Frankfurter Rundschau 23.11.98

„Europa hat Verantwortung“

Das Interview: PKK-Chef Öcalan über die Chancen eines politischen Dialogs

Der Chef der kurdischen Arbeiterpartei (PKK), Abdullah Öcalan, setzt auf die Staaten der Europäischen Union: Sie müßten sich ihrer Verantwortung für einen politischen Dialog stellen, um den Konflikt zwischen Ankara und der PKK beizulegen, sagte Öcalan in seinem ersten Interview seit seiner Ankunft in Italien vor zehn Tagen. An einem geheimen Ort in Rom sprach der inzwischen von den italienischen Behörden wieder freigelassene PKK-Chef mit Ali Özserik, dem Korrespondenten der Zeitung Özgür Politika, über seine politischen Perspektiven und seine Erwartungen an die westlichen Demokratien. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht das am Wochenende geführte Interview in gekürzter Fassung.

Frage: Sie sind von Moskau aus nach Italien gereist. Warum haben Sie dieses Ziel gewählt?
Abdullah Öcalan: Die große Geschichte dieses Landes, die Sympathie der offenen demokratischen Gesellschaft, die auf demokratischen Werten aufgebaute Regierung sowie das unabhängige Rechtssystem haben mich diese Wahl treffen lassen. Wegen dieser historischen Gründe habe ich nie daran gezweifelt, daß es hier für mich zu keinem negativen Beschluß kommen wird. Ich glaube nicht, daß Italien mich an die Türkei oder nach Deutschland ausliefern wird. Ich möchte die europäischen Regierungen über eine 75jährige Republik aufklären, die sich Demokratie nennt, in Wirklichkeit aber nur politische Hetze und schmutzige Spiele betreibt (gemeint ist die Türkei, d. Red.). Dabei muß aber auch der Anteil Europas und die Verantwortung der Regierungen zur Sprache gebracht werden.  Italien soll die Kraft zeigen, über uns wie über die türkische Seite bei einem internationalen Menschenrechtsgericht in Rom zu urteilen. Auf diesen Tag werde ich immer warten, aber wird die türkische Republik auch dazu bereit sein?
Wir wissen, daß wir mit einer historischen Phase konfrontiert sind, die die wichtigste von allen ist. Ich bin aber voller Vertrauen, daß ich aufpassen werde, um keine Wortfehler und auch keinen winzigen Schritt in die falsche Richtung zu machen. Aber wenn die Welt sagt, es gibt immer noch keinen Platz für die Kurden, so werden wir trotzdem unsere Hoffnung bis zum Schluß aufrechterhalten, und ich werde alles versuchen, was möglich ist.  Aber es wird einen Platz für die Kurden geben.

Wieso mußten Sie Rußland verlassen?
Es war nur ein Problem des Zeitpunktes. Es gab keine harte Haltung mir gegenüber, sondern einfach andere Faktoren. Die üblichen Widersprüche zwischen dem Parlament und der Regierung. Man hat sich an die türkische Bedrohung und die wirtschaftlichen Bestechungen gewöhnt. Die USA haben ihre Kredite als Waffe eingesetzt. Ich habe den Nahen Osten mit politischen Zielen verlassen und bin nicht in Rom, weil ich in Bedrängnis war, sondern wegen der politischen Ziele, die ich von Beginn meiner Ausreise an verfolgt habe. Es ist jetzt nur alles etwas schnell gegangen.

Wie sehen Sie dabei Ihre eigene Aufgabe?
Meine Aufgabe ist es, zu einer gerechten, demokratischen und friedlichen Lösung beizutragen. Diese Aufgabe ist für beide Seiten und alle Interessierten eine große Chance. Unser Waffenstillstand, der seit 1.  September gilt, besteht noch immer. Unser Gegner sagt offen, es gibt kein Kurdenproblem und versucht das mit Vernichtungsaktionen zu erreichen.  Das ist eine große Ungerechtigkeit. Eine internationale Konferenz sollte das entscheiden. Gesetze der Vereinten Nationen sollten auch für Kurden gelten. Wenn die Türkei ihre Angriffe einstellt, wird kein einziger Mensch mehr sterben und keine Kugel wird mehr abgefeuert. Das soll auch sehr gut verstanden werden. Den bewaffneten Kampf weiterzuführen oder ihn einzustellen, hängt nicht unbedingt von unserem Willen ab. Gegen eine Kraft, die einen einseitigen Waffenstillstand nicht anerkennt, gibt es da eine andere Möglichkeit als sich selbst zu verteidigen? Unser momentanes Ziel ist es, die von der Türkei für den Winter offen angekündigten Vernichtungsangriffe zu vereiteln. Statt Gewalt, die keine Lösung bringt, kann eine politische Sprache mehr Erfolg zeigen. Daher möchte ich auf politischer Ebene meine Rolle spielen. Man soll warten und sehen. Das Urteil liegt bei der Öffentlichkeit und bei den Regierungen. Wir dürfen nicht erlauben, daß die Seiten wegen verschiedener Gründe weglaufen, weil das Problem keine Verschiebung akzeptiert und nicht geringgeschätzt werden darf.