Von U. Deupmann
ROM/BONN/BERLIN, 20. November. Völlig überraschend hat der
zuständige Gerichtshof in Rom am Freitag den provisorischen Haftbefehl
gegen den Kurdenführer Abdullah Öcalan aufgehoben und in eine
Art Hausarrest umgewandelt. Öcalan wurde aus dem Spital in Palestrina
in eine Wohnung verbracht. Er darf Rom nicht verlassen und muß sich
regelmäßig bei der Polizei melden. In den nächsten Tagen
soll ein Ausschuß über Öcalans Antrag auf politisches Asyl
in Italien entscheiden. Die türkische Regierung, die ein Auslieferungsgesuch
gestellt hat, verurteilte die Entscheidung, Premier Mesut Yilmaz warnte
Italien vor „ewiger Feindschaft“.
Die Bundesregierung erklärte, vorerst auf eine Auslieferung Öcalans
an Deutschland zu verzichten. Trotz eines deutschen Haftbefehls werde Bonn
bis auf weiteres keinen Auslieferungsantrag stellen, teilte Regierungssprecher
Uwe-Karsten Heye mit. Er begründete dies damit, daß sich die
Türkei um eine Auslieferung bemühe. Die dortige Regierung prüfe
sogar Schritte zur Abschaffung der Todesstrafe, um dieses in Italien bestehende
rechtliche Hindernis zu überwinden. Die türkischen Aspekte
der Taten, die Öcalan zur Last gelegt werden, hätten nach Auffassung
der Bundesregierung besonderes Gewicht, so Heye. Im Fall Öcalan liege
eine „vielschichtige politische Problematik“ vor. Bonn wisse die mit den
Entscheidungen verbundenen Fragen bei der italienischen Regierung „in guten
Händen“.
Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin betonte gegenüber
der „Berliner Zeitung“, daß die Bundesregierung mit der Entscheidung
noch nicht endgültig auf eine Auslieferung verzichte. „Wir nehmen
uns nichts, nehmen aber Rücksicht auf das, was in Italien passiert.“
Der deutsche Haftbefehl gegen Öcalan bestehe weiterhin. Ausweichend
beantwortete sie die Frage nach einer Vermittlung Deutschlands. „Bisher
hat uns niemand gefragt“, so Däubler-Gmelin. Das italienische Gericht
hatte die Einschränkung der Freiheit Öcalans nur mit dem deutschen
Haftbefehl begründet, der türkische wurde von dem Gericht zurückgewiesen.
Krisenmanagement in Bonn
In Bonn findet wegen Öcalan seit Tagen ein intensives Krisenmanagement
statt. Daran beteiligt sind Kanzleramtsminister Bodo Hombach, Außenminister
Joschka Fischer, Innenminister Otto Schily, Justizministerin Herta Däubler-Gmelin
und deren Staatssekretär, der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes,
Hans-Jörg Geiger.
Ein Emissär des türkischen Premierministers reagierte in
Rom empört auf die deutsche Haltung: Es sei „nicht ehrlich“, keinen
Auslieferungsantrag zu stellen, sagte Mumtaz Soysal. „Aus politischen Erwägungen
hat Deutschland seine Pflichten als Rechtsstaat hintangestellt“, sagte
der Diplomat.
Italiens Regierung bemühte sich am Freitag intensiv um eine Einbindung
der EU-Staaten in den Konflikt. Die EU-Außenminister diskutierten
telefonisch über eine Erklärung der EU-Präsidentschaft,
deren Vorsitz derzeit Österreich innehat. Italiens Außenminister
Lamberto Dini richtete eine ernste Warnung an die Regierung in Ankara.
Jegliche türkische Vergeltungsmaßnahme richte sich nicht nur
gegen Italien, sondern stelle eine „Aggression gegen ganz Europa“ dar.
Er forderte die Türkei auf, eine „verantwortliche Haltung“ in der
Auslieferungsfrage einzunehmen.