aus Frankfurter Rundschau 21.11.98

Ankara empört über Freilassung Öcalans Bonn verzichtet auf Auslieferung des Kurdenführers
Von Roman Arens
Der Chef der kurdischen Arbeiterpartei (PKK), Abdullah Öcalan, ist auf freiem Fuß, darf aber Italiens Hauptstadt nicht verlassen.  Das verfügte der römische Berufungsgerichtshof am Freitag. Die Türkei kündigte an, aus der „schwer verständlichen“ Entscheidung Konsequenzen zu ziehen. In Bonn hieß es, die Bundesregierung werde vorerst nicht die Auslieferung des PKK-Chefs beantragen.
FRANKFURT A. M., 20. November. Die römischen Richter verwarfen auch einen zweiten Haftbefehl, den die türkische Staatsanwaltschaft erlassen hatte. Da Öcalan in der Türkei die Todesstrafe droht, komme eine Auslieferung dorthin nicht in Betracht. Dies verbiete die italienische Verfassung. Nächste Woche muß über Öcalans Antrag auf Asyl in Italien entschieden werden. Die bisherige Haltung Roms macht einen Beschluß zugunsten des PKK-Chefs wahrscheinlich.
Mit großem Beifall wurde die Gerichtsentscheidung auf der römischen Piazza Celimontana aufgenommen, wo seit einer Woche etliche Kurden für den PKK-Chef demonstrieren. In einer öffentlichen Erklärung rief Öcalan seine Landsleute zur Rückkehr in ihre Wohnorte auf. Auch dort könnten sie „sich weiter für die kurdische Sache engagieren“. Sie sollten ein Verhalten vermeiden, „das unser Volk in ein schlechtes Licht setzt“, mahnte Öcalan.
Der türkische Verteidigungsminister Ismet Sezgin übte nach Agenturangaben harsche Kritik an der Gerichtsentscheidung: „Es ist klar, daß wir unsere wirtschaftlichen und sozialen Bindungen zu einer Regierung neu bewerten werden, die einen Mörder, der für den Tod von 30 000 Menschen verantwortlich ist, beherbergt und sich zu dessen Komplizen macht“, sagte er. Zugleich wurde bekannt, daß rund 30 000 türkische Soldaten im Osten des Landes zu einer Offensive gegen die kurdischen Rebellen antraten.
Die Bundesregierung teilte mit, sie werde vorläufig auf einen Auslieferungsantrag verzichten. Regierungssprecher Uwe Karsten Heye verwies darauf, daß Öcalan von der Türkei wegen mehrerer Morde gesucht werde, von Deutschland nur wegen eines Mordes. Zudem habe der italienische Premier Massimo D’Alema angedeutet, es gebe Ansätze für eine politische Lösung des Kurden-Problems. Während die PDS der Bundesregierung „Fingerspitzengefühl“ attestierte, sprach die CSU von „mangelnder Entschlossenheit“ bei der Durchsetzung des Rechts.


Kommentar
Europa muß ran
Alle Länder der EU müssen nach einer politischen Lösung für die Kurdenfrage suchen
Von Roman Arens
Daß Abdullah Öcalan freigelassen ist und in Rom auf Asyl warten kann, mag zwiespältige Gefühle wecken und das Bewußtsein von Recht wie Moral strapazieren. Und dies nicht nur bei Türken. Dennoch hat das römische Gericht eine kluge Entscheidung getroffen. Eine juristische Entscheidung, die mit der politischen Vernunft der Regierung D’Alema korrespondiert. Den PKK-Chef, dem auch schwere Verbrechen angelastet werden, freizulassen, ist das geringste mögliche Übel in einer vertrackten Situation.
Die Richter am Tiber konnten sich darauf verlassen, daß die Regierung am Rhein den Kurdenführer nicht im eigenen Land haben möchte. In Deutschland wohnen hundertmal so viele Kurden wie in Italien, ähnlich kraß unterschiedlich ist das Verhältnis der türkischen Wohnbevölkerung in den beiden Ländern. Öcalan nördlich der Alpen vor Gericht - das würde zum großen Risiko für die innere Sicherheit. Fraglich, ob unter solchem Druck ein Prozeß eine große Chance für ein gerechtes Urteil hätte.
Es wurde höchste Zeit, daß sich Bonn im Fall Öcalan aus der Deckung gewagt hat und die abwegige Meinung aufgegeben hat, es handle sich bloß um ein italienisch-türkisches Problem. Italien hat sich zu lange allein fühlen müssen und ist unter einen Druck geraten, den die ganze EU beantworten und erleichtern muß. Wenn jetzt italienische Waren in der Türkei boykottiert werden, darf davon nicht die Exportwirtschaft anderer Länder profitieren. Alle gemeinsam müssen nach einer politischen Lösung für die Kurdenfrage suchen. Der Fall Öcalan hat sie auf die Tagesordnung gezwungen, auf die sie längst gehört hätte. Seit Jahrzehnten.


Türkei
Ankara geht rigide gegen Öcalan-Sympathisanten vor
öhl ATHEN, 20. November. In landesweiten Razzien hat die türkische Polizei in den vergangenen Tagen mehr als 700 Menschen festgenommen.  Anlaß waren angebliche Sympathiekundgebungen für den in Rom festgesetzten PKK-Chef Abdullah Öcalan, um dessen Auslieferung sich die türkische Regierung bemüht. Unter den Festgenommenen sind viele Mitglieder der pro-kurdischen Demokratie-Partei des Volkes (Hadep).
In Ankara durchsuchten Anti-Terror-Spezialisten die Parteizentrale der Hadep und nahmen deren Vorsitzenden, Murat Bozlak, in Gewahrsam.  Auch mehrere Vorstandsmitglieder und der Hadep-Provinzchef Kemal Bulbul wurden festgenommen. Sie sollen landesweite Hungerstreiks für Öcalan organisiert haben.