Berliner Morgenpost Sonntag, 22. November 1998

Türkei erklärt Italien den Handelskrieg

Stornierung von Milliarden-Aufträgen wegen Entlassung des PKK-Chefs
Von Andreas Englisch
BM Rom - Die Zeit der Drohgebärden ist vorbei:
Der Wirtschaftskrieg zwischen Italien und der Türkei ist entbrannt. Es geht um Waren im Wert von insgesamt sieben Milliarden DM, die Italien pro Jahr in die Türkei exportiert. Seit der Haftentlassung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan gehen bei italienischen Firmen stapelweise Stornierungen von Aufträgen aus der Türkei ein.
Die ersten Opfer sind die italienischen Großkonzerne Pirelli, Agusta, Fiat und Olivetti. Da Rom sich weigert, den Kurdenführer auszuliefern, versicherten türkische Spitzenpolitiker, daß die italienische Wirtschaft «teuer bezahlen» werde.
Am härtesten betroffen: Hubschrauberfirma Agusta
Die Stadtverwaltung in Izmir begann mit dem türkischen Frontalangriff: 2000 Lkw-Reifen, die bei Pirelli geordert worden waren, wurden abbestellt.  Am härtesten trifft es aber die Waffen- und Hubschrauberfirma Agusta. Das Verteidigungsministerium in Ankara ließ ausrichten, daß die 150 Kampfhubschrauber (Auftragswert fünf Milliarden DM), die über mehrere Jahre geliefert werden sollten, in Ankara nicht mehr gewünscht werden. Im Olivetti-Hauptquartier in Ivrea ging die Stornierung eines Auftrags für Fotokopierer ein, Wert etwa eine Million DM. Der türkische Partner von Fiat, die Gruppe Koc, ließ wissen, daß sie nicht länger bereit sei, italienische Waren zu vertreiben.
Nachdem Mesut Yilmaz, der türkische Ministerpräsident, offen zum Boykott italienischer Produkte aufgerufen hatte, breitete sich der Wirtschaftskrieg schlagartig auf alle Bereiche aus.  Jetzt weigern sich auch zahllose türkische Supermarktketten, italienische Produkte zu vertreiben. Starke Rückgänge befürchten vor allem das Nudel-Imperium Barilla, Pullover-König Luciano Benetton und die Schuh-Industrie.
Während der Demonstration nationalistisch gesinnter Gruppen in Istanbul verbarrikadierten sich gestern alle Niederlassungen italienischer Firmen.  Dabei geraten vor allem die Franchising-Partner der Italiener zwischen die Fronten. Der türkische Besitzer des Benetton-Stores in Istanbul ließ seine Vitrinen schwarz verhängen.
Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wollen italienische Wirtschaftskapitäne den Krieg beenden, deshalb wurde mit weitreichenden Versprechungen der Präsident des türkischen Industriellenverbandes TUSIAD, Aldo Kaslowski, nach Rom eingeladen.
Auslieferung wichtiger als Beitritt zur EU
Die Italiener wollten Unterstützung anbieten bei dem Bewerbungsverfahren der Türkei als Vollmitglied der EU. Kaslowski kam mit einer katastrophalen Botschaft: «Für uns ist die Auslieferung Öcalans wichtiger als der EU-Beitritt.» Jetzt fürchten zahlreiche italienische Industrielle, daß die Deutschen die Gunst der Stunde nutzen könnten, um die Aufträge zu ergattern, die den Italienern gestrichen wurden. «Wenn die Deutschen sich aus der Geschichte heraushalten, werden wir viele Kunden in der Türkei an Produzenten in Deutschland verlieren», orakelte ein Sprecher der italienischen Handelskammer.