Sonntag, 22. November 1998, 15:47 Uhr
Türkei schließt Italiens Firmen von Rüstungs-Ausschreibungen aus
Ankara (dpa) - Die Türkei hat italienische Firmen von Ausschreibungen
ihrer Armee ausgeschlossen. Der türkische Verteidigungsminister Sezgin
sagte in Ankara,
aus Protest gegen das Verhalten Italiens im Streit um die Auslieferung
des kurdischen Separatistenführers Öcalan würden italienische
Firmen nicht mehr zu
Ausschreibungen eingeladen. Die Europäische Union hat sich im
Fall Öcalan klar hinter Italien gestellt. Italien weigert sich, Öcalan
wegen der drohenden Todesstrafe
an die Türkei auszuliefern.
Sonntag, 22. November 1998, 14:21 Uhr
Schüsse auf Residenz des deutschen Botschafters in Brüssel
Brüssel (dpa) - Unbekannte haben mehrere Schüsse auf die Residenz
des deutschen Botschafters in Brüssel abgegeben. Wie die Polizei mitteilte,
verfehlten die
Kugeln vom Kaliber 7,65 ihr Ziel und durchschlugen eine Fensterscheibe
im Nachbargebäude. Möglicherweise stehen die Schüsse im
Zusammenhang mit dem Fall
des Kurdenführers Abdullah Öcalan. Deutschland hat keinen
Auslieferungsantrag an Italien gestellt, obwohl hier ein Haftbefehl vorliegt.
In Brüssel war gestern eine
geplante türkische Demonstration verboten worden.
Sonntag, 22. November 1998, 14:15 Uhr
Streit zwischen Italien und der Türkei wird heftiger
D'Alema warnt Ankara vor Entfernung von Europa - EU stellt sich hinter Rom - Heftige Attacken Yilmaz'
Rom/Ankara (AP) Der Streit zwischen Italien und der Türkei über
die Auslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan hat nach dessen Freilassung
am Wochenende
an Schärfe zugenommen. Angesichts der harschen Angriffe des türkischen
Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz stellte sich die Europäische
Union geschlossen hinter
die italienische Regierung. Der italienische Ministerpräsident
Massimo D'Alema warnte Ankara, die Türkei werde sich mit ihrem rüden
Verhalten gegenüber Italien
wieder von Europa entfernen. Zur Forderung der USA, Italien solle Öcalan
ausliefern, sagte D'Alema nur, seine Regierung könne auch für
Verbündete nicht die
Verfassung brechen.
Italien müsse seine Gesetze und vertraglichen Verpflichtungen in
dieser Frage erfüllen, hieß es auch in einer Erklärung
der EU-Ratspräsidentschaft, die nach einer
Meldung der österreichischen Nachrichtenagentur APA am Samstag
vom Außenministerium in Wien veröffentlicht wurde. Die italienische
Verfassung verbietet die
Auslieferung von Verdächtigen an Länder, in denen ihnen die
Todesstrafe droht.
Der Chef der militanten Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) verließ
das Krankenhaus am Samstag, nachdem ihn ein römisches Gericht am Freitag
gegen die Auflage
auf freien Fuß gesetzt hatte, Rom nicht zu verlassen. Später
veröffentlichte der PKK-Führer eine Erklärung, im der er
seine Parteigänger aufforderte, in ihre
Exilländer zurückzukehren und weiter für die kurdische
Sache einzustehen.
Derzeit prüft Italien, ob es einem Asylantrag des PKK-Chefs stattgeben
soll. Justizminister Oliviero Diliberto deutete an, daß Öcalan
am 23. Dezember auch von der
Auflage, Rom nicht zu verlassen, befreit werden könnte, wenn bis
dahin kein Auslieferungsersuchen aus Deutschland eingegangen sei.
Die Bundesregierung will zumindest vorläufig auf eine Auslieferung
Öcalans verzichten. Trotzdem aktualisierte die Bundesanwaltschaft
in Karlsruhe nach Mitteilung
vom Freitag den Haftbefehl gegen Öcalan. Nach einem «Spiegel»-Bericht
vom Samstag wird Öcalan darin für eine Brandanschlagsserie 1993
und für Morde an
einer Reihe von Abweichlern in den 80er Jahren verantwortlich gemacht.
Der Sprecher des Bonner Justizministeriums, Bernhard Böhm, erklärte
am Sonntag auf
Anfrage, die Aktualisierung des Haftbefehls ändere nichts an der
Haltung der Regierung.
Boykott italienischer Waren
Yilmaz drohte Italien unterdessen mit Vergeltung, sollten die Behörden
in Rom Öcalan nicht an die Türkei ausliefern. Yilmaz sagte auf
einem Sonderparteitag seiner
Mutterlandspartei, Italien würde den größten Fehler
begehen, wenn es dem «blutigsten Terroristen der Welt» Asyl
gewähre. Sollte dies geschehen, werde die Türkei
um eine Antwort nicht verlegen sein. Zuvor hatte der Regierungschef
Italien mit der «ewigen Feindschaft der Türkei» gedroht.
Vor der italienischen Botschaft in Ankara demonstrierten Tausende türkische
Nationalisten am Samstag und Sonntag gegen die Politik Roms. Viele Geschäfte
boykottieren schon seit Tagen italienische Waren. In Zürich besetzten
am Samstag rund 60 assyrische Christen aus Solidarität mit Öcalan
das Fraumünster. Um eine
drohende Räumung der Kirche zu verhindern, übergossen sich
zwei Männer mit Benzin. Darauf hin zog der Kirchenvorstand seinen
Strafantrag zurück und ließ die
Gruppe zunächst gewähren.
Sonntag, 22. November 1998, 12:34 Uhr
Europäische Union solidarisiert sich mit Italien
Wien (dpa) - Die Europäische Union hat sich im Fall des PKK- Führers
Öcalan klar hinter Italien gestellt. Die EU drücke ihre volle
Solidarität mit der
Entschlossenheit Italiens aus, seine Gesetze und vertraglichen Verpflichtungen
zu erfüllen, heißt es in einer in Wien veröffentlichten
EU-Erklärung des österreichischen
Außenministeriums. Österreich hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft
inne. Italien weigert sich, Öcalan wegen der Drohung der Todesstrafe
in die Türkei auszuliefern.
Sonntag, 22. November 1998, 09:19 Uhr
Zürcher Fraumünster aus Solidarität zu Öcalan besetzt
Räumungsantrag nach Selbstmorddrohung zurückgezogen
Zürich (AP) Rund 60 assyrische Christen haben aus Solidarität
mit PKK-Chef Abdullah Öcalan das Zürcher Fraumünster besetzt.
Wie die Polizei am Sonntag
mitteilte, zog die zuständige Kirchenpflege einen Räumungsantrag
zurück, nachdem sich zwei Männer mit Benzin übergossen hatten.
Den Angaben zufolge betraten
die Demonstranten, darunter auch Kinder, das Fraumünster am Samstag
nachmittag, skandierten Parolen, verteilten Flugblätter und erklärten,
in einen Hungerstreik
treten zu wollen. Die Gruppe bezeichnete sich als «Patriotische
Revolutionäre Organisation Bethnahrin» und gab an, eine Auslieferung
Öcalans von Italien an die
Türkei verhindern zu wollen.
Um eine drohende Räumung der Kirche zu verhindern, übergossen
sich zwei Männer mit Benzin, das sie in Kanistern mitgebracht hatten.
Darauf hin zog die
Kirchenpflege ihren Strafantrag zurück, damit Menschenleben nicht
gefährdet werden, und ließ die Gruppe vorerst gewähren,
wie es hieß. Öcalan war am Freitag
von einem italienischen Gericht auf freien Fuß gesetzt worden,
darf Rom aber nicht verlassen. Seitdem hat sich der Streit zwischen Italien
und der Türkei weiter
verschärft.