Türkei erklärt Italien den Handelskrieg
Stornierung von Milliarden-Aufträgen wegen Entlassung des PKK-Chefs
Von Andreas Englisch
BM Rom - Die Zeit der Drohgebärden ist vorbei:
Der Wirtschaftskrieg zwischen Italien und der Türkei ist entbrannt.
Es geht um Waren im Wert von insgesamt sieben Milliarden DM, die Italien
pro Jahr in die Türkei exportiert. Seit der Haftentlassung des PKK-Chefs
Abdullah Öcalan gehen bei italienischen Firmen stapelweise Stornierungen
von Aufträgen aus der Türkei ein.
Die ersten Opfer sind die italienischen Großkonzerne Pirelli,
Agusta, Fiat und Olivetti. Da Rom sich weigert, den Kurdenführer auszuliefern,
versicherten türkische Spitzenpolitiker, daß die italienische
Wirtschaft «teuer bezahlen» werde.
Am härtesten betroffen: Hubschrauberfirma Agusta
Die Stadtverwaltung in Izmir begann mit dem türkischen Frontalangriff:
2000 Lkw-Reifen, die bei Pirelli geordert worden waren, wurden abbestellt.
Am härtesten trifft es aber die Waffen- und Hubschrauberfirma Agusta.
Das Verteidigungsministerium in Ankara ließ ausrichten, daß
die 150 Kampfhubschrauber (Auftragswert fünf Milliarden DM), die über
mehrere Jahre geliefert werden sollten, in Ankara nicht mehr gewünscht
werden. Im Olivetti-Hauptquartier in Ivrea ging die Stornierung eines Auftrags
für Fotokopierer ein, Wert etwa eine Million DM. Der türkische
Partner von Fiat, die Gruppe Koc, ließ wissen, daß sie nicht
länger bereit sei, italienische Waren zu vertreiben.
Nachdem Mesut Yilmaz, der türkische Ministerpräsident, offen
zum Boykott italienischer Produkte aufgerufen hatte, breitete sich der
Wirtschaftskrieg schlagartig auf alle Bereiche aus. Jetzt weigern
sich auch zahllose türkische Supermarktketten, italienische Produkte
zu vertreiben. Starke Rückgänge befürchten vor allem das
Nudel-Imperium Barilla, Pullover-König Luciano Benetton und die Schuh-Industrie.
Während der Demonstration nationalistisch gesinnter Gruppen in
Istanbul verbarrikadierten sich gestern alle Niederlassungen italienischer
Firmen. Dabei geraten vor allem die Franchising-Partner der Italiener
zwischen die Fronten. Der türkische Besitzer des Benetton-Stores in
Istanbul ließ seine Vitrinen schwarz verhängen.
Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wollen italienische
Wirtschaftskapitäne den Krieg beenden, deshalb wurde mit weitreichenden
Versprechungen der Präsident des türkischen Industriellenverbandes
TUSIAD, Aldo Kaslowski, nach Rom eingeladen.
Auslieferung wichtiger als Beitritt zur EU
Die Italiener wollten Unterstützung anbieten bei dem Bewerbungsverfahren
der Türkei als Vollmitglied der EU. Kaslowski kam mit einer katastrophalen
Botschaft: «Für uns ist die Auslieferung Öcalans wichtiger
als der EU-Beitritt.» Jetzt fürchten zahlreiche italienische
Industrielle, daß die Deutschen die Gunst der Stunde nutzen könnten,
um die Aufträge zu ergattern, die den Italienern gestrichen wurden.
«Wenn die Deutschen sich aus der Geschichte heraushalten, werden
wir viele Kunden in der Türkei an Produzenten in Deutschland verlieren»,
orakelte ein Sprecher der italienischen Handelskammer.