächt. Es ist eine begrenzte Zahl von Wütenden, aufgehetzt von einem offen proklamierten Rassismus der türkischen Medien. Kein Bericht über die Festnahme und die Freilassung Öcalans in Rom geht über den Bildschirm, ohne dass die zerstümmelten Leichen gefallener Soldaten eingeblendet werden.
Von den Samstagsmüttern jedoch, jenen kurdischen Frauen, deren Ehemänner und Söhne in Polizeigewahrsam gefoltert oder umgebracht wurden, spricht niemand mehr. Ihr Platz in der Istanbuler Innenstadt, wo sie seit Monaten stumm gegen den türkischen Staatsterror protestiert hatten, blieb vorgestern Samstag leer. Am Vortag waren 15 junge Kurden, die sich als PKK-Sympathisanten zu erkennen gaben, beinahe gelyncht worden. Die Polarisierung zwischen Türken und Kurden erinnert an den Aufstand gegen die griechische Bevölkerung 1956.
Die penetrante Regierungspropaganda im Kurdenkonflikt hat gewisse Kreise der türkischen Gesellschaft um ihre Vernunft gebracht. Die Stimmung ist aufgewühlt, die Faust ersetzt nüchternes Denken. Das sozialpolitische Klima ist unerträglich geworden.
(Baseler Zeitung, 23.11.98)